Ex-Staatssekretär Andrej Holm im ExRotaprint

Andrej Holm erklärt den Mieterinitiativen die Gründe seines Rücktritts. Foto: Andrei Schnell

Es ist Montagabend, der 16. Januar. Im ExRotaprint in der Weddinger Gottschedstraße spricht Andrej Holm. Vor wenigen Stunden ist er von seinem Amt als Staatssekretär zurückgetreten. Vorausgegangen war eine wochenlange, öffentliche Debatte über seine Beschäftigung bei der Staatssicherheit in der DDR. Nun will er begründen, warum er zurücktrat. Aber dazu will er nicht eine Pressekonferenz nutzen, sondern er will den Moment der großen Aufmerksamkeit, die er an diesem Tag genießt, für die Mieterinitiativen nutzen. Sie erhalten an diesem Abend Öffentlichkeit. Durch ihn.

Auf seinem Blog www.andrejholm.de hat er im Laufe des Tages seinen Rücktritt bekannt gegeben. Damit ist er nicht mehr als Staatssekretär für das Thema Wohnen – und damit Mietpolitik – zuständig. Der parteilose Andrej Holm war von der Partei Die Linke aufgestellt worden.

400 Menschen kamen ins ExRotaprint, um Andrej Holm zuzuhören. Foto: Andrei Schnell

Nun ist es 18 Uhr. Über 400 Menschen sind seiner kurzfristigen Einladung gefolgt. Unter ihnen viele Vertreter von Mieterinitiativen. An sie hatte sich Holm gewandt, als er schrieb: Wir wollen „gemeinsam überlegen, wie wir auch ohne mich als Staatssekretär eine soziale Wohnungspolitik in Berlin am besten durch- und umsetzen können“.

„Das ist keine Pressekonferenz“, beginnt Andrej Holm, „Wir wollen heute unter uns diskutieren!“ Sofort ruft jemand aus dem Publikum agressiv: „Was soll die Kamera?“ Im Mittelgang steht ein Reporterteam vom rbb. Holm greift ein, um zu beruhigen. Das einzige Mal an diesem Abend, wenn die Wut unter den Leuten hochkommt. „Doch, dieser Abend ist öffentlich. Und auch Journalisten sind Teil der Öffentlichkeit.“

Andrej Holm vor der Veranstaltung im Gespräch. Foto: Andrei Schnell

Es ist ein schöner Saal, diese Glaskiste auf dem Gelände des ExRotaprint in der Gottschedstraße 4. Das ehemalige „technische Büro“ wird heute als Projektraum genutzt. Die etwa 400 Gäste passen gerade so in den 185 Quadratmeter großen Saal. Es könnte kuschlig sein. Doch nach Kuschelkurs ist den anwesenden Mietaktivisten nicht zumute. Wenn sie das Wort ergreifen, dann werden sie laut – obwohl es dank Mikrofon nicht nötig wäre. Sie sagen, sie möchten kotzen, eimerweise. Der Filz bringe sie auf. Der Immobilienunternehmer Groth habe der SPD gespendet. „Wir mussten lernen, dass wir den Parteien nicht trauen können“, rufen sie – ohne dass Holm widerspricht. Er schweigt auch wenn Sätze herauspoltern wie: „Wenn es nicht mit dem Staat geht, dann gegen den Staat“. Und jemand schreit ins Mikrofon: „Wir haben so viel demonstriert. Jetzt ist das Momentum, darüber nachzudenken, was wir als nächstes tun sollen.“ Da stockt selbst den aufgebrachten Anwesenden der Atem. Worauf will dieser Mann hinaus?

Die Leute sind wütend. Wut kommt oft von Ohnmacht. Sagt die Psychologie. Wenn das stimmt, weshalb fühlen sich die Menschen hier ohnmächtig? Ihnen geht es um das Thema Mieten. Sie formulieren es so: Wem gehört die Stadt? Die Menschen hier fühlen sich bedroht, abgehängt, abgedrängt. Verdrängt sagt man auch.

Wer die Sache von außerhalb betrachtet, der würde sagen, Andrej Holm hat eine politische Niederlage erlitten. Dass Holm als Jugendlicher auf der Gehaltsliste der Staatssicherheit der DDR stand, wurde vom politischen Gegner ausgenutzt. Von innen, aus der Perspektive der im Saal versammelten Leute, geht es nicht ums politische Geschäft. Es geht um das große Ganze. Andrej Holm sagt den Leuten, wie groß das Ganze ist: „Nicht ich war das Ziel. Worum es geht, das sind die Machtverhältnisse in der Stadt.“ Es geht um alles.

Andrej Holm will, dass sich die Kräfteverhältnisse ändern. Foto: Andrei Schnell

Wenn es gefühlt um Alles oder Nichts geht, dann fallen Hemmungen. Mit wütender Stimme greift eine Mieteninitiativ-Sprecherin den im Saal anwesenden Robert Ide vom Tagesspiegel an. Direkt an ihn gewandt, fordert sie ihn auf, zu einem seiner Artikel Stellung zu nehmen. Ide beginnt tatsächlich, sich zu erklären. Eine ängstigende Szene, in der eine aufgebrachte Menge sich einen einzelnen Journalisten vornimmt. Und Andrej Holm? Er bleibt still. Sein Mikro im Schoß.

Andrej Holm ist kein Politiker. Er sagt: „Ich war im Politikbetrieb, rein atmosphärisch gefällt es mir hier besser.“ Dieser Satz findet den stärksten Applaus an diesem Abend. Als Stadtsoziologe hat er über Mieterhöhungen aus wissenschaftlicher Sicht geschrieben. Auf der Webseite der Humboldt-Universität hat er neben der Vorstellung seiner Person gut sichtbar eine Studie über Weddinger Mietverhältnisse verlinkt. Die Leute – auch an diesem Abend wieder – machen aus seinen wissenschaftlichen Thesen ein kurzes Fazit: „Auch in meiner Ecke, wo ich wohne, kommen schon die ersten Bars und Clubs“.

„Ohne Polarisierung gibt es keine andere Stadt und keine andere Wohnungspolitik“, sagt Andrej Holm. Ganz ruhig und gelassen spricht er. Als befände er sich in einem Seminar. Er sagt, die „Kräfteverhältnisse müssen sich ändern“. Und: „Wir“ dürfen uns „nicht auf die Koalition verlassen, wir müsen sie treiben“. Er spricht mit weicher Stimme. Man könnte sie charmant nennen. Doch die Leute im Saal schimpfen. Lautstark. Andrej Holm lächelt dazu.

Text und Fotos: Andrei Schnell


9 Kommentare
  1. Früher hieß es. Wedding der Bezirk der Asozialen, Penner und Randgruppen. Alles Quatsch, ich wohne seit 40 Jahren hier
    und zwar in der Soldiner Straße, wo es am schlimmsten sein soll. Jetzt ist meine Wohnung verkauft worden, die Eigenbedarfs-
    kündigung liegt vor. d.h. Ich soll verschwinden. Ja sie sind gelandet, die asozialen Gentrifizierer!!

  2. Was soll den einfach sein?

    Solange § 14 Abs. 2 GG nicht umgesetzt wird, brauchen wir das Thema Gentrifizierung nicht weiter zu diskutieren oder?

    Was das Thema Monostrulturen betrifft, sei es Bars, Clubs oder auch Gaststätten, gibt es immer noch eine Baunutzungsverordnung, die m.E. oftmals leider nicht angewandt wird.

    Siehe auch https://www.ahgz.de/regional-und-lokal/neue-kneipen-sind-unerwuenscht,200012205801.html

    Zwar aus dem Jahr 2013 aber sicherlich immer noch für die Stadtplanung aktuell

  3. wenn ich dass lese:

    Die Leute – auch an diesem Abend wieder – machen aus seinen wissenschaftlichen Thesen ein kurzes Fazit: „Auch in meiner Ecke, wo ich wohne, kommen schon die ersten Bars und Clubs“.

    Dann gehört der Weddingweiserdoch auch zu den Förderern der Gentrifizierung im Wedding, siehe:

    https://weddingweiser.de/tag/bar/

    oder täusche ich mich 🙂

    1. Aber ist es denn überhaupt so einfach?

      1. Nachtrag:
        -http://www.kreuzhainer.de/politik/amt-beginnt-verbieten-neuer-bars-im-graefekiez/

        Es wäre sicherlich interessant zu erfahren, ob das Planungsamt in Mitte das Thema auch schon einmal auf die Agenda gesetzt hat oder wie wäre es mit einer Anfrage an die BVV?

  4. […] Es ist Montagabend, der 16. Januar. Im ExRotaprint in der Weddinger Gottschedstraße spricht Andrej Holm. / Weiterlesen auf http://www.weddingweiser.de. […]

  5. Danke! Sehr guter Bericht. Ein Kritiker der Gentrifizierung wurde mundtot gemacht. Die Verdrängung der angestammten Wohnbevölkerung im Wedding und in Gesundbrunnen geht weiter.

    1. Man hätte ihn mundtod gemacht wenn er verbeamtet worden wäre und nicht umgekehrt. Offensichtlich sind sich einige gar nicht bewußt was mit dem Job als Staatssekretär geknüpft ist, da ist eigene Meinung nicht mehr gefragt, da muss man machen was der Senat vorgibt. Außerdem können ja die Linken jetzt nochmals einen Kritiker der Gentrifizierung auf den Posten setzen. Sollte dies nicht geschehen würde ich mir mal Gedanken über Die Linke machen. Sollte er er einzige gewesen sein, heißt es ja auch das Lompscher fehl besetzt ist.

      1. sagen wir mal so; seit DieLinke dem verkauf und der umwandlung der GSW in eine AG ohne not zugestimmt hat, mache ich mir weder ernsthaft gedanken über die prioritäten der parteiführung, noch glaube ich deren vertretern auch nur ein wort mehr.

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