Baustellenführungen und Baustellenrallye

Schiller Bibliothek EingangsbereichZum Tag der Städtebauförderung am 21. Mai

Am Samstag, dem 21. Mai findet wieder der »Tag der Städtebauförderung« statt – in über 500 Städten und Gemeinden in ganz Deutschland. Besonders engagiert dabei ist der Bezirk Berlin-Mitte. Dort finden mehr Veranstaltungen statt als in irgendeinem anderen Bezirk der Stadt. Auch das Aktive Zentrum Müllerstraße ist wieder dabei. Am 21. Mai kann man sich in der neuen Schiller-Bibliothek über einige ausgewählte Projekte informieren, die mit Hilfe des Städtebauförderprogramms »Aktive Stadt- und Ortsteilzentren« im Sanierungsgebiet Müllerstraße realisiert wurden oder noch realisiert werden sollen. Dabei kann man natürlich auch mit den dafür zuständigen Mitarbeitern des Bezirks sowie des Büros Jahn, Mack und Partner ins Gespräch kommen, das für die Prozesssteuerung im Gebiet zuständig ist. Auch die Stadtteilvertretung mensch.müller wird mit einem eigenen Informationsstand vertreten sein. Zudem gibt es stündlich Baustellenführungen, und am Ende wird feierlich der neue Kinderspielplatz auf dem Zeppelinplatz eröffnet.

Neues Familienzentrum am Nauener Platz

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Cornelia Dette (r.) mit einigen Frauen in der Küche des Familienzentrums.

Am großen Tisch in der Cafeteria faltet eine Frau konzentriert an leuchtend gelben Papierbooten für eine Flüchtlings-Kampagne von Amnesty Interational. Eine zweite Frau kommt hinzu, überlegt nicht lange und macht mit. In einem kleinen Büroraum nebenan tippt ein Mann währenddessen in einen Computer, er arbeitet an der Internetseite des Hauses. In der Küche backen drei Frauen plaudernd und fröhlich lachend Kuchen. Die Leiterin des Familienzentrums am Nauener Platz, Cornelia Dette, hat heute Geburtstag, der duftende Kuchen ist für sie.

Wedding von unten – seit 90 Jahren per U-Bahn

Einfach unterirdisch: viele Berliner kennen den Wedding nur aus der Kellerperspektive. Für seinen Untergrund ist der Stadtteil jedoch nicht erst in neuester Zeit bekannt, denn schon vor neunzig Jahren erreichte die erste U-Bahn den Wedding.

U-Bahn-WagenDie erste U-Bahn-Linie Berlins (die heutige U 1) wurde noch überwiegend als Hochbahn ausgeführt, so sehr misstraute man angesichts der technischen Möglichkeiten um 1900 dem sandigen Berliner Untergrund. Die Stadt Berlin hatte den Bau und Betrieb anfangs einem privaten Bauherrn (Siemens und Halske) überlassen. Beim Bau der Nord-Süd-Bahn Wedding-Tempelhof /Neukölln war sie jedoch selbst als Bauherr tätig. Noch vor dem Ersten Weltkrieg begannen die Bauarbeiten, wurden aber bald eingestellt. Es dauerte noch bis Januar 1923, bis die städtische Nord-Süd-Bahn zwischen Hallesches Tor und dem heutigen Bahnhof Naturkundemuseum eröffnet wurde. Im März des gleichen Jahres ging die Verlängerung über Reinickendorfer Straße, Bahnhof Wedding, Leopoldplatz bis zur Seestraße in Betrieb, wodurch auch der Wedding über einen U-Bahn-Anschluss verfügte.

Plätze im Wedding

Fallen wir gleich mal mit der Tür ins Haus und behaupten: im Wedding gibt es eigentlich so gut wie keine schönen Stadtplätze. Entweder sind es vom Verkehr umtoste Freiflächen oder viel zu große unwirtliche Areale, als dass man sie als beliebte Treffpunkte mit städtischem Leben wahrnimmt. Hier eine Top Ten der Freiflächen, die das Wort Platz im Namen führen, von denen aber die wenigsten eine echte Aufenthaltsqualität besitzen:

Leopoldplatz

Ein langer harter Winter mit Schnee bis in den April...
Ein langer harter Winter mit Schnee bis in den April…

Der Schnittpunkt der Verkehrsschneisen Müllerstraße und Schulstraße, unter dem sich auch gleich zwei U-Bahn-Linien übereinander kreuzen, trägt seinen Namen seit 1891. Wie viele Straßen im Kiez bezieht sich der Name auf den Spanischen Erbfolgekrieg von 1701-1714. Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau (1676-1747) kämpfte auf Seiten Preußens und war auch als „der alte Dessauer“ bekannt. Eingerahmt wird der Platz auf der offenen Nordostseite von der zunächst kaum als Sakralbau erkennbaren Alten Nazarethkirche, die bis 1835 von Karl Friedrich Schinkel erbaut wurde. Die Freifläche zwischen den drei den Platz begrenzenden Straßen und der turmlosen klassizistischen Kirche ist ein traditioneller Marktstandort und besitzt mit der Skulptur „Adorant“ (Nachguss des Betenden Jünglings von 325 v.Chr.) ein bedeutendes Kunstwerk, allerdings gut versteckt an seinem südwestlichen Rand. Trotz seiner überbezirklichen Bedeutung (vor allem durch das Karstadt-Kaufhaus und die U-Bahn-Kreuzung) ist der eigentliche Platz ein eher zugiger Ort, an dem man sich nur ungern länger aufhält als unbedingt notwendig. Die vorletzte Umgestaltung des „Leo“ datiert aus dem Jahr 1984, und eine Aufwertung des in die Jahre gekommenen Platzes ist in Angriff genommen worden. Doch der Platz zieht sich, hinter der Schinkelkirche, noch über drei Baublöcke hinaus als langgezogenes Rechteck. Hier hat der „Leo“ eher Grünflächencharakter. Dort befinden sich Spielplätze und ein neu angelegter „Trinkerbereich“. Die Neue Nazarethkirche (1891-93) mit ihrem 78 Meter hohen Turm prägt den östlichen Platzteil. Den namenlosen Vorplatz vor dem Rathaus Wedding, der in Sichtweite, jedoch auf der anderen Seite der Müllerstraße liegt, kann man im weitesten Sinne ebenfalls als Bestandteil des Leopoldplatzes bezeichnen.

Nauener Platz

Ein „Nicht-Platz“ erster Güte. Er befindet sich im Schnittpunkt von Schul- und Reinickendorfer Straße, darunter ein in den 1970ern eröffneter U-Bahnhof in Pop-Art-Optik, 1910 benannt nach der brandenburgischen Kleinstadt. Interessanter ist da schon die Nutzung des öffentlichen Raums an seiner Nordostecke durch verschiedene Generationen. Das Umfeld rund um das „Haus der Jugend“, einst u.a. Standort der Kinderbibliothek, wurde 2009 unter dem Motto „Nauener Neu“ umgestaltet. Hier befinden sich Spiel- und Bolzplätze, u.a. auch Spielgeräte für Senioren. Auf den zweiten Blick ein sehr lebendiger Platz!

Weddingplatz

Historisch interessanter Platz an der Stelle, wo die Reinickendorfer Straße im schrägen Winkel auf die Müllerstraße trifft. Einst hieß er Kirchplatz, was sich auf eine nicht mehr nachweisbare Kirche im wüst gefallenen Dorf Wedding beziehen könnte, wurde aber 1835 umbenannt. Denn auf seiner Fläche befand sich zuvor das Vorwerk Wedding. Die Dankeskirche in seiner Mitte wurde bis 1885 von August Orth errichtet, im 2. Weltkrieg zerstört und durch einen 1972 eröffneten symmetrischen Neubau von Fritz Bornemann ersetzt, bei der der Glockenturm in die Außenwand integriert wurde. Bedeutsam ist der Firmensitz der Firma Schering an seinem Westrand seit 1871 – das Pharmaunternehmen wurde 2006 von der Bayer AG übernommen. Das bis 1974 erbaute 16-geschossige Verwaltungsgebäude wurde später für seine Integration in den Stadtraum prämiert! Unstrittig dürfte sein, dass dieser von Kriegszerstörungen geprägte und durch Gebäude im Zeitgeist der 1970er Jahre ergänzte Platz ein vom Verkehrslärm umtoster, unwirtlicher Ort ist, der trotz seines Namens wohl kaum als identitätsstiftend für den Wedding gelten kann und auch als Platz so gut wie niemandem bekannt ist.

Nachtigalplatz

Auf dem Nachtigalplatz
Auf dem Nachtigalplatz

Städtebaulich interessante Lösung an einer Stelle, wo sich die Togostraße und die Petersallee rechtwinklig treffen und die Afrikanische Straße das Ganze dann im 45-Grad-Winkel schneidet. Um diese vermurkste Kreuzungssituation herum wurde ein rechteckiger Platz mit einheitlich gestalteten Wohnbauten angelegt; in den vom Verkehr freigelassenen Freiflächen befinden sich triste Rasenflächen. Grünanlage kann man diese Platzsituation beim besten Willen nicht nennen. Ein Defizit an Grünflächen beklagen die Anwohner aber nicht, befindet sich doch nur ein paar Schritte weiter die 120 Hektar große Fläche des Volksparks Rehberge mit den ausgedehnten Kleingartenkolonien. Knatsch gibt es eher wegen des Namensgebers, dem Afrikaforscher Gustav Nachtigal. Die Umbenennung des Platzes wird insbesondere von antirassistischen Initiativen gefordert, ist aber derzeit politisch nicht umsetzbar.

Max-Josef-Metzger-Platz

Auf dem Max-Josef-Metzger-PlatzEinst der Courbièreplatz, benannt nach einem preußischen Feldmarschall (1733-1811), ist diese kleine Grünfläche umgeben von ein paar Wohnhäusern, der St.Josefkirche und der Arbeitsagentur Müllerstraße. Seit 1954 steht die Trümmersäule auf dem Platz, die an den Wiederaufbau erinnert, den Platz aber eher noch trostloser erscheinen lässt als ohnehin schon. Der 12 Meter hohe Pfeiler von Gerhard Schultze-Seehof ist mit Mosaikreliefs geschmückt. Der „Park“ drumherum wirkt insgesamt etwas ungepflegt, kein Wunder, dass der Platz im Volksmund Lausepark heißt. Da ist der auf der anderen Seite der Gerichtstraße liegende Urnenfriedhofspark mit dem Krematorium schon ein schönerer Blickfang. Der heutige Name des Platzes erinnert an einen streitbaren katholischen Theologen, der während des Zweiten Weltkriegs drei Jahre lang an der St.Josefkirche gegenüber des Platzes gewirkt hatte.

Louise-Schroeder-Platz

Hier, an der Grenze zwischen Mitte und Reinickendorf, hat man einen Platz nach Berlins erster Oberbürgermeisterin (1947/48) benannt. Der Tagesspiegel schreibt dazu: „Hat Louise Schroeder … diesen Platz verdient? Er ist ein vom Verkehr umtostes Mauerblümchen, ein stiller Treff der Trinkerszene. Vor allem ist er eine unfreiwillige Ausstellung der Schäden, die der Geldmangel Berlins an den öffentlichen Anlagen anrichtet. Es sind zwar noch Spuren minimaler Pflege zu erkennen, der Rasen ist leidlich gemäht, die Rosen heruntergeschnitten. Aber sonst? Die Zierbeete der westlichen Platzhälfte werden von Löwenzahn und Disteln überwuchert, der Zierteich auf der Ost-Hälfte sieht vor lauter Algen aus wie ein Sumpf. Und in die Wege hinein wuchert Unkraut, alles wächst wild, und in eine Ecke hat irgendjemand seine überzähligen Ikea-Schränke entsorgt.“ Muss man noch mehr dazu sagen?

Augustenburger Platz

Augustenburger Platz
Augustenburger Platz

Dieser Platz, benannt im Jahr 1901 nach einem Schloss in Dänemark, hat nur eine Hausnummer. Immerhin handelt es sich beim Adressaten um das Virchow-Klinikum der Charité. Wie ein Schloss mit einem repräsentativen Vorhof wirkt der zum Augustenburger Platz weisende ältere Teil des bis 1906 von Ludwig Hoffmann errichteten Krankenhausbaus. Der Platz selbst ist weniger attraktiv – eine ungepflegte Grünanlage mit U-Bahn-Eingang (Amrumer Straße). Die hier beginnende breite Torfstraße mit ihrer gründerzeitlichen Bebauung wird eher als urbaner Raum wahrgenommen als dieser dreieckige Vorplatz zum Krankenhaus. Auf die Idee, sich hier für längere Zeit hinzusetzen, kommt hier wohl niemand.

Sparrplatz

Groß ist der langgezogene, 1897 nach dem ersten Feldmarschall Otto Christoph Freiherr von Sparr (1599–1668) benannte Platz im Sprengelkiez ja durchaus. Kurios ist, dass auf beiden Platzseiten die Sparrstraße verläuft – eine Postadresse Sparrplatz gibt es nicht. Herrmann Mächtig legte 1902 einen Entwurf zur Gestaltung vor, 1919 und 1931 gab es eine erneute Umgestaltung. 1950 und 1954 erfolgte eine Neuanlage, bei der Gehölzgruppen gepflanzt und Spielplätze errichtet wurden. Durch das Quartiersmanagement, das sich nach dem Platz (und nicht nach dem Sprengelkiez) benannt hat, ist viel Geld in die Modernisierung der Anlage geflossen. Heute gehört der Platz wieder zu den angenehmeren Orten im Wedding, zumindest tagsüber und im Sommer.

Nettelbeckplatz

NettelbeckplatzJoachim Christian Nettelbeck verteidigte seine Stadt Kolberg gegen Napoleon. Der Platz, wo sich die Reinickendorfer Straße, die Lindower und die Gerichtstraße kreuzen, heißt seit 1884 nach diesem Kaufmann. Zuletzt 1985 wurde der Platz umgestaltet, er ist seither verkehrsberuhigt. Es ist einer der ganz wenigen Plätze im Wedding, auf denen man sich auf einer großen runden Bank unter Bäumen niederlassen kann. Ein Denkmal namens „Tanz auf dem Vulkan“ (1988) gibt dem runden Stadtplatz einen Mittelpunkt. Die Wiedereröffnung der Ringbahn mit dem S-Bahnhof Wedding hat sicher auch dazu beigetragen, dass der Nettelbeckplatz an Aufmerksamkeit hinzugewonnen hat. Mit dem KikiSol, dem „Magendoktor“ und der Gerichtstraße ist der Platz im Mittelpunkt eines sich entwickelnden Nachtlebens. Als Platz, der für den Wedding eine zentrale Bedeutung besitzt, wird der Nettelbeckplatz allerdings noch nicht wahrgenommen…

Pekinger Platz

1905 wurde der dreieckige Platz am Nordufer des Schiffahrtskanals nach der chinesischen Hauptstadt benannt. Damit sollte an die Besetzung Pekings durch Truppen der Großmächte unter deutscher Führung im Jahr 1900 erinnert werden. Das „Café Achteck„, ein denkmalgeschütztes Pissoir, stammt aus dem Jahr 1890. Nachdem der Platz nach dem Krieg als Trümmerabladeplatz gedient hatte, wurde er 1949 wieder als Park errichtet. 2010 wurde der Park neu gestaltet und die Straße Nordufer verkehrsberuhigt. Seither gibt es zahlreiche neue Fitness-Spielgeräte auf der Promenade mit Wasserlage. Auch gibt es mit dem „Auszeit“ direkt am Platz ein beliebtes Café. Fazit: Der Pekinger Platz ist unbestritten Weddings schönstgelegener Platz!

Es gibt natürlich noch mehr Plätze im Wedding, z.B. den Zeppelinplatz. Welcher Platz gefällt euch am wenigsten? Und gibt es Plätze, die ihr als „schön“ bezeichnen würdet? 

ExRotaprint: Strahlkraft für Kunst und Gewerbe im Wedding

Das Projekt ExRotaprint steht für eine behutsame Entwicklung des Kiezes an der Reinickendorfer Straße in Berlin-Wedding. Denn die Gesellschafter der gemeinnützigen ExRotaprint-GmbH profitieren nicht von den Einnahmen des Geländes und können bei Verkauf ihrer Gesellschaftsanteile keinen Mehrwert realisieren. Dadurch kann langfristig stabil zu selbst geschaffenen Konditionen gearbeitet werden. Dass sie gerade hier bleiben und alles langfristig gestalten können, darin liegt für die Initiatoren der wirkliche Profit.

Klaus Kirsten – den Namen dieses Architekten dürften nur die wenigsten kennen. Die von ihm gebauten Häuser sind kaum bekannt, sein Lebensweg ist schwer zu rekonstruieren.  Hingegen sind die Erweiterungs- und Ergänzungsbauten der Fabrik „Rotaprint“ in Berlin-Wedding, die er als junger Architekt in den Fünfzigerjahren realisierte, umso bemerkenswerter. „Gerade die Architektur dieser Gebäude hat uns dazu inspiriert, uns hier dauerhaft zu engagieren“, sagt Daniela Brahm, Gesellschafterin der „Ex-Rotaprint“- gGmbH und zusammen mit Les Schliesser und Anna Schuster Mit-Initiatorin von ExRotaprint. Man sieht ihr auch nach zehn Jahren noch die Begeisterung für diesen einzigartigen Gebäudekomplex im Wedding an. Die Künstlerin hat ihr Atelier in einem der beiden Gebäudeteile aus den Fünfzigerjahren. „Der Eckbau an der Gottschedstraße und dieses Gebäude sind wie ungleiche Zwillinge“, findet Daniela Brahm. Das repräsentative Quergebäude hingegen, das durch seine riesige, rechteckige Glasfront beeindruckt, bietet sich für die Einbindung in die Öffentlichkeit geradezu an: „Hier könnten wir uns perspektivisch eine Art Kongresszentrum vorstellen“, sagt Daniela Brahm mit einem Augenzwinkern. Das geht bei diesem Modell nicht kurzfristig – es ist klar, dass die Sanierung der erhaltenen Fabrikgebäude nur langfristig vonstatten gehen kann: „Hier soll etwas Dauerhaftes passieren. Die Leute, die sich hier engagieren, wollen in Berlin etwas aufbauen, was funktioniert.“

Die einzigartige Architektur der früheren Fabrik für Druckoffsetmaschinen, die zwar noch Bauten aus der Vorkriegszeit umfasst, aber keine Fertigungshallen mehr, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Auch Außenstehende vermag diese Architektur für das gesamte Projekt zu begeistern. Das Umfeld, ein sozial schwacher Kiez, erfordert zudem Rücksicht – anders als es Immobilienspekulanten für gewöhnlich tun: „Wir wollen den Standort hier nicht überrollen und ihm etwas Fremdes überstülpen“; erklärt Brahm. „Daher haben wir hier zu je einem Drittel eine Nutzung durch soziale Träger, Gewerbe und Kulturwirtschaft. Fast die gesamten 10 000 Quadratmeter sind vermietet.“ Das Kleingewerbe – immer noch typisch für den Ortsteil – soll so einbezogen und eben nicht verdrängt werden. Daniela Brahm weiß, wovon sie spricht: sie hat „ihren“ Verdrängungsprozess ab 1990 in Berlin-Mitte erlebt: „Da ist es mir später fremd geworden“, sagt sie, „als Künstler haben wir uns durch unsere Vorarbeit selbst hinausgetrieben.“ Die so genannte Gentrifizierung droht dem Gebiet rund um die Reinickendorfer Straße zwar nicht im gleichen Maße wie die historische Innenstadt, aber man kann man schon von der obersten Etage des Fabrikgebäudes sehen, dass Luxus-Dachgeschosse entstanden sind, erzählt Daniela Brahm.  Die Künstlerin kennt diesen Teil des Wedding seit über einem Jahrzehnt und ist sich bewusst, dass das von ihr mitverantwortete Projekt auch eine Strahlkraft für den Kiez besitzt: „Man macht letztlich immer mit bei der Aufwertung eines Viertels – aber dieser Kiez kann das gut gebrauchen!“

Wie kam es zum Grundstückskauf?

Damit das Gelände nicht der Immobilienspekulation anheimfallen konnte, war viel Geschick erforderlich: dass es im September 2007 gelungen ist, die Fabrik durch die „ExRotaprint gGmbH“ zu übernehmen, war ein Signal des Aufbruchs. Einige der damaligen Mieter der Rotaprint-Fabrik gingen gemeinsam vor, um zu verhindern, dass das Areal vom Berliner Liegenschaftsfonds an einen Investor verkauft wird, Damit wollten sie der Perspektivlosigkeit der Rotaprint-Fabrik etwas entgegensetzen. Die Rechtsform einer nicht-gewinnorientierten gemeinnützigen GmbH war der Kompromiss, auf den sich die damaligen Akteure nach langen Diskussionen einigten. Zwei Stiftungen, deren Zielsetzung es ist, sich gegen die Spekulation mit Grund und Boden zu richten und Alternativen zu fördern, halfen beim Kauf des Grundstücks. Mit den Stiftungen hat die ExRotaprint gGmbH einen 99-jährigen Erbbaupachtvertrag geschlossen und ist somit alleinverantwortliche Betreiberin des Geländes. Statt sich für den Grundstückskauf zu verschulden, können die Mieteinnahmen und Kredite nun für die dringend benötigte, behutsame Gebäudesanierung verwendet werden. Darin liegt der entscheidende Vorteil für ExRotaprint.“Es ist ja so, dass die Bauten der Fünfzigerjahre nur aus Beton, Glas und Stahl bestehen und dadurch sehr energieintensiv sind“, erklärt Brahm die heutige bauliche Situation einiger Gebäudeteile.“

Schon beim Tag des Offenen Denkmals 2007, als die Architektur der Nachkriegsmoderne im Mittelpunkt stand, fanden sich erstmals zahlreiche Besucher zu den von Daniela Brahm und dem Architekten Bernhard Hummel geführten Besichtigungstouren in der Fabrik ein. Auch in den folgenden Jahren fanden viele Interessierte den Weg auf das Rotaprint-Gelände. „Die Architektur gibt uns die Energie für dieses Projekt, und deswegen haben wir’s gewagt“ – für Daniela Brahm ist es das, was das Projekt ExRotaprint so attraktiv macht.

Zu vermieten sind dauerhaft ein Projektraum und Gästewohnungen. Seit einigen Jahren gibt es auch eine Kantine, die die Mieter und die Nachbarschaft mit Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen versorgt. Sie bietet gutes Essen für Alle zu fairen Preisen. Das Team der Kantine kann für das Catering von Veranstaltung in und außer Haus gebucht werden.

ExRotaprint

Gottschedstr. 4/Reinickendorfer Str.

U Nauener Platz

Beitrag auf panke.info

Antonkiez: Kein Totentanz im Kiez rund um den Urnenfriedhof

Nettelbeckplatz
Nettelbeckplatz

Man tut diesem kleinen Kiez vielleicht etwas unrecht, wenn man ihn kaum wahrnimmt, denn er liegt etwas verloren zwischen Leopoldplatz, Nettelbeckplatz und dem S-Bahn-Ring. Dabei geht auf diesen Teil des Wedding gar die Besiedlung des ganzen Ortsteils zurück: an der heutigen Ecke Reinickendorfer-/ Pankstraße  stand noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das 1601 gegründete Gut „Vorwerk Wedding“ und musste erst dem großflächigen Bau von Mietskasernen weichen. Die Straßen des Kiezes sind teilweise von 1820 und damit älter als die meisten Nebenstraßen des Wedding, die auf den Hobrecht-Plan aus dem Jahr 1862 zurückgehen. Heute geht man an der Kösliner Straße achtlos vorbei, aber dieser ellenbogenförmige Weg steht für das, was den Ruf des „Roten Wedding“ mit begründete. Die ganze Gegend war eine KPD-Hochburg. Im Jahr 1929 führte das Verbot einer Maidemonstration zum Bau von Barrikaden. Das Eingreifen der Polizei mündete in blutigen Straßenkämpfen – 19 Tote waren am Ende des Tages zu beklagen. Nicht weniger brachial war der Umgang mit der Geschichte nach dem Krieg: Nahezu kein Gebäude hat die Kahlschlagsanierung  überstanden, dafür erinnert aber – abseits des Orts des Geschehens-  ein Gedenkstein an der Wiesenstraßenbrücke über die Panke an den „Blutmai“ 1929.

Im Schatten des Krematoriums

Urnenfriedhof Gerichtstraße
Urnenfriedhof Gerichtstraße

Das schönste Gebäude im Kiez ist zugleich auch eine ganz besondere Sehenswürdigkeit. Es handelt sich nämlich um Berlins ältestes Krematorium von 1909/10. Es wurde schon errichtet, bevor die Leichenverbrennung auf dem Gebiet Preußens 1912 legalisiert wurde. Bis dahin konnten nur Urnen von Verstorbenen beigesetzt werden, die außerhalb Preußens verbrannt wurden. Der Urnenfriedhof, der einen ganzen Straßenblock einnimmt, ging aus dem ersten städtischen Friedhof Berlins aus dem Jahr 1828 hervor. Kurios ist, dass es eher die wohlhabenden Schichten waren, die sich für diese Form der Bestattung entschieden und so kommt es, dass auch viele bedeutende Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik die Urnenhalle im Krematorium Wedding mit ihrer Asche beehren. Das achteckige Gebäude enthält eine antik anmutende Feierhalle und wird seinerseits von einer achteckigen Flügelanlage umschlossen. Darin befinden sich weitere Nischen mit Urnen, so genannte Kolumbarien. Das Weddinger Krematorium stellte 2010 den Betrieb ein und wurde im Jahr 2012 verkauft. Das ungewöhnliche Gebäude wurde zu einem Kultur-Campus umgestaltet. Besitzer des Ensembles, zu dem noch ein Leichenhaus, die Friedhofsverwaltung und der Gärtnerstützpunkt gehören, ist die Silent Green Kulturquartier.

Auch sonst prägen öffentliche Gebäude das Gebiet. Imponierend ist der Komplex aus mehreren Schulgebäuden, die am Schnittpunkt dreier Straßen in einer perfekten Symmetrie geplant waren. Realisiert wurde der Plan zwar nur zu drei Vierteln, dennoch beeindruckt die schiere Größe: 3300 Schüler konnten nach der Eröffnung im Jahr 1913 in 67 Klassen unterrichtet werden! Heute befindet sich die Volkshochschule in einem der Schulgebäude. Auch das ehemalige Postamt in der Gerichtstraße (1926-28) ist durch seine expressive Formensprache aus Sprossenfenstern und Backsteinen durchaus stadtbildprägend.

Gerichtstraße und Nettelbeckplatz im Mittelpunkt

Stattbad GerichtstrApropos Gerichtstraße: Das Stadtbad Wedding war das letzte von Ludwig Hoffmann erbaute Bad aus dem Jahr 1907.  Im ehemaligen Wedding war der Wohnraum knapp und es gab kaum sanitäre Einrichtungen. Deshalb waren die Wannen- und Duschabteilungen wichtiger Bestandteil des Stadtbades. Seit 2002 ruht allerdings der Badebetrieb. Unter dem Namen Stattbad wurde das Gebäude für Kunstausstellungen und Veranstaltungen genutzt. Allerdings wurde seitens des Bezirksamts im Mai 2015 die Schließung verfügt; schließlich wurde es im Sommer 2016 ganz abgerissen und wich dem Neubau von Studentenappartements.  In der Schererstraße etabliert sich übrigens ein weiterer kleiner Kunststandort. In der Gottschedstraße, auf der anderen Seite der Reinickendorfer Straße, haben sich einige Bars angesiedelt. Vor allem das Ex Rotaprint-Projekt dürfte auch zu einer Verstetigung von gewerblichen Strukturen beitragen.

In der Adolfstraße
In der Adolfstraße

Wohin die Reise des Antonkiezes geht, ist schwer absehbar. Kahlschlagsanierung und sozialer Wohnungsbau (vor allem der 1980er Jahre) prägen das zerrissene Gebiet immer noch. Immerhin hat die Verkehrsberuhigung des Nettelbeckplatzes im Jahr 1985 dazu beigetragen, dass man sich inzwischen gerne auf dieser Freifläche aufhält. Anziehungspunkte mit Strahlkraft gibt es nur wenige, aber es gibt sie. Trotzdem liegt dieses Gebiet einfach zentral und ist aus allen Richtungen gut erreichbar. Gut möglich, dass sich das Image des Kiezes rund um den Urnenfriedhof bald ändert.

Prinz Eugen Str
Prinz-Eugen-Straße
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