

Wer an der Kreuzung Afrikanische Straße / Swakopmunder Straße vorbeigeht, übersieht ihn leicht: einen schlichten Gedenkstein mit dem Porträt von Friedrich Ebert. Er steht etwas zurückgesetzt im Grünen – und markiert den Eingang zu einer der spannendsten, aber oft unterschätzten Wohnanlagen des Stadtteils.
Ein demokratisches Bauprojekt

Die Friedrich-Ebert-Siedlung entstand zwischen 1929 und 1931 als Teil des großen kommunalen Wohnungsbauprogramms der Weimarer Republik. Bauherr war der Spar- und Bauverein „Eintracht“, politisch eng verbunden mit der Sozialdemokratie. Die Grundsteinlegung erfolgte 1929 – unter Beteiligung von Luise Ebert, der Witwe des Reichspräsidenten.
Mit der Planung wurden die Architekten Paul Mebes und Paul Emmerich sowie der Stadtplaner Bruno Taut beauftragt. Ihr Konzept folgte einem klaren Leitbild: Licht, Luft und Sonne für alle, nicht nur für Wohlhabende.


Das Ergebnis war ein frühes Beispiel der Zeilenbauweise. Die Gebäude stehen nicht mehr im geschlossenen Blockrand, sondern parallel zueinander in einer offenen, durchgrünten Landschaft. Alle Wohnungen sind gleich ausgerichtet, erhalten ähnlich viel Tageslicht und frische Luft. Architektur wurde hier als Ausdruck sozialer Gleichheit verstanden.
Typisch für die Siedlung sind klare, kubische Baukörper, flache Dächer, glatte, schmucklose Fassaden und Glas-Loggien als kleine Wintergärten Rund 1.400 Wohnungen entstanden so – meist kompakte Zweiraumwohnungen mit Bad, Küche und Loggia.



Zwei Teile, zwei Handschriften
Die Siedlung besteht aus zwei deutlich unterscheidbaren Bereichen:



Östlich der Togostraße (Mebes & Emmerich):
Die Zeilen sind dichter gesetzt und in der Höhe gestaffelt. Kopfbauten strukturieren die Zwischenräume. Zur Müllerstraße hin schirmte ursprünglich eine Ladenzeile die Siedlung vom Verkehr ab.
Westlich der Togostraße (Bruno Taut):
Hier stehen die Gebäude weiter auseinander, leicht versetzt und mit größeren Grünflächen. Eine gebogene Häuserzeile an der Swakopmunder Straße bildet einen markanten Abschluss.



Heute zeigt sich auch ein anderer Unterschied:
Während einzelne Abschnitte – vor allem zwischen Afrikanischer und Togostraße – weiß saniert sind, wirkt der größere Teil der Siedlung weiterhin grau, teilweise gealtert, mit sichtbaren Spuren jahrzehntelanger Nutzung.
Brüche der Geschichte



Die politische Geschichte der Siedlung spiegelt sich direkt im Stadtraum. Der Ebert-Gedenkstein wurde 1932 feierlich eingeweiht – nur wenige Monate vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. 1933 verschwand er wieder, ebenso wie der Name der Siedlung. Sie wurde in „Eintracht“ umbenannt. Erst 1970 kehrte der Gedenkstein zurück – als Nachbildung der Bildhauerin Gertrud Bergmann, am ursprünglichen Standort.
Auch baulich kam es zu Brüchen: Zwischen 1937 und 1939 wurde die Anlage erweitert – nun jedoch im Stil der NS-Zeit. Statt Flachdächern und Glasloggien entstanden rund um den Manga-Bell-Platz (früher: Nachtigalplatz) und in Richtung Otawistraße Gebäude mit Satteldächern, kleineren Fenstern und stärker geschlossenen Blockrändern. Die moderne, offene Architektur der frühen Jahre wurde bewusst zurückgedrängt.



Alltag im langen Schatten der Idee
Wer heute durch die Siedlung geht, erlebt ein ruhiges, fast abgeschirmtes Quartier. Abseits der großen Straßen liegt ein Netz aus kleinen Wegen, Innenhöfen und grünen Zwischenräumen. Alte Nadelbäume prägen das Bild, ebenso die langen, gleichförmigen Fassaden.
Gleichzeitig zeigt sich vielerorts ein Spannungsfeld: teils aufwendig sanierte Häuser neben sichtbar gealterten Beständen, manchmal gibt es noch historische Materialien wie Metallfenster und Natursteinböden, oft noch im Original – aber punktuell wurde nur instandgehalten statt umfassend erneuert.
Trotzdem gilt die Siedlung als beliebt. Die Wohnungen sind vergleichsweise gut geschnitten, die Lage ruhig, aber verkehrsgünstig, die Wege ins Grüne kurz – der Volkspark Rehberge beginnt direkt nebenan.



Ein Ort mit offenem Ausgang
Die Friedrich-Ebert-Siedlung ist kein klassisches Postkartenmotiv. Dafür erzählt sie viel über den Wedding: über soziale Reformen der Weimarer Zeit, über politische Brüche, über Vernachlässigung und über die Frage, wie mit diesem baulichen Erbe umgegangen wird.



Schöner kleiner Einblick in die Geschichte meiner Nachbarschaft. Vielen Dank!
@blog was mich an der wirklich tollen Architektur immer wieder schockiert, ist wie man diese Beschriftung so dermaßen unsensibel auf so ein ansonsten so fein proportioniertes Gebäude draufklatschen kann. Schlimm 🙁
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Morjen
gut zusammen gefasst. Seit 1980 wohne und Lebe ich hier nun und bin zufrieden das es so ist. Denn würde ich jetzt hier wohnen wollen könnte ich mir absolut die Miete nicht mehr leisten. Gemessen an meiner Warmmiete hat sich die Miete mehr als verdoppelt …. es ist ein Wahnsinn.
Der vordere Teil gehörte wohl mal der Vonovia, die haben das alles schön renoviert, wir hier im hinteren Teil gehören zur Deutsche Wohnen. Die hatten vor gut 7 Jahren die Treppenhäuser renoviert, also in den Originalzustand wieder hergestellt, aber die Aussenfassade nicht, wird jetzt stückweise renoviert, also nur die Balkonseite – aber die Vorderseite wiederum nicht…. sieht man gut auf dem Foto mit der Haustür.
Wer jetzt das Glück hat, das sein Balkon abgerissen wird, wird den Sommer über keine Sonne im Zimmer haben, dafür Dreck und Lärm…. also mit der DW wurde es anders die sollte wirklich keiner als Vermieter haben, es ist nur ärgerlich mit denen, gerade was die Betriebskostenabrechnung angeht…
Nicht ärgern, die Sonne scheint ab rüber in die Rehberge
PS am 18. April ist ein Fest uff’n M.Bell Platz … man sieht sich!!??
Hallo Reinhard, ja, die Mängel haben wir in diesem Artikel bereits beschrieben. https://weddingweiser.de/siedlung-im-dornroeschenschlaf/ Da wollen wir mal hoffen, dass das mit der Balkonsanierung schnell über die Bühne geht!