Ingo Scharmann

Weddinger Weihnacht 2023

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Mensch, wie war das frü­her voll im Gesund­brun­nen-Cen­ter so kurz vor Weih­nach­ten. Jetzt bin ich fast allei­ne hier. Off­line shop­pen ist offen­bar out. Wenigs­tens ist es hier drin schön kühl. Bei 33 Grad im Schat­ten kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Wie­der im Frei­en stau­ne ich über die erst vor zwei Wochen fer­tig­ge­stell­te War­te­hal­le der Bahn und über­le­ge, wie ich dem ehe­ma­li­gen Paket­zu­stel­ler, der davor kau­ert, einen Euro zuste­cken kann, jetzt wo das Bar­geld abge­schafft ist. Er kön­ne sich kei­ne Woh­nung leis­ten, sagt er, schon gar nicht im Wed­ding. Dann beob­ach­ten wir, wie eine DHL-Droh­ne eine Her­mes-Droh­ne vom Him­mel rammt, bevor sie wei­ter Rich­tung Mit­te

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Weddingwoche #49: Der Daheim-Bazar

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In den Vor­or­ten der USA ist es kei­ne Sel­ten­heit, dass die hei­mi­sche Gara­ge in einen Pri­vat­floh­markt ver­wan­delt wird, um die Haus­halts­kas­se auf­zu­bes­sern. In deut­schen Vor­or­ten dage­gen schon. Die Mül­lers von gegen­über brau­chen ja nicht wis­sen, was wir aus­ran­gie­ren. Die sol­len nicht den­ken, wir hät­ten das nötig. In den Stadt­zen­tren hat man weder Gara­ge noch Ahnung, wer die Nach­barn über­haupt sind. Umso erstaun­li­cher, dass Julia­ne Becker unter dem Mot­to „Open Home Bazaar“ zu einem Floh­markt in den eige­nen vier Wän­den lädt. Die Ein­nah­men dar­aus flie­ßen aber nicht in ihre Haus­halts­kas­se, son­dern wer­den der deut­schen Krebs­hil­fe gespen­det. Heu­te, am 7. Dezem­ber, fin­det der

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Müllerhalle: Fassade der Finsternis

Am 5. Dezem­ber 2013 öff­ne­te die neue Mül­ler­hal­le ihre Pfor­ten. Anwoh­ner, die wegen der etwas düs­ter gera­te­nen Klin­ker­fas­sa­de depres­siv ver­stimmt sind, kön­nen sich also bald wie­der glück­lich shop­pen. Zuge­ge­ben: Auf den Ent­wür­fen der neu­en Hal­le sah das Gebäu­de irgend­wie hel­ler und freund­li­cher aus. Aber mei­ne Güte, das war eben nur ein Ent­wurf. Und viel­leicht gehör­te es ja zum Kon­zept der Ver­ant­wort­li­chen, das Gebäu­de von außen so fins­ter zu gestal­ten, dass man mög­lichst schnell ins Inne­re möch­te, um sich vor dem Anblick zu schüt­zen. Kann doch sein. Soll­te die­ses Kon­zept nicht auf­ge­hen, könn­te man zu Mar­ke­ting­zwe­cken einen Hor­ror­film in der Hal­le

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Wedding kurios

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Neu­lich bat mich eine Frau um eine Ziga­ret­te. Ich frag­te, wie ich ihr eine geben soll, da ihr Kopf aus einem Fens­ter der drit­ten Eta­ge lug­te. Als Ant­wort ließ die Frau ein Körb­chen an einer Schnur her­un­ter. Sol­che kurio­sen Bege­ben­hei­ten ver­wun­dern kaum in einem Stadt­teil, der einen Maden-Auto­ma­ten zu sei­nen Sehens­wür­dig­kei­ten zählt. In einem Trö­del­la­den ent­deck­te ich ein­mal einen Bil­der­rah­men, den ich nicht kau­fen konn­te, weil der Ver­käu­fer nicht mehr an die Sachen im Schau­fens­ter her­an­kam. Der Laden war schlicht zu voll. Voll ist es auch bei mei­nem Fri­seur, wegen sei­nes Ange­bots zur „Neu­eröff­nung“, das er seit drei Jah­ren macht.

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Weddingwoche #41: Einig Weddingland

Jüngst for­der­ten die Autoren Özlem Top­çu und Bernd Ulrich in einem Zeit-Arti­kel von der neu­en Bun­des­re­gie­rung, Deutsch­land zu einem ech­ten Ein­wan­de­rungs­land zu machen. Deutsch­land, so heißt es dar­in, wird jähr­lich 400 000 Ein­wan­de­rer benö­ti­gen, um sein wirt­schaft­li­ches Niveau hal­ten zu kön­nen. Gefor­dert wird ein gesell­schaft­li­cher Kli­ma­wan­del, der Migra­ti­on nicht als Pro­blem betrach­tet, son­dern als Chan­ce. Es lohnt sich, die Fra­ge zu stel­len, wel­che Rol­le der Wed­ding in die­sem ver­än­der­ten Deutsch­land künf­tig spie­len kann. Gera­de Stadt­tei­len wie dem Wed­ding, wo rund die Hälf­te der Bevöl­ke­rung einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund besitzt, könn­te mit­tel­fris­tig ein Modell- und Vor­bild­cha­rak­ter für das rest­li­che Land zukom­men. Der ers­te

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Weddingwoche #35: Traumwohnung

Das Wort Traum­woh­nung bekommt in die­sen Tagen eine ganz neue Bedeu­tung. Es geht nicht mehr dar­um, etwas traum­haft Schö­nes zu fin­den. Statt­des­sen wäre es schon ein Traum, über­haupt noch eine Woh­nung zu bekom­men. Bereits kurz nach­dem ihre Anzei­ge im Inter­net stand, bekam eine Freun­din, die einen Nach­mie­ter für ihre Woh­nung im Brüs­se­ler Kiez such­te, dut­zen­de Mails im Ton eines Bewer­bungs­schrei­bens. Bei der Besich­ti­gung, berich­te­te sie mir spä­ter, habe sie dann etli­che Lei­dens­ge­schich­ten von Suchen­den gehört. Zum Bei­spiel erzähl­te ihr eine Frei­be­ruf­le­rin, wie schwie­rig es für sie sei, etwas zu fin­den, weil sie kein gleich­blei­bend hohes Ein­kom­men nach­wei­sen kann. Im Wed­ding, dem

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Weddingwoche #33: Betreten verboten?

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Dort, wo der öst­li­che Wurm­fort­satz der Lort­zing­stra­ße in den kar­gen, neu eröff­ne­ten Abschnitt des Mau­er­parks mün­det, ste­hen bei­na­he zehn Schil­der am Ein­gang des Parks. Dar­un­ter ein Sack­gas­sen-Schild, das kurz vor dem Ende der Stra­ße noch­mal auf das Offen­sicht­li­che hin­weist: auf das Ende der Stra­ße. Der zuge­park­te Stra­ßen­stum­mel wird zum Rad- und Fuß­gän­ger­weg (Schild Nr. 2), aber nach 40 Metern müs­sen „Rad­fah­rer abstei­gen“ (Nr. 3), weil dann, sor­ry, nur noch Fuß­gän­ger­weg (Nr. 4) ist. Dann ein Schild mit der Info, LKWs hät­ten hier „kei­ne Wen­de­mög­lich­keit“. Dabei dürf­ten sich LKWs kaum öfter als Pas­sa­gier­flug­zeu­ge in den Lort­zings­tum­mel ver­ir­ren, um hier zu wen­den.

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Der Pfand-Messie

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Tro­pi­sche Hit­ze in der Mül­ler­stra­ße. Mit dut­zen­den lee­ren Fla­schen schlep­pe ich mich ins Cit­ti­point-Cen­ter. Vor dem Pfandau­to­mat war­tet dort wie üblich eine lan­ge Schlan­ge, und als ich end­lich dran bin, klap­pert sie hin­ter mir unge­dul­dig mit ihrem Leer­gut. Wie­der daheim bemer­ke ich, dass sich die Situa­ti­on in mei­ner Küche kaum ent­schärft hat. Die Pfand­fla­schen haben sich dort in den letz­ten Wochen dra­ma­tisch aus­ge­brei­tet: im Regal, auf dem Fuß­bo­den und auf dem Kühl­schrank, den ich bald nur noch über eine schma­le begeh­ba­re Schnei­se errei­chen wer­de. Als ich über­le­ge, wie ich die gan­zen Pul­len noch platz­spa­ren­der lagern kann, wird mir klar, dass

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Weddingwoche #30: Die Mauer muss weg!

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Jetzt haben wir den Salat! Da rich­ten wir uns über Jah­re in unse­rem kusch­lig-kaput­ten Wed­ding ein, begin­nen sogar, ihn wirk­lich ganz doll zu mögen und ent­de­cken immer mehr auch sei­ne lie­bens­wer­ten Sei­ten. Die wir natür­lich für uns behal­ten, damit nicht noch mehr gen­tri­fi­zie­ren­des Fremd­volk die­sen ein­ma­li­gen, schau­rig-schö­nen Bezirk über­rollt. Und nun das: Es wird ein Kul­tur­fes­ti­val geben, das den Wed­ding und Moa­bit für drei Tage im Sep­tem­ber ver­ei­nen soll. Fun­da­men­ta­lis­ten auf bei­den Sei­ten wer­den auf­heu­len und den Tag ver­flu­chen, an dem im Bezirks­amt Mit­te die­ser per­fi­de Plan von einem gemein­sa­men Kul­tur­fest aus­ge­heckt wur­de. Mir jedoch gefällt gut, was ich da

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