Müllerstraße: Der “Ku’damm des Nordens”

Ralf Schmie­de­cke, Autor von inzwi­schen 13 Büchern über die His­to­rie diver­ser Ber­li­ner Stadt­tei­le sowie der Ber­li­ner Feu­er­wehr,  lebt seit sei­ner Geburt im Wed­ding. Der Hob­by-His­to­ri­ker arbei­tet als Sicher­heits­in­ge­nieur bei der BSR. Sei­ne Frei­zeit­be­schäf­ti­gung ist eher eine Lei­den­schaft: Er sam­melt his­to­ri­sche Ansichts­kar­ten, Fotos und Fir­men­rech­nun­gen. Die meis­ten Expo­na­te stam­men dabei aus dem alten Bezirk Wed­ding. Über den hat er bereits drei Bild­bän­de zusam­men­ge­stellt – und das vier­te Buch ist schon in Arbeit.Der größ­te Teil sei­ner Samm­lung stammt aus der Vor­kriegs­zeit. “In den zwan­zi­ger und drei­ßi­ger Jah­ren des vor­he­ri­gen Jahr­hun­derts sind die meis­ten Foto­kar­ten ent­stan­den”, erzählt er, “damals zogen die Foto­gra­fen von Haus zu Haus und kündigten per Aus­hang an, wann genau sie ein Gebäu­de ablich­ten woll­ten. Des­halb sieht man auf den Kar­ten oft vie­le Bewoh­ner auf den Bal­ko­nen, am Fens­ter und vor den Geschäf­ten im Erd­ge­schoss. An die­se wur­den anschlie­ßend die Foto­kar­ten ver­kauft und um die Ecke oder in die wei­te Welt ver­schickt.” Ein Geschäfts­mo­dell, wie es heut­zu­ta­ge noch in Kitas und Schul­klas­sen prak­ti­ziert wird.

Downtown Weddingplatz

In die­ser Zeit hat­te die Müllerstraße noch ein ganz ande­res Erschei­nungs­bild. Beson­ders leben­dig war die Müllerstraße am S‑Bahnhof Wed­ding. Kurz vor dem Anfang der Müllerstraße am Schön­hau­ser Gra­ben (einem Sei­ten­arm der Pan­ke), in der Wed­din­ger Chaus­see­stra­ße befand sich einst das gro­ße Waren­haus Her­mann Tietz, nach der Zwangs­ari­sie­rung 1933 hieß es »Her­tie«. »Der Wed­ding­platz war ein gro­ßer Ver­kehrs­kno­ten mit vie­len Stra­ßen­bahn- und Omni­bus­li­ni­en und seit 1923 auch der U‑Bahn«, erzählt Ralf Schmie­de­cke. »Hier gab es ein regel­rech­tes Vergnügungsviertel, in dem Tag und Nacht Betrieb war. Der Wed­ding­platz war das kom­mer­zi­el­le Zen­trum des Bezirks. Heu­te würde man dazu wohl Down­town sagen. Der Wed­ding­platz war das Ein­gangs­tor des Bezirks. Den Turm der alten Dan­kes­kir­che sah man schon von wei­tem, er wur­de umgangs­sprach­lich auch als Zei­ge­fin­ger des Wed­ding bezeichnet.«
Die knapp vier Kilo­me­ter lan­ge Müllerstraße ist heu­te noch die längs­te Geschäfts­stra­ße Ber­lins. Ralf Schmie­de­cke graut ein wenig davor, in den 30 Minu­ten, die ihm für einen Vor­trag bei der Wahl zur Stadt­teil­ver­tre­tung am 6. Novem­ber zuge­stan­den wer­den, die Müllerstraße hin­rei­chend dar­zu­stel­len. »Das ist eigent­lich nicht zu schaf­fen!« Abschla­gen konn­te er die Bit­te der Stadt­teil­ver­tre­tung aber nicht. »Ich war selbst in den 1980er Jah­ren in der Betrof­fe­nen­ver­tre­tung Biesen­ta­ler Stra­ße im öst­li­chen Sol­di­ner Kiez aktiv. Da kann ich doch nicht nein sagen!« Außer­dem hat er per­sön­li­che Ver­bin­dun­gen zum Kiez: Sei­ne aus Schle­si­en stam­men­de Groß­mutter wohn­te ab 1940 in der Togo­stra­ße, die Gegend kennt er also noch gut aus sei­ner Kind­heit in den 1960er und 1970er Jahren.

Gehobene Geschäftsstraße

Die Zuwei­sung »Ku’damm des Nor­dens« für die dama­li­ge Müllerstraße hält er für gerecht­fer­tigt. »Da gab es vie­le auch sehr ele­gan­te Läden und klei­ne Waren­häu­ser. Die Müllerstraße war eine geho­be­ne Geschäfts­stra­ße. Für die Vor­kriegs­zeit und die Zeit, als noch kei­ne Mau­er die Chaus­see­stra­ße trenn­te, galt das umso mehr. »Ein wei­te­res Zen­trum gab es damals an der Kreu­zung mit der See­stra­ße. Hier gab es nicht nur das alte Kino Alham­bra, son­dern auch meh­re­re Tanz­sä­le und etli­che vor­neh­me Cafés.« Von hier war ursprünglich eine U‑Bahnlinie zum Kurfürstendamm geplant. Doch dann wur­de die U‑Bahn unter der Luxem­bur­ger Stra­ße zum Leo­pold­platz geführt. Dort befin­det sich des­halb heu­te mit der Alten Naza­reth­kir­che, dem Rat­haus Wed­ding und dem gro­ßen Waren­haus Kar­stadt das eigent­li­che Zen­trum der Müllerstraße. Auch über die »Obe­re Müllerstraße« kann Ralf Schmie­de­cke viel berich­ten, zu ihr hat er vie­le per­sön­li­che Erin­ne­run­gen. Das schöns­te Haus im hol­län­di­schen Stil (»Ecke Bar­fus­stra­ße am Paul-Ger­hardt-Stift«), die alte Müllerhalle, die auf einem Tier­fried­hof errich­tet wur­de, die Sanddünen in den Reh­ber­gen, der Auto­bus­be­triebs­hof, die Sied­lungs­bau­ten der 1930er Jah­re zwi­schen Ota­wi­stra­ße und der Fried­rich-Ebert-Sied­lung, in der sei­ne Oma wohn­te, die fran­zö­si­schen Alli­ier­ten, die am 14. Juli auf dem Nach­tig­al­platz Salutschüsse zum Natio­nal­fei­er­tag abgaben …

Wahr­schein­lich könn­te er einen gan­zen Abend allein zu die­sem Stra­ßen­ab­schnitt bestrei­ten. Bei der Wahl­ver­an­stal­tung zur Wahl der Stadt­teil­ver­tre­tung ist ein Dia­vor­trag von Ralf Schmie­de­ke ein Pro­gramm­be­stand­teil. Mal sehen, wie weit er am 6. Novem­ber kommt.

Autor: Chris­tof Schaffelder 

Bei­trag zuerst erschie­nen in der “Ecke Mül­ler­stra­ße”, Son­der­aus­ga­be Okto­ber 2014

Wahl der Stadt­teil­ver­tre­tung am 6. Novem­ber, Rat­haus Wed­ding, Rathen­au­saal, 19.00 Uhr 

 


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