Verschwundener Wedding

Verschwunden: das Stattbad
Adieu Statt­bad!

Frü­he­re Fabri­ken, in die neu­es Leben ein­zieht, alte Gebäu­de, die eine künst­le­ri­sche Nut­zung erfah­ren oder Brach­flä­chen, auf denen Gemein­schafts­gär­ten ent­ste­hen: Der Wed­ding ist voll von schö­nen Orten, die Geschich­te und Flair haben. Doch erstaun­lich viel ist erst in der Nach­kriegs­zeit oder in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit ver­schwun­den, rück­sichts­los abge­ris­sen und durch wesent­lich unin­ter­es­san­te­re Gebäu­de ersetzt. Da fragt man sich unwill­kür­lich: Hat das so kom­men müs­sen, war das wirk­lich nötig? Wir erzäh­len euch ein paar Geschich­ten – mit Trä­nen in den Augen.

Müllerstraße: Großer Boulevard mit Lackschäden

An der Müllerstraße ist der Lack ab

Die Mül­ler­stra­ße, die über drei Kilo­me­ter lan­ge, unan­ge­foch­te­ne Haupt­schlag­ader des Wed­ding, besitzt noch das For­mat einer Haupt­stra­ße. Ihr beschei­de­ner Anfang als Sand­pis­te zwi­schen Tegel und Ber­lin ist ihr jeden­falls nicht mehr anzu­se­hen, Res­te der länd­li­chen Bebau­ung vor den Toren Ber­lins gibt es auch nicht mehr. Wie so vie­le Magis­tra­len ande­rer Welt­städ­te führt sie schnur­ge­ra­de aus den Vor­or­ten direkt ins Herz der Innenstadt.

Müllerstraße: Der “Ku’damm des Nordens”

Ralf Schmie­de­cke, Autor von inzwi­schen 13 Büchern über die His­to­rie diver­ser Ber­li­ner Stadt­tei­le sowie der Ber­li­ner Feu­er­wehr,  lebt seit sei­ner Geburt im Wed­ding. Der Hob­by-His­to­ri­ker arbei­tet als Sicher­heits­in­ge­nieur bei der BSR. Sei­ne Frei­zeit­be­schäf­ti­gung ist eher eine Lei­den­schaft: Er sam­melt his­to­ri­sche Ansichts­kar­ten, Fotos und Fir­men­rech­nun­gen. Die meis­ten Expo­na­te stam­men dabei aus dem alten Bezirk Wed­ding. Über den hat er bereits drei Bild­bän­de zusam­men­ge­stellt – und das vier­te Buch ist schon in Arbeit.

Müllerhalle: Fassade der Finsternis

Müllerhalle KauflandAm 5. Dezem­ber 2013 öff­ne­te die neue Mül­ler­hal­le ihre Pfor­ten. Anwoh­ner, die wegen der etwas düs­ter gera­te­nen Klin­ker­fas­sa­de depres­siv ver­stimmt sind, kön­nen sich also bald wie­der glück­lich shop­pen. Zuge­ge­ben: Auf den Ent­wür­fen der neu­en Hal­le sah das Gebäu­de irgend­wie hel­ler und freund­li­cher aus. Aber mei­ne Güte, das war eben nur ein Ent­wurf. Und viel­leicht gehör­te es ja zum Kon­zept der Ver­ant­wort­li­chen, das Gebäu­de von außen so fins­ter zu gestal­ten, dass man mög­lichst schnell ins Inne­re möch­te, um sich vor dem Anblick zu schüt­zen. Kann doch sein. Soll­te die­ses Kon­zept nicht auf­ge­hen, könn­te man zu Mar­ke­ting­zwe­cken einen Hor­ror­film in der Hal­le dre­hen. Immer­hin war dort wirk­lich mal ein Fried­hof der Kuschel­tie­re und das Gebäu­de wür­de eine geeig­ne­te Fas­sa­de – par­don – Kulis­se bie­ten. Aber Spaß bei­sei­te, Mül­ler­hal­le. Wir wün­schen dir einen glück­li­chen Start und ein gutes Weih­nachts­ge­schäft. Ver­giss aber nicht, ein paar Lich­ter­ket­ten auf­zu­hän­gen – mög­lichst außen.

Neue Müllerhalle: eine Chance für den schwarzen Kasten

Ber­lin ver­än­dert sich, der Wed­ding auch, aber in Sachen “Mül­ler­hal­le” ist mehr Weh­mut im Spiel als bei ande­ren Bau­pro­jek­ten der Stadt.

Tristesse in grau: die MüllerhalleNach­dem 1950 auf dem Gelän­de eines ehe­ma­li­gen Tier­fried­hofs die Markt­hal­le errich­tet wur­de, ent­wi­ckel­te sich der Stand­ort schnell zum Treff­punkt des gesam­ten nörd­li­chen Wed­ding. Doch mit dem all­ge­mei­nen Nie­der­gang der Mül­ler­stra­ße und dem Auf­kom­men ande­rer Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten ver­kam die Mül­ler­hal­le immer mehr zu einem Ramsch­la­den und stand zuletzt größ­ten­teils leer. Auf das Wag­nis einer sanier­ten, leben­di­gen Markt­hal­le mit vie­len klei­nen Geschäf­ten woll­te sich der Besit­zer denn auch nicht mehr ein­las­sen. So war es nur eine Fra­ge der Zeit, bis die Abriss­bir­ne tätig wur­de und 2012 gro­ße Tei­le des Häu­ser­blocks Mül­ler-/Kon­go-/Lü­de­ritz­stra­ße in gäh­nen­de Lee­re verwandelte.

Neue Müllerhalle: Für Nostalgie ist bei diesem Kompromiss kein Platz

Eröffnung noch im Jahr 2013... (Foto: P.Arndt)
Eröff­nung noch im Jahr 2013… (Foto: P.Arndt)

Darf man die neue Mül­ler­hal­le noch so nen­nen? Vie­le Anwoh­ner frem­deln mit dem archi­tek­to­nisch hoch­wer­ti­gen Ent­wurf, der die obe­re Mül­ler­stra­ße wie kaum ein ande­res Gebäu­de prä­gen wird. Bei einer von der SPD-Frak­ti­on Ber­lin-Mit­te orga­ni­sier­ten Ver­an­stal­tung am 23. Febru­ar stan­den Kom­mu­nal­po­li­ti­ker und Abge­ord­ne­te sowie eine Ver­tre­te­rin des Bau­herrn Rede und Ant­wort. Anders als beim städ­te­bau­lich miss­glück­ten Lidl gegen­über der Ein­mün­dung der Kame­ru­ner Stra­ße sol­len hier die Bür­ger „mit­ge­nom­men“ werden.

Ein Kameramann des RBB filmtDas ist auch drin­gend nötig, ange­sichts der Emo­tio­nen, die die­ser Neu­bau eines Ein­kaufs­zen­trums hoch­ko­chen lässt. Sogar der RBB hat ein Kame­ra­team geschickt, um in der Abend­schau über die Dis­kus­si­ons­run­de zu berich­ten. Alle Red­ner ver­bin­den schö­ne (Kindheits-)Erinnerungen mit der Markt­hal­le, die seit 1950 einen Kiez­treff­punkt dar­stell­te, zuletzt aber einen bei­spiel­lo­sen Nie­der­gang erleb­te. Nicht nur älte­re Wed­din­ger bekom­men glän­zen­de Augen, wenn sie von den drei Flei­schern, dem Knöp­fe­l­aden und dem Schus­ter in der alten Mül­ler­hal­le erzäh­len. Die Nach­barn traf man natür­lich auch beim Ein­kau­fen und hielt ein Schwätz­chen zwi­schen Fisch­stand und Currywurstimbiss.

Aus und vor­bei. Die Hal­le ist seit 2012 abge­ris­sen, ein neu­es Ein­zel­han­dels­zen­trum mit Kauf­land als Anker­mie­ter ist seit ein paar Tagen im Bau, nach­dem nun die Fun­da­ment­boh­run­gen begon­nen haben. Die Viel­falt der Markt­stän­de wird es im auto­ge­rech­ten Neu­bau nicht mehr geben. „Das Kauf­ver­hal­ten hat sich geän­dert“, sagt SPD-Mann Lars Neu­haus. Ver­glei­che mit den weni­gen noch erfolg­rei­chen Ber­li­ner Markt­hal­len sei­en nicht statt­haft, fin­det er: „Wir haben gese­hen, dass das alte Kon­zept in die­sem Kiez am Ende nicht funk­tio­niert hat.“

Mehr Lebensmitteleinzelhandel ist nicht mehr zu verkraften

IMG_20130223_120309Mit der jetzt gefun­de­nen Lösung sind die anwe­sen­den Poli­ti­ker Bruni Wil­den­hain-Lau­ter­bach (MdA), Ste­fan Dra­e­ger, Jani­na Kör­per und Mar­ti­na Mati­schok zufrie­den – das Wort Kom­pro­miss wird noch oft an die­sem Tag fal­len. Es sei gera­de noch zu ver­kraf­ten, so viel Lebens­mit­tel-Ein­zel­han­del an einem Stra­ßen­ab­schnitt (Real, Rei­chelt, Aldi, Lidl und eben Kauf­land) – mehr wer­de hier nicht geneh­migt. Klein­tei­li­gen Han­del im Wind­schat­ten von Kauf­land (davon als Rück­keh­rer der alten Mül­ler­hal­le Mc Paper, ein Lot­to Toto-Laden, das Reform­haus und der Zei­tungs­la­den) wird es an der Stra­ßen­front auch geben und zur Bele­bung der Mül­ler­stra­ße bei­tra­gen. Über­haupt, die Mül­ler­stra­ße: „Die neue Mül­ler­hal­le soll nicht zum Ver­kehrs­cha­os füh­ren“, erklärt Jani­na Kör­per, Ver­kehrs­ex­per­tin in der BVV. Nur 188 Park­plät­ze für Autos, kein rie­si­ges lee­res Park­haus mehr wie im nahen Schil­ler­park­cen­ter, sowie 54 Fahr­rad­stell­plät­ze kämen moder­nen Mobi­li­täts­be­dürf­nis­sen näher. Park­haus und klei­ne Läden neh­men das Erd­ge­schoss ein, wäh­rend Kauf­land die ers­te Eta­ge belegt, die die Kun­den mit Roll­stei­gen errei­chen. Und schließ­lich kön­ne man in der neu­en Mül­ler­hal­le kos­ten­los par­ken, erklärt die Kauf­land-Ver­tre­te­rin Mel­tem Cömert­bay – natür­lich nur, wenn man dort auch etwas kauft. Sie betont, dass Kauf­land als Eigen­tü­mer und Haupt­nut­zer zukünf­tig auch eine Ver­ant­wor­tung für den Stand­ort und somit ein lang­fris­ti­ges Inter­es­se an einer posi­ti­ven Ent­wick­lung der gan­zen Mül­ler­stra­ße hat. Eine Betei­li­gung an Akti­vi­tä­ten der Stand­ort­Ge­mein­schaft sei ange­dacht. Aber am Nie­der­gang der alten Mül­ler­hal­le habe das Unter­neh­men Kauf­land kei­ne Schuld; eine Markt­hal­le mit dem ent­spre­chen­den Flair lebe eben von den klei­nen Kauf­leu­ten, die es mit ihrem Enga­ge­ment selbst in der Hand haben, ob die­ses Kon­zept heu­te noch funk­tio­niert. Die Dis­ku­tan­ten bli­cken nach vorn: „Schön, dass genau die­ser Stand­ort wie­der eine Chan­ce erhält!“, bringt es die Kauf­land-Ver­tre­te­rin auf den Punkt. Sie hat an der Beuth-Hoch­schu­le stu­diert und kennt den Wed­ding und sei­ne Beson­der­hei­ten gut.

Kaufland sieht sich nicht als Einzelkämpfer

IMG_20130223_120042Ein sol­ches Zen­trum erzeugt zwangs­läu­fig Müll, Lärm und Ver­kehr. Die Anlie­fe­rung erfolgt getrennt für Kauf­land in der Lüde­ritz­stra­ße, für die ande­ren Händ­ler in der Kon­go­stra­ße. „Bei­de Stra­ßen haben Kopf­stein­pflas­ter“, gibt Peter Arndt von der Stadt­teil­ver­tre­tung zu beden­ken, „das wird ganz schön laut für die Anwoh­ner!“ In der Lüde­ritz­stra­ße erfolgt heu­te schon die Anlie­fe­rung für Rei­chelt, dort kennt man die Lkws, die beim Rück­wärts­fah­ren pie­pen. Auf der Posi­tiv­sei­te für die obe­re Mül­ler­stra­ße blei­ben aber die ca. 120–150 Arbeits­plät­ze zu nen­nen, die durch Kauf­land und die klei­ne­ren Ein­zel­händ­ler ent­ste­hen oder wie­der zurück­keh­ren wer­den. Die Kauf­land-Reprä­sen­tan­tin sieht auch kei­ne Kon­kur­renz für das sehr hoch­wer­ti­ge Ange­bot wie die Frisch­fleisch-Bedien­the­ke bei Rei­chelt, da Kauf­land mit abge­pack­ten Pro­duk­ten ein ande­res Geschäfts­mo­dell ver­fol­ge. Das Unter­neh­men habe das Umfeld genau unter­sucht und will sich dort lang­fris­tig enga­gie­ren: „Wir kön­nen mit der rela­tiv klei­nen Ver­kaufs­flä­che von knapp 4500 qm gut umge­hen“, sagt Mel­tem Cömert­bay und ist sich sicher: „Wir pas­sen gut in die­sen Kiez!“ Wenn alles klappt, könn­te noch vor Weih­nach­ten 2013 die Eröff­nung gefei­ert werden.

Nicht alle Anwoh­ner gewöh­nen sich dar­an, dass für die­ses moder­ne, grau ver­klin­ker­te Ein­kaufs­zen­trum der Begriff „Neue Mül­ler­hal­le“ ver­wen­det wird. Nost­al­gi­sche Gefüh­le und der immer noch prä­sen­te Ver­lust eines Ortes der Kom­mu­ni­ka­ti­on im Kiez ste­hen für vie­le im Vor­der­grund. Da kommt man­ches Gerücht gera­de recht, das die Bezirks­po­li­ti­ker aber umge­hend aus­räu­men: eine Moschee in Nach­bar­schaft des Ein­kaufs­zen­trums ist defi­ni­tiv nicht geplant.

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Müllerhalle Kaufland
Quel­le: Kaufland

http://weddingweiser.wordpress.com/2012/04/12/die-mullerhalle-ende-eines-trauerspiels-beginn-des-kommerzes/

http://weddingweiser.wordpress.com/2012/07/11/abschied-von-der-mullerhalle/

 

Weddingwoche #7: Der Papst geht, Kaufland kommt!

Die Wed­ding­wo­che ist eine wöchent­li­che Kolum­ne über aktu­el­le Ereig­nis­se in unse­rem Stadt­teil. Die­se erscheint auch sams­tags im Ber­li­ner Abend­blatt, Aus­ga­be Wedding.

Kaufland-Bauschild (Foto: P.Arndt)
Kauf­land-Bau­schild (Foto: P.Arndt)

Wäh­rend ich die obe­re Mül­ler­stra­ße ent­lang­spa­zie­re, über­le­ge ich, was es bedeu­tet, dass wir bald nicht mehr Papst sind. Für mich hat es hof­fent­lich kei­ne gro­ßen Kon­se­quen­zen, denn ursprüng­lich woll­te ich nie Papst wer­den. Trotz­dem hat man sich doch irgend­wie dar­an gewöhnt. Plötz­lich ragt vor mir ein gro­ßes, neu auf­ge­stell­tes Bau­schild in die Höhe und reißt mich aus mei­nen Gedan­ken. Auf ihm steht “Kauf­land kommt!”, was so kämp­fe­risch klingt, dass ich unwill­kür­lich einen Schritt zurück­wei­che. Ver­mut­lich ist es eine War­nung an den nur rund 200 Meter ent­fern­ten Real, sich schon mal warm anzu­zie­hen. Ich male mir aus, mit was für einem Schild Real kon­tern wird, bedaue­re, dass die Flä­che nicht für ein schwe­di­sches Möbel­haus reich­te und wer­de schließ­lich melan­cho­lisch. Denn hier stand sie, die inzwi­schen abge­ris­se­ne Mül­ler­hal­le. In der Markt­hal­le konn­te man außer dem Duft von fri­schem Obst und Brat­fett auch noch die Aura des alten Front­be­zirks Wed­ding atmen. Die­ser char­mant-schumm­ri­ge Beton­bau war eines der letz­ten Refu­gi­en für Ber­li­ner Ori­gi­na­le. Es muss­te ja nicht die Auf­nah­me ins Welt­kul­tur­er­be sein, aber gab es wirk­lich kei­ne Mög­lich­keit die Hal­le samt der Ori­gi­na­le zu erhal­ten? Man­che Din­ge schät­zen wir offen­bar erst, wenn sie nicht mehr sind. Ich trös­te mich mit einem Fisch­bröt­chen in Moni’s Fisch­ka­jü­te und beschlie­ße, mich damit abzu­fin­den, kein Papst mehr zu sein. Viel­leicht wer­de ich ja 2014 wie­der Fußball-Weltmeister.

Autor: Ingo Scharmann

TIPP: Monis Fisch­ka­jü­te: Mül­ler­str. 114, U Rehberge

Hier geht es zu den letz­ten Aus­ga­ben des Ber­li­ner Abendblatts

Abschied von der Müllerhalle

Abrissbagger entsorgen die Müllerhalle
Abriss­bag­ger ent­sor­gen die Müllerhalle

Die Wed­din­ger Mül­ler­hal­le atmet ihre letz­ten Züge. Die 62 Jah­re alte tra­di­tio­nel­le Markt­hal­le des Wed­din­ger Nor­dens wird der­zeit abge­ris­sen. Vie­le Geschäfts­leu­te aus der Hal­le haben in der Umge­bung neue Läden gemie­tet – wie zum Bei­spiel Moni’s Fisch­ka­jü­te in der Mül­ler­stra­ße 114 oder “Alles für das Tier” in der Otawistraße.

In der Ber­li­ner Zei­tung wur­de noch ein­mal die beson­de­re Atmo­sphä­re die­ses dunk­len Ortes an der Mül­ler­stra­ße gewür­digt; auch die letz­ten Geschäfts­leu­te äußern sich noch einmal:

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/ein-kleines-stueck-berlin-wedding-abschied-aus-der-muellerhalle,10809148,15241146.html

Mül­ler­hal­le ade, will­kom­men Kaufland!

Sogar die Süd­deut­sche Zei­tung wid­met die­ser Insti­tu­ti­on eine melan­cho­li­sche Foto­se­rie.

Im Okto­ber 2012 beginnt der Bau des zwei­stö­cki­gen Neu­baus, in den Kauf­land als Anker­mie­ter und eini­ge klei­ne­re Läden als Bei­ga­be ein­zie­hen sol­len. Schon im Sep­tem­ber 2013 könn­te die Eröff­nung des neu­en Ein­kaufs­zen­trums an der Stel­le der alten Markt­hal­le gefei­ert werden.

Die Müllerhalle: Ende eines Trauerspiels, Beginn des Kommerzes

Ja, sie ist häss­lich, und ihr Qua­si-Leer­stand trägt nicht zur Schön­heit die­ser tra­di­ti­ons­rei­chen Markt­hal­le bei. Ihren her­ben Charme (und den ihrer Stamm­gäs­te) haben die Macher des Maga­zins “Die Mül­ler­stra­ße” im Jahr 2011 noch ein­mal foto­gra­fisch doku­men­tiert. Doch nun steht fest: die Bau­ge­neh­mi­gung wird für die­sen Monat erwar­tet und im Mai 2012 wird die Mül­ler­hal­le abge­ris­sen. An ihrer Stel­le wird ein Neu­bau errich­tet, der schon im Sep­tem­ber 2013 eröff­net wer­den könn­te (3).

Tristesse in grau: die Müllerhalle

»Die alte Markt­hal­le kann an die­ser Stel­le nicht wie­der belebt wer­den«, erklär­te der baden-würt­tem­ber­gi­sche Inves­tor Hol­ger Merz im März 2011 vor der BVV Ber­lin-Mit­te . »Sol­che Kon­zep­te kön­nen heut­zu­ta­ge nur noch in Top-1a-Lagen funktionieren.«(1) Die nörd­li­che Mül­ler­stra­ße habe nicht die nöti­gen Stand­ort- Erfolgs­fak­to­ren wie inner­städ­ti­sche Haupt­ein­kaufs­la­ge oder hohe Pas­san­ten­fre­quenz, so die Inves­to­ren. (3)

Nun wird es also etwas ganz Ori­gi­nel­les geben: ein Ein­kaufs­zen­trum! Dabei wird den Groß­teil des Erd­ge­schos­ses eine offe­ne Par­ke­ta­ge mit 200 Stell­plät­zen aus­ma­chen, mit Ein­fahr­ten an der Mül­ler- und an der Kon­go­stra­ße. Im rück­wär­ti­gen Teil soll die Anlie­fe­rung stattfinden.

Ein neu­er “Anker­mie­ter” soll sich dann im Ober­ge­schoss der künf­ti­gen Hal­le auf ca. 4.500 Qua­drat­me­tern – das ent­spricht in etwa der Flä­che der heu­ti­gen Markt­hal­le – aus­brei­ten. Offi­zi­ell wur­de nun auch bekannt­ge­ge­ben, dass die Fir­ma “Kauf­land” die­ser Anker­mie­ter sein und das Ober­ge­schoss in Beschlag neh­men wird (3).  Im Ober­ge­schoss sind dann noch wei­te­re 950 qm für den klein­tei­li­gen Ein­zel­han­del und im Erd­ge­schoss ent­lang der Mül­ler­stra­ße 550 qm vorgesehen.

Die Archi­tek­tur soll “hoch­wer­tig” sein – das Kon­zept für den klar struk­tu­rier­ten Bau­kör­per sieht groß­zü­gi­ge geschlos­se­ne Flä­chen in dun­kel­grau­em Klin­ker und Schau­fens­ter zur Mül­ler­stra­ße vor. Damit soll die Mül­ler­stra­ße in ihrem obe­ren Teil optisch auf­ge­wer­tet wer­den – kei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung ange­sichts der Trost­lo­sig­keit der alten Hal­le. Das Bau­kol­le­gi­um der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung hat sich die Archi­tek­tur noch ein­mal näher ange­schaut, damit das Aller­schlimms­te ver­hin­dert wird. Das vor­ge­stell­te Wer­be­kon­zept unter­sagt Neon­wer­bung auf der Fas­sa­de und schreibt statt­des­sen auf den Glas­flä­chen lie­gen­de Schrift­zü­ge mit Ein­zel­buch­sta­ben vor. Far­bi­ge Fir­men­lo­gos dür­fen nur von Innen an den Schei­ben befes­tigt wer­den. Einen schma­len halb­öf­fent­li­chen Durch­gang, zur hin­ter der Hal­le gele­ge­nen Wohn­be­bau­ung kri­ti­sier­ten das Bau­kol­le­gi­um und der Bezirk. Hier ent­steht ein ”Angst­raum”.  Der Eigen­tü­mer, die Merz Objekt­bau und sein Haupt­mie­ter haben die Anre­gun­gen des Bau­kol­le­gi­ums, das mar­kan­te Fas­sa­den­kon­zept auch in den Details umzu­set­zen und für einen schma­len Durch­gang, einem poten­ti­el­len Angst­raum, eine ande­re Lösung zu suchen, aufgenommen.(2)

Die letz­ten Mie­ter sind nun gekün­digt und sehen einer unge­wis­sen Zukunft ent­ge­gen. „Klar ist, dass nicht alle zurück­keh­ren wer­den“, erklär­te der Mit­ar­bei­ter von Merz Objekt­bau schon im März 2011. Es gebe Mie­ter, die unbe­dingt blei­ben wol­len und ande­re, die für sich kei­ne Zukunft an dem Stand­ort sehen. (3) Wie­der ande­re, wie der Sup­pen-Treff, haben schon jetzt an einem neu­en Stand­ort neu angefangen.

Die Geschich­te der Mül­ler­hal­le ist übri­gens ziem­lich schil­lernd. An die­sem Stand­ort befand sich bis 1928 eine Tier­arzt­pra­xis mit Hun­de­fried­hof, wo bis zu 400 Hun­de bestat­tet waren (1). Nur böse Zun­gen dürf­ten nun behaup­ten, dass in der Mül­ler­hal­le der Hund begra­ben liegt.…

Quel­len: (1) Sanie­rungs­zeit­schrift Ecke Mül­ler­stra­ße, (2) Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung, (3) Ber­li­ner Woche