Sag zum Abschied leise Prost

Bier und Suppe, dafür stand das ResOtto. Foto: Ramona Gamradt

Wir hatten uns irgendwie daran gewöhnt: Die gastronomische Landkarte des Wedding ist über die Jahre vielfältiger geworden. Auf einmal scheint das aus und vorbei zu sein – so kommt es einem im Moment zumindest vor. Denn innerhalb weniger Wochen ist der Wedding schlagartig um ein paar beliebte Namen ärmer geworden. Dafür gibt es viele persönliche Gründe der Betreiber; die unübersehbare Gentrifizierung ist dabei wohl gar nicht entscheidend gewesen. Und dennoch fällt eine gewisse Häufung auf. Wir haben zusammengefasst, wo schmerzliche Lücken entstanden sind.

Gleich zwei Bars haben im Afrikanischen Viertel das Zeitliche gesegnet. Erst das Studio 7, eine kleine Bar in der Guineastraße, dann das Fredericks. Letzteres geschah unfreiwillig, denn die Betreiber konnten den gut laufenden Betrieb nicht länger in einem maroden Haus aufrechterhalten, in dem sogar Wasser und Strom abgestellt wurden. Eine Wiederauferstehung ist jedoch in der Lüderitzstraße geplant. Für das Simit Evi, ein beliebtes türkisches Café am Leopoldplatz, sah es zwischenzeitlich nicht gut aus, weil das sanierungsbedürftige Gebäude abgerissen werden sollte. Nun gibt es erst mal eine Vertragsverlängerung bis 30. Juni, schreibt der Bezirksstadtrat auf Twitter .

Ein Kiez verzeichnet die meisten Schließungen
Tarkan im Studio 7
Schluss mit schummrig. So war das Studio 7.

Richtig hart hat es den Sprengelkiez getroffen. Reihten sich hier seit mehr als fünf Jahren die Cafés und Bar so dicht aneinander, dass man fast von einer Ausgehmeile sprechen konnte, ändert sich hier gerade besonders viel. Den Platzhirsch Auszeit traf es 2016 zuerst. Weil der neue Hauseigentümer eigene Pläne unter dem etablierten Namen hatte, musste das Original-Café schließlich nach Pankow umziehen. Doch jetzt hören auch etablierte Bars wie der „Nachtschwärmer bei Ernst“ oder das „ResOtto“ freiwillig auf, weil die Betreiber Berlin verlassen. Und auch der „Feine Hubert“, Nachfolger des beliebten Café Hubert, schließt bereits nach einem guten Dreivierteljahr. Die Galerie Nomad ließ die Rollos in der Sprengelstraße herunter. Und als ob sie sich in den Reigen einreihen wollte, schloss nun auch die Filiale der Schwäbischen Bäckerei in der Triftstraße, die zwar nicht jedermann gefiel, aber wenigstens noch selbst gebacken hat.

Noch mehr Abschiedstränen in anderen Kiezen: Den schrill-bunten Weinladen (mit Weinbar) Spiritus Mundi an der Malplaquetstraße gibt es ebenfalls nicht mehr. Der Verlust der Bar Prinzinger wiegt wohl noch schwerer: Der Betreiber des vormals als legendäre Kneipe namens Präpeleck bekannten Etablissements an der Ecke Osloer Straße und Prinzenallee hat sich einem anderen Projekt zugewandt. Und ganz in der Nähe schließt Ende des Jahres die Kugelbahn, ein Abschied mit Ansage, denn das Gebäude wird abgerissen.

Ein paar Abschiede zu viel

Veränderungen gehören zum Leben und machen auch einen lebendigen Stadtteil wie den Wedding aus. Manche Konzepte haben sich vielleicht überlebt, betriebswirtschaftliche Fehler wurden gemacht und nicht jeder Gastronom hält bis in alle Ewigkeit durch. Das weiß unser Verstand. Unser Herz will das aber nicht wahrhaben. Alles hat seine Zeit, sagt man so schön, doch sollte möglichst nicht alles zeitgleich verschwinden. Vielleicht ist es einfach ein überfälliger Generationswechsel.  Wir sagen jedenfalls zum Abschied der vielen Bars leise – Prost…


2 Kommentare
  1. Statt einers redaktionellen Beitrags:

    ……….And now my friends I say goodbye…………
    Zwei Generationen haben in der Milchmeergalerie gelebt und gearbeitet,
    die dritte ist schon geboren. Doch die wird die Galerie, nur
    noch aus Erzählungen und Fotos kennenlernen. Seit die halbe
    Fehmarner Straße einem Investmentfond aus Haifa gehört, ist für die
    Künstler um Michael Lewinski am Ende des Jahres 2017 alles zu Ende.
    Artorta adé, der fantastische Keller, gestaltet wie ein Traum aus Alice
    im Wunderland verschwindet im Strudel der Investoren. Christina
    Ihrke, Andreas Aurenz, Tima die Göttliche, Bahram, Nietzsche, Frank
    Sieben, Nadja Dittmar, die Gastkünstler wie Herrmann, Egon Rathke
    Dag Beuschel und viele, viele andere werden heimatlos. Fast möchte
    man meinen -Gott habe ihn selig- Ron Ruß wäre präventiv verstorben,
    um diesen Schmerz nicht mehr erleben zu müssen. Wenn es jemals ein
    Modell für Experimente und freie Kunstszene über einen so langen
    Zeitraum in unserem Sprengelkiez gegeben hat, dann war das die
    Milchmeergalerie. Aus und vorbei! Mein ganz persönlicher Dank gilt
    Christina Ihrke und Michael Lewinski, die mir vor Jahren, ganz unproblematisch
    meinen Start als Künstler mit den ersten Ausstellungen in
    der Milchmeergalerie erst ermöglicht haben!
    ……….And now my friends I say goodbye…………

  2. Ergänzung: Die Milchmeergalarie ist ebenfalls verdrängt worden. Aus die Maus! Hauptsache die „Investoren“ kommen. Käptn Nuss hat sich verabschiedet zu neuen Zielen. Little Kitchen ist auch gegangen und die ersten Läden in der Torfstraße stehen wieder leer.

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