Ein Auf und ab: Das Jahr 2017 im Wedding

Bunter Wedding: Farbbeutel fliegen auf neue Fassaden. Lebendiger Wedding: Ob Droschkenpferde, ein Designmarkt oder Honigbienen, alles ist bei uns in Bewegung. Glanzvoller Wedding: Die Berlinale, der neue Zeppelinplatz oder ein Kulturfestival, unser Stadtteil braucht sich nicht zu verstecken. Schließlich scheint der Rathausvorplatz, der weiterhin keinen Namen haben wird, noch vor dem BER fertig zu werden.

Im Januar fand das Gezerre um das Fortbestehen des Café Leo ein Ende: das feste Gebäude am Nordwestrand des Leopoldplatzes wurde eingeweiht. Nun hat dieser zentrale Ort ein gastronomisches Grundangebot, das nicht besonders teuer ist und keinen Alkohol beinhaltet. Ganz in der Nähe, in der Seestraße, wurde in diesem Winter eine Notunterkunft eingeweiht, und wir haben dazu eine Reportage gebracht.

Der Gentrifizierungskritiker und Ex-Staatssekretär Andrej Holm trat am Tag seines Rücktritts im Weddinger Projektraum ExRotaprint auf und stellte sich den Fragen der Journalisten und Diskussionsteilnehmer. Wir waren ebenfalls dabei und haben darüber berichtet.

Im Februar zeigte sich der Wedding spendabel und trat seinen Anteil am Mauerpark an den Bezirk Pankow ab. Gern geschehen! Wir haben ja auch unsere eigenen Parks: Aber ob das Trauerspiel um das Parkcafé Rehberge bald ein Ende hat, fragten wir uns ebenfalls in diesem Monat. Wildschweinalarm: Ein Keiler terrorisierte in den Rehbergen eine Gruppe Spaziergänger und bezahlte mit seinem Leben – ein Polizist erschoss das Wildschwein am Kurt-Schumacher-Platz.

Der neue Bezirksbürgermeister von Mitte Stephan von Dassel gab uns ein Interview. Einer seiner Kernsätze: „Bürgerbeteiligung fängt für mich mit Information an. Das ist für mich noch wichtiger als die Frage, ob die Bürger und Bürgerinnen immer mit allem einverstanden sein müssen, was die Politik entscheidet.“

Ein wenig Glamour kam bei der Berlinale wieder in den Wedding, denn das City Kino war erneut Bestandteil der Filmfestspiele. Mehr Glanz bekam in diesem Jahr auch das Gesundbrunnen Center, das 20 Jahre alt wurde und den Verlust von real kompensierte. Ein bisschen älter ist der älteste U-Bahn-Tunnel Berlins, den nur die wenigsten kennen und der jetzt wieder zugänglich ist.

Im März nahm das Baumhaus seinen regulären Betrieb auf. Was es damit auf sich hat (nein, es gibt keinen richtigen Baum), haben wir für euch aufgeschrieben. Eine alte Bekannte kam im März wieder, die WG Bar. Klassenfahrtfeeling! Eine Träne für eine Institution: Für immer vorbei ist die Ära der Videotheken. Mit den beiden Video-World-Filialen war 2017 endgültig Schluss. Auch der Castle Pub verließ uns – in Richtung Nordbahnhof und bleibt damit immer noch ganz in der Nähe.

Anhänger des Wedding: damit sind keine Fans, sondern Anhängerfahrzeuge aller Art gemeint. Wir sind der gleichnamigen Serie in unserer Facebookgruppe im April einmal nachgegangen und stellten sogar die Frage: Ist das Kunst? Definitiv Kunst war das Rosa-Parks-Haus, das der Weddinger Künstler Ryan Mendoza in den Soldiner Kiez holte und das wegen seiner politischen Aussage für Furore sorgte. Inzwischen ist es wieder abgebaut und zurück in den USA. Eine verpasste Gelegenheit.

Der Mai beglückte den Mittelstreifen der Müllerstraße wieder mit schönen Fotos auf Großplakatwänden. Das wunderbare Urban Gardening-Projekt Himmelbeet musste in dieser Zeit aber um seine Zukunft fürchten, ist doch auf seinem Gelände ein Neubau geplant. Erst sollte der Garten aufs Dach umziehen, doch eine neue Lösung wird erst im Jahr 2019 notwendig sein. Bis dahin hat das Himmelbeet noch eine Schonfrist. Rund geht es auch vor dem Gleimtunnel: der neue Kreisverkehr auf Weddinger Seite ermöglicht die Zufahrt zu den neuen Wohnbauten.

Im Juni freuten wir uns über zwei neue Trinkwasserbrunnen im Wedding. Die dann im Winter als Aschenbecher missbraucht wurden, wie wir Weddinger leider feststellen mussten. Ebenfalls neu: ein Flohmarkt am Pankeufer, der wunderbar entspannt gut zum Wedding passt. Passen die von einer geheim tagenden Jury gewählten Straßennamen zum Afrikanischen Viertel? Dass die bisherigen drei Straßennamen auf den Schrotthaufen der Geschichte gehören, ist inzwischen mehrheitlich anerkannt, doch muss man den Namen eines Menschenschlächters durch den Namen einer Sklavenhändlerin ersetzen? Das Verfahren gehört also noch mal auf den Prüfstand.

Ist der Wedding 2017 sauberer geworden? Nein. Schützt uns das vor Mietsteigerungen. Nein. Deswegen nannten wir das Problem beim Namen: Wedding, du alte Drecksau.

Nicht nur im Juli sind die Weddinger Bienen fleißig: Überall summt es, ganz entgegen dem weltweiten Trend. Was hat uns den Sommer über und auch am 3. Advent erfreut? Ganz klar, der Weddingmarkt. Und sogar auf der Brunnenstraße hat ein Street Food Markt ein ganz ungewohntes gastronomisches Angebot geschaffen. Mit dabei war auch die Schneeeule, eine Brauerei von Weddinger Betreibern, die Berlin seine original Berliner Weiße zurückgegeben hat.

Große Aufregung im August um Droschkenpferde in Berlin – verbieten oder nicht? Den im Wedding untergebrachten Pferden geht es jedenfalls mehr oder weniger gut in ihrem Stall, stellten unsere Leser fest, nachdem wir darüber berichtet haben.

2 Tage Kultur im Wedding, an vielen Orten, aus dem Wedding heraus organisiert: zum zweiten Mal fand im September2 Tage Wedding“ statt und zeigte dem Rest der Welt, was kulturell bei uns so möglich ist. Tegel offenhalten oder nicht, diese von der FDP Berlin in Form eines Volksentscheids gestellte Frage polarisierte auch uns im Wedding. Jedenfalls haben wir gewählt, und auch einen neuen Bundestag. Wer bei uns vorne lag, haben wir hier einmal zusammengestellt. Wäre der Wedding Deutschland, hätten wir wohl eine linke Mehrheitsregierung.

Der Oktober startete mit der vierten Ausgabe von Per Anhalter durch die Barlaxis. Unfallfrei über eine breite Straße kommen? Ein Zebrastreifen macht’s möglich. Unser Plädoyer für einen solchen auf der Usedomer Straße war jedenfalls am Ende von Erfolg gekrönt. Und auch der Zeppelinplatz ist endlich umgestaltet! Erst der Spielplatz, dann die Wege, jetzt auch eine Fläche zum Geräteturnen, die nachts stilvoll illuminiert ist. Direkt daneben begann das Semester an der Beuth Hochschule, deren Studenten uns einen Beitrag mit Tipps  (nicht nur) für Erstsemester geliefert haben. Zum Glück ist auch im Bezirkshaushalt wieder Geld da. Wir haben einmal aufgelistet, wofür es ausgegeben werden soll. Unser guter alten namenloser Platz vor dem Rathaus, der Schillerbibliothek und dem Job-Center nähert sich der Fertigstellung, aber er wird auch weiterhin nicht Elise- und- Otto-Hampel-Platz heißen. Vielleicht findet sich aber eine andere Lösung mit einem Stück der Limburger Straße, das umbenannt werden könnte.

Der Wedding wird schick, ein teures Café am Leopoldplatz beweist es, und teuer: gleich um die Ecke hat ein Appartementhaus für wohlhabende Studenten eröffnet. Der Wedding machte eine klare Ansage und verschandelte die Fassade mit roten Farbbeuteln. Nur ein letztes Aufbegehren? Die Weddinger sind widerständig. Im November ging die Hausgemeinschaft Amsterdamer Ecke Malplaquetstraße mit ihrem Plan an die Öffentlichkeit: Sie wollen den Verkauf ihres Mietshauses verhindern. Der ist zwar zwischenzeitlich erfolgt, aber jetzt kann noch der Bezirk helfen, denn er hat im Milieuschutzgebiet ein Vorkaufsrecht. Breite Solidarität mit dieser Hausgemeinschaft: in den Fenstern im Kiez hängen Herzen, die die Sympathie gegen das Profitdenken von Hauseigentümern zeigen.

Gegen den Verfall der Sitten und für die Einhaltung von Regeln auf dem Leopoldplatz arbeitet seit Herbst ein Platzdienst, den wir im Dezember einen Tag lang begleitet haben. Wir vom Weddingweiser haben uns ein neues Design gegönnt und planen, uns inhaltlich stärker zu positionieren. Wir danken unseren Leserinnen und Lesern für ihre Treue sowie die kritische Begleitung und hoffen auf Unterstützung. Diese ist wichtiger denn je: Denn auch im Jahr 2018 werden uns im Wedding die Themen nicht ausgehen.

Cafés und Restaurants

Das gastronomische Angebot im Wedding ist im Jahr 2017 eher größer geworden. Sogar am eher trostlosen Nettelbeckplatz ist mit dem Mirage Bistrot ein ziemlich ambitioniertes Künstlercafé gestartet. Im Karstadt-Gebäude ist mit Leo Leo eine Fusion aus orientalischer Tradition mit Burger-Kultur entstanden. Eine Ecke weiter am Standort des ehemaligen Nähmaschinengeschäfts wagt The Visit einen neuen Standard im Wedding zu setzen, vor allem was das Preisniveau angeht. Originell und ziemlich amerikanisch ist Lino’s Barbecue, wo auf texanische Art gegrillt wird.

Auch an der Gerichtstraße gibt es jetzt ambitionierte Burger bei Louis Alfons.

Zeit ist Geld, sagt man, doch Berlins erstes Anti-Café eröffnete im Wedding. Im be’kech wird nicht nach Verbrauch, sondern nach Zeit abgerechnet. Und auch sonst ist es ein wunderbares Café.

Wovon mussten wir Abschied nehmen? Herr Bielig oder besser gesagt Frau Bielig hat den Soldiner Kiez verlassen. Und das Café Hubert, das überraschend zum Jahresanfang nicht mehr öffnete, ist ein paar Häuser weitergezogen an den Standort der „Drei Lügner“ und wird jetzt gemeinsam mit dem Besitzer des Pancake-Foodtruck Feiner Herr als Feiner Hubert betrieben.  Ebenfalls an Pancakes erinnern die Crêpes und Galettes des Malör, die die bislang eher als gastronomische Wüste empfundene Bellermannstraße ungemein bereichern.

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