Nachruf auf die Videotheken im Wedding

Video World, Wedding, Videothek
© Samuel Orsenne

Videotheken: Von all den kleinen Filialen, die sich aufmachten, uns die große weite Welt zu zeigen, war nur noch eine übrig geblieben. Und auch die in der Prinzenallee auf Höhe Bellermannstraße, die letzte ihrer Art auf Weddinger Gebiet, schließt jetzt. Allein ihr Name ist schon Anachronismus pur. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Online-Leihangebote mindestes dreimal so teuer sind. Ein Nachruf auf eine Institution.

Kinderclub sagt: Auf Wiedersehen, Kinder!

Soldiner Straße 5. Hier war 13 Jahre lang der Kinderclub. Foto: Andrei Schnell
Soldiner Straße 5. Hier war 13 Jahre lang der Kinderclub. Foto: Andrei Schnell

Heute, am 13. Dezember verabschieden sich die Mädchen, am 15. Dezember die Jungen. Und dann wird Carola Knauft den offenen Freizeitladen in der Soldiner Straße 5, der unter dem Namen Kinderclub im Soldiner Kiez bekannt war, für immer schließen. Es gibt mehrere Gründe für die Schließung.

Goodbye Stattbad, und danke für den Fisch

Stattbad Wedding, alles ruhig auf der Gerichtstraße?
Stattbad Wedding, alles ruhig auf der Gerichtstraße?

Jetzt sollte es auch wirklich der allerletzte Insasse unserer kleinen Kiez-Anstalt mitbekommen haben: Der Wedding verändert sich. Und das Dragoner-Areal in Kreuzberg? Das wird bebaut. Vorher wird jedoch erst einmal heimlich, still und leise abgerissen, und zwar genau jenes Gebäude, welches von der Straße aus derzeit noch fast völlig intakt aussieht. Die Rede ist vom Stadtbad Wedding. Als ehemaliger Anwohner war ich aus ganz unterschiedlichen Gründen nie wirklich ein großer Freund dieser Einrichtung. Doch hat es solch ein schändliches Ende wirklich verdient? Einfach mit dem Kran von hinten erdolcht und abgerissen zu werden? Ich sage, Goodbye Stattbad, und danke für den Fisch.

Der letzte Sonntag in Mareks Saunahaus

Hier war Mareks Saunahaus. Jetzt sind die Gewerberäume zu vermieten. Foto: Dominique Hensel
Hier war Mareks Saunahaus. Jetzt sind die Gewerberäume zu vermieten. Foto: Dominique Hensel

Es hätte ein Sonntag wie viele andere in Mareks Saunahaus sein können, dieser 29. November 2015. Der Chef begrüßt seine ankommenden Gäste mit einem Händedruck, die beiden Saunaöfen sind aufgeheizt und verbreiten wohlige Wärme. Wie an den meisten Wochenendtagen ist auch Steffi, Mareks Frau, mit von der Partie. Sie nimmt an der Theke die Bestellungen der Gäste entgegen und führt im Wechsel mit Marek zur vollen Stunde die hochgelobten Aufgüsse durch. Es scheint, alles sei wie immer. Dennoch wissen etliche der anwesenden Gäste, dass dies der letzte Tag des Sauna-Idylls in der Bernauer Straße sein wird.

Gründe für die Stattbad-Schließung

Stattbad FassadeAufgrund einer Mängelanzeige und Veranstaltungsankündigungen im Internet fiel dem Bezirksamt Mitte auf, dass das Stattbad Wedding entgegen der 2012 erteilten Baugenehmigung genutzt wird. Daher wurden die Nutzer aufgefordert, den Zutritt zum Gebäude zu verhindern. Doch wer ist nun eigentlich schuld an der Schließung des Stattbades? Eine unkreative Verwaltung – oder gar Menschen, die dem Stattbad etwas Böses wollen?

Schiller-Bibliothek: Winterschlaf für ausgeliehene Bücher

Ehem. BVV-Saal und Rathausturm
Ehem. BVV-Saal und Rathausturm

Im Frühjahr 2015 erhält der Ortsteil Wedding endlich wieder eine Bibliothek mit ausreichend Platz. Darum bleibt ab Montag, dem 8. Dezember die Schiller-Bibliothek im Rathaus Wedding bis zur Eröffnung der neuen Mittelpunktbibliothek im Frühjahr 2015 geschlossen. Hintergrund für die Schließung ist die Vorbereitung des Umzuges in den Neubau am Leopoldplatz.

Die jüngere Geschichte des Büchertempels ist sehr bewegt: 2006 schloss die Schiller-Bibliothek an der oberen Müllerstraße ebenso wie die Postfiliale ihre Pforten (das Gebäude machte dann einer Lidl-Filiale Platz) und zog in den ehemaligen Sitzungssaal der Weddinger Bezirksverordneten am Leopoldplatz. Dieser 1962 eröffnete denkmalgeschützte Bau war 2002 nutzlos geworden, nachdem der Bezirk Wedding in Berlin-Mitte aufgegangen ist. Der Gebäudekomplex des Rathauses ist übrigens von Fritz Bornemann, dem Architekten der Amerika-Gedenkbibliothek entworfen worden. Tatsache ist aber: die Nutzfläche der Bibliothek war für einen Ortsteil mit immerhin 70.000 Einwohnern viel zu gering, nur knapp 40.000 Medien fanden Platz. Anspruchsvollere Bücherfreunde konnten allenfalls auf die Bibliothek am Luisenbad in Gesundbrunnen ausweichen.

Weddingwoche #43: Trostpflaster für säumige Leser

Bibliothek am Luisenbad (Quelle: panke.info)
Bibliothek am Luisenbad (Quelle: panke.info)

Kein Zweifel: draußen wird es langsam ungemütlich. Wohl dem, der ein gutes Buch für die regnerischen Herbsttage zu Hause hat! Doch ausgerechnet in diesem Herbst ist die gut sortierte Bibliothek am Luisenbad in der Travemünder Str.2 in Gesundbrunnen geschlossen, und das noch bis mindestens 21. Dezember. Das fast zwanzig Jahre alte Glasdach, unter dem die vielen Bücher lagern, muss nämlich dringend saniert werden. Bis dahin kann man die schöne Fassade des ehemaligen Festsaals aus dem Jahr 1888 nur von außen bestaunen. Für die Leser gibt es wenigstens ein kleines Trostpflaster: die Mitarbeiter der Bibliothek steigen säumigen Nutzern erst einmal nicht auf’s Dach, wenn diese sich noch vor dem 14. Oktober ein Buch ausgeliehen haben. Die Ausleihfristen für nach dem 16. September ausgeliehene Medien werden nämlich automatisch bis zum 6. Januar 2014 verlängert. Und wer unbedingt ein Buch aus dem Bestand der Bücherei braucht, kann sich dieses in der Schiller-Bibliothek am Leopoldplatz bereitstellen lassen. Na, da können die dunklen, verregneten Tage ja kommen….

Unsere Kolumne “Weddingweisers Woche” erscheint jeden Samstag in der Bezirksausgabe Wedding des Berliner Abendblatts.

Seniorenfreizeitstätte: Abriss ja oder nein?

Funktionaler Zweckbau an der Schulstraße

Seniorenfreizeitstätte (Bild: Pharus Plan)
Seniorenfreizeitstätte (Bild: Pharus Plan)

Auf dem hinteren Leopoldplatz, an der Ecke Schul-/Maxstraße, steht ein Flachbau aus den Siebzigerjahren, der heute als Seniorenfreizeitstätte genutzt wird. Wer am Wochenende vorbeikommt, sieht und hört, dass hier auch fröhlich Familienfeste gefeiert werden. Zum Oktober soll es allerdings ruhiger werden, denn der Vertrag ist gekündigt. Das Gebäude soll asbestbelastet sein und abgerissen werden. Die Stadtteilvertretung Müllerstraße  und Runder Tisch Leopoldplatz haben sich damit befasst.

Bisher ist die Finanzierung der Beseitigung des wenig schönen Zweckbaues allerdings unklar. Sollte er abgerissen werden, so verändert  sich an dieser Stelle der mit Mitteln des QM Pankstraße erst vor einigen Jahren umgestaltete Leopoldplatz. Hier erhält der Platz durch den schützenden Betonbau etwas Ruhe  und Aufenthaltsqualität, vor allem angesichts des tosenden Verkehrs der Schulstraße.

Standort wegweisender pädagogischer Einrichtungen

Ein Blick zurück an diesen geschichtsträchtigen Ort verändert den Blickwinkel. Denn das, was wir hier heute Leopoldplatz nennen. war eigentlich kein Platz, es war der Standort einer durchaus besonderen Schule, die im Krieg zerstört, nach 1945 aber nicht wieder aufgebaut wurde.  In dieser nach der Reformpädagogik von Wilhelm Paulsen eingerichtet „Lebensgemeinschaftsschule“ erfolgte der Unterricht nach dem Wunsch der Schüler. Auf dem Teil des Platzes gab es auch einen von Clara Grunwald eingerichteten Montessori-Kindergarten. Frau Grunwald,  die selbst Jüdin war, ermöglichte ab 1933 vielen Juden die Ausreise oder den Weg in den Untergrund und wurde 1943 in einem Konzentrationslager ermordet. Eberhard Elfert hat im Frühjahr 2012 mit seiner aus den Mitteln des QM Pankstraße finanzierten Weddinger Schaufenster-Ausstellung auf viele solcher historisch interessanten Details hingewiesen.

Der Funktionsbau war einst die Passierscheinstelle

Gedenktafel für die Passierscheinstelle
Gedenktafel für die Passierscheinstelle

Und auch die unscheinbare Betonkiste, die nun auf der Abrissliste steht, ist mehr als ein einfacher Zweckbau, es ist ein Stück Zeitgeschichte. Den Menschen, die hier lange leben, ist das Gebäude eher als eine von fünf Passierscheinstellen der DDR bekannt. Hier bekamen die Westberliner zu Mauerzeiten – von DDR-Grenzern bearbeitet – ihren „Passierschein“, der zum Besuch von Ost- Berlin berechtigte. Diejenigen hingegen, die in West-Berlin lebten, aber in „Westdeutschland“ gemeldet waren, hatten es einfacher. Bürger der BRD brauchten zur „Einreise in die DDR“ nur ihren Reisepass, und natürlich 25,- DM für den sogenannten Zwangsumtausch. Eine schlichte Gedenktafel weist am Gebäude auf  diese Geschichte hin.

Angesichts dieser historischen Fakten stellt sich also die Frage: sollte das Bauwerk als „Denkmal“ erhalten bleiben, ja oder nein?