Platz für alle auf der Müllerstraße schaffen

Verkehr auf der KreuzungEigentlich kann niemand mit der Flächenverteilung auf der Müllerstraße zufrieden sein. Für Radfahrende fängt es schon damit an, dass es keine vernünftige Radinfrastruktur gibt. Fußgänger drängen sich vor viel besuchten Geschäften, Obst- und Gemüseständen, Werbeaufstellern und Telefonzellen – sie haben deutlich zu wenig Platz. Auch für den Lieferverkehr läuft es selten gut: Die ausgewiesenen Lieferzonen sind nahezu immer zugeparkt. Wer als Autofahrer einen Parkplatz sucht, verstopft ebenfalls die Müllerstraße – während die drei großen Parkhäuser meistens leer stehen. Wenn alle Bauarbeiten im Aktiven Zentrum Müllerstraße beendet sind, muss die Fläche neu verteilt werden. Wie das für Radfahrende aussehen kann, ist heute Thema.

Eine Einladung zum Radfahren

Matthias Bartsch – Mitglied der Stadtteilvertretung mensch.müller, ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub e.V.), Changing Cities und dem Stadtteilnetzwerk Fahrradfreundliche Mitte – erklärt, wie eine gerechtere Flächenverteilung auf der Müllerstraße aussehen könnte. „Idealerweise würde auf der Müllerstraße eine Radinfrastruktur entstehen, die sicher ist, genügend Platz bietet, auch ein Lastenrad sicher zu überholen. Es geht darum, eine Einladung zu schaffen, damit mehr Menschen aufs Rad umsteigen. Sie sollen nicht trotz der Infrastruktur, sondern wegen der Infrastruktur Fahrrad fahren.“ Konkret bedeutet das: Die jetzige rechte Fahrspur, die zum Parken genutzt wird, würde für den Radverkehr frei werden. Vom fließenden Verkehr müsste der neue, circa drei Meter breite geschützte Radweg baulich getrennt werden, z.B. durch Beete, einen hohen Bordstein oder Poller. Ein Radweg könnte auch zwischen parkenden Autos und dem Bordstein entstehen, wie es das schon in der Stromstraße gibt. Auch für die Fußgänger könnten so weitere 50 Zentimeter zusätzlicher Platz entstehen; auf den Baumscheiben könnte man Sitzbänke anlegen. Die bestehenden Fahrradbügel könnten verschoben, Litfaßsäulen und Telefonzellen beseitigt werden.

Für Gewerbetreibende auf der Müllerstraße würde sich einiges verbessern. Statistiken zeigen, dass Radwege die Umsatzzahlen auf Geschäftsstraßen deutlich ansteigen lassen. Für – relativ wenige – parkende Autos würde zwar Raum wegfallen, das würde aber kompensiert: Wesentlich mehr Fahrräder hätten Platz – die Verkehrskapazität der heute oft verstopften und zugeparkten Müllerstraße würde sogar noch erhöht. Unnötiger Parksuchverkehr würde entfallen, weil die bestehenden Parkhäuser gut ausgeschildert und besser nutzbar gemacht werden. Es gäbe weniger Abgase und Lärm, was die Aufenthaltsqualität auf der Müllerstraße erhöhen würde. „Ich kann es jungen Familien mit Kindern oder älteren Mitbürgern nicht übelnehmen, wenn sie die Müllerstraße mit dem Fahrrad meiden. Aber eines ist klar: Die Teilhabe am Individualverkehr sollte für alle möglich sein“, sagt der 31-jährige Weddinger.

„Wir wünschen uns eine physische Barriere“

Der Berliner Senat ist für die Müllerstraße als sogenannte übergeordnete Verkehrsstraße zuständig.  Anfangs war hier geplant, einen 1,50 Meter breiten Schutzstreifen auf der Fahrbahn, links von parkenden Autos anzulegen. Nicht gerade optimal für alle Verkehrsteilnehmer, wie man nördlich der Seestraße täglich beobachten kann. Die Verabschiedung des Mobilitätsgesetzes 2018 und die lange Bauplanung der BVG bringen neue Möglichkeiten, die jetzt genutzt werden, um „den aktuellen Anforderungen an Verkehrsinfrastruktur gerecht zu werden“ schrieb Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese in einem Brief an die Mitglieder der Stadtteilvertretung. Im Brief macht er auch Andeutungen, wie es aussehen könnte: Der Mittelstreifen soll unangetastet bleiben. Es besteht dann Platz für eine überbreite Fahrspur sowie einen geschützter Fahrradweg für Radfahrende. Wie genau die Entwurfsplanung aussieht, möchte Streese der Stadtteilvertretung Anfang September zeigen, bevor die Planungen Ende des Jahres abgeschlossen werden. Hier stellen sich natürlich viele Fragen, wobei die Position der Stadtteilvertretung klar ist.  „Wir wünschen uns eine physische Barriere, die den Radverkehr vom übrigen Verkehr trennt“, sagt Matthias Bartsch. Dass die Stadtteilvertretung hier auch den Bürgerwillen repräsentiert, zeigte die viel besuchte Demonstration im Juni.

Es bleibt also spannend, was der Senat plant und wann aufgrund der Tunnelsanierung der BVG gebaut werden kann. Wie eine schnelle und pragmatische Zwischenlösung aussehen kann, wollen die Stadtteilvertreter den Staatssekretär auch fragen. Wie wäre die Fläche am besten verteilt? Es ließe sich zum Beispiel der Parkstreifen links von der Radspur verlegen. Am 15. Juni wurde das ganz anschaulich gezeigt, als zwischen Rathaus Wedding und der Müllerstraße/Luxemburger Straße eine provisorische geschützte Radspur angelegt wurde.

Win-win-Situation

Davon profitiert übrigens nicht nur eine Gruppe von Verkehrsteilnehmenden: In Zeiten von boomendem Onlinehandel sind aktive und vitale Stadtteilzentren umso wichtiger für eine gesunde Stadt. Gerade die Müllerstraße könnte mehr Begegnungsräume, weniger Verkehrslärm, mehr Aufenthaltsqualität dringend brauchen. Wo es viele Radfahrer und Fußgänger gibt, haben kleine Geschäfte wieder eine Chance. Somit würden vor allem die Bürger und die Einzelhändler von einer Neugestaltung der Müllerstraße im Hinblick auf eine andere Flächenverteilung profitieren – und damit auch der ganze Wedding.

Weiterführende Links

Changing Cities, ADFC

Stadtteilvertretung


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