Neue Straßennamen, alte Probleme

Nun ist es beschlossene Sache: Die drei umstrittenen Straßennamen im Afrikanischen Viertel werden durch neue Namen ersetzt, so hat die Bezirksverordnetenversammlung entschieden. Für den Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße sind die Namen Bell-Platz und Cornelius-Fredericks-Straße vorgesehen. Für die Petersallee sind sogar zwei neue Namen beschlossen worden. Der Westteil soll Maji-Maji-Allee, der Ostteil Anna-Mungunda-Allee heißen.

Wedding bekommt ein französisches Viertel

Ein Mini-Eiffelturm vor dem Centre Français
Das Centre Français soll das Zentrum des neuen Viertels werden.

Aprilscherz Eine überraschende Wendung gibt es bei der Umbennung von drei Straßen im Afrikanischen Viertel. Der Frankreichbeauftragte des Bezirks Mitte hat kurz vor Ostern überraschend  sein Veto  gegen den aktuellen Umbenennungsbeschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) eingelegt. Nach diesem sollten die Lüderitzstraße, die Petersallee und der Nachtigalplatz neue Namen nach afrikanischen Persönlichkeiten bekommen. Der nun vorliegende Vorschlag, der auf breite Zustimmung stößt, will französische Namen für alle Straßen im Afrikanischen Viertel.

Straßenumbenennung: Pro und Contra zum Juryverfahren

Afrikanisches Viertel, Kameruner Straße Ecke Togostraße
Kameruner Straße Ecke Togostraße

Zum Verfahren, wie die Vorschläge für neue Straßennamen im Afrikanischen Viertel erarbeitet wurden, hat es viel Kritik gegeben. Die Anwohner seien nicht beteiligt, Bürgervorschläge ignoriert und Wissenschaftler nicht involviert worden, so die Vorwürfe. Daniel Gollasch vom Kreisvorstand Mitte von Bündnis 90/Die Grünen verteidigt das Vorgehen der Jury, die nur ausgeführt habe, was das Bezirksparlament beschlossen hat. Anwohner Joachim Faust wünscht sich jedoch eine Aufarbeitung des Juryverfahrens, eine unzweifelhafte Namensgebung und einen bürgernahen Umgang mit den Betroffenen.

Neue Straßennamen: Die Chance der Debatte

infostele-afrikanisches-viertel
Infostele „Afrikanisches Viertel“

Aktualisiert: Kommentar Wir haben viele Jahre Diskussion hinter uns, in denen es um die gut gemeinte Umbenennung von Straßen im Afrikanischen Viertel geht. Niemand will, dass mit Straßennamen Kolonialverbrecher geehrt werden. Die aktuelle Debatte kann viel dazu beitragen, handwerkliche Fehler bei den neuen Straßennamen zu vermeiden.

Umstrittene neue Namen im Afrikanischen Viertel

Aktualisiert 6.6.17 Der Gesang der Nachtigall aus den nahen Rehbergen ist es nicht, dem der Nachtigalplatz seinen Namen verdankt. Vielmehr wird der als Kolonialist geltende Forscher Gustav Nachtigal geehrt. Auch Adolf Lüderitz, der sich große Ländereien mit Tricksereien erschwindelte, wird mit einer Straße im Wedding gewürdigt. Damit, dass ihre Namen aus dem Straßenbild getilgt werden, möchte der Bezirk Mitte diese Personen nicht mehr ehren.  Nach massiver Kritik an einem der ausgewählten Namen fordert die Bezirksstadträtin jetzt die Jury auf, eine Ersatznominierung vorzunehmen.

Togo bald keine „Kolonie“ mehr

Berlin kann von sich behaupten, 925 Kleingartenanlagen mit mehr als 73.000 Parzellen¹ zu besitzen. Wenn eine Kleingartenkolonie Geburtstag feiert, ist das nichts Besonderes. Doch wenn der „Dauerkleingartenverein Togo“ sein 75 . Jubiläum feiert, ist das für den Bezirksbürgermeister Christian Hanke ein Grund, den Kleingärtnern einen Besuch abzustatten. Wenn auch nicht der Hauptgrund…

Bunte Mischung Kameruner Straße: Western-Atmosphäre

Ob Stadtrat Ernst Friedel, Leiter des Märkischen Museums und Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins, sich hätte träumen lassen, dass eines Tages viele Afrikaner in der Kameruner Straße wohnen würden? Er war über Jahrzehnte hinweg als Dezernent für Straßenbenennungen zuständig. 1899 schlug der Berliner Magistrat vor, die Straßen zwischen der Müllerstraße und der Jungfernheide nach dem „Kolonial-Besitz“ des Deutschen Reiches zu benennen. Damit wollte es die Reichshauptstadt anderen Hauptstädten gleichtun, die ihre Straßen mit den Namen ihrer kolonialen Erwerbungen schmückten.

Togostraße Kameruner Str.„Für uns ist die Adresse Kameruner Straße 1 kein Zufall“, sagt Christian Kopp, Vorstand des Vereins Berlin Postkolonial e.V., dessen Gemeinschaftsbüro mit AfricAvenir International und dem Tanzania-Netzwerk im Eckhaus zur Müllerstraße liegt. „Da wir immer häufiger in Deutschlands größtem Kolonialviertel mit Bildungsprojekten und postkolonialen Stadttouren präsent sind, lag es nahe, den Arbeitplatz hierher zu verlegen.“ Von der Atmosphäre im Kiez ist der Historiker begeistert: es sei toll zu sehen, wie die Kameruner Straße, die an die gewaltsame Kolonisierung Kameruns durch Deutschland erinnert, nun ironischerweise von immer mehr Menschen aus eben diesem Land bewohnt wird. 25 000 Afrikanerinnen und Afrikaner soll es inzwischen in Berlin geben und das Afrikanische Viertel in Berlin macht da keine Ausnahme. Für die Versorgung mit afrikanischen Lebensmitteln ist „Monsieur Ebeny“ zuständig, der aus Kamerun stammt und in genau dieser Straße seinen Laden eröffnen wollte. Der groß gewachsene Mann, der am liebsten Französisch spricht, ist stolz auf seinen Africa Market in der Hausnummer 6 mit den knallroten Regalen. Mit dem Bantou Village gibt es auch ein afrikanisches Restaurant.

Eine andere Zeitschicht, wie aus einer anderen Welt: in der Hausnummer 4 stand von 1955 bis 1964 das „Valencia“-Kino, mit einer besonders großen Leinwand und einer ungewöhnlichen Innenarchitektur, bei der der Rang auf beiden Seiten bis ins Parkett gezogen war. Heute erinnert nichts mehr an dieses Lichtspieltheater, das das große Kinosterben der Sechzigerjahre nicht überlebte. Dafür ist neues Leben auf das Nachbargrundstück eingezogen. Roy Dunn’s Western Store Lucky Star in der Kameruner Str. 3 ist seit über 30 Jahren einer der ältesten Läden im Kiez. Hinter der originellen an eine Westernstadt erinnernden Fassade gibt es eine große Auswahl für Großstadt-Cowboy-Accessoires wie Stiefel, Hemden und natürlich Cowboyhüte.

Ungewöhnliche Häufung von Manufakturen

Ironisch-verspielte Porzellan-Chihuahuas Je weiter man in die 700 Meter lange Kameruner Straße hineingeht, desto mehr ungewöhnliche Läden findet man. Dieser Teil des Wedding zieht derzeit Menschen geradezu magisch an, die Dinge von Hand herstellen oder Handwerkliches gestalten. Solcherlei städtische Entwicklungen lassen sich nicht auf die Schnelle erklären. „Entscheidend für die Ansiedlung von Unternehmen der Kreativwirtschaft ist immer, dass Gewerberäume zu bezahlbarer Miete zur Verfügung stehen“, sagt Eberhard Elfert, der im November 2012 anlässlich der „Wedding Works“ Führungen zu den Manufakturen angeboten hat. Ein Kreis schließt sich: gerade diese neuen Gewerbebetriebe ziehen in Räumlichkeiten, die um 1900 ebenfalls für Handwerksbetriebe gedacht waren. Dass es sich hierbei um Bauten des Jugendstils handelt, fällt aufgrund der in den sechziger Jahren abgeschlagenen Fassaden nicht direkt ins Auge.

Die Erzeugnisse der Kameruner Straße

Im Haus der feinen Kost, Kameruner Str. 14 (Foto: HDFK)

Eine außergewöhnliche Schmuck-Kollektion bietet die 30-jährige bulgarische Künstlerin Anna Kiryakova in ihrem Showroom in der Kameruner Str. 8 an. Sie kombiniert edle Materialien mit Keramik und erzeugt oft sehr feine Oberflächenstrukturen. Und gleich um die Ecke in der Lüderitzstraße 13 werden Accessoires aus Leder (Leevenstein) und Figurinen aus Porzellan in Handarbeit hergestellt.

Edles wurde viele Jahre lang auch im Haus der feinen Kost in der Hausnummer 14 produziert, nämlich Berliner Dressing. Das veredelt Salate, Grillgut oder ein Brot. Die ungewöhnlichen Salatdressings ausschließlich aus Naturprodukten werden vom Designer Adam Mikusch selbst hergestellt und auf Wochenmärkten verkauft. Und gleich nebenan, an der Ecke Togostraße, befindet sich auch einer der wenigen Bioläden im Wedding.

Kleingärten am Ende der Straße

In Richtung Afrikanische Straße wird die Kameruner Straße immer lockerer bebaut. Nur die Kneipe Alt-Wedding in der Kameruner Str. 19 Ecke Guineastraße vermittelt noch das Gefühl, dass man sich hier in einem typischen Berliner Kiez befindet.  Am Ende der Straße, wo nur noch Nachkriegs-Zeilenbauten stehen, wird es wieder kolonial, diesmal aber in Form einer Dauerkleingartenkolonie namens Kamerun.

Von den von einigen Nichtregierungsorganisationen und Kommunalpolitikern geforderten Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel, gegen die sich zahlreiche Bewohner aussprechen, ist die Kameruner Straße übrigens nicht betroffen.  M.S. Mboro, Vorstand bei Berlin Postkolonial e.V. wünscht sich: „Der Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel soll den afrikanischen Berlinerinnen und Berlinern eines Tages die Möglichkeit geben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.“ Egal, wie die Debatte über die Umbenennung von Straßen ausgeht, wäre die historische Einordnung der kolonialen Straßennamen mit Hilfe von Zusatztafeln und Infotafeln eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einem kolonialen Lern- und Gedenkort. In der langen Geschichte der Kameruner Straße mit ihrer bunten Bewohnerschaft und den vielen innovativen Geschäftsideen wäre dies nur eine weitere Facette. Und die Berliner werden wohl auch weiterhin „Kameruner“ beim Bäcker kaufen, einen Hefeteig-Krapfen in Form einer Acht…