Tegel: Zwischen Bequemlichkeit und Zumutung

© Ste­no Rt Kaluba

Lau­ter als ein Press­luft­ham­mer: 90 Dezi­bel wer­den an der Rei­ni­cken­dor­fer Mete­or­stra­ße durch­aus erreicht. Die Echt­zeit­mes­sung des Flug­lärms zeigt, was die Anwoh­ner hier und im nörd­li­chen Wed­ding seit 1974 ertra­gen müs­sen. Leben möch­te man in der Nähe der Lan­de­bahn eher nicht, da kann die Woh­nungs­not noch so groß sein. Bleibt Tegel offen, müs­sen die Lärm­schutz­zo­nen von 1974 neu zuge­schnit­ten wer­den. Die groß­zü­gi­ge Aus­nah­me­re­ge­lung im Gesetz gilt näm­lich nur bis 2019. 

Verkehrskonzept für TXL-Gelände wirkt sich auf den Wedding aus

Flugzeug TegelOb 2017 oder erst 2018 – wenn der Flug­ha­fen Tegel sei­ne Pfor­ten schließt, steht die Tegel Pro­jekt GmbH mit einem Nach­nut­zungs­kon­zept in den Start­lö­chern. Ber­lin TXL soll ein Schau­fens­ter und prak­ti­sches Expe­ri­men­tier­feld für Zukunfts­tech­no­lo­gien wer­den – doch was heißt das für den Wedding?

Flugzeugegucken in Tegel

Flugzeug Tegel (C) Simone Lindow Häu­fig wird mir mit­ge­teilt, dass eine gewis­se Geräusch­ku­lis­se mit dem Leben im Bereich des Flug­ha­fens Tegel ein­her­geht. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen wird die dorf­glei­che Ruhe auf mei­nem Bal­kon in der Tat hie und da unter­bro­chen. Ich nen­ne die Ursa­che lie­be­voll Sub­woo­fers, im Volks­mund hei­ßen sie Flug­zeu­ge. Es war nun also Zeit, der Ursa­che auf den Grund zu gehen und das Nest anzu­se­hen, das die Sub­woo­fers birgt…

Raus aus’m Wedding: Flughafensee und Schäfersee

FlughafenseeWer sich am Plöt­zen­see satt­ge­se­hen hat und bereit ist, Wed­din­ger Gefil­de kurz zu ver­las­sen, kann mühe­los ande­re Seen errei­chen. Zum Bei­spiel im Nach­bar­be­zirk Rei­ni­cken­dorf. Der Flug­ha­fen­see ist in man­cher Hin­sicht ein ganz beson­de­res Gewäs­ser. Mit sei­ner Grö­ße von 30 Hekt­ar allein wäre er im seen­rei­chen Ber­lin sicher kein Rekord­hal­ter. Dafür ist der 1953 – 1978 durch den Abbau von zwei Mil­lio­nen Ton­nen Kies ent­stan­de­ne Bag­ger­see aber das tiefs­te Gewäs­ser Ber­lins – 34 Meter geht es unter der Was­ser­ober­flä­che in den Abgrund. Unge­plant ist hier ein Natur­schutz­ge­biet ent­stan­den, das aber gleich­zei­tig unzäh­li­ge Bade­stel­len bie­tet – ganz in der Nähe des Wedding…

Beuth-Hochschule: WAL soll Raumnot lindern

Bekannt­lich platzt die Wed­din­ger Beuth Hoch­schu­le aus allen Näh­ten. Dank der kla­ren Posi­tio­nie­rung der Senats­ko­ali­ti­on zur Nach­nut­zung des Flug­ha­fens Tegel und eines Gut­ach­tens, das der Beuth Hoch­schu­le ein Nutz­flä­chen­de­fi­zit von rund 14.000 m² nach­weist (bei einem der­zei­ti­gen Gebäu­de­be­stand von rund 77.400 m²) könn­te sich dies bald ändern…

Flughafen Tegel: Vom Abfertigungs- zum Hörsaal

Flughafengebäude in Tegel
Flug­ha­fen­ge­bäu­de in Tegel

Die rot-schwarz Koali­ti­on in Ber­lin hat die Lan­des­mit­tel für die Beuth-Hoch­schu­le auf 70 Mil­lio­nen Euro ange­setzt. Das sei als Anschub­fi­nan­zie­rung für den Teil­um­zug der Hoch­schu­le auf den Flug­ha­fen Tegel gedacht, wie die Bild-Zei­tung berich­tet. Dort soll die frü­he­re Tech­ni­sche Fach­hoch­schu­le mit rund 1 500 Stu­den­ten vom Win­ter­se­mes­ter 2015/2016 an im der­zeit noch als Ter­mi­nal genutz­ten Haupt­ge­bäu­de ange­sie­delt wer­den. Die Beuth-Hoch­schu­le im Wed­ding  hat eige­nen Anga­ben zufol­ge das größ­te inge­nieur­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en­an­ge­bot in Ber­lin und Bran­den­burg. Dort sind rund 10.000 Stu­den­ten ein­ge­schrie­ben und 300 Pro­fes­so­ren tätig. Die Hoch­schu­le hat meh­re­re Außen­stel­len in der Stadt.

Endlich kein Platzmangel mehr

Neubau der Beuth-Hochschule
Neu­bau der Beuth-Hochschule

Die Beuth-Hoch­schu­le erhofft sich durch den geplan­ten Teil­um­zug eine Lösung ihres Platz­pro­blems. Einer Nut­zung des leer­ste­hen­den Rat­haus­turms im Wed­ding wur­de im letz­ten Win­ter eine end­gül­ti­ge Absa­ge erteilt, wie berich­tet wur­de. Statt des­sen wird dort das Job­cen­ter Ber­lin-Mit­te ein­zie­hen. „Uns feh­len etwa 15.000 Qua­drat­me­ter. In Tegel sol­len wir die­se Flä­che bekom­men“, sag­te Hoch­schul­spre­che­rin Moni­ka Jan­sen. Nach dem Wil­len der  SPD und der CDU soll Rei­ni­cken­dorf ab 2015 erst­mals Stand­ort einer Hoch­schu­le wer­den. Die von Raum­not geplag­te Beuth-Hoch­schu­le selbst sieht die Plä­ne erst ein­mal sehr posi­tiv. „Wir ste­hen in den Start­lö­chern“, sag­te Jan­sen. Tegel lie­ge nur etwa drei­ein­halb Kilo­me­ter vom Haupt­cam­pus in Wed­ding ent­fernt. Und zu die­sem Stand­ort bekennt sich die Hoch­schu­le weiterhin.

Vor allem die Zukunfts­tech­no­lo­gien Erneu­er­ba­re Ener­gien, Gar­ten­bau und Land­schafts­pla­nung sol­len am neu­en Stand­ort Ber­lin-Tegel gebün­delt wer­den. Platz für Test­stre­cken und moderns­te Labo­re soll aus­rei­chend vor­han­den sein. Auch die Grün­der­werk­statt soll nach Tegel ziehen.

Web­site der Hochschule

Beuth-Hochschule bekennt sich zum Standort Wedding

Als sich im Dezem­ber 2011 her­aus­kris­tal­li­sier­te, dass die Beuth-Hoch­schu­le (ehe­mals TFH) nicht in den leer­ste­hen­den Hoch­haus­turm des Rat­hau­ses Wed­ding zie­hen wür­de, da das Job-Cen­ter Mit­te den Zuschlag erhal­ten hat­te,  schien frag­lich, ob der über­re­gio­nal bedeu­ten­de Hoch­schul­stand­ort im Wed­ding zu hal­ten sei. Nun äußer­ten sich die Prä­si­den­tin Prof. Moni­ka Gross und der Ers­te Vize­prä­si­dent Prod. Hans W. Ger­ber im Inter­view mit der Sanie­rungs­zei­tung “Ecke Mül­ler­stra­ße” zur Stand­ort­fra­ge nach der Ent­schei­dung gegen den Rathausturm.

“Die gan­ze Hoch­schu­le wird nicht nach Tegel umzie­hen, nur eini­ge Berei­che”, gab Prof. Gross zu ver­ste­hen – der Haupt­cam­pus bleibt im Wed­ding. Etwas ande­res sei auch aus Kos­ten­grün­den (ca. 500 000 Euro) nicht mög­lich. Die Beuth-Hoch­schu­le hat inzwi­schen 11.000 Stu­die­ren­de, Ten­denz stei­gend, und ist ein bedeu­ten­der Wirt­schafts­fak­tor im Kiez zwi­schen Leo­pold­platz und der Amru­mer Stra­ße. “Natür­lich hat die Ent­schei­dung auch Spu­ren hin­ter­las­sen”, sagt Prof. Gross im Inter­view, “wir fra­gen uns schon, wie ver­läss­lich die Aus­sa­gen der Bezirks­po­li­tik sind.”

Beuth HochschuleDie Stadt­teil­ver­tre­tung Mül­ler­stra­ße war nicht nur über die Ver­ga­be des Turms an das Job-Cen­ter ver­wun­dert, son­dern auch über die Art und Wei­se, wie die Betei­li­gung die­ses gewähl­ten Bür­ger­gre­mi­ums “ver­ges­sen” wur­de. In einem Brief an den Bezirks­bür­ger­meis­ter von Ber­lin-Mit­te, der eben­falls in der Zei­tung “Ecke Mül­ler­stra­ße (1/2012)” ver­öf­fent­licht wur­de, ver­lie­hen die Bür­ger­ver­tre­ter ihrem Ärger Aus­druck. Dabei sind im Vor­feld der Ent­schei­dung alle Betei­lig­ten, auch der Bezirk, davon aus­ge­gan­gen, dass die Stär­kung des Hoch­schul­stand­orts durch das Gebäu­de direkt an der Mül­ler­stra­ße auch posi­ti­ve Effek­te auf das Sanie­rungs­ge­biet Mül­ler­stra­ße gehabt hätte.

Nun steht zwar fest, dass die Beuth-Hoch­schu­le nicht ganz das Hand­tuch wirft und dem Wed­ding den Rücken kehrt. Dafür lie­gen die heu­ti­gen Lie­gen­schaf­ten ein­fach zu zen­tral. Trotz­dem ist viel Por­zel­lan zer­schla­gen wor­den: zwi­schen Bür­gern und der Hoch­schu­le auf der einen und der Lan­des­po­li­tik auf der ande­ren Seite.

Schwerpunkt Berlins verschiebt sich – was heißt das für den Wedding?

“Die Schlie­ßung des Flug­ha­fens Ber­lin-Tegel ver­än­dert das Gra­vi­ta­ti­ons­feld der Stadt”, sagt der SPD-Kom­mu­nal­po­li­ti­ker Ephraim Gothe, der bis zur Wahl Bau­stadt­rat von Ber­lin-Mit­te war. Der Schwer­punkt ver­schiebt sich in Rich­tung his­to­ri­scher Mit­te, wo mit dem BND-Neu­bau ein gewal­ti­ges Bau­vor­ha­ben rea­li­siert wird. Auch im Süd­os­ten, in Adlers­hof und rund um den neu­en Flug­ha­fen in Schö­ne­feld, ist ein Schwer­punkt gro­ßer Inves­ti­ti­ons­vor­ha­ben. “Dem Ber­li­ner Nor­den droht ein Bedeu­tungs­ver­lust”, warnt Gothe. Die Nach­nut­zung des alten Flug­ha­fens Tegel sei für Wed­ding beson­ders wich­tig – dar­um dür­fe man nicht nichts tun und ein­fach Ruhe ein­keh­ren lassen.

Trotz ande­rer Grö­ßen­ord­nun­gen – der BND-Neu­bau kos­tet allein schon über 800 Mil­lio­nen Euro, das Stadt­schloss “nur” 550 Mil­lio­nen – wer­den auch in Wed­ding vie­le neue Bau­vor­ha­ben rea­li­siert.  Auch das Robert-Koch-Insti­tut baut an der See­stra­ße für 75 Mil­lio­nen Euro ein neu­es Labor­ge­bäu­de – Bak­te­ri­en wie EHEC oder auch Abwehr­mit­tel gegen bio­lo­gi­sche Kampf­stof­fe wer­den dort erforscht. Lächer­lich gering erscheint da der Biblio­theks­neu­bau am Stand­ort des Rat­hau­ses Ber­lin-Wed­ding, “nur” drei Mil­lio­nen Euro wer­den für die neue Mit­tel­punkt­bi­blio­thek locker gemacht. Gera­de ist aus 18 Ent­wür­fen ein Gewin­ner­ent­wurf aus­ge­wählt wor­den. “Ein sehr sicht­ba­res Gebäu­de wird rea­li­siert, das zur Auf­wer­tung der Mül­ler­stra­ße stark bei­tra­gen wird”, fass­te Ephraim Gothe die Ent­schei­dung für den Gewin­ner­ent­wurf bei einer Par­tei­ver­an­stal­tung der SPD-Abtei­lung Reh­ber­ge im Früh­som­mer zusam­men. Spä­ter kön­ne aus der neu­en Biblio­thek auch eine Bezirks­zen­tral­bi­blio­thek werden.

Durch das Sanie­rungs­ge­biet Mül­ler­stra­ße ist auch die­se zen­tra­le Ach­se wie­der in den Fokus gera­ten. Für den Wed­ding stellt die­se Stra­ße die Anbin­dung an die Innen­stadt dar. Die Stei­ge­rung ihrer Attrak­ti­vi­tät für Ver­kehrs­teil­neh­mer, Kun­den und Anwoh­ner ist für den Bezirk daher von beson­ders gro­ßer Bedeu­tung. Pri­va­te Inves­to­ren wer­den davon indi­rekt pro­fi­tie­ren, aller­dings gibt es steu­er­li­che Son­der­ab­schrei­bun­gen für Inves­ti­tio­nen im Sanierungsgebiet.

Ob Ber­lin-Wed­ding und die Mül­ler­stra­ße im neu­en Koor­di­na­ten­sys­tem der Stadt abge­hängt wer­den? Pro­gno­sen über einen Bedeu­tungs­ver­lust des Ber­li­ner Nor­dens sind schwer zu tref­fen. Immer­hin hat die Poli­tik die Not­wen­dig­keit erkannt, den Stand­ort durch das Sanie­rungs­ge­biet Mül­ler­stra­ße zu stär­ken. Bedau­er­lich ist nur, dass das Sanie­rungs­ge­biet im Nor­den an der Bar­fus-/Trans­vaal­stra­ße endet und nicht an der Bezirks­gren­ze zu Reinickendorf.

Hin­weis: seit Janu­ar 2012 ist Ephraim Gothe Staats­se­kre­tär in der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Umwelt.