Wie es mit der Fischerpinte am Plötzensee weitergeht, ist auch nach der Veranstaltung völlig offen. Im Mittelpunkt standen weniger fertige Lösungen als unterschiedliche Vorstellungen davon, was von dem traditionsreichen Ort erhalten bleiben soll – und wie stark er sich verändern muss. Die Moderatorin Lisa Strehmann von der Evangelischen Kirche führte ruhig und klar durch die kontroverse Diskussion; zugleich war es Christopher Schriner (Bündnis 90/Die Grünen) anzurechnen, dass er sich einem Publikum stellte, das seinen Plänen überwiegend ablehnend gegenüberstand.


Ein beliebter Ort mit komplizierter Rechtslage
Die Fischerpinte besteht in unterschiedlicher Form seit über 100 Jahren. Jahrzehntelang vereinte sie einen kleinen Imbiss mit einem Bootsverleih und ermöglichte einen Aufenthalt auf Stegen direkt am Wasser. Nach dem Tod des langjährigen Pächters im Winter ist der Betrieb aber auf unbestimmte Zeit geschlossen.
Das Grundstück gehört zwar dem Bezirk Mitte, die Gebäude und Anlagen jedoch nicht. Ob und welche Erben in den alten Nutzungsvertrag eintreten, wird derzeit vom Amtsgericht geklärt. Solange die Eigentumsverhältnisse offen sind, kann der Bezirk weder über die Gebäude verfügen noch ohne Weiteres eine legale Übergangslösung ermöglichen. Soweit die Lage.
Schriner machte deutlich, dass der bisherige Vertrag aus Sicht des Bezirks keine tragfähige Grundlage für die Zukunft bietet. „Sie gehören uns nicht“, sagte er mit Blick auf die alten Gebäude, die er auch unansehnlich findet. Nun gebe es die Chance, den Ort langfristig neu zu ordnen.


Was der Verein erhalten möchte
Für den Verein ist die Fischerpinte weit mehr als ein gastronomischer Betrieb. Sie sei ein bezahlbarer und niedrigschwelliger Treffpunkt gewesen, an dem ältere Menschen, Studierende, Familien und Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkamen. Der Vereinsgründer und Fischerpinten-Aktivist Andaras Hahn bezeichnete sie als „schönsten Ort im Wedding“. Die Mitgründerin Svenja Wagner betonte, dort seien „Erholung, Begegnung und Genuss zu niedrigen Preisen“ möglich gewesen. Solche Orte gebe es kaum noch.
Der Verein wirbt deshalb dafür die bisherigen Kernelemente zu erhalten: Imbiss, Steg und Bootsverleih. Ein rein ehrenamtlicher Betrieb sei allerdings nicht realistisch. Gastronomie und Bootsvermietung müssten Einnahmen erwirtschaften, um Personal und laufende Kosten zu finanzieren.
Gegen Veränderungen wehrt sich der Verein aber grundsätzlich nicht. „Es ist kein Museum“, sagte Wagner. Die Gebäude dürften renoviert, der Zugang barrierefrei gemacht und das Angebot um Umweltbildung ergänzt werden. Denkbar seien Angebote für Schulen, Informationen über den See und ein verantwortungsvoll beaufsichtigter Bootsverleih.


Was der Bezirk verändern will
Auch Schriner sprach sich für einen Aufenthaltsort am Wasser und ein gastronomisches Angebot aus. „Ich bin dabei, dass es am See einen Imbiss geben sollte“, sagte er. Ein bloßer Aussichtspunkt sei nicht das Ziel. Er lehnt es jedoch ab, den bisherigen Betrieb unverändert fortzuschreiben. Die künftige Nutzung müsse mit dem Grünanlagengesetz, dem Landschaftsschutz und dem Uferschutz vereinbar sein. Zudem gehe es um Barrierefreiheit, Toiletten, den baulichen Zustand und eine stärkere öffentliche Zugänglichkeit.
Der Bezirk strebt ein offenes Interessenbekundungsverfahren an. Dabei sollen sich unterschiedliche Träger mit Konzepten bewerben können. Schriner möchte weder einen bestimmten Betreiber noch den Bootsverleih im Vorfeld festschreiben. „Dass das schon immer so war, ist für mich kein Grund“, sagte er.
Gleichzeitig räumte er ein, dass ein ausschließlich gemeinnütziger oder ehrenamtlicher Betrieb kaum funktionieren werde. „Dass man da teilgewerblich und zugleich gemeinnützig sein muss, ist mir bewusst.“ Personal aus dem Bezirkshaushalt könne es angesichts der Finanzlage keineswegs geben.


Der Streit um Zaun und Zugang
Besonders kontrovers wurde über den Zaun um die Fischerpinte diskutiert. Schriner hält es grundsätzlich für problematisch, einen Teil einer öffentlichen Grünanlage abzusperren. Weil der Steg das Ufer bereits schütze, benötige man dort keinen Zaun – zumindest nicht für den Erosionsschutz. „Es muss einen guten Grund geben, um eine Grünanlage abzusperren. Den sehe ich hier nicht.“
Viele Gäste widersprachen. Sie verwiesen auf Vandalismusschutz, nächtliche Ruhe für die Natur und die soziale Kontrolle während der Öffnungszeiten. Hahn argumentierte: „Die Boote müssen geschützt werden.“ Niemand brauche einen rund um die Uhr geöffneten Steg. Strittig ist also, ob öffentliche Zugänglichkeit einer Grünanlage jederzeit gelten muss oder auch durch feste Öffnungszeiten gewährleistet werden kann.
Naturschutz und sozialer Wert
Der Bezirk betrachtet die Fischerpinte als Teil des gesamten Plötzensees. Der See reagiert empfindlich auf Ufererosion, Nährstoffeinträge und hohen Nutzungsdruck. Schriner warnte davor, die ökologische Lage zu unterschätzen: „Ein Kippen des Sees wäre ein finanzielles Desaster.“
Der Verein stellt den Naturschutz nicht grundsätzlich infrage, auch nicht den Zaun um große Teile des natürlichen Ufers. Er argumentiert jedoch, dass ein beaufsichtigter Betrieb sogar zum Schutz beitragen könne. Früher habe das Personal darauf geachtet, dass die Boote nicht in sensible Uferbereiche fuhren.
Im Publikum stand vor allem der soziale Wert im Mittelpunkt. Die Fischerpinte sei eine bezahlbare Alternative zum Strandbad gewesen. Ein Anwohner beschrieb sie als einen Ort, an dem „Muslime und Christen nebeneinander“ säßen, einen „Ort des Friedens“. Andere warnten davor, dass der Plötzensee Menschen mit wenig Geld Stück für Stück entzogen werde – das Strandbad sei für viele unbezahlbar.
Schriner widersprach dem Eindruck, der soziale Nutzen spiele keine Rolle. Niedrige Preise und ein niedrigschwelliges Angebot könnten Teil einer späteren Ausschreibung werden. Ein „Alles so lassen wie heute“ lehne er jedoch ab.


Beteiligung und Misstrauen
Der Verein und viele Gäste vermissten ein klares politisches Bekenntnis zum Erhalt der bisherigen Struktur. Mehr als 1.400 Menschen hatten bereits einen Einwohnerantrag unterstützt, mehrere Tausend eine Onlinepetition unterschrieben. Schriner räumte ein, dass die Verwaltung transparenter kommunizieren müsse. Die Debatte zeige ein großes Misstrauen und die Sorge, dass die Interessen der Nachbarschaft nicht ernst genommen würden. „Wir müssen da offensiver kommunizieren und unsere Prozesse transparenter machen.“ In Zukunft sei eine Bürgerbeteiligung sinnvoll, um die Bedarfe für den Ort zu ermitteln. Offen blieb, wie stark deren Ergebnisse das spätere Vergabeverfahren prägen werden.
Diashow: So war die Fischerpinte bis 2026
Gemeinsame Punkte, offene Konflikte
Trotz der scharfen Debatte gibt es viele Schnittmengen. Weder der Verein noch Bezirksstadtrat wollen eine exklusive oder hochpreisige Gastronomie. Beide halten einen sozialen Treffpunkt, ein einfaches gastronomisches Angebot, Umweltbildung und bauliche Verbesserungen grundsätzlich für sinnvoll.
Die wesentlichen Streitpunkte bleiben der Bootsverleih, der Zaun um die Fischerpinte und die Frage, wie stark der bisherige Charakter des Ortes erhalten werden soll.
Der Verein wirbt dafür die Fischerpinte weiterzuentwickeln, ohne ihre Kernelemente aufzugeben. Der Bezirksstadtrat will zunächst offen prüfen, welche Nutzung rechtlich zulässig und dauerhaft tragfähig ist. Am Ende geht es damit nicht nur um die Rettung eines Gebäudes, sondern um die Frage, ob die Fischerpinte künftig noch als Fischerpinte erkennbar bleibt.
Der Abend war voller Erkenntnisse. Der Stadtrat zeigte sich verblüfft, dass der Zaun und das bisherige Aussehen der Pinte bei der überwiegenden Zahl der anwesenden Bürger:innen kein Problem darstellen. Und die Anwesenden erfuhren, dass der Bezirk grundsätzlich nichts gegen einen Zugang zum See hat. Was der Ort Fischerpinte aber ist, jetzt und vor allem in Zukunft, darauf konnte man sich nicht verständigen. Der Streit könnte also weitergehen.
Fotos Kapernaumkirche: Sebastian Wischmann











