Schlagworte: SPD

Profi-Fußballer und Politiker haben was gemeinsam

Senator Andreas Geisel (SPD) während einer Wahlkampfveranstaltung. Foto Andrei Schnell.
Senator Andreas Geisel (SPD) während einer Wahlkampfveranstaltung. Foto Andrei Schnell.

Andreas Geisel, der Senator für Stadtentwicklung, kam am 14. Juli ins Brunnenviertel. Maja Lasić, die Direktkandidatin der SPD im Wahlkreis 7 (Brunnenviertel und Sprengelkiez) hatte eingeladen zur Wahlkampfveranstaltung: “Bezahlbares Wohnen im Brunnenviertel. Für alle.” Ein guter Anlass, um zu beobachten, was es heißt, ein Politiker zu sein. Dabei fällt auf, dass die beiden Berufe, der des Politikers und der eines Profi-Fußballers, ein paar Dinge teilen.
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Zoff um neuen Wahlkreis in Mitte

7 Wahlkreise in 2001. Warum nicht wieder so? - Bild: www.wahlen-berlin.de / wikipedia
7 Wahlkreise in 2001. Warum nicht wieder so? – Bild: www.wahlen-berlin.de / wikipedia

Berlin wächst und wächst. Das führt zum einen dazu, dass in Berlin die Wohnungen knapp werden, zum anderen genügt aber auch die Anzahl der Wahlkreise nicht mehr. Deshalb hat der Senat am 6. Juni beschlossen, dass Mitte für die Abgeordnetenhauswahl 2016 einen zusätzlichen Wahlkreis braucht. Bislang zwei Varianten kursieren im Bezirksamt, wie in Mitte aus sechs Wahlkreisen sieben werden könnten.

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„Der Druck ist schon voll da“ – Eine Diskussion im Sprengelkiez zum Thema Mietpolitik

Insbesondere in zentrumsnahen Stadtteilen wie Wedding sind die Anwohner besorgt wegen steigender Wohnkosten. Unter dem Motto „Wohnen muss bezahlbar bleiben“ lud die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Eva Högl am Dienstag zu einer Diskussionsveranstaltung im Sprengelkiez ein.

Reuestimmung in der SPD

Rund 80 Personen kamen am Dienstagabend in den Lindengarten am Nordufer, darunter viele Anwohner aus Tiergarten und Wedding sowie Angehörige verschiedener lokaler Mieterinitiativen. Den Fragen der Gäste stellten sich außer Eva Högl auch Ephraim Gothe, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Bezirksverordnete Janina Körper sowie Siemen Dallmann, Anwohner im Sprengelkiez und Vorsitzender des Vereins „Aktiv im Kiez“.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung wurde klar, dass mit Blick auf die Miet- und Wohnpolitik so etwas wie Reuestimmung in der SPD herrscht. Denn das Thema, gestand Eva Högl ein, sei lange Zeit politisch nicht ausreichend behandelt worden. Auch Ephraim Gothe zeigte sich selbstkritisch, beteuerte jedoch, das Thema sei „auf der politischen Agenda ganz nach oben geraten“.

Entspannung wird nötig sein

Nazarethkirche
Man rechnet mit starkem Zuzug: Berlin-Wedding

Ephraim Gothe gab einen ausführlichen Überblick über die Maßnahmen des Berliner Senats, die auf dem Wohnungsmarkt der Stadt für mehr Entspannung sorgen sollen. Entspannung wird auch nötig sein, denn man geht davon aus, dass Berlin bis 2030 um rund 250.000 Einwohner wachsen wird. Starker Zuzug wird vor allem für Ortsteile wie Pankow, Wedding und Tiergarten erwartet.

Der Berliner Senat hat bereits im vergangenen Jahr mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften ein Bündnis für soziale Wohnungspolitik geschlossen, das ein ganzes Bündel von Regelungen umfasst, um die Entwicklung des Wohnungsmarkts politisch stärker beeinflussen zu können. Teil der Vereinbarung ist zum Beispiel eine Erhöhung des Wohnungsbestands der Gesellschaften um rund 23.000 Wohnungen durch den Zukauf bestehender und den Bau neuer Wohnungen.

Auch eine Neuausrichtung in der Berliner Liegenschaftspolitik soll dazu führen, dass Grundstücke aus dem Besitz der Stadt nicht wie bisher möglichst gewinnbringend verkauft werden, sondern beim Verkauf stärker auf wohnungspolitische Ziele geachtet wird. Ein neues Gesetz soll zudem den spekulativen Leerstand sowie die Zweckentfremdung von Wohnungen eindämmen. Denn durch die Vermietung von Wohnraum als Ferienwohnung kann ein Vermieter bis zu viermal mehr Miete bekommen. Der Berliner Bevölkerung werden diese Wohnungen dadurch jedoch vom Wohnungsmarkt entzogen.

Eva Högl hält vor allem die starken Mietsteigerungen bei Neuvermietungen für problematisch. Hier sei eine Deckelung der Mieterhöhungen erforderlich, so dass Mieten innerhalb von vier Jahren nur um maximal 15% erhöht werden dürfen. Bisher sind es 20% in drei Jahren. Ebenso griff sie den Wunsch einiger Anwohner nach mehr Transparenz bezüglich der Eigentumsverhältnisse von Mietshäusern auf.

Gezielte Aufwertung

Am ehesten kontrovers diskutiert wurde über die gezielte Aufwertung sozial schwacher Wohngebiete, da sie natürlich im Verdacht steht, einer sozialen Verdrängung den Weg zu ebnen. Die Aufwertung der sozialen Struktur, so Gothe, sei jedoch alternativlos, wolle man zum Beispiel verhindern, dass junge Familien fortziehen, sobald ihre Kinder ins schulpflichtige Alter kommen. Die Bezirksverordnete Janina Körper, die – vielleicht etwas leichtfertig – das Reizwort „Gentrifizierung“ in einem durchaus affirmativen Sinn verwendete, wies darauf hin, dass die Aufwertung im engen Dialog mit dem jeweiligen Quartiersmanagement erfolgt, um soziale Verdrängungsprozesse zu verhindern. Statt sozial Starke ins Viertel zu locken, so ein Mitglied des Berliner Mietervereins, solle man vor allem versuchen, den Menschen vor Ort zu helfen.

Die Situation im Sprengelkiez

Nordufer
Im Sprengelkiez sind kaum noch bezahlbare Wohnungen zu finden

Im Verlauf des Abends wurde deutlich, dass die Mitglieder der Mieterinitiativen, die Maßnahmen des Berliner Senats zwar begrüßen, sich aber gleichzeitig auch kurzfristige Maßnahmen wünschen, um den Menschen zu helfen, die bereits jetzt ihre Mieten nicht mehr bezahlen können. So schilderte Siemen Dallmann seine Erfahrungen als Mietervertreter im Sprengelkiez, wo dies bereits bei vielen Mietern der Fall sei. Für Kiezbewohner, die ihre bisherige Wohnung verlassen, sei es fast unmöglich, wieder eine bezahlbare Wohnung im Viertel zu finden. Viele Mieter mit Migrationshintergrund, berichtete eine andere Anwohnerin, mussten bereits fortziehen. „Der Druck ist schon voll da“, fasste Dallmann die Situation zusammen. Er befürchtet, dass sich besonders im Sprengelkiez die Situation noch weiter verschärfen wird. An die Politik richtete Dallmann zudem die Bitte, neben dem Thema Miete auch die Problematik ständig steigender Nebenkosten nicht aus den Augen zu verlieren.

Verdrängung sozial Schwacher aus dem Kiez?

Als Dallmann am Ende der Veranstaltung einen erst seit drei Monaten im Sprengelkiez wohnenden Studenten darüber aufklärt, der Wedding sei noch vor einigen Jahren alles andere als angesagt gewesen, wurde vermutlich so manchem Besucher wieder bewusst, wie schnell und wie sehr sich die Situation im Wedding geändert hat. Nach den Jahren stagnierender Einwohnerzahlen, erleben vor allem die bisher als wenig attraktiv geltenden Stadtviertel eine Zeit des Umbruchs. Wenn die Politik nicht konsequent dagegen steuert, läuft der Wedding Gefahr, eine massenhafte Verdrängung der sozial schwachen Bevölkerung zu erleben. Bleibt zu hoffen, dass sich das Engagement der Mieterinitiativen auszahlt, und insbesondere auch deren Wunsch nach kurzfristigen Maßnahmen in der Politik Gehör findet. Viel Zeit bleibt nicht.

Neue Müllerhalle: Für Nostalgie ist bei diesem Kompromiss kein Platz

Eröffnung noch im Jahr 2013... (Foto: P.Arndt)
Eröffnung noch im Jahr 2013… (Foto: P.Arndt)

Darf man die neue Müllerhalle noch so nennen? Viele Anwohner fremdeln mit dem architektonisch hochwertigen Entwurf, der die obere Müllerstraße wie kaum ein anderes Gebäude prägen wird. Bei einer von der SPD-Fraktion Berlin-Mitte organisierten Veranstaltung am 23. Februar standen Kommunalpolitiker und Abgeordnete sowie eine Vertreterin des Bauherrn Rede und Antwort. Anders als beim städtebaulich missglückten Lidl gegenüber der Einmündung der Kameruner Straße sollen hier die Bürger „mitgenommen“ werden.

Ein Kameramann des RBB filmtDas ist auch dringend nötig, angesichts der Emotionen, die dieser Neubau eines Einkaufszentrums hochkochen lässt. Sogar der RBB hat ein Kamerateam geschickt, um in der Abendschau über die Diskussionsrunde zu berichten. Alle Redner verbinden schöne (Kindheits-)Erinnerungen mit der Markthalle, die seit 1950 einen Kieztreffpunkt darstellte, zuletzt aber einen beispiellosen Niedergang erlebte. Nicht nur ältere Weddinger bekommen glänzende Augen, wenn sie von den drei Fleischern, dem Knöpfeladen und dem Schuster in der alten Müllerhalle erzählen. Die Nachbarn traf man natürlich auch beim Einkaufen und hielt ein Schwätzchen zwischen Fischstand und Currywurstimbiss.

Aus und vorbei. Die Halle ist seit 2012 abgerissen, ein neues Einzelhandelszentrum mit Kaufland als Ankermieter ist seit ein paar Tagen im Bau, nachdem nun die Fundamentbohrungen begonnen haben. Die Vielfalt der Marktstände wird es im autogerechten Neubau nicht mehr geben. „Das Kaufverhalten hat sich geändert“, sagt SPD-Mann Lars Neuhaus. Vergleiche mit den wenigen noch erfolgreichen Berliner Markthallen seien nicht statthaft, findet er: „Wir haben gesehen, dass das alte Konzept in diesem Kiez am Ende nicht funktioniert hat.“

Mehr Lebensmitteleinzelhandel ist nicht mehr zu verkraften

IMG_20130223_120309Mit der jetzt gefundenen Lösung sind die anwesenden Politiker Bruni Wildenhain-Lauterbach (MdA), Stefan Draeger, Janina Körper und Martina Matischok zufrieden – das Wort Kompromiss wird noch oft an diesem Tag fallen. Es sei gerade noch zu verkraften, so viel Lebensmittel-Einzelhandel an einem Straßenabschnitt (Real, Reichelt, Aldi, Lidl und eben Kaufland) – mehr werde hier nicht genehmigt. Kleinteiligen Handel im Windschatten von Kaufland (davon als Rückkehrer der alten Müllerhalle Mc Paper, ein Lotto Toto-Laden, das Reformhaus und der Zeitungsladen) wird es an der Straßenfront auch geben und zur Belebung der Müllerstraße beitragen. Überhaupt, die Müllerstraße: „Die neue Müllerhalle soll nicht zum Verkehrschaos führen“, erklärt Janina Körper, Verkehrsexpertin in der BVV. Nur 188 Parkplätze für Autos, kein riesiges leeres Parkhaus mehr wie im nahen Schillerparkcenter, sowie 54 Fahrradstellplätze kämen modernen Mobilitätsbedürfnissen näher. Parkhaus und kleine Läden nehmen das Erdgeschoss ein, während Kaufland die erste Etage belegt, die die Kunden mit Rollsteigen erreichen. Und schließlich könne man in der neuen Müllerhalle kostenlos parken, erklärt die Kaufland-Vertreterin Meltem Cömertbay – natürlich nur, wenn man dort auch etwas kauft. Sie betont, dass Kaufland als Eigentümer und Hauptnutzer zukünftig auch eine Verantwortung für den Standort und somit ein langfristiges Interesse an einer positiven Entwicklung der ganzen Müllerstraße hat. Eine Beteiligung an Aktivitäten der StandortGemeinschaft sei angedacht. Aber am Niedergang der alten Müllerhalle habe das Unternehmen Kaufland keine Schuld; eine Markthalle mit dem entsprechenden Flair lebe eben von den kleinen Kaufleuten, die es mit ihrem Engagement selbst in der Hand haben, ob dieses Konzept heute noch funktioniert. Die Diskutanten blicken nach vorn: „Schön, dass genau dieser Standort wieder eine Chance erhält!“, bringt es die Kaufland-Vertreterin auf den Punkt. Sie hat an der Beuth-Hochschule studiert und kennt den Wedding und seine Besonderheiten gut.

Kaufland sieht sich nicht als Einzelkämpfer

IMG_20130223_120042Ein solches Zentrum erzeugt zwangsläufig Müll, Lärm und Verkehr. Die Anlieferung erfolgt getrennt für Kaufland in der Lüderitzstraße, für die anderen Händler in der Kongostraße. „Beide Straßen haben Kopfsteinpflaster“, gibt Peter Arndt von der Stadtteilvertretung zu bedenken, „das wird ganz schön laut für die Anwohner!“ In der Lüderitzstraße erfolgt heute schon die Anlieferung für Reichelt, dort kennt man die Lkws, die beim Rückwärtsfahren piepen. Auf der Positivseite für die obere Müllerstraße bleiben aber die ca. 120-150 Arbeitsplätze zu nennen, die durch Kaufland und die kleineren Einzelhändler entstehen oder wieder zurückkehren werden. Die Kaufland-Repräsentantin sieht auch keine Konkurrenz für das sehr hochwertige Angebot wie die Frischfleisch-Bedientheke bei Reichelt, da Kaufland mit abgepackten Produkten ein anderes Geschäftsmodell verfolge. Das Unternehmen habe das Umfeld genau untersucht und will sich dort langfristig engagieren: „Wir können mit der relativ kleinen Verkaufsfläche von knapp 4500 qm gut umgehen“, sagt Meltem Cömertbay und ist sich sicher: „Wir passen gut in diesen Kiez!“ Wenn alles klappt, könnte noch vor Weihnachten 2013 die Eröffnung gefeiert werden.

Nicht alle Anwohner gewöhnen sich daran, dass für dieses moderne, grau verklinkerte Einkaufszentrum der Begriff „Neue Müllerhalle“ verwendet wird. Nostalgische Gefühle und der immer noch präsente Verlust eines Ortes der Kommunikation im Kiez stehen für viele im Vordergrund. Da kommt manches Gerücht gerade recht, das die Bezirkspolitiker aber umgehend ausräumen: eine Moschee in Nachbarschaft des Einkaufszentrums ist definitiv nicht geplant.

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Müllerhalle Kaufland
Quelle: Kaufland

http://weddingweiser.wordpress.com/2012/04/12/die-mullerhalle-ende-eines-trauerspiels-beginn-des-kommerzes/

http://weddingweiser.wordpress.com/2012/07/11/abschied-von-der-mullerhalle/

 

Eva Högl: “Ich freue mich auf den Sprengelkiez!”

Eva Högl, seit 2009 SPD-Bundestagsabgeordnete für den Bezirk Mitte, über ihre Verbundenheit zum Wedding und ihren neuen Wohnort im Sprengelkiez.

Eva Högl, Foto: Julien Crinier
Eva Högl, Foto: Julien Crinier

Frau Högl, warum dieser Kiez? Warum ziehen Sie hier her?

Ich finde den Kiez fantastisch und wollte in den Wedding ziehen. Er gefällt mir unglaublich gut und ich vertrete ihn im Deutschen Bundestag. Als mein Mann mir von dem Grundstück in der Torfstraße erzählte, war ich sofort begeistert, da ich den Kiez schon kenne und hier im ,,Lindengarten“ meinen Stammtisch habe, sowie meinen persönlichen ,,Zitterabend“ bei der Wahl 2009. Ich verfolge die Geschehnisse hier im Kiez sehr aufmerksam und die Entscheidung, in den Wedding zu ziehen, ist sehr bewusst gefallen. Meiner Meinung nach sollte man in seinem Wahlkreis wohnen und diese Gegend ist ein toller Teil davon.

Der Wedding ist ja ein klarer Arbeiter- und Immigrationsbezirk, woher kommt Ihre Faszination?

Ich bin Sozialdemokratin und finde es gut wenn es bunt und lebendig ist. Mein Wahlkreis ist der bunteste, den es gibt. Ich vertrete nicht nur eine bestimmte Gruppe von Menschen, sondern setze mich für alle ein und diese Vielfältigkeit probiere ich auch in den Bundestag zu transportieren.

Wie sehen Sie die Entwicklung der letzten Jahre gerade im Sprengelkiez?

Wir müssen sehr vorsichtig sein bei den Veränderungen, einerseits wollen und brauchen wir gerade in Wedding und Moabit eine gewisse Aufwertung um die Lebensqualität zu steigern, aber gleichzeitig müssen wir aufpassen, nicht die langjährigen Bewohnerinnen und Bewohner zu verdrängen, sodass nur noch Leute von außen kommen und die Kieze sich grundsätzlich verändern. Eine besondere Liegenschaftspolitik ist sehr wichtig. Dabei setze ich mich besonders dafür ein, dass Grundstücke des Landes nicht mehr nach dem höchsten Gebot, sondern nach der Sozialverträglichkeit vergeben werden. Die Politik muss ein gemeinschaftliches Miteinander unterstützen und eine bunte Mischung der Einwohner erhalten. Ich setze mich für ein soziales Mietrecht und eine stärkere Deckelung der Preiserhöhungen, gerade bei Neuvermietungen, ein. Hier herrschen indiskutable Zustände. Auch bei der Verknappung des Wohnraums muss sich etwas ändern, es darf keine Zweckentfremdung mehr geben. Wir dürfen es uns nicht erlauben, dass die einfachen Menschen an den Stadtrand gedrängt werden. Mein Ziel ist es, dass vom jungen Familienvater bis zur Rentnerin jeder die Möglichkeit hat hier zu wohnen und dafür arbeite ich jeden Tag.

Ist dies überhaupt möglich bei den aktuellen Mehrheitsverhältnissen im Bundestag?

Unsere Gesellschaft muss sozial gerecht gestaltet werden und gerade das Miteinander muss gleichberechtigt sein, egal welcher Herkunft oder von welchem wirtschaftlichen Stand eine Person ist. Ich weiß, wie viel gerade hier an Programmen wie der ,,Sozialen Stadt“ hängt und ich setze mich dafür ein, dass diese erhalten bleiben und Projekte wie den Sprengelpark finanziert werden können. Ich bedauere es sehr, dass gerade in Zeiten der Krise Parteien mit einem anderen Verständnis die Regierung bilden und Menschen aus genau diesen Verhältnissen enorme Gewinne schlagen, während andere alles verlieren. Eine Umverteilung ist erforderlich! Ich kämpfe dafür, dass alle Kinder die gleichen Chancen haben, aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Wedding und Steglitz. Wir sehen die Armut, die es hier gibt, und genau deswegen brauchen wir einen gesetzlichen Mindestlohn. Das ist, glaube ich, bei vielen aus dem Blick geraten und diese Zustände finde ich unerträglich. Für diese Menschen mache ich Politik, für die alleinerziehende Mutter an der Supermarktkasse und den alten Mann, dem die Rente hinten und vorne nicht reicht.

Autor: Vincent Bruder

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Kiezboten, der Stadtteilzeitung für den Sprengelkiez, Ausgabe 1/2013

Ein geschichtsträchtiger Ort: Müllerstraße 143

Am 9. März gibt es eine geführte Radtour zu vergessenen Orten zerstörter Vielfalt im Wedding. Dieser Ort gehört auch mit dazu.

An der Müllerstraße errichtete der Brauereibesitzer Wilhelm Bönnhoff, im Jahre 1886 einen Biergarten. Der Wedding war damals noch für seine kleinen hübschen Häuschen, Gartenwirtschaften und Fuhrmannskneipen sowie seinen schnatternden Gänse bekannt. Auf dem Gelände, das bis dahin der Ablagerung menschlicher Exkremente diente, entstand unter dem Namen “Feldschlösschen” ein Schanklokal in Form einer klassizistischen Villa. Bei den vornehmen Damen, die hier auch ohne männliche Begleitung erschienen, war der große Garten besonders beliebt: Er erstreckte sich von der Müllerstraße aus über mehr als 600 Meter bis zum heutigen Charité Campus Virchow- Klinikum.

AOK Müllerstr.

In den Pharussälen wurde Geschichte geschrieben

Als im Jahre 1905 die stürmische Entwicklung Berlins auch den Wedding erreichte – die Bewohnerzahl hatte sich zwischen 1900 und 1905 fast verdoppelt –, verkaufte Bönnhoff das Grundstück und die Gebäude. Dort wurde dann ein Teil des Brüsseler Kiezes sowie der Genter, Antwerpener und Lütticher Straße angelegt. Mit dem Bau der Pharussäle im Hof der Müllerstraße 143 knüpfte der neue Besitzer an die Tradition der Ausflugslokale an. In den “Prachtsälen des Nordens”, die 2500 Mensch fassten, traf sich zum Beispiel die SPD unter dem im Wedding politisch tätigen Karl Liebknecht, während gleichzeitig die angrenzende Kapernaum-Gemeinde fröhlich zum Geburtstag von Kaiser Wilhelm Soldatenlieder anstimmte. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich der Wedding zu einer Hochburg der Kommunisten. Die KPD hielt in den Sälen an der Müllerstraße zahlreiche Veranstaltungen ab, so auch ihren 12. Parteitag im Jahre 1929, auf dem sich u.a. Ernst Thälmann, Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck wieder ins Zentralkomitee wählen ließen. Zwei Jahre zuvor hatte die nationalsozialistische Ortsgruppe Berlin-Brandenburg die Säle für eine politische Veranstaltung angemietet. Aus der anschließenden Saalschlacht mit den Kommunisten ging sie mit der der zu dieser Zeit üblichen Zahl an Leicht- und Schwerverletzten als Gewinner hervor. Für diese medienwirksam inszenierte Provokation hatte der damalige Gauleiter und spätere Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die Pharussäle als symbolträchtige Kulisse ausgesucht.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten – dem jüdischen Pächter war gekündigt worden – ging es in den Sälen betulich zu. Das Programm reichte von Kleintierausstellungen bis zu Operettenabenden. Dass die Säle ab 1940 als Großkantine zur Verpflegung von täglich bis zu 500 hilfsbedürftigen Menschen diente und der Keller zu einem behelfsmäßigen Luftschutzraum ausgebaut worden war, soll Jugendliche nicht daran gehindert haben, hier nach dem in Deutschland verbotenen amerikanischen Swing zu tanzen.

In den Nachkriegsjahren wandelte sich die Müllerstraße zur modernen Einkaufsmeile. Hertie ließ 1955 das Eckgrundstück zur Brüsseler Straße vom Trümmerschutt befreien und gleichzeitig die Reste der Pharussäle abreisen. Der Hausarchitekt des Kaufhauskonzerns, Hans Soll, dessen Bauten heute bundesweit unter Denkmalschutz stehen, errichtete hier das Kaufhaus Bilka, das im Jahre 1998 wiederum einem Neubau weichen musste, dem Cittipoint.

Ein unscheinbares, aber besonderes Gebäude: die AOK

AOK Müllerstr.Am Standort der einstigen Pharussäle fand 1960, im Jahr vor dem Mauerbau, eine Institution einen neuen Platz, das selbst schon historisch geworden war: das “Ambulatorium” der AOK. Ein Magistratsbeschluss aus dem Jahre 1948, also aus der Zeit vor der Teilung der Stadt, hatte die flächendeckende Versorgung Berlins mit ambulanten Facharztzentren vorgesehen. Aus Angst vor einer zu schlechten Entlohnung sowie dem Argument, es handle sich um eine “russische Erfindung”, setzte jedoch später die Westberliner Ärzteschaft die Schließung aller 90 Ambulatorien und Polikliniken im Westteil der Stadt durch. Das 1949 zunächst in den Hallen der Osram-Werke an der Seestraße untergebrachte Ambulatorium, das 1956 fast 60.000 Patienten versorgte, überlebte als einzige dieser Einrichtungen im Westteil der Stadt, denn es befand sich in der Obhut der AOK. Dort wurden ausschließlich Patienten dieser Krankenkasse behandelt – das ist bis heute noch so. Für den 1960 von Robert Schöffler errichteten schlichten Neubau erwarb die AOK das bereits abgeräumte Gelände der Müllerstraße 143. Der große Hof mit seiner zentralen Lage bot sich damals für die Ansiedlung eines Ärztezentrums an. Heute nennt es sich AOK-Servicecenter Berlin-Wedding.

Autor: Eberhard Elfert

zuerst erschienen in: Ecke Müllerstraße Nr. 1 Februar 2013 

 

Info-Stele Afrikanisches Viertel: Die zwei Seiten der Medaille

Infostele Afrikanisches ViertelNach jahrelanger Diskussion um den Umgang mit dem postkolonialen Erbe des Afrikanischen Viertels in Berlin-Wedding wurde am U-Bahnhof Rehberge eine Informations- und Gedenkstele aufgestellt. Die Tafel trägt einen Text der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte auf der Vorder- und einen Text von Nichtregierungsorganisationen auf der Rückseite. In diesen Texten wird aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Geschichte des Afrikanischen Viertels, des deutschen Kolonialismus in Afrika und des afrikanischen Widerstands eingegangen. Eigentlich sollten die Texte gleichrangig auf der Tafel zu sehen sein. Da durch die unglückliche Platzierung nun eine Vorder- und Rückseite – und damit eine Hierarchie – entstanden ist, regte sich Protest unter einigen Teilnehmenden.

Die Stele ist der erste Schritt auf dem Weg der Umgestaltung des größten deutschen Kolonialviertels zum postkolonialen Lern- und Gedenkort, dessen Realisierung der Bezirk Berlin-Mitte 2011 beschlossen hat.

Neben Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke (SPD) und Kulturstadträtin Sabine Weißler (Bündnis 90/Die Grünen) waren auch Vertreter des Afrika-Rates Berlin-Brandenburg, des Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlages (BER), der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und AfricAvenir dabei.

Youtube-Video der Enthüllung der Info-Stele

Standort der Info-Stele an der Müllerstraße/Ecke Otawistraße am Zugang des U-Bahnhofs Rehberge (U 6)

Die  ungewöhnlichen Straßennamen des Afrikanischen Viertels

 

Das war 2011 im Wedding

Seit 150 Jahren, also seit 1861, gehört der Wedding zur Stadt Berlin. Gesichtslos und belanglos ist der Wedding dadurch nicht geworden: Noch immer kennzeichnen den Ortsteil einige Besonderheiten, die ihn im Berliner Stadtraum von anderen Bezirken unterscheiden.

Im Jahr 2011 zeichneten sich einige Veränderungsprozesse in Berlin-Wedding ab. Die Müllerstraße steht durch das Programm “Aktive Stadtzentren” im Fokus der Stadt- und Verkehrsplaner. Mit einem Geschäftsstraßenmanagement wird versucht, den schleichenden Niedergang der Straße, der sich auch 2011 fortgesetzt hat, aufzuhalten. Außerdem soll die Attraktivität der Müllerstraße als Einkaufsstraße erhöht werden. Die Betonkübel sind schon verschwunden. Die ersten Umbaumaßnahmen im Straßenverkehr werden 2012 starten, allerdings nur im Bereich der südlichen Müllerstraße. Immerhin: die Firma Karstadt ist gerettet, und auch der Standort am Leopoldplatz soll nicht geschlossen werden. Das C&A-Kaufhaus hingegen hat nach 32 Jahren geschlossen – mit noch nicht absehbaren Folgen für die übrige Geschäftswelt im Wedding. Auch der Umbau des Leopoldplatzes schreitet voran: die Trinkerszene wurde in einen sichtgeschützten Bereich zwischen den beiden Kirchen verlagert. Promenaden und Spielplätze haben eine Runderneuerung erfahren.

Im September fand das erste Wedding-Kulturfestival statt. Ein ganzes Wochenende lang konnten Einwohner und Besucher die ganze kulturelle Vielfalt des Ortsteils kennenlernen.

Schlagzeilen hat der Schillerpark im Jahr 2011 gemacht: im August explodierte eine Rohrbombe in einer Plastiktüte und verletzte einen Spaziergänger schwer. Sechs Wochen später wurde ein 44-jähriger dringend Tatverdächtiger aus dem Wedding festgenommen, der auch weitere Sprengsätze im Ortsteil gelegt haben soll. Positiv fiel der Schillerpark auch auf: im September wurde die Kinderplansche im neu wiederhergestellten Nordostteil des Parks an der Bristolstraße eingeweiht.Das Weltkulturerbe Siedlung Schillerpark hat nicht nur ein würdigeres Entrée, sondern endlich auch Gastronomie bekommen: im ehemaligen Toilettenhäuschen an der Dubliner Straße befindet sich jetzt ein Park-Café.

Zu erwähnen ist noch, dass in diesem Jahr die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte neu gewählt wurde. Der bisherige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke von der SPD ist auch der neue – er wurde mit den Stimmen der CDU wiedergewählt.

Sprengelkiez: schöner wohnen am Kanal

Der Pekinger Platz am Kanalufer
Der Pekinger Platz am Kanalufer

In einem Ufercafé sitzen oder in einer Hausbrauerei?

Das dicht bebaute Wohnviertel rund um die Sprengel- und die Tegeler Straße verfügt neben einer weitgehend intakten Altbausubstanz aus der Gründerzeit über eine richtige Wasserlage. Im Südwesten des Kiezes verläuft nämlich der Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal. Die ausgebaute Uferpromenade mit ihren repräsentativen Wohnhäusern aus der Zeit um 1900 lädt zu Spaziergängen und zu Cafébesuchen ein. Wie an keiner anderen Stelle im Wedding reihen sich hier gastronomische Betriebe aneinander, sowohl traditionelle Kneipen(Lindengarten, Deichgraf) als auch neuere Cafés und Restaurants (Fünfundsechzig, Auszeit). Ebenfalls im Sprengelkiez besteht seit ein paar Jahren die Weddinger Hausbrauerei Eschenbräu, wo man im Sommer in einem schattigen Biergarten im Hinterhof sitzen kann. In den letzten Jahren wurde durch das hiesige Quartiersmanagement viel in die vorhandenen Spielplätze investiert.

Neben dem Sparrplatz und dem Pekinger Platz (am Kanal) ist hier vor allem der Sprengelpark zu nennen. Auf dem 10 000 qm großen ehemaligen Industrieareal (hier wurden Wasserflugzeug gebaut) zwischen der Kiautschoustraße und der Sprengelstraße haben Landschaftsplaner einen urbanen Sport- und Spielpark mit viel Grün geschaffen.

Der kleine, aber feine Sprengelpark
Der kleine, aber feine Sprengelpark

Im Sprengelkiez und in seiner unmittelbaren Umgebung befinden sich wichtige öffentliche Einrichtungen, deren Bedeutung weit über den Wedding hinausreicht. Zu nennen ist hier vor allem das Robert-Koch-Institut am Nordufer. Das 1891 gegründete Institut ist die zentrale Überwachungs- und Forschungseinrichtung der Bundesrepublik für Infektionskrankheiten. Es befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rudolf-Virchow-Krankenhaus (heute: Charité Campus Virchow). Die zentrale Berliner Ausländerbehörde befindet sich ebenfalls am Kanalufer, jedoch auf der gegenüberliegenden Moabiter Seite. Beschäftigte und Studierende der nahe gelegenen Beuth-Hochschule drücken dem Sprengelkiez ihren Stempel auf. Daher findet man in diesem Kiez eher studentisches Leben und die passende Infrastruktur als in anderen Vierteln im Wedding.


Sehenswertes am Nordufer und im Kiez

Torfstraßensteg
Torfstraßensteg

Da das Industriegelände an der Sprengelstraße erst am Ende des 19. Jahrhunderts aufgegeben wurde, konnte sich der westliche Teil des Kiezes am Nordufer erst um 1900 herum zu einem Wohngebiet entwickeln. Die repräsentative Gebäudegruppe zwischen Fehmarner Straße, Nordufer und Buchstraße ist ein besonders gelungenes Beispiel für genossenschaftlichen Reformwohnungsbau. Vor allem die Eckbauten, davon eines sogar mit einem Doppelgiebel, prägen das Kanalufer an diesem Abschnitt. Auch das Eckhaus Torfstraße/Kiautschoustraße ist ein großbürgerlicher Prachtbau, wie es ihn im Wedding eher selten gibt. Die Osterkirche liegt an der Samoastraße / Sprengelstraße und damit exakt in der Mitte des Sprengelkiezes. Die wuchtige Backsteinkirche ist in die Ecke eines Blocks gebaut und vereint Kirchenschiff, Turm und Pfarrhaus in einem einzigen Gebäude. Das gewölbelose Kircheninnere ist mit prachtvollen Malereien versehen. Das Geschäftszentrum des immer beliebter und damit auch teurer werdenden Sprengelkiezes ist neuerdings die Tegeler Straße mit ihren vielen Cafés, Restaurants und Fachgeschäften. Aber auch in die Sprengelstraße zieht es Nachtschwärmer (in das gleichnamige Musiklokal) oder in die vielen kleinen Gastronomiebetriebe.

Tegeler Sprengel StrKaffeeangebot im Bioladen Tegeler Str


Roter Wedding, schlechter Wedding

Prime Time TheaterIn Richtung Müllerstraße ist der Kiez stärker von sozialen Problemen geprägt, was vor etlichen Jahren auch der Grund für die Einrichtung des Quartiersmanagements Sparrplatz war. Der namensgebende Platz ist eine langgezogene Grünanlage mit Bolz- und Spielplätzen. Genau in dieser Lage ist mit dem Prime-Time-Theater an der Burgsdorfstraße/Müllerstraße ein kultureller Anziehungspunkt von berlinweiter Relevanz entstanden. Dessen Alleinstellungsmerkmal ist eine fortlaufende Seifenoper auf der Bühne namens “Gutes Wedding, schlechtes Wedding”. Doch anders als bei dem vermeintlichen TV-Vorbild gibt es bei diesem Theaterspaß mit Weddinger Originalen echtes Gelächter eines glänzend unterhaltenen Publikums. Direkt nebenan liegt die Berliner SPD-Zentrale (Kurt-Schumacher-Haus) – traditionell eng mit dem “roten Wedding” verbunden. Bedeutend für den ganzen Ortsteil ist auch das Jobcenter direkt gegenüber – untergebracht in einem typischen Arbeitsamtsgebäude aus den 1950er Jahren.

St. Josef in der Müllerstraße
St. Josefskirche an der Müllerstraße

Die Osterkirche (1911) im Sprengelkiez

Schwerpunkt Berlins verschiebt sich – was heißt das für den Wedding?

“Die Schließung des Flughafens Berlin-Tegel verändert das Gravitationsfeld der Stadt”, sagt der SPD-Kommunalpolitiker Ephraim Gothe, der bis zur Wahl Baustadtrat von Berlin-Mitte war. Der Schwerpunkt verschiebt sich in Richtung historischer Mitte, wo mit dem BND-Neubau ein gewaltiges Bauvorhaben realisiert wird. Auch im Südosten, in Adlershof und rund um den neuen Flughafen in Schönefeld, ist ein Schwerpunkt großer Investitionsvorhaben. “Dem Berliner Norden droht ein Bedeutungsverlust”, warnt Gothe. Die Nachnutzung des alten Flughafens Tegel sei für Wedding besonders wichtig – darum dürfe man nicht nichts tun und einfach Ruhe einkehren lassen.

Trotz anderer Größenordnungen – der BND-Neubau kostet allein schon über 800 Millionen Euro, das Stadtschloss “nur” 550 Millionen – werden auch in Wedding viele neue Bauvorhaben realisiert.  Auch das Robert-Koch-Institut baut an der Seestraße für 75 Millionen Euro ein neues Laborgebäude – Bakterien wie EHEC oder auch Abwehrmittel gegen biologische Kampfstoffe werden dort erforscht. Lächerlich gering erscheint da der Bibliotheksneubau am Standort des Rathauses Berlin-Wedding, “nur” drei Millionen Euro werden für die neue Mittelpunktbibliothek locker gemacht. Gerade ist aus 18 Entwürfen ein Gewinnerentwurf ausgewählt worden. “Ein sehr sichtbares Gebäude wird realisiert, das zur Aufwertung der Müllerstraße stark beitragen wird”, fasste Ephraim Gothe die Entscheidung für den Gewinnerentwurf bei einer Parteiveranstaltung der SPD-Abteilung Rehberge im Frühsommer zusammen. Später könne aus der neuen Bibliothek auch eine Bezirkszentralbibliothek werden.

Durch das Sanierungsgebiet Müllerstraße ist auch diese zentrale Achse wieder in den Fokus geraten. Für den Wedding stellt diese Straße die Anbindung an die Innenstadt dar. Die Steigerung ihrer Attraktivität für Verkehrsteilnehmer, Kunden und Anwohner ist für den Bezirk daher von besonders großer Bedeutung. Private Investoren werden davon indirekt profitieren, allerdings gibt es steuerliche Sonderabschreibungen für Investitionen im Sanierungsgebiet.

Ob Berlin-Wedding und die Müllerstraße im neuen Koordinatensystem der Stadt abgehängt werden? Prognosen über einen Bedeutungsverlust des Berliner Nordens sind schwer zu treffen. Immerhin hat die Politik die Notwendigkeit erkannt, den Standort durch das Sanierungsgebiet Müllerstraße zu stärken. Bedauerlich ist nur, dass das Sanierungsgebiet im Norden an der Barfus-/Transvaalstraße endet und nicht an der Bezirksgrenze zu Reinickendorf.

Hinweis: seit Januar 2012 ist Ephraim Gothe Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.