Versteckt hinter großen Bäumen am Rand des Humboldthains liegt die Himmelfahrtkirche in der Gustav-Meyer-Allee. Am Pfingstsonntag feierte die Gemeinde dort das 70. Kirchweihjubiläum. Unter dem großen Buntglasfenster kamen Besucherinnen und Besucher zum Gottesdienst zusammen, hörten Erinnerungen, sahen historische Dokumente und blickten auf eine Geschichte zurück, die deutlich weiter reicht als die 70 Jahre des heutigen Kirchenbaus.

Denn die Himmelfahrtkirche gab es schon einmal. Doch anders als andere im Krieg zerstörte Kirchen – als Beispiel sei die Dankeskirche am Weddingplatz genannt – wurde sie nicht an der gleichen Stelle wiederaufgebaut. Der alte Kirchenbau stand an der Brunnenstraße, nahe dem heutigen Rosengarten im Humboldthain. Sie wurde 1893 eingeweiht und war ein Bau des Architekten August Orth, der im Kaiserreich mehrere Kirchen entwarf. Anders als der spätere Neubau war die alte Kirche stark von historischen Baustilen geprägt.
Ihr Ende kam in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Am 2. Mai 1945 befahl der General der Artillerie Helmuth Weidling die Einstellung der Kämpfe in Berlin. In seinem Befehl hieß es: „Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung Berlins und unserer Verwundeten.“ Doch an der Brunnenstraße, die in diesen Tagen zur Front geworden war, wurde noch mehrere Stunden weitergekämpft.
Die alte Himmelfahrtkirche war zu diesem Zeitpunkt offenbar weitgehend unversehrt. Trotzdem wurde sie gesprengt. Der Grund: Sie lag in der Nähe zum Hochbunker im Humboldthain. Der dortige Kommandant wollte ein freies Schussfeld haben. Die Kirche war schlicht und ergreifend im Weg – ein Schicksal, das viele Jahrzehnte später die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße teilte, die im Mauerstreifen lag.
An diese zerstörte Kirche erinnert heute ein archäologisches Fenster im Humboldthain. Der Verein Berliner Unterwelten legte dafür 2015 einen Teil der Fundamente frei und machte ihn zugänglich. Unter einem schützenden Dach ist dort der frühere Eingang der Kirche zu sehen. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, aber ein aufschlussreicher: An den Resten sind Sprengbohrungen erkennbar, die von der Zerstörung in den letzten Kriegstagen erzählen. Ein archäologisches Fenster ist eine Ausgrabung, die nicht wieder zugeschüttet wird, sondern am historischen Ort sichtbar bleibt. So lässt sich Geschichte direkt dort betrachten, wo sie passiert ist. In Berlin gibt es solche Fenster unter anderem an der Bernauer Straße und am Berliner Stadtschloss.

Nach der Zerstörung der alten Kirche musste die Gemeinde zunächst ausweichen. Gottesdienste fanden in provisorischen Räumen statt, zeitweise auch in einer Kneipe. Auf Dauer war das keine Lösung. Der Wunsch nach einem neuen Gotteshaus entstand schnell. Der Neubau wurde schließlich nur wenige Gehminuten vom alten Standort entfernt errichtet: an der Gustav-Meyer-Allee, am Rand des Volksparks Humboldthain.
Die Pläne stammten von Otto Bartning, einem der bedeutenden Architekten des 20. Jahrhunderts. In der Nachkriegszeit wurde Bartning vor allem durch seine Notkirchen bekannt – eine befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof II an der Grenzstraße im Wedding. Für die Himmelfahrtkirche am Humboldthain entwarf er dagegen einen Bau aus Beton und Glas mit freistehendem Glockenturm. Die Formensprache ist schlicht, modern und funktional. Die Kirche gilt als Bartnings letzter eigenhändiger Entwurf mit persönlicher Baubetreuung.

Mit dem Bau wurde 1954 begonnen. Am Pfingstsonntag, dem 20. Mai 1956, übergab Otto Bartning der Gemeinde den Kirchenschlüssel. Die neue Himmelfahrtkirche wurde eingeweiht. Auch die Baukosten erzählen von einer anderen Zeit: Geplant waren 490.000 D-Mark, am Ende wurden 512.204 D-Mark ausgegeben.

Bis heute prägt vor allem das große Buntglasfenster hinter dem Altar den Kirchenraum. Es ist 4,50 Meter breit und 9 Meter hoch und besteht aus 28 verschiedenfarbigen Einzelteilen. Sie gehen strahlenförmig von einem tragenden Betonkreuz aus. Gestiftet wurde das Fenster einst von der AEG, entworfen wurde es von Otto Bartning, ausgeführt vom Heidelberger Glaskünstler Will Sohl. Besonders eindrucksvoll wirkt es, wenn am Morgen die Sonne durch das nach Südosten ausgerichtete Fenster in den Kirchenraum fällt.

Eine Ausstellung von Gemeindemitglied Gerhard Ballewski zur Geschichte der Himmelfahrtkirche ist noch bis zum Sonntag in der Gustav-Meyer-Allee 2 zu sehen. Heute am 13. Juni findet ab 15 Uhr ein Gespräch zur Ausstellung statt, die Finissage dauert bis 17 Uhr.

