Weddinger Weihnacht 2023

wedding_futuristischMensch, wie war das früher voll im Gesundbrunnen-Center so kurz vor Weihnachten. Jetzt bin ich fast alleine hier. Offline shoppen ist offenbar out. Wenigstens ist es hier drin schön kühl. Bei 33 Grad im Schatten keine Selbstverständlichkeit. Wieder im Freien staune ich über die erst vor zwei Wochen fertiggestellte Wartehalle der Bahn und überlege, wie ich dem ehemaligen Paketzusteller, der davor kauert, einen Euro zustecken kann, jetzt wo das Bargeld abgeschafft ist. Er könne sich keine Wohnung leisten, sagt er, schon gar nicht im Wedding. Dann beobachten wir, wie eine DHL-Drohne eine Hermes-Drohne vom Himmel rammt, bevor sie weiter Richtung Mitte fliegt, das ja jetzt auch Wedding heißen soll. Ob es klappt, Mitte so aufzuwerten? Abwarten. Eine paar Polizisten vom Abschnitt 36 gehen vorbei und rappen ihre Version von „Last Christmas“ – inzwischen Platz 1 in den Charts. Ich schüttele den Kopf und gehe. Muss daheim noch den 3D-Drucker anwerfen, paar Geschenke drucken.

Weddingwoche #49: Der Daheim-Bazar

In den Vororten der USA ist es keine Seltenheit, dass die heimische Garage in einen Privatflohmarkt verwandelt wird, um die Haushaltskasse aufzubessern. In deutschen Vororten dagegen schon. Die Müllers von gegenüber brauchen ja nicht wissen, was wir ausrangieren. Die sollen nicht denken, wir hätten das nötig. In den Stadtzentren hat man weder Garage noch Ahnung, wer die Nachbarn überhaupt sind.

Umso erstaunlicher, dass Juliane Becker unter dem Motto „Open Home Bazaar“ zu einem Flohmarkt in den eigenen vier Wänden lädt. Die Einnahmen daraus fließen aber nicht in ihre Haushaltskasse, sondern werden der deutschen Krebshilfe gespendet. Heute, am 7. Dezember, findet der Flohmarkt von 14-20 Uhr in der Malplaquetstr. 14b statt. Eine schöne Idee, aus der ein urbaner Trend werden könnte. Wenn uns statt dem Briefträger bald die Amazon-Drohne unser neues Buch zustellt, wäre ein bisschen Besuch schön, wenn wir es wieder verkaufen.

Die Kolumne „Weddingweiser’s Woche“ erscheint ebenfalls jeden Samstag neu im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding.

Müllerhalle: Fassade der Finsternis

Müllerhalle KauflandAm 5. Dezember 2013 öffnete die neue Müllerhalle ihre Pforten. Anwohner, die wegen der etwas düster geratenen Klinkerfassade depressiv verstimmt sind, können sich also bald wieder glücklich shoppen. Zugegeben: Auf den Entwürfen der neuen Halle sah das Gebäude irgendwie heller und freundlicher aus. Aber meine Güte, das war eben nur ein Entwurf. Und vielleicht gehörte es ja zum Konzept der Verantwortlichen, das Gebäude von außen so finster zu gestalten, dass man möglichst schnell ins Innere möchte, um sich vor dem Anblick zu schützen. Kann doch sein. Sollte dieses Konzept nicht aufgehen, könnte man zu Marketingzwecken einen Horrorfilm in der Halle drehen. Immerhin war dort wirklich mal ein Friedhof der Kuscheltiere und das Gebäude würde eine geeignete Fassade – pardon – Kulisse bieten. Aber Spaß beiseite, Müllerhalle. Wir wünschen dir einen glücklichen Start und ein gutes Weihnachtsgeschäft. Vergiss aber nicht, ein paar Lichterketten aufzuhängen – möglichst außen.

Wedding kurios

Wedding GraffitiNeulich bat mich eine Frau um eine Zigarette. Ich fragte, wie ich ihr eine geben soll, da ihr Kopf aus einem Fenster der dritten Etage lugte. Als Antwort ließ die Frau ein Körbchen an einer Schnur herunter. Solche kuriosen Begebenheiten verwundern kaum in einem Stadtteil, der einen Maden-Automaten zu seinen Sehenswürdigkeiten zählt. In einem Trödelladen entdeckte ich einmal einen Bilderrahmen, den ich nicht kaufen konnte, weil der Verkäufer nicht mehr an die Sachen im Schaufenster herankam. Der Laden war schlicht zu voll. Voll ist es auch bei meinem Friseur, wegen seines Angebots zur „Neueröffnung“, das er seit drei Jahren macht. Das gesparte Geld kann man nebenan für einen „Big-Döner“ ausgeben. Überhaupt nicht größer als der normale Döner, verdankt er seinen Namen vermutlich dem größeren Preis. Selbst sowas kann ich dem Wedding nicht verübeln, solange er nur weiter diese kleinen, absurden Geschichten bietet.

Weddingwoche #41: Einig Weddingland

Jüngst forderten die Autoren Özlem Topçu und Bernd Ulrich in einem Zeit-Artikel von der neuen Bundesregierung, Deutschland zu einem echten Einwanderungsland zu machen. Deutschland, so heißt es darin, wird jährlich 400 000 Einwanderer benötigen, um sein wirtschaftliches Niveau halten zu können. Gefordert wird ein gesellschaftlicher Klimawandel, der Migration nicht als Problem betrachtet, sondern als Chance. Es lohnt sich, die Frage zu stellen, welche Rolle der Wedding in diesem veränderten Deutschland künftig spielen kann. Gerade Stadtteilen wie dem Wedding, wo rund die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund besitzt, könnte mittelfristig ein Modell- und Vorbildcharakter für das restliche Land zukommen. Der erste Schritt wäre auch hier, den Wedding nicht als einen Problembezirk zu betrachten, sondern als hoffnungsvolle Chance auf ein neues deutsches Selbstverständnis.

 

Unsere Kolumne “Weddingweisers Woche” erscheint jeden Samstag in der Bezirksausgabe Wedding des Berliner Abendblatts.

Weddingwoche #35: Traumwohnung

Umgezogen / UmzugDas Wort Traumwohnung bekommt in diesen Tagen eine ganz neue Bedeutung. Es geht nicht mehr darum, etwas traumhaft Schönes zu finden. Stattdessen wäre es schon ein Traum, überhaupt noch eine Wohnung zu bekommen. Bereits kurz nachdem ihre Anzeige im Internet stand, bekam eine Freundin, die einen Nachmieter für ihre Wohnung im Brüsseler Kiez suchte, dutzende Mails im Ton eines Bewerbungsschreibens. Bei der Besichtigung, berichtete sie mir später, habe sie dann etliche Leidensgeschichten von Suchenden gehört. Zum Beispiel erzählte ihr eine Freiberuflerin, wie schwierig es für sie sei, etwas zu finden, weil sie kein gleichbleibend hohes Einkommen nachweisen kann.

Im Wedding, dem einstigen Eldorado für Wohnungssuchende, haben sich wie in der ganzen Innenstadt die vertrauten Regeln geändert. Hatte man sich früher damit arrangiert, nicht im angesagten Szene-Kiez zu leben, wurde man mit einer günstigen Miete belohnt und hatte eine relativ große Auswahl. Und heute? Rien ne va plus, nichts geht mehr. Wer jetzt noch keine Wohnung hat, so scheint es, der bekommt auch keine mehr, auch nicht im Wedding. Und auch die Wohnung meiner Bekannten ist inzwischen vergeben. Wer eine Wohnung sucht, träumt am besten weiter.

Weddingwoche #33: Betreten verboten?

LortzingstraßeDort, wo der östliche Wurmfortsatz der Lortzingstraße in den kargen, neu eröffneten Abschnitt des Mauerparks mündet, stehen beinahe zehn Schilder am Eingang des Parks. Darunter ein Sackgassen-Schild, das kurz vor dem Ende der Straße nochmal auf das Offensichtliche hinweist: auf das Ende der Straße. Der zugeparkte Straßenstummel wird zum Rad- und Fußgängerweg (Schild Nr. 2), aber nach 40 Metern müssen „Radfahrer absteigen“ (Nr. 3), weil dann, sorry, nur noch Fußgängerweg (Nr. 4) ist. Dann ein Schild mit der Info, LKWs hätten hier „keine Wendemöglichkeit“. Dabei dürften sich LKWs kaum öfter als Passagierflugzeuge in den Lortzingstummel verirren, um hier zu wenden. In der Grünanlage dann der Hinweis auf die Grünanlage, damit niemand irrtümlich annimmt, ein Atomtestgebiet betreten zu haben. Verbotsschild am MauerparkFalls wie im Kalten Krieg der große Besucherandrang aus Richtung Westen ausbleibt, könnte das übrigens auch an mehreren alten Verbotsschildern liegen, die den Park für Ortsunkundige zu einem „Privatgrundstück“ oder zu „Gleisanlagen“ werden lassen: Betreten verboten. Oder ist das hier ein Freiluftmuseum, das zeigen soll, wie lange man nach 1989 brauchte, um diesen Zugang zum Park zu schaffen? Das war beinahe ein Vierteljahrhundert. Da nehmen wir doch nicht schon nach ein paar Tagen die schönen alten Schilder ab. Hallo?!

Ein besonderer Dank geht an Hans Boekhorst, der uns auf die Schilder in der Lortzingstraße aufmerksam machte und uns die im Beitrag verwendeten Fotos schickte.

Der Pfand-Messie

Küchenregal mit Pfandflaschen
Diese Pfandflaschen haben ein freies Plätzchen im Küchenregal gefunden

Tropische Hitze in der Müllerstraße. Mit dutzenden leeren Flaschen schleppe ich mich ins Cittipoint-Center. Vor dem Pfandautomat wartet dort wie üblich eine lange Schlange, und als ich endlich dran bin, klappert sie hinter mir ungeduldig mit ihrem Leergut. Wieder daheim bemerke ich, dass sich die Situation in meiner Küche kaum entschärft hat. Die Pfandflaschen haben sich dort in den letzten Wochen dramatisch ausgebreitet: im Regal, auf dem Fußboden und auf dem Kühlschrank, den ich bald nur noch über eine schmale begehbare Schneise erreichen werde. Als ich überlege, wie ich die ganzen Pullen noch platzsparender lagern kann, wird mir klar, dass ich allmählich zum Leergut-Messie mutiere. Aber es gibt Menschen, die mir helfen können. Auf der Website Pfandgeben.de finde ich unter „Berlin-Wedding“ die Handy-Nummern von Menschen, die bereit sind, meine Flaschen abzuholen. Am Telefon vergewissert sich Gerd, ob ich auch wirklich mehr als nur drei Flaschen abgeben möchte, und trifft kurz darauf bei mir ein. Als er geht, kann ich endlich wieder den Küchenboden sehen. Es ist so einfach, anderen Menschen zu helfen. Man muss nur ihre leeren Flaschen abholen.

Weddingwoche #30: Die Mauer muss weg!

Wegweiser Richtung WeddingJetzt haben wir den Salat! Da richten wir uns über Jahre in unserem kuschlig-kaputten Wedding ein, beginnen sogar, ihn wirklich ganz doll zu mögen und entdecken immer mehr auch seine liebenswerten Seiten. Die wir natürlich für uns behalten, damit nicht noch mehr gentrifizierendes Fremdvolk diesen einmaligen, schaurig-schönen Bezirk überrollt. Und nun das: Es wird ein Kulturfestival geben, das den Wedding und Moabit für drei Tage im September vereinen soll. Fundamentalisten auf beiden Seiten werden aufheulen und den Tag verfluchen, an dem im Bezirksamt Mitte dieser perfide Plan von einem gemeinsamen Kulturfest ausgeheckt wurde. Mir jedoch gefällt gut, was ich da in der Amtsmitteilung lesen konnte. Dass unter anderem mit dem Stattbad und dem Kulturnetzwerk ausgewiesene Wedding-Enthusiasten ans organisatorische Werk gehen, dass durchs Festival Stadt, Kultur und Nachbarschaft miteinander verbunden werden. Ich bin mir sicher: Wenn gelingt, was da geplant wird, wird’s ein fröhlicher Septemberanfang. Mit alten neuen Nachbarn, die wir danach besser kennen und verstehen. Also: Auf in die Turmstraße…!

Autor: Ulf Teichert

Unsere Kolumne gibt es auch an jedem Wochenende im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding.