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Wahl-Nachlese:
Der “rote Wedding” wird grün…

...aber auch zur Hochburg der Linken

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Die Grü­nen haben bei die­ser Wahl den Wed­ding erobert, zumin­dest gro­ße Tei­le davon. In eini­gen Gebie­ten erreich­ten sie bei der Abge­ord­ne­ten­haus­wahl Zweit­stim­men­an­tei­le von um die 30 % – Wer­te, vor denen sie frü­her nur träumten.

Grafik Wahlen 2021

In die­se Regio­nen konn­ten die Grü­nen im Bereich um die Mül­ler­stra­ße gleich in meh­re­ren Kiezen vor­sto­ßen. Etwa im süd­li­chen Afri­ka­ni­schen Vier­tel ent­lang der See­stra­ße, im Gebiet um den hin­te­ren Leo­pold­platz (Max­stra­ße, Lie­ben­wal­der Stra­ße) und im Spren­gel­kiez. Der Stimm­be­zirk 706 am Spren­gel­park war mit 33,7 % die Hoch­burg der Öko­par­tei. Bei den letz­ten Wah­len 2016 hat­ten die Grü­nen im Wed­ding zwar auch schon deut­li­che Zuge­win­ne erzielt, aber dies­mal waren es eben vier, fünf und in man­chen Berei­chen sogar sechs Pro­zent mehr.

Fünf von sieben Wahlkreisen sind grün

Das reich­te im Groß­teil des Bezirks zur Mehr­heit für die grü­nen Direkt­kan­di­da­ten der Abge­ord­ne­ten­haus­wahl. Fünf von sie­ben Direkt­wahl­krei­sen in Mit­te sind jetzt grün. Im Jahr 2016 waren es nur zwei gewe­sen. Und die befan­den sich in Moa­bit und in Mit­te-alt, die Wed­din­ger Direkt­wahl­krei­se gin­gen da noch alle an die SPD. Wie gewohnt und wie in den Jahr­zehn­ten zuvor: Aus dem roten Wed­ding, der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Hoch­burg von einst, in der unter Wil­ly Brandt die SPD 1963 auch schon mal 72,4% der Stim­men hol­te, ist seit der Wahl 2021 ein grü­ner Wed­ding gewor­den. Jeden­falls aus dem größ­ten Teil: Nur im Wahl­kreis Mit­te 5, im Park­vier­tel nörd­lich der See­stra­ße, hält sich die SPD noch knapp. Hier lag ihr Direkt­kan­di­dat Mat­thi­as Schulz um 3,5 Pro­zent­punk­te vor sei­nem grü­nen Kon­kur­ren­ten Ario Ebra­him­pour Mir­zaie. Den Wahl­kreis Mit­te 7 (Brun­nen­vier­tel bis zum Leo­pold­platz und Spren­gel­kiez) gewann dage­gen die Grü­ne Lau­ra Neu­ge­bau­er mit 4,3% Vor­sprung vor ihrer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kon­kur­ren­tin Maja Lasic. Für sie beson­ders bit­ter: Weil die SPD in eini­gen Bezir­ken drei, vier oder gar fünf Direkt­kan­di­da­ten durch­brach­te und in Mit­te zwei, zieht die Spre­che­rin für Bil­dung der Ber­li­ner SPD-Frak­ti­on jetzt nicht ins Abge­ord­ne­ten­haus ein. Erst wenn dort ein Platz frei wird, rückt sie von ihrem Platz 1 auf der Bezirks­lis­te Mit­te aus nach. 

Im Wahl­kreis Mit­te 6 (nord­öst­li­cher Wed­ding bis Max­stra­ße) ver­wies die grü­ne Direkt­kan­di­da­tin Tuba Bozkurt ihre sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Kon­kur­ren­tin Melis Yeter sogar mit knapp 9 Pro­zent Abstand auf Platz 3. Im Jahr 2016 hat­te den Wahl­kreis noch Ralf Wie­land gewon­nen, der von 2011 bis jetzt Prä­si­dent des Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­hau­ses war. Dies­mal jedoch schob sich der Lin­ke Ste­phan Böh­me mit 22,2% noch zwi­schen die Grü­nen und die SPD. Der Wed­din­ger Wahl­kreis wur­de damit zur Hoch­burg der Lin­ken im Bezirk und lös­te in die­ser Funk­ti­on sogar den Wahl­kreis Mit­te 2 im süd­li­chen Alt­be­zirk Mit­te mit sei­nen Plat­ten­bau­quar­tie­ren ab. Dort hat­te die PDS um das Mil­le­ni­um her­um noch Erst­stim­men­an­tei­le von über 50% für die spä­te­re Sena­to­rin Caro­la Freundl (Bluhm) geholt, die dies­mal, wie Wie­land, nicht mehr antrat. In Mit­te 2 hol­te sich die SPD durch Max Lan­de­ro knapp ihren zwei­ten Direkt­wahl­kreis in Mitte.

Im Wedding legt auch die Linke zu

In allen drei Wed­din­ger Direkt­wahl­krei­sen leg­te die Lin­ke an Zwei­stim­men zu, am stärks­ten im Nord­os­ten um 3,5 Pro­zent. In ganz Ber­lin dage­gen ver­lor die Par­tei 1,6 Pro­zent, im Bezirk Mit­te konn­te sie ihren Anteil exakt hal­ten. Die Sozi­al­de­mo­kra­ten dage­gen ver­lo­ren im Wed­ding über­durch­schnitt­lich – etwas stär­ker als im Gesamt­be­zirk Mit­te, wo ihr Anteil an den Zeit­stim­men um 2,8% zurück­ging, und deut­lich stär­ker als im Ber­li­ner Schnitt, wo sie mit einem Minus von nur einem Pro­mil­le fast genau auf dem Stand von 2016 ver­harr­te. Ins­ge­samt gewan­nen die drei Par­tei­en der Ber­li­ner Regie­rungs­ko­ali­ti­on in den bei­den nörd­li­chen Wed­din­ger Wahl­krei­sen jedoch etwa 4% hin­zu, im süd­li­chen Wed­ding dage­gen nur etwa ein Pro­zent. Im Gegen­zug ver­lor die CDU leicht und die AfD stark, wäh­rend die sons­ti­gen Par­tei­en deut­li­cher zuleg­ten. Die FDP kann man im Wed­ding schon fast zu die­sen Klein­par­tei­en dazu zäh­len, sie schaff­te es in allen drei Wed­din­ger Wahl­krei­sen nur auf ca. vier bis fünf Prozent.

Autor: Chris­tof Schaffelder

Die­ser Text erschien zuerst in leicht ver­än­der­ter Form in der Sanie­rungs­zeit­schrift Ecke Mül­ler­stra­ße Aus­ga­be Novem­ber 2021

Hier unser Bericht mit den genau­en Wahl­er­geb­nis­sen Kiez für Kiez

Gastautor

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3 Comments

  1. Hallo,als ich die Über­schrift gele­sen habe, habe ich mich kurz gefreut und gedacht,dass viel­leicht doch mei­ne jah­re­lan­gen) Bemü­hun­gen die Auf­ent­halts­qua­li­tät des Rat­haus­plät­zes , im Sin­ne von Umwelt und Kli­ma, zu ver­bes­sern end­lich gehört/erhört wur­den. Naja viel­leicht inter­es­sie­ren sich ja die vie­len neu­en Grü­nen dafür, die Hoff­nung stirbt zuletzt.

    • Hal­lo Frau Susan­ne Ringel

      was bit­te soll das sein bzw was stel­len sie sich dar­un­ter vor .…Auf­ent­halts­qua­li­tät des Rat­haus­plät­zes , im Sin­ne von Umwelt und Kli­ma, zu verbessern??

      Gruß

  2. Ver­mut­lich liegt der Auf­schwung der Grü­nen im Wed­ding aber nicht unbe­dingt am tol­len Par­tei­pro­gramm, son­dern an der unauf­halt­sam statt­finde­nen Gen­tri­fi­zie­rung und damit dem Zuzug neu­er Bewoh­ner – ent­we­der Stu­den­ten oder die sog. “zah­lungs­kräf­ti­gen Intel­lek­tu­el­len” – deren Ideo­lo­gie sich im Pro­gramm der “Nach­hal­tig­keits­kai­ser” wiederspiegelt.

    Scha­de nur, dass sich vie­le Urwed­din­ger die grü­ne Ideo­lo­gie in den kom­men­den Jah­ren nicht mehr leis­ten kön­nen wer­den (Strom, Ben­zin, Par­ken, .…) und das Feld lei­der räu­men müssen!

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