Text: Für die Armen
Leben im Wed­ding noch immer die Armen Ber­lins? – Foto: And­rei Schnell

16.07.2018 Für den einen ist der Wed­ding längst durch­gen­tri­fi­ziert, für den ande­ren ist er noch immer ein Refu­gi­um für Leu­te mit wenig Geld. Was stimmt eigent­lich? Der Senat hat Anfang Juni Zah­len zur sozia­len Lage in Ber­lin ver­öf­fent­licht. Die dar­in ent­hal­te­nen Bewer­tun­gen sind aller­dings ver­al­tet. Hier ein gro­bes Bild von der sozia­len Lage des Wed­dings, anhand eines Blicks auf 18 Jah­re Sozialreport.

Um einen Ein­druck von der sozia­len Ent­wick­lung zu bekom­men, soll mit der Lage begon­nen wer­den, wie sie vor rund zwan­zig 20 Jah­ren ein­ge­schätzt wurde.

Soziale Lage im Wedding aus der Sicht 2000

Brunnenstraße
Im Brun­nen­vier­tel woll­ten für 18 Jah­ren die Men­schen nicht lan­ge leben. Foto: Weddingweiser

Den am wei­test zurück­lie­gen­den Sozi­al­re­port, den im Archiv des Wed­ding­wei­sers ver­füg­bar ist, wur­de im Dezem­ber 2001 von der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung ver­öf­fent­licht wur­de. Damals galt als sozia­ler Makel, wenn aus einem Kiez beson­ders vie­le Men­schen abwan­dern. Stadt­tei­le, in denen beson­ders vie­le Men­schen leb­ten, die sich weni­ger als fünf Jah­ren in ihrem Kiez wohl­fühl­ten, gal­ten als schwach. Zum Bei­spiel wur­de damals das Gebiet rund um die Gericht­stra­ße und das Brun­nen­vier­tel als betrof­fen her­vor­ge­ho­ben. Wer viel Zeit übrig hat, kann sich gern durch dama­li­gen Zah­len­wer­ke ackern.

Soziale Lage im Wedding aus der Sicht 2008

Vor zehn Jah­ren wur­de mit einem zusam­men­fas­sen­den Sozi­al­in­dex gear­bei­tet. Er fasst Zah­len wie Arbeits­lo­sig­keit oder die Zahl der Kin­der in Fami­li­en mit staat­li­cher Unter­stüt­zung zusam­men. Kom­plett rot ein­ge­färbt ist der Wed­ding in einer Kar­te aus dem Jahr 2008,  die kiez­ge­nau ange­fer­tigt wur­de. Vom Afri­ka­ni­schen Vier­tel im Nor­den bis hin­un­ter zum Brun­nen­vier­tel im Süden gal­ten alle Stadt­tei­le als sehr nied­rig ent­wi­ckelt. In Ber­lin wur­den damals Kreuz­kölln und Mar­zahn eben­falls nega­tiv bewertet.

Soziale Lage im Wedding aus der Sicht 2013

Englisches Viertel
Das Eng­li­sche Vier­tel ist als ers­tes auf­ge­stie­gen. Foto: Weddingweiser

Vor fünf Jah­ren ist die Sozi­al­kar­te bunt. Der Wed­ding hat­te sich dem­nach in zurück­lie­gen­den Jah­ren ent­wi­ckelt. Das Eng­li­sche Vier­tel hat­te es bis in Liga mit­tel – also bis zur zweit­bes­ten Kate­go­rie – gebracht. Auf der unte­ren vier­ten Stu­fe ver­harrt waren der Sol­di­ner Kiez, der Leo, die Gericht­stra­ße und der Gesund­brun­nen. Mit ledig­lich “nied­rig” und nicht mehr “sehr nied­rig” wur­den Tei­le des Brun­nen­vier­tels, der Brüs­se­ler Kiez und das Afri­ka­ni­sche Vier­tel bewertet.

Soziale Lage im Wedding im Jahr 2016

Soldiner Straße
Sol­di­ner Kiez ver­harrt auf nied­ri­gem Niveau. – Foto: Weddingweiser

Nun wur­de die aktu­el­le Sozi­al­stu­die ver­öf­fent­licht. Zurück­ge­grif­fen wur­de dafür auf Daten, die bis zum 31. Dezem­ber 2016 vor­la­gen. Nach anschlie­ßend andert­halb Jah­ren Bear­bei­tungs­zeit wur­de das Werk nun der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht. Aller­dings arbei­te­ten auch alle vor­her­ge­hen­den Repor­te mit ver­al­te­ten Daten. Aber immer­hin kann nun belegt wer­den, wie die sozia­le Lage im Jahr 2016 gewe­sen ist. Die Kar­te, die den Sozi­al­in­dia­k­tor zeigt, unter­schei­det sich nicht von der 2013 ver­öf­fent­lich­ten Kar­te. Inter­es­sant ist, dass der Senat nun 44 Kieze mar­kiert, die einen beson­de­ren Auf­merk­sam­keits­be­darf haben. Kurz gesagt, sind dies die 44 armen Kieze Ber­lins. Zu sehen ist, dass nun auch Rei­ni­cken­dorf sozi­al schwa­che Kieze hat. Im Wed­ding sind nach wie vor der Sol­di­ner Kiez, der Leo, die Gericht­stra­ße und der Net­tel­beck­platz abgehängt.

Soziale Lage im Wedding im Jahr 2018

Neubau Gerichtsstraße
Neu­bau in der Gericht­stra­ße. Bleibt der Kiez arm? – Foto: Weddingweiser

Und wie sieht es heu­te aus? Kurz gesagt: Klar ist, dass die Zah­len der letz­ten 18 Jah­re zei­gen, dass es auf­wärts geht. Man­che Kieze legen dabei Tem­po vor, ande­re tun sich schwer. Mehr lässt sich aller­dings nicht sagen. Fra­gen, die die Men­schen (und hof­fent­lich auch die Ver­wal­tung) heu­te bewe­gen, blei­ben unbe­ant­wor­tet: Ist die Gericht­stra­ße aktu­ell wirk­lich noch sozi­al schwach? Oder steigt die­ser Kiez wirk­lich erst mit der Eröff­nung der käuf­lich zu erwer­ben­den Stu­den­ten­woh­nun­gen zum Ber­li­ner Durch­schnitt auf? Ist der Wed­ding durch die mas­si­ve Neu­bau­tä­tig­keit bereits schick gewor­den oder ver­trägt er noch ein paar wei­te­re Inves­to­ren, ohne auf Alt-Mit­te-Niveau zu stei­gen? Ist der Spren­gel­kiez nicht schon längst “hoch”? All die­se Fra­gen las­sen sich im Som­mer 2020 beant­wor­ten, wenn der jähr­li­che Sozi­al­mo­ni­tor dann wie­der ver­öf­fent­licht wird.

Autorenfoto Andrei Schnell

And­rei Schnell hät­te gern gewusst, wie die sozia­le Lage im Wed­ding heu­te ist – oder wenigs­tens, wie sie im letz­ten Jahr gewe­sen ist. Er muss­te sich lei­der mit den Sozi­al­da­ten von vor zwei Jah­ren zufrie­den geben.

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Außerdem: Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Und: Politik sehe ich mir an wie Sportwettbewerbe. Plus: Lese ich ein Buch lese, dann möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich abschließend erwähnen.

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