Von Amsterdam nach Berlin – die Siedlung Schillerpark

Nordöstlich des Schillerparks lässt sich ein einzigartiges Wohnquartier entdecken, das als das erste Wohnungsbauprojekt nach dem Ersten Weltkrieg bezeichnet wird. Licht, Luft und Sonne, die oftmals zitierten Leitmotive des Neuen Bauens, bildeten die gestalterischen Grundpfeiler der nach den Plänen von Bruno Taut errichteten Wohnsiedlung. Taut ist vielen Berlinern und Architekturliebhabern für die Hufeisensiedlung und Onkel Toms Hütte bekannt, wo der Architekt auf Farbe bzw. eine symbolträchtige Formensprache setzte. Bei der Siedlung Schillerpark orientierte sich Bruno Taut sowohl an den Leitmotiven moderner Baukunst als auch der Amsterdamer Schule – eine um 1910 entstandene Bewegung.

An das Arbeiterviertel angepasst

Siedlung Schillerpark

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg sollte in diesem Gebiet – unmittelbar neben dem 1909 bis 1913 angelegten Schillerpark – eine neue Wohnsiedlung entstehen. Dieses Vorhaben wurde erneut zu Beginn der 1920er-Jahre aufgenommen. Nun jedoch unter neuen Vorzeichen, denn das Kaiserreich galt als Vergangenheit und die Weimarer Republik sorgte für einen neuen Geist. Inflation und politische Umbrüche sorgten dafür, dass soziale Ansätze stärker in den Vordergrund rückten. So sollte die Siedlung Schillerpark in erster Linie für Arbeiter und Angestellte sein. Neben attraktiven Neubauwohnungen waren gemeinschaftliche Einrichtungen geplant, wie z. B. ein Kindergarten. Zwischen 1924 und 1930 entstanden in drei Bauabschnitten 13 Wohnblocks mit rund 300 Wohnungen – zwischen der Dubliner Straße und der Barfusstraße.

Windsorstr.

Seit 1920 gab es den Verwaltungsbezirk Berlin-Wedding. Ab 1923 verkehrte die U-Bahn zwischen Seestraße und Halleschen Tor. Der Wedding galt als Hochburg der Arbeiterparteien. In gewisser Weise passte sich Bruno Taut mit der Siedlung Schillerpark in dieses Umfeld ein, denn die Backsteingebäude wirken weder radikal modern noch wie aus einer anderen Zeit gefallen. Auf den ersten Blick kommen die Backsteinfassaden eher zurückhaltend daher. Auch wirken die meist 3- bis 4-geschossigen Gebäude nicht erdrückend. Vielmehr ist alles auf einen ruhigen und ordentlichen Eindruck ausgerichtet. Dazu gehören auch die Vorgärten und Rasenflächen zwischen den Häuserzeilen. Aber die Häuser sind ein klares Bekenntnis zur Moderne, denn mit Flachdächern bzw. leicht geneigten Pultdächern, expressionistisch gestalteten Hauseingängen sowie einer horizontalen Betonung der Fassaden sprechen sie die Sprache der Avantgarde. Im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus wurde eine gestalterisch aufwendige Formensprache umgesetzt und auch die Wohnungsgrundrisse waren für die damalige Zeit verhältnismäßig großzügig.

Es entstanden helle, funktionstaugliche Wohnungen für Arbeiter und Angestellte, denn alle Wohneinheiten verfügen über Badezimmer und Balkonen bzw. Loggien. Und gemeinschaftlich zu nutzende Einrichtungen, wie die Wasch- und Trockenräume auf der obersten Etage, spiegeln den sozialen Geist der Weimarer Republik wieder. Gestalterisch besonders auffällig ist das visuelle Zusammenziehen von Fenster und anschließenden Wandflächen, indem die horizontalen Fenstersprossen an der Fassade als schmaler Vorsprung weitergeführt werden. In gewisser Weise spielt der Architekt mit positiv und negativ, denn während die Fenster je nach Licht eher dunkel erscheinen, wurden die anschließenden Fassadenstreifen in weiß gestrichen. Somit entsteht einerseits ein Bruch und gleichzeitig eine Verbindung und Auflockerung bzw. Rhythmisierung. Die Bewegtheit der Fassaden kommt ebenfalls durch den Einsatz von minimal hervortretenden Vorsprüngen über den Loggien, dynamisch emporragenden Pfeilern bei den Balkonen, die im Nichts enden sowie in die Fassaden eingeschnittene Hauseingänge und Treppenhäuser zustande. Diese feinfühlige Komposition macht den Charme der Siedlung Schillerpark aus. Die für Bruno Taut typische Farbigkeit findet sich heute weniger im äußeren Erscheinungsbild wieder – die Treppenhauseinschnitte hatten ehemals einen blau-weißen Anstrich, sondern im Treppenhaus mit farbigem Geländer und Wohnungstüren, wofür der Architekt auf Primärfarben setzte.

Anklänge an Amsterdam

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung

Sowohl bei den Fassaden als auch im Inneren überwiegt ein sachlicher Eindruck im Stil der Amsterdamer Schule. Um 1909/1910 bekannte sich Amsterdam zu einem sozialen und grünen Bauen. Innerhalb dieser Bauverordnung schlossen sich junge Architekten zusammen und planten für Amsterdam Brücken, Gebäude, eine Gartenstadt und Wohnbauten in einer besonderen Klinker-Ästhetik. Ziegelsteine wurden zum zentralen gestalterischen Element bzw. Markenzeichen dieser Stilrichtung. In Berlin setzte Bruno Taut auf expressionistische Details und eine eher kubische Sachlichkeit, wenngleich die Backsteinfassaden mit Erker, Balkonen, Loggien und Schmuckbändern belebt wurden.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Siedlung Schillerpark zerstört. Es erfolgte der Wiederaufbau und in den 1950er Jahren eine Erweiterung nach den Plänen von Hans Hoffmann – die „Glas-Hoffmann“-Bauten, errichtet von 1954-1959. Im Jahr 1991 begann die denkmalgerechte Sanierung: Es wurden die Fassaden rekonstruiert und die Wohnungen im Erdgeschoss erhielten verglaste Balkone bzw. Loggien. Seit 2008 gehört die Siedlung Schillerpark zum Weltkulturerbe der UNESCO und ist eines der wichtigsten Zeugnisse der sozialen Wohnungsbauarchitektur. Damals wie heute macht die unmittelbare Nähe zum Schillerpark den Reiz dieses Wohnensembles aus.

Infos zum Weltkulturerbe


1 Kommentar
  1. Vom 6. März bis zum 18. Oktober 2020 zeigt Museum Het Schip in Amsterdam (das Museum der Amsterdamer Schule und des sozialen Wohnungsbaus) die Ausstellung „Bruno Taut: An der Fantasie vorbei“.

    https://www.hetschip.nl/other/de

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