GESCHLOSSEN: „Dickes Bee“: Gemeinsam kaufen und gut essen

bee1Seit 2011 gibt es „Dickes Bee“, eine Food-Coop. Das ist eine Gruppe von etwa 40 achtsamen Essern, die gemeinsam Lebensmittel bestellt: bio, regional, saisonal, vegetarisch, fair produziert. Der Lebensmittelerwerb wird dabei eine besondere Aktivität, an dessen Ende verantwortungsvoller, gesunder und schmackhafter Genuss und neue Freunde stehen. Simone Lindow (Text) und Benjamin Renter (Foto) trafen die Mitglieder Willem und Marijn, probierten Pastinaken-Chips und fragten nach.

Offener Empfang am Bahnhof Gesundbrunnen

gesundbrunnen-bahnhof-auc39fen.jpgZugegeben: Von einem Empfangsgebäude oder gar einer Halle kann man am Bahnhof Gesundbrunnen nicht wirklich sprechen. Die Sparversion, die dort in den letzten Monaten nachträglich hochgezogen wurde, besteht eigentlich nur aus einem wuchtigen Dach mit Lichtdurchlässen, sowie einigen großzügig verglasten “Einkaufsinseln”. Hier ziehen in diesen Tagen die ersten Mieter ein.

Inzwischen soll auch das Umsteigen wieder unproblematischer sein, nachdem die Zugänge zum Vorplatz über den Querbahnsteig wieder geöffnet und die Aufzüge wieder in Betrieb genommen wurden.

Fehlt uns im Wedding etwas?

Nein, ein idyllisches Heilbad wird der Gesundbrunnen in nächster Zeit wohl nicht mehr werden. Und, seien wir ehrlich, weder wird es die Müllerstraße je mit den Champs-Elysées aufnehmen können noch dürften irgendwann einmal die Goldenen Bären im Kino Alhambra verliehen werden. Wir verlangen ja schon nicht vom Wedding, dass wir hier alles auf dem Silbertablett bekommen. Trotzdem: ein kleines bisschen leichter könnte es uns dieser Wedding manchmal dann doch machen. Wir haben unsere Leser gefragt, was sie vermissen. 

Neue Müllerhalle: eine Chance für den schwarzen Kasten

Berlin verändert sich, der Wedding auch, aber in Sachen „Müllerhalle“ ist mehr Wehmut im Spiel als bei anderen Bauprojekten der Stadt.

Tristesse in grau: die MüllerhalleNachdem 1950 auf dem Gelände eines ehemaligen Tierfriedhofs die Markthalle errichtet wurde, entwickelte sich der Standort schnell zum Treffpunkt des gesamten nördlichen Wedding. Doch mit dem allgemeinen Niedergang der Müllerstraße und dem Aufkommen anderer Einkaufsmöglichkeiten verkam die Müllerhalle immer mehr zu einem Ramschladen und stand zuletzt größtenteils leer. Auf das Wagnis einer sanierten, lebendigen Markthalle mit vielen kleinen Geschäften wollte sich der Besitzer denn auch nicht mehr einlassen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Abrissbirne tätig wurde und 2012 große Teile des Häuserblocks Müller-/Kongo-/Lüderitzstraße in gähnende Leere verwandelte.

Weshalb „Karstadt“ am Leo in rot schimmert

Karstadt kann für sich in Anspruch nehmen, mit der Architektur seiner Häuser immer dem Trend der jeweiligen Zeit zu folgen. Das gilt auch für das 1978 fertiggestellte Warenhaus am Leopoldplatz. Ein Vergleich mit anderen Karstadt-Häusern aus jener Zeit erzählt uns einiges über die jüngere Architekturgeschichte.

Karstadt am LeopoldplatzDie Planungen an dem Standort beginnen schon wenige Jahre nach der Einweihung des U-Bahnhofs Leopoldplatz, 1923. Man war bestrebt, Warenhäuser an Verkehrsknotenpunkten zu errichten. So verfügt Karstadt am Hermannplatz seit der Einweihung im Jahre 1929 als modernstes Kaufhaus Europas über einen direkten Zugang zu zwei U-Bahnlinien. Doch um in innerstädtischen Lagen Warenhäuser zu bauen, müssen Grundstücke aufgekauft und Häuser abgerissen werden. Am Leopoldplatz verhinderten dies in den 1930er Jahren Mieter, die ihre Wohnungen nicht verlassen wollten. Sie (und die Wirtschaftskrise) veranlassten den Konzern sogar dazu, seine Pläne aufzugeben. Die Flächen der für das Kaufhaus an der Müllerstraße bereits abgerissenen Gebäude wurden zwischenzeitlich als Kohle- und Holzhandlung sowie als Wochenmarkt genutzt.
In Moabit war der Konzern, der die Häuser seiner Konkurrenten aufkaufte und zum Teil unter anderen Namen betrieb, erfolgreicher. So übernahm Karstadt das Warenhaus Lachmann & Scholz an der Ecke Turm- und Ottostraße und führte es als »Karzentra«-Kaufhaus. Die Fassade des 1903 gebauten Gebäudes war 1924 durch den Architekten Martin Punitzer modernisiert worden.

Erst die neu angelegten Verkehrsverbindungen, die infolge der Nachkriegsteilung der Stadt entstanden, machten den Leopoldplatz für Karstadt wieder interessant. So entstand mit der heutigen U9 ein von Ost-Berlin unabhängiges Rückgrat des West-Berliner Verkehrsnetzes. Dieser U-Bahn-Neubau verband ab 1961 den Leopoldplatz mit dem neuen Zentrum von West-Berlin, dem Zoologischen Garten, und ab 1976 mit dem Rathaus Steglitz. Durch den Straßendurchbruch der Luxemburger Straße entstand zudem eine direkte Anbindung des Leopoldplatzes an die neue City-West im Hauptstraßennetz. Zeitgleich erfolgt die Umgestaltung des Umfeldes der neuen U-Bahnhöfe.

Am U-Bahnhof Turmstraße errichtete der Architekt Hans Soll 1960 den Neubau des Hertie-Kaufhauses. Um einen Ausgleich unter den Konkurrenten zu schaffen, wurde Karstadt gebeten, seinen beengten Standort in der Turmstraße aufzugeben und am Leopoldplatz neu zu bauen.
Dazu wurden Anfang der 70er Jahre die Häuser abgerissen, die den Krieg zum Teil unbeschadet überstanden hatten. Vorgesehen war zunächst ein Neubau als geradezu brutal monolithischer Block, mit riesenhaften dunkelbraunen Betonverblendungen, abgeflachten Kanten und nur schmalen Fensteröffnungen an der Oberkante des Bauwerkes – nach Vorbild der 1969 in Hamburger-Eimsbüttel gebauten Filiale.

Die Planung des Hauses am Leopoldplatz fällt aber in die Zeit der ersten Schritte des Umdenkens in der Baupolitik und der Hinwendung zur historischen Stadt: Anders als bei der neun Jahre vorher eröffneten Hamburger Filiale wurde das Haus am Leopoldplatz 1978 in einer engen Abstimmung mit dem Denkmalschutz errichtet. Dies zeigt sich deutlich in der Gestaltung des Hauses. So ist die Fassade gegliedert, die Lüftungen und Aufzugtürme sind mit bronzefarbenen Metallplatten verblendet. Die Betonfassade mit ihrem hellen Rotton orientiert sich an den Backsteinen der Alten Nazarethkirche, die Fenstergestaltung bezieht sich auf die Fensterbänder des Alten und Neuen Rathauses. In diesem architekturhistorischen Zusammenhang ist der Karstadt am Leopoldplatz einerseits ein Zeugnis jener radikalen West-Berliner Stadtplanung der 1970 Jahre, die mit ihren neuen Zentren, einer modernen Verkehrsführung und den Straßendurchbrüchen sich gegen den Ostteil der Stadt zu behaupten versucht. Das Gebäude ist aber auch ein Beispiel für eine Zeit, in der die moderne Architektur beginnt, erste Kompromisse mit der historischen Stadt zu schließen.

Wäre das Haus nur 13 Jahre später eröffnet worden, so hätte es vermutlich eine historische Fassade, ein Dach mit Gauben und einem Türmchen zu Betonung der Ecksituation – so jedenfalls präsentiert sich das Karstadt-Gebäude am Tempelhofer Damm, das im Jahr 1991 eingeweiht wurde. Ob uns das heute am Leopoldplatz besser gefallen würde?

Autor: Eberhard Elfert

zuerst erschienen in der „Ecke Müllerstraße“ 

KARSTADT, Müllerstr. 25, Mo-Sa 10-20 Uhr

Die Müllerhalle: Ende eines Trauerspiels, Beginn des Kommerzes

Ja, sie ist hässlich, und ihr Quasi-Leerstand trägt nicht zur Schönheit dieser traditionsreichen Markthalle bei. Ihren herben Charme (und den ihrer Stammgäste) haben die Macher des Magazins „Die Müllerstraße“ im Jahr 2011 noch einmal fotografisch dokumentiert. Doch nun steht fest: die Baugenehmigung wird für diesen Monat erwartet und im Mai 2012 wird die Müllerhalle abgerissen. An ihrer Stelle wird ein Neubau errichtet, der schon im September 2013 eröffnet werden könnte (3).

Tristesse in grau: die Müllerhalle

»Die alte Markthalle kann an dieser Stelle nicht wieder belebt werden«, erklärte der baden-württembergische Investor Holger Merz im März 2011 vor der BVV Berlin-Mitte . »Solche Konzepte können heutzutage nur noch in Top-1a-Lagen funktionieren.«(1) Die nördliche Müllerstraße habe nicht die nötigen Standort- Erfolgsfaktoren wie innerstädtische Haupteinkaufslage oder hohe Passantenfrequenz, so die Investoren. (3)

Nun wird es also etwas ganz Originelles geben: ein Einkaufszentrum! Dabei wird den Großteil des Erdgeschosses eine offene Parketage mit 200 Stellplätzen ausmachen, mit Einfahrten an der Müller- und an der Kongostraße. Im rückwärtigen Teil soll die Anlieferung stattfinden.

Ein neuer „Ankermieter“ soll sich dann im Obergeschoss der künftigen Halle auf ca. 4.500 Quadratmetern – das entspricht in etwa der Fläche der heutigen Markthalle – ausbreiten. Offiziell wurde nun auch bekanntgegeben, dass die Firma „Kaufland“ dieser Ankermieter sein und das Obergeschoss in Beschlag nehmen wird (3).  Im Obergeschoss sind dann noch weitere 950 qm für den kleinteiligen Einzelhandel und im Erdgeschoss entlang der Müllerstraße 550 qm vorgesehen.

Die Architektur soll „hochwertig“ sein – das Konzept für den klar strukturierten Baukörper sieht großzügige geschlossene Flächen in dunkelgrauem Klinker und Schaufenster zur Müllerstraße vor. Damit soll die Müllerstraße in ihrem oberen Teil optisch aufgewertet werden – keine große Herausforderung angesichts der Trostlosigkeit der alten Halle. Das Baukollegium der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat sich die Architektur noch einmal näher angeschaut, damit das Allerschlimmste verhindert wird. Das vorgestellte Werbekonzept untersagt Neonwerbung auf der Fassade und schreibt stattdessen auf den Glasflächen liegende Schriftzüge mit Einzelbuchstaben vor. Farbige Firmenlogos dürfen nur von Innen an den Scheiben befestigt werden. Einen schmalen halböffentlichen Durchgang, zur hinter der Halle gelegenen Wohnbebauung kritisierten das Baukollegium und der Bezirk. Hier entsteht ein ”Angstraum”.  Der Eigentümer, die Merz Objektbau und sein Hauptmieter haben die Anregungen des Baukollegiums, das markante Fassadenkonzept auch in den Details umzusetzen und für einen schmalen Durchgang, einem potentiellen Angstraum, eine andere Lösung zu suchen, aufgenommen.(2)

Die letzten Mieter sind nun gekündigt und sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. „Klar ist, dass nicht alle zurückkehren werden“, erklärte der Mitarbeiter von Merz Objektbau schon im März 2011. Es gebe Mieter, die unbedingt bleiben wollen und andere, die für sich keine Zukunft an dem Standort sehen. (3) Wieder andere, wie der Suppen-Treff, haben schon jetzt an einem neuen Standort neu angefangen.

Die Geschichte der Müllerhalle ist übrigens ziemlich schillernd. An diesem Standort befand sich bis 1928 eine Tierarztpraxis mit Hundefriedhof, wo bis zu 400 Hunde bestattet waren (1). Nur böse Zungen dürften nun behaupten, dass in der Müllerhalle der Hund begraben liegt….

Quellen: (1) Sanierungszeitschrift Ecke Müllerstraße, (2) Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, (3) Berliner Woche