Davon geht der Wedding nicht unter!

Neueröffnungen und Schließungen gehören dazu.

Meinung Kommt der Wedding, ist er schon da oder geht er jetzt plötzlich sogar unter? Seit einiger Zeit wird in den sozialen Medien und auch in unserer Redaktion wieder darüber diskutiert. Einige Schließungen von Bars, Restaurants und Galerien im Stadtteil waren Anlass für düstere Gedanken. Hier und da machte sich sogar Endzeitstimmung breit. Geht der Wedding den Bach runter, ist jetzt alles vorbei? Keinesfalls!

Sag zum Abschied leise Prost

Bier und Suppe, dafür stand das ResOtto. Foto: Ramona Gamradt

Wir hatten uns irgendwie daran gewöhnt: Die gastronomische Landkarte des Wedding ist über die Jahre vielfältiger geworden. Auf einmal scheint das aus und vorbei zu sein – so kommt es einem im Moment zumindest vor. Denn innerhalb weniger Wochen ist der Wedding schlagartig um ein paar beliebte Namen ärmer geworden. Dafür gibt es viele persönliche Gründe der Betreiber; die unübersehbare Gentrifizierung ist dabei wohl gar nicht entscheidend gewesen. Und dennoch fällt eine gewisse Häufung auf. Wir haben zusammengefasst, wo schmerzliche Lücken entstanden sind.

Nachruf auf die Videotheken im Wedding

Video World, Wedding, Videothek
© Samuel Orsenne

Videotheken: Von all den kleinen Filialen, die sich aufmachten, uns die große weite Welt zu zeigen, war nur noch eine übrig geblieben. Und auch die in der Prinzenallee auf Höhe Bellermannstraße, die letzte ihrer Art auf Weddinger Gebiet, schließt jetzt. Allein ihr Name ist schon Anachronismus pur. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Online-Leihangebote mindestes dreimal so teuer sind. Ein Nachruf auf eine Institution.

Kinderclub sagt: Auf Wiedersehen, Kinder!

Soldiner Straße 5. Hier war 13 Jahre lang der Kinderclub. Foto: Andrei Schnell
Soldiner Straße 5. Hier war 13 Jahre lang der Kinderclub. Foto: Andrei Schnell

Heute, am 13. Dezember verabschieden sich die Mädchen, am 15. Dezember die Jungen. Und dann wird Carola Knauft den offenen Freizeitladen in der Soldiner Straße 5, der unter dem Namen Kinderclub im Soldiner Kiez bekannt war, für immer schließen. Es gibt mehrere Gründe für die Schließung.

Goodbye Stattbad, und danke für den Fisch

Stattbad Wedding, alles ruhig auf der Gerichtstraße?
Stattbad Wedding, alles ruhig auf der Gerichtstraße?

Jetzt sollte es auch wirklich der allerletzte Insasse unserer kleinen Kiez-Anstalt mitbekommen haben: Der Wedding verändert sich. Und das Dragoner-Areal in Kreuzberg? Das wird bebaut. Vorher wird jedoch erst einmal heimlich, still und leise abgerissen, und zwar genau jenes Gebäude, welches von der Straße aus derzeit noch fast völlig intakt aussieht. Die Rede ist vom Stadtbad Wedding. Als ehemaliger Anwohner war ich aus ganz unterschiedlichen Gründen nie wirklich ein großer Freund dieser Einrichtung. Doch hat es solch ein schändliches Ende wirklich verdient? Einfach mit dem Kran von hinten erdolcht und abgerissen zu werden? Ich sage, Goodbye Stattbad, und danke für den Fisch.

Der letzte Sonntag in Mareks Saunahaus

Hier war Mareks Saunahaus. Jetzt sind die Gewerberäume zu vermieten. Foto: Dominique Hensel
Hier war Mareks Saunahaus. Jetzt sind die Gewerberäume zu vermieten. Foto: Dominique Hensel

Es hätte ein Sonntag wie viele andere in Mareks Saunahaus sein können, dieser 29. November 2015. Der Chef begrüßt seine ankommenden Gäste mit einem Händedruck, die beiden Saunaöfen sind aufgeheizt und verbreiten wohlige Wärme. Wie an den meisten Wochenendtagen ist auch Steffi, Mareks Frau, mit von der Partie. Sie nimmt an der Theke die Bestellungen der Gäste entgegen und führt im Wechsel mit Marek zur vollen Stunde die hochgelobten Aufgüsse durch. Es scheint, alles sei wie immer. Dennoch wissen etliche der anwesenden Gäste, dass dies der letzte Tag des Sauna-Idylls in der Bernauer Straße sein wird.

Gründe für die Stattbad-Schließung

Stattbad FassadeAufgrund einer Mängelanzeige und Veranstaltungsankündigungen im Internet fiel dem Bezirksamt Mitte auf, dass das Stattbad Wedding entgegen der 2012 erteilten Baugenehmigung genutzt wird. Daher wurden die Nutzer aufgefordert, den Zutritt zum Gebäude zu verhindern. Doch wer ist nun eigentlich schuld an der Schließung des Stattbades? Eine unkreative Verwaltung – oder gar Menschen, die dem Stattbad etwas Böses wollen?

Schiller-Bibliothek: Winterschlaf für ausgeliehene Bücher

Ehem. BVV-Saal und Rathausturm
Ehem. BVV-Saal und Rathausturm

Im Frühjahr 2015 erhält der Ortsteil Wedding endlich wieder eine Bibliothek mit ausreichend Platz. Darum bleibt ab Montag, dem 8. Dezember die Schiller-Bibliothek im Rathaus Wedding bis zur Eröffnung der neuen Mittelpunktbibliothek im Frühjahr 2015 geschlossen. Hintergrund für die Schließung ist die Vorbereitung des Umzuges in den Neubau am Leopoldplatz.

Die jüngere Geschichte des Büchertempels ist sehr bewegt: 2006 schloss die Schiller-Bibliothek an der oberen Müllerstraße ebenso wie die Postfiliale ihre Pforten (das Gebäude machte dann einer Lidl-Filiale Platz) und zog in den ehemaligen Sitzungssaal der Weddinger Bezirksverordneten am Leopoldplatz. Dieser 1962 eröffnete denkmalgeschützte Bau war 2002 nutzlos geworden, nachdem der Bezirk Wedding in Berlin-Mitte aufgegangen ist. Der Gebäudekomplex des Rathauses ist übrigens von Fritz Bornemann, dem Architekten der Amerika-Gedenkbibliothek entworfen worden. Tatsache ist aber: die Nutzfläche der Bibliothek war für einen Ortsteil mit immerhin 70.000 Einwohnern viel zu gering, nur knapp 40.000 Medien fanden Platz. Anspruchsvollere Bücherfreunde konnten allenfalls auf die Bibliothek am Luisenbad in Gesundbrunnen ausweichen.