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Stadtteil in ständigem Wandel:
10 Jahre Wedding(weiser): Was kam, was ging?

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Wir schau­en zehn Jah­re zurück. Seit Ende 2011 haben wir einen Stadt­teil beglei­tet – vom mit­lei­dig belä­chel­ten sozia­len Brenn­punkt zu einem dyna­mi­schen, durch­aus lebens­wer­ten Teil Ber­lins (immer noch mit Pro­ble­men und zahl­rei­chen Macken). Aber lest selbst. 

Die Älte­ren wer­den sich noch erin­nern: Noch im ers­ten Jahr­zehnt des neu­en Jahr­tau­sends war der Wed­ding für Men­schen außer­halb des Wed­ding so attrak­tiv wie – sagen wir – Nord­ko­rea. Das hat­te auch Vor­tei­le. Die Wed­din­ger konn­ten die schö­nen Ecken ihres von Aus­wär­ti­gen gemie­de­nen Stadt­teils unter sich genie­ßen, bei nied­ri­gen Mie­ten und mit guten Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten. Nur wenn es ans Aus­ge­hen ging, muss­te man wohl oder übel auch schon ein­mal den Wed­ding ver­las­sen, meis­tens jedenfalls.

Aus und vor­bei – dank des unge­brems­ten Zuzugs neu­er Ber­li­ner aus dem In- und Aus­land ist auch der Wed­ding mit sei­ner zen­tra­len Lage in den Stru­del des Immo­bi­li­en­mark­tes gera­ten. Erst hat­ten wir kein Glück (selbst hier wur­den die Woh­nun­gen knapp), dann kam auch noch Pech dazu (die Mie­ten und auch die Immo­bi­li­en­prei­se stie­gen). Alt­ein­ge­ses­se­ne Bewoh­ner der Kieze kön­nen sich die Mie­ten im Wed­ding nicht mehr leis­ten. Statt von einem Lot­to­ge­winn träumt man im Wed­ding heu­te von einer bezahl­ba­ren Woh­nung. Wer umzie­hen muss, für den heißt es: an den Stadt­rand oder weg aus Ber­lin. Dafür sind ganz neue Nach­barn in die Kieze gezo­gen, die frü­her einen gro­ßen Bogen um den eins­ti­gen Arbei­ter­be­zirk Wed­ding gemacht hät­ten. Ein Trost­pflas­ter die­ser Ent­wick­lung: Für schi­cke Geschäf­te, Cafés, Bars und Restau­rants müs­sen sie jetzt nicht mehr in den Prenz­lau­er Berg fahren.

Zehn Jahre: Was weg ist

Bezahl­ba­rer Wohn­raum. Den gibt es viel­leicht noch bei Genos­sen­schaf­ten. Nach dem vor Gericht geschei­ter­ten Mie­ten­de­ckel, dem eben­falls vor Gericht ein­ge­schränk­ten Vor­kaufs­recht des Staats bei Ver­kauf in Milieu­schutz­ge­bie­ten darf man wirk­lich skep­tisch sein, ob sich die unge­brems­ten Miet­stei­ge­run­gen nicht zu einem dau­er­haf­ten Pro­blem ent­wi­ckeln, dem nie­mand mehr Herr wird. 

Abwechs­lungs­rei­che Geschäfts­welt. Die eins­ti­gen Ein­kaufs­stra­ßen Bad­stra­ße und Mül­ler­stra­ße leben nur noch in der Erin­ne­rung als “Ku’damm des Nor­dens” oder “Bum­mel­mei­len” wei­ter. 2011 schloss C&A in der Mül­ler­stra­ße (und unzäh­li­ge Fach­ge­schäf­te folg­ten). Real schloss die Filia­le im Gesund­brun­nen­cen­ter (und 2020 folgt die ande­re Filia­le im Schil­ler­park­cen­ter). Ein­zi­ger Leucht­turm bleibt der Kar­stadt am Leo­pold­platz, des­sen Exis­tenz für ein paar Jah­re gesi­chert wurde. 

Tristesse in grau: die Müllerhalle

Die ein­zi­ge Markt­hal­le im Wed­ding ist 2012 ver­schwun­den – mit gemisch­ten Gefüh­len denkt man an die abge­wrack­te Mül­ler­hal­le zurück. Hät­te sie heu­te eine Chan­ce, wo sich in schö­ner Regel­mä­ßig­keit die Kunst- und Design­sze­ne des Wed­ding auf dem Wed­ding­markt prä­sen­tiert? Dort bewei­sen die Wed­din­ger, dass ihre Pro­duk­te ein kauf­kräf­ti­ges Publi­kum fin­den können.

Tau­sen­de Wed­din­ger haben in ihm Schwim­men gelernt oder ein Wan­nen­bad genom­men – das Stadt­bad Wed­ding. 2009 vom Land für wenig Geld an einen Inves­tor ver­kauft, hat­te es sich in der ers­ten Hälf­te der 2010er-Jah­re zu einem Stand­ort für alter­na­ti­ve Kul­tur, Kunst, Musik, Club und Cowor­king-Space ent­wi­ckelt. Die bau­po­li­zei­li­che Sper­rung erfolg­te 2015 schein­bar aus dem Nichts, doch der lukra­ti­ve Wei­ter­ver­kauf ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. 2016 wur­de das Gebäu­de abge­ris­sen und durch ein gesichts­lo­ses Gebäu­de mit Stu­den­ten­ap­par­te­ments ersetzt. Die­se Appar­te­ment­kom­ple­xe gibt es mitt­ler­wei­le an vie­len Orten im Wedding.

Um den Mau­er­park zu erwei­tern, hat der Wed­ding 2017 freund­li­cher­wei­se ein paar Hekt­ar des Orts­teils Gesund­brun­nen an Pan­kow abge­ge­ben. Damit auch den Floh­markt am Mau­er­park. Bit­te, gern gesche­hen! Dafür ist am nörd­li­chen Rand mit dem neu­en Bär­bel-Boh­ley-Ring ein Neu­bau­ge­biet ent­stan­den, das sich wie ein Fremd­kör­per im Wed­ding anfühlt. 

Zehn Jahre: Was sich nicht geändert hat

Der Wed­ding bleibt ein armer Stadt­teil. Trotz demo­gra­phi­scher Ver­än­de­run­gen blei­ben die durch­schnitt­li­chen Ein­kom­men nied­rig, die Schuld­ner­quo­te hoch. Bemer­kens­wert ist: je zen­tra­ler ein Kiez liegt, des­to gemisch­ter wird er. Die sozia­len Brenn­punk­te haben sich wei­ter nach Nor­den ver­scho­ben, in Rich­tung Reinickendorf.

Die Mül­ler­stra­ße wur­de in den letz­ten Jahr­zehn­ten trotz vie­ler Ankün­di­gun­gen nicht umge­stal­tet. Noch immer ist sie vier­spu­rig, ein Gelän­der oder ein beto­nier­ter Mit­tel­strei­fen machen sie kaum durch­läs­sig für Fuß­gän­ger, die Bür­ger­stei­ge sind wenig ein­la­dend und ohne Sitz­ge­le­gen­hei­ten. Ein aus­rei­chend brei­ter und geschütz­ter Fahr­rad­strei­fen? Fehl­an­zei­ge, auch wenn das für einen Tag aus­pro­biert und es immer wie­der ange­kün­digt wur­de. Dafür hat es jetzt vie­le Open-Air-Aus­stel­lun­gen mit Pla­kat­wän­den auf dem Mit­tel­strei­fen gege­ben, die uns über die­sen häss­li­chen Ort hin­weg­ge­trös­tet haben.

Kiezblock
Foto: And­rei Schnell

Der Auto­ver­kehr ist nicht zurück­ge­drängt wor­den. Im Gegen­teil, Rase­rei, ille­ga­le Auto­rennen, Par­ken in zwei­ter Rei­he gehö­ren immer noch zum All­tag auf Wed­dings Stra­ßen. Nur das zar­te Pflänz­chen einer Rei­he von Pol­lern an der Bel­ler­mann­stra­ße weist auf die in Aus­sicht gestell­te Ver­kehrs­wen­de hin. 

Und zu Stutt­gart ist der Wed­ding auch nicht gewor­den: Der Dreck auf den Stra­ßen, abge­stell­ter Sperr­müll und über­quel­len­de Müll­ei­mer in den Parks gehö­ren irgend­wie noch immer zur Folk­lo­re in unse­rem Stadt­teil. Anders als von vie­len erhofft, hat das den Wed­ding auch nicht vor Gen­tri­fi­zie­rung bewahrt. Nicht so schön, Wed­ding! Aber es gibt wirk­lich Hoff­nung, wenn man sich die Akti­on der Lit­ter­pi­ckers anschaut, die den Bött­ger­stra­ßen­kiez ziem­lich sauberhalten. 

Poli­tisch hat sich auch eini­ges ver­scho­ben. War der Wed­ding bis Mit­te des Jahr­zehnts eine siche­re Bank für Sozi­al­de­mo­kra­ten, lie­fern sich in den meis­ten Wahl­krei­sen inzwi­schen die SPD und die Grü­nen ein Kopf-an-Kopf-Ren­nen. Auch der Pos­ten des Bezirks­bür­ger­meis­ters, den lan­ge die SPD inne­hat­te, ist seit 2016 und erneut bestä­tigt im Jahr 2021 in grü­ner Hand.

Zehn Jahre: Was kam und ging

Für eine Sai­son im Jahr 2017 tauch­te ein Holz­haus im Sol­di­ner Kiez auf – aus Hun­der­ten Ein­zel­tei­len wur­de das Haus der afro­ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­recht­le­rin Rosa Parks aus den USA in den Wed­ding ver­frach­tet, auf­ge­baut und wie­der zerlegt.

Ein wun­der­ba­rer Gemein­schafts­gar­ten namens Him­mel­beet ver­zau­bert seit 2013 eine Bra­che an der Schulstraße/Ruheplatzstraße. Nicht nur wegen des Grüns, son­dern auch wegen der vie­len nach­hal­ti­gen Kiez­pro­jek­te. Lei­der muss es ab 2022 an einen ande­ren Stand­ort aus­wei­chen: eine klei­ne, bis­lang ver­nach­läs­sig­te Grün­flä­che an der Gerichtstr./Grenzstraße.

himmelbeet
Him­mel­beet. Foto: Domi­ni­que Hensel

Zehn Jahre: Was gekommen ist

Das Ange­bot ist mit einer sich ver­än­dern­den Bewoh­ner­schaft brei­ter als vor zehn Jah­ren. Wer Bio-Lebens­mit­tel sucht, fin­det sie auf dem Öko­markt, den Bio-Bäcke­rei­en Han­sis Brot und Buc­co oder Bio­lä­den, zwei denn’s‑Biomärkten und einer Bio Company.

Rund um den frü­he­ren Rat­haus­turm Wed­ding hat sich in den letz­ten zehn Jah­ren viel ver­än­dert. Der Turm wur­de umfas­send saniert und ist jetzt Stand­ort des Job­cen­ters. Im Alt­bau befin­det sich nach wie vor ein Ver­wal­tungs­stand­ort des Bezirks Mit­te, auch wenn das Bür­ger­amt 2013 an den U‑Bahnhof Oslo­er Stra­ße umge­zo­gen ist. Der “Rat­haus­vor­platz” erhielt zwar kei­nen Namen, dafür einen neu­en Weg mit zwei Namens­ge­bern. Er wur­de bis 2018 umge­stal­tet und zeigt sich jetzt, sagen wir, auf­ge­räumt. Dafür gibt es an sei­ner Süd­sei­te eine schi­cke neue Büche­rei, die Schil­ler-Biblio­thek.

Schil­ler-Biblio­thek Neubau

Ein klei­nes Wun­der an der obe­ren Mül­ler­stra­ße: das City Kino Wed­ding hat es nicht nur geschafft, das tra­di­ti­ons­rei­che Kino im 60 Jah­re alten Cent­re fran­cais wie­der­zu­be­le­ben. Nein, es berei­chert den Wed­ding auch mit einem aus­ge­such­ten Arthouse­pro­gramm, Fes­ti­vals und Events. Sogar die Ber­li­na­le hat sich in die­ses wun­der­ba­re Kino ver­irrt. Dazu­ge­kom­men ist auch das silent green Kul­tur­quar­tier im ehe­ma­li­gen Kre­ma­to­ri­um, wo auch Ver­an­stal­tun­gen z.B. zur Ber­li­na­le stattfinden. 

Der zugi­ge Han­ne-Sobek-Platz auf der Beton­plat­te über dem 2006 eröff­ne­ten Fern- und Regio­nal­bahn­hof Gesund­brun­nen ist 2015 einer zugi­gen Emp­fangs­hal­le gewi­chen. So rich­tig gemüt­lich ist es dort auch jetzt nicht, immer­hin gibt es aber ein Rei­se­zen­trum, ein paar Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten und Imbisse.

Die Sied­lung Schil­ler­park ist seit 2008 Welt­kul­tur­er­be. Im letz­ten Jahr­zehnt wur­den die Plan­sche saniert und das Toi­let­ten­häus­chen zum Café umge­baut. Und jetzt wis­sen nicht nur wir, son­dern zumin­dest ganz Ber­lin: Der Wed­ding ist eigent­lich gar nicht so unat­trak­tiv. Sogar stel­len­wei­se ziem­lich teu­er. Wer hät­te das vor zehn Jah­ren geglaubt?

Schil­ler­park­sied­lung
seit 2011

Schon seit zehn Jah­ren beglei­tet der Wed­ding­wei­ser das Gesche­hen im Kiez, gibt Tipps und Emp­feh­lun­gen für gutes Essen, Trin­ken oder ori­gi­nel­le Pro­duk­te und ver­öf­fent­licht Lie­bes­er­klä­run­gen an den sicher­lich span­nends­ten Stadt­teil von Ber­lin, den Wedding.

weddingweiserredaktion

Die ehrenamtliche Redaktion besteht aus mehreren Mitgliedern. Wir als Weddingerinnen oder Weddinger schreiben für unseren Kiez.

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