Hommage an eine Hauptschlagader: “Die Müllerstraße”

“Die Mül­ler­stra­ße” – ein Son­der­heft des Maga­zins “Der Wed­ding” ist am 18. Juni 2011 neu erschie­nen. Kei­ne Über­ra­schun­gen für Ken­ner die­ser Stra­ße- zum Glück!

Foto: S+U Bahnhof Wedding
Am süd­li­chen Ende der Mül­ler­stra­ße wird der Name des Orts­teils recht ein­deu­tig erwähnt.

Julia Boeck und Axel Völcker haben ein Talent. Sie haben es mit ihrem Maga­zin „Der Wed­ding – Maga­zin für All­tags­kul­tur“ schon mehr­fach unter Beweis gestellt. Sie sind in der Lage, eigent­lich schwer fass­ba­re Din­ge wie das Erschei­nungs­bild eines hete­ro­ge­nen Stadt­vier­tels, sei­ne Bewoh­ner mit ihren unter­schied­li­chen Ansich­ten und Lebens­wei­sen mit his­to­ri­schen Fak­ten unter einen Hut zu brin­gen. Das Gesamt­bild beschö­nigt nichts, son­dern trifft den Nerv – genau so emp­fin­den die meis­ten den Cha­rak­ter des Wed­ding. Dafür bedie­nen sich die Macher des Maga­zins bewusst einer enor­men Band­brei­te von Stilmitteln.

Zwei­fel­los trifft dies auch auf „Die Mül­ler­stra­ße“ zu. Die­se Aus­ga­be unter­schei­det sich von den bis­he­ri­gen Hef­ten von „Der Wed­ding“ nur durch die mono­the­ma­ti­sche Fokus­sie­rung auf eine letzt­end­lich doch sehr lan­ge Stra­ße mit vie­len Facet­ten. Das Durch­blät­tern ist eine Freu­de: das Lay­out wirkt im Ver­gleich zum „Maga­zin für All­tags­kul­tur“ ein wenig auf­ge­räum­ter mit weni­ger (dafür zeit­lo­sen) Schrift­ar­ten und einer kon­se­quen­ten, fast sym­me­trisch wir­ken­den Struk­tur. Die Por­träts der letz­ten Tra­di­ti­ons­ge­schäf­te an der Stra­ße befin­den sich genau in der Mit­te, in einem etwas klein­for­ma­ti­ge­ren “Maga­zin im Magazin”.

Anlass für das Son­der­heft war eine öffent­li­che För­de­rung: die gute alte Mül­ler­stra­ße wur­de zu einem rie­si­gen Sanie­rungs­ge­biet erklärt, wodurch auch Mit­tel für die Her­stel­lung die­ses Maga­zins frei­ge­setzt wur­den. Da kommt dann auch schon mal der Bezirks­stadt­rat für Stadt­ent­wick­lung und hält ein Gruß­wort zur Veröffentlichung.

Zum Glück für die Leser konn­ten Boeck und Völcker dafür aus dem Vol­len schöp­fen. Die­sen Ein­druck hat man, wenn man die auf­wän­di­ge Gestal­tung der wer­be­frei­en Sei­ten beim Durch­blät­tern wahr­nimmt. Fast schon luxu­ri­ös viel Platz haben die teils ganz­sei­ti­gen Fotos von ganz nor­ma­len Men­schen in ihren Woh­nun­gen, Tra­di­ti­ons­lä­den oder in der Markt­hal­le. Die Bil­der füh­ren zwar zu einer künst­le­ri­schen Über­hö­hung der Nor­ma­li­tät, aber tref­fen immer noch den Cha­rak­ter der Stra­ße: „In den Acht­zi­gern ste­hen­ge­blie­ben“ steht im Begleit­text. Man blät­tert, man schaut die Bil­der an und denkt: genau so ist auch die Straße.

Wenn sich einst durch eine neue Mül­ler­hal­le, neue Stadt­mö­bel, die neue Biblio­thek, neue Bewoh­ner oder neue Cafés ihr Erschei­nungs­bild ändern soll­te, wer­den wir froh sein, dass der heu­ti­ge Zustand des eins­ti­gen „Bou­le­vard des Nor­dens“ in die­sem Maga­zin für immer fest­ge­hal­ten sein wird. Ist das Sanie­rungs­vor­ha­ben dann been­det und die Mül­ler­stra­ße, wie wir sie heu­te ken­nen, längst Ver­gan­gen­heit, ist zu hof­fen, dass es dann eine wei­te­re Aus­ga­be von „Die Mül­ler­stra­ße“ geben wird. Auf die Fotos, die Por­träts und die Gra­fi­ken freue ich mich schon jetzt.

Nur das Titel­bild, ein Detail, das in einer Ecke des Tra­di­ti­ons­ge­schäfts “Hosen spe­zi­al” ent­stand, hät­te doch etwas aus­sa­ge­kräf­ti­ger sein dür­fen. Nichts ist von der Stra­ße zu sehen, die doch den Daseins­zweck der Zeit­schrift darstellt.