Aktualisiert

Wandlungsfähige Meile:
Grüntaler Straße: Der Wandel kommt von Süden

Kultur, Kneipe, Kiezgenuss - diese extrem breite Gesundbrunner Straße mit einer abwechslungsreichen Geschichte ist im besten Sinne Wedding.

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Eckkneipe Beim Dicken Grüntaler Straße Gesundbrunnen
Foto: Samu­el Orsenne

Lan­ge war sie eine unauf­fäl­li­ge Wohn­stra­ße, nur weni­ge hun­dert Meter von der ehe­ma­li­gen Zonen­gren­ze an der Born­hol­mer Brü­cke ent­fernt. Doch seit eini­gen Jah­ren tut sich etwas in der Grün­ta­ler Stra­ße in Gesund­brun­nen– vor allem an ihrem süd­west­li­chen Ende. Neben neu­en Bars gibt es auch einen Laden mit Büchern über elek­tro­ni­sche Musik und die Mög­lich­keit, in eine Per­for­mance zu geraten.

Wer das Gefühl der Abge­schie­den­heit in der Metro­po­le Ber­lin ver­misst, der soll­te sich ans nörd­li­che Ende der Grün­ta­ler Stra­ße in Gesund­brun­nen bege­ben. Schon bevor man die dor­ti­ge Bahn­brü­cke unter­quert, begin­nen die ers­ten Klein­gär­ten. Im ehe­ma­li­gen Grenz­ge­biet ist es bis auf vor­bei­fah­ren­de Züge immer noch ruhig und gänz­lich unspek­ta­ku­lär. Bis zur Kreu­zung mit Born­hol­mer und Oslo­er Stra­ße wer­den die bei­den Sei­ten der Grün­ta­ler Stra­ße durch eine brei­te und modern gestal­te­te Grün­an­la­ge geteilt. Auf dem Spa­zier­weg ver­liert sich an die­sem Nach­mit­tag eine ein­sa­me Frau mit Hund. Die Zeit könn­te hier ste­hen geblie­ben sein, sieht man von eini­gen sanier­ten Alt­bau­ten in der vom Bau­stil her viel­fäl­ti­gen Stra­ße ab.

Schon gewusst? Ent­lang der Grün­ta­ler Stra­ße ver­lief ab 1842 die “Stet­ti­ner Bahn”. Die eben­erdi­ge Tras­se, die noch heu­te durch die feh­len­den Häu­ser wahr­nehm­bar ist, wur­de 1897 auf­ge­ge­ben und durch die heu­ti­ge tie­fer­ge­leg­te Tras­sen­füh­rung zwi­schen Gesund­brun­nen und Born­hol­mer Stra­ße ersetzt. Ein Wand­ge­mäl­de an einem der Spiel­plät­ze und eine Gedenk­ta­fel an der Ecke Oslo­er Stra­ße neh­men dar­auf Bezug. 

Dass “der Wed­ding kommt” – wie schon seit Jah­ren behaup­tet wird – ist an die­ser Stel­le im Orts­teil Gesund­brun­nen noch nicht zu sehen. Natür­lich, es gibt da die­se “Kegel-Stu­be”, aber da wer­den doch kei­ne Hips­ter …? Nun, sagen wir es so: In dem Lokal am “dunk­len Ende der Stra­ße” (Selbst­be­schrei­bung im Inter­net), das in Wahr­heit “Kugel­bahn” heißt, kann man im Kel­ler tat­säch­lich ganz alt­mo­disch kegeln. Oben ste­hen dage­gen Second-Hand-Möbel und an der Wand wer­den gele­gent­lich Bil­der aus­ge­stellt. Es gibt Bier und Long­drinks zu ver­nünf­ti­gen Prei­sen und manch­mal Live-Musik. Kreuz­kölln ist das nicht, aber auch kei­ne klas­si­sche Nach­bar­schafts­knei­pe für alt­ein­ge­ses­se­ne Bewoh­ner. In Coro­na-Zei­ten ver­wan­del­te sich die Kugel­bahn gar in einen Kul­tur-Spä­ti.

Gruentaler Straße

Eckkneipe und Szene-Bar

Bellermann Grüntaler Str

Die ech­te Knei­pe gibt es dafür im wei­te­ren Ver­lauf der Stra­ße, wenn man die Oslo­er Stra­ße über­quert hat: Sie liegt an der Ecke Bel­ler­mann­stra­ße und trägt den schö­nen Namen “Beim Dicken”. Ansons­ten pas­siert man auf dem Weg nach Süd­wes­ten meh­re­re Spiel­plät­ze und Wand­ge­mäl­de. Viel getan hat sich auf dem letz­ten Abschnitt der Grün­ta­ler, bevor die­se in die viel­be­fah­re­ne Bad­stra­ße mün­det. Der Bahn­hof Gesund­brun­nen und die U 8 sind hier nicht mehr weit. Es begann um das Jahr 2010, als eine klei­ne Bar eröff­ne­te, die sich durch ein umge­dreh­tes ‘F’ auf dem Schild aus­weist, aber auch als Fos Bar bekannt ist. Etwas spä­ter eröff­ne­te gleich neben­an das Studio8 – eine Mischung aus Café, Bar und Aus­stel­lungs­raum mit regel­mä­ßi­gen Ver­an­stal­tun­gen. Aber inzwi­schen gibt es auch ein Eis­ca­fé, ein ita­lie­ni­sches Restau­rant und wei­te­re Gastronomie. 

Grüntaler 9 (C) QIEZ
Grüntaler 9 © QIEZ

Eben­falls seit 2011 gibt es in der Grün­ta­ler Stra­ße 9 einen Raum, den man beim Vor­bei­lau­fen nicht zuord­nen kann. Traut man sich trotz feh­len­den Schilds hin­ein, ist es nicht unwahr­schein­lich, dass man Teil einer Per­for­mance wird. Denn dar­um geht es hier – per­for­ma­ti­ve Kunst – und jeder ist ein­ge­la­den mit­zu­ma­chen. Tee­na Lan­ge grün­de­te das “Grüntaler9″ ursprüng­lich zusam­men mit einem indi­schen Per­for­mance-Künst­ler; nun unter­sucht sie in wech­seln­den per­so­nel­len Kon­stel­la­tio­nen die Schnitt­stel­len zwi­schen Leben und Kunst. Auch die Ver­än­de­run­gen auf der Grün­ta­ler Stra­ße sind ein The­ma. Die Künst­ler wer­den dabei sel­ber zu Akteu­ren, plat­zier­ten etwa ein rie­si­ges Paket auf dem Geh­weg vor dem Laden. Lan­ge beschreibt die Reak­tio­nen der Anwoh­ner als neu­gie­rig, manch­mal kri­tisch, aber nie feindselig.

Die kreative Straße am Gesundbrunnen

Den inter­es­san­tes­ten Laden in der Nach­bar­schaft gab es ab 2013 für ein paar Jah­re. Echo Bücher des aus Bar­ce­lo­na stam­men­den David Armen­gou war alles ande­re als ein nor­ma­ler Buch­la­den. Dort ver­kauf­te Armen­gou Lese­stoff für Freun­de der elek­tro­ni­schen Musik, aber auch Schall­plat­ten, Kunst und Stoff­tie­re, die auf Knopf­druck Tech­no machen. “Ich habe mich sofort in die Stra­ße ver­liebt”, erzähl­te der Betrei­ber über sei­ne Stand­ort­wahl. Natür­lich sind auch die Mie­ten hier güns­ti­ger als etwa im Gleim­kiez in Prenz­lau­er Berg, wo Armen­gou wohnte.

Bis­her ist es nur ein Fleck­chen am süd­west­li­chen Ende der Grün­ta­ler Stra­ße, wo der Wan­del wirk­lich sicht­bar wird. Sei­ne Prot­ago­nis­ten ken­nen sich fast schon zwangs­läu­fig. Zu stö­ren schei­nen ‘die Neu­en’ auf den ers­ten Blick nie­man­den. Mit den Mit­ar­bei­tern des benach­bar­ten Fri­seurs Al Hadi ver­ste­he man sich jeden­falls bes­tens, sagt Tee­na Lange.

Autor: Niko­laus Tri­an­ta­fill­ou, bear­bei­tet von der Weddingweiser-Redaktion

Die Ursprungs­fas­sung ist bei unse­rem Koope­ra­ti­ons­part­ner QIEZ.de erschienen.

Gastautor

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4 Comments

  1. […] Die Grün­ta­ler Stra­ße ist wohl eine der ange­sag­te­ren Stra­ßen im öst­li­chen Wed­ding. Von hier aus könn­te sich die­ses Gebiet nahe des Bahn­hofs Gesund­brun­nen, das geo­gra­fisch doch so nah am Prenz­lau­er Berg und doch Wel­ten von ihm ent­fernt ist, zu einem ange­sag­ten Aus­geh­vier­tel ent­wi­ckeln. Ganz unab­hän­gig davon, ob man sich das nun wün­schen soll oder nicht, steht eines aber fest: Die Bar mit dem umge­dreh­ten grü­nen F davor gibt es hier nicht erst seit ges­tern. Mit ihrer brei­ten Aus­wahl an Bie­ren und Drinks hat sie sich nicht im Kiez, son­dern auch im Nacht­schwärm­er­le­ben Ber­lins fest etabliert. […]

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