Schlagwörter: Literatur

Otto Nagel über das Weddinger Milljöh

Buchcover
Cover des Eröffnungsbandes „Das nasse Dreicke“ von Otto Nagel. Grafik: promo

Bei den so genannten ewigen Fragen, die die Menschheit immer beschäftigt hat und immer beschäftigen wird, denkt man heutzutage an Liebe, an Trennung oder ans Erwachsenwerden. Davon handeln die Pop-Songs, die Hollywoodfilme und die Bücher der Center-Buchhandlungen. Dabei gibt es auch andere „ewige Fragen“. Zum Beispiel: Wie verhält sich eine Gesellschaft zu den Ärmsten unter ihnen? Walter Frey hat in diesem Jahr Otto Nagels Roman „Die weiße Taube oder Das nasse Dreieck“ neu aufgelegt. Dieses Buch spielt während der Weltwirtschaftskrise 1928 in einer Spelunke an der Panke.

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„Poesie Am Nordufer“ feiert Geburtstag

2 Tage Wedding Kulturfestival
Die Lesungen im Studio Berten finden im Rahmen des „2 Tage Wedding Kulturfestival“ statt.

Die Initiative „PAN. Poesie Am Nordufer. Im Wedding. Kunst, Literatur und Migration“ wurde vor einem Jahr gegründet. Am Wochenende feiert sie das im Rahmen des „2 Tage Wedding Kulturfestival“ mit zwei öffentlichen Lesungen im Studio Berten in der Torfstraße 11.

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Weddingwoche #29: Der Wedding liest

Die Brauseboys
Die Brauseboys vor dem Café Cralle in der Hochstädter Straße (Foto: Brauseboys)

Als ich Freunden in Süddeutschland vom Erfolg der Berliner Lesebühnen erzählte, waren sie ziemlich erstaunt. Wie jetzt? In der Party-Metropole Berlin erfreut sich ein junges Publikum an Veranstaltungen, bei denen vor allem Texte vorgelesen werden? So ist es, und auch der Wedding hat diesbezüglich einiges zu bieten. Weit über die Grenzen des Weddings hinaus, machen zum Beispiel die Brauseboys von sich reden. Die Autoren-Truppe besteht bereits seit 10 Jahren und liest jeden Donnerstag in den Osram-Höfen vor. Dabei braucht man gar keine eigene Lesebühne, um im Wedding sein Publikum zu finden. Im Café Cralle findet jeden Montag der Lesetresen statt, wo sich jeder als Vorleser ausprobieren kann, der Lust dazu hat und sich rechtzeitig anmeldet. Nach der Sommerpause geht es auch mit der „Lesershow“ weiter. Die Lesebühne wird dann wieder jeden Monat im Mastul zu Gast sein. Und auch in der Moritz-Bar wird ab September eine neue Lesebühne stattfinden. Der Wedding hat viele Geschichten zu erzählen, und das tut er auch.

Unsere Kolumne gibt es auch an jedem Wochenende im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding.

Weddingwoche #18: Die Mitmach-Bücherei

Bücherbox vor dem Centre Francais in einer französischen TelefonzelleDer öffentliche Aufschrei war groß, als letzte Woche die Meldung von der geplanten Schließung des Maison de France am Ku’damm durch die Presse ging. Gleich war die Rede von einer Kürzung der kulturellen Präsenz Frankreichs an der Spree. “Mitnichten!”, denkt man da im Wedding. Schließlich wurde erst ein paar Tage zuvor eine neue deutsch-französische Bücherei eröffnet. Direkt neben dem Berliner Eiffelturm in der Müllerstraße. Eine kleine zwar – aber immerhin. Die so genannte BiblioboXX ist untergebracht in einer umgebauten französischen Telefonzelle und gut gefüllt mit deutschsprachiger und frankophoner Literatur. Das Konzept gibt sich nachhaltig und innovativ – weil interaktiv: “Bring ein Buch – nimm ein Buch – lies ein Buch!” lautet das Motto für die Mitmachbücherei. Dem Ehrengast bei der Einweihung, Frankreichs Generalkonsul, Jean-Claude Tribolet, würde nur ein Schelm unterstellen, mit der Eröffnung dieses platzsparenden Kulturguts die Schließung eines repräsentativeren Musentempels kaschieren zu wollen. Viel lieber sehe ich darin eine gelebte Geste französischer Werte: Freiheit – die Bücherei ist rund um die Uhr geöffnet. Gleichheit – im Angebot sind französische und deutsche Literatur gleichermaßen. Brüderlichkeit – die BiblioboXX ist Teil einer Azubi-Kooperation beider Länder. Im Frühjahr soll die Mini-Bücherei auf Reise durch Berlin gehen, bevor Sie dann vor dem Centre Français in der Müllerstr. 74 ihren endgültigen Standort beziehen wird. Also vorsorglich schon mal die Regale durchforsten nach ansprechender Literatur, weil die BiblioboXX schließlich vom Mitmachen lebt.

Mehr Informationen über die Mitmachbücherei findet man unter http://buecherboxx.wordpress.com

Autor: Marcus Bauer

„Berliner Macht“: Mörderjagd im Wedding

Da heißt es immer, der Wedding sei kriminell. In diesem Fall wird aber zunächst einmal nur die verweste Leiche im Wedding, genauer gesagt in Gesundbrunnen, gefunden….

Ullrich Wegerich
Der Autor Ullrich Wegerich

Manchmal stellt sich dieses Gefühl beim „Tatort“-Schauen ein: man kennt vielleicht den Schauplatz, der da in Szene gesetzt wird. Weil man den Stadtplan im Kopf hat, ärgert man sich aber viel mehr über unrealistische Regie-Kniffe oder unlogische Handlungsstränge als über den Fall selbst. Das, so denkt man, würde einem bei diesem Krimi, der im Wedding spielt, ganz genauso passieren. Aber der Roman stellt in jeder Hinsicht eine positive Überraschung dar.

Das (erste) Opfer in „Berliner Macht“ ist ein Hartz IV-Empfänger aus einer armen Gegend, die dafür den umso klangvolleren Namen Gesundbrunnen trägt. Auch wer die Stadt nicht kennt, steigt schnell in die Milieus des neuen Berlin ein, wenn er das Buch „Berliner Macht“ von Ullrich Wegerich liest. Die Ermittlungen führen den Kripo-Kommissar Mannheim und seine Kollegin in Lebenswelten, die hart voneinander abgegrenzt sind: der arme Wedding, der neureiche Prenzlauer Berg und die politische Szene der Bundeshauptstadt. Alle Figuren sind sorgsam ausgearbeitet, die Umfelder der Protagonisten sehr genau in Szene gesetzt. „Ich stelle mir für jede Romanfigur immer eine Person vor, die ich kenne, und dichte etwas hinzu“, beschreibt der Autor den Entstehungsprozess. So habe auch die junge polnische Kindergärtnerin aus dem Roman ein reales Vorbild – Ullrich Wegerichs Nachbarin in Charlottenburg. Und auch mit dem Kommissar hat der 57-Jährige etwas gemeinsam – die Herkunft aus Mainz am Rhein und den Wohnort in Charlottenburg.

„Ich kenne das Umfeld der Justiz- und Polizeibeamten aus meiner eigenen Biographie heraus sehr gut“, erklärt Ullrich Wegerich. Wie es in deutschen Amtsstuben abgeht, aufgezeigt am Beispiel der unklaren Hierarchien und wechselnden Befindlichkeiten hinter den Mauern der Berliner Polizeibehörden, wird im Roman derart präzise beschrieben, dass es der Leser dem Autor sofort abkauft. Das ist kein Wunder, denn die Milieubeschreibungen lassen durchschimmern, dass der Autor studierter Soziologe ist. Und auch seine Ortskenntnis beruht auf eigener Erfahrung: Anfang der 1980er Jahre hat Ullrich Wegerich im Moabiter Stephankiez gewohnt und hatte damals viele Bekannte, die im Wedding lebten. Noch heute findet er den Wedding mit seinen vielen Spannungsfeldern „einfach klasse“, gerade weil er räumlich so nah an Gebieten liegt, die von völlig anderen sozialen Schichten geprägt sind.

Um das Reizthema Gentrifizierung geht es natürlich auch. Denn die Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft am Gesundbrunnen sollen an einen ausländischen Investor verkauft werden, der alles modernisieren und anschließend teuer vermieten will: „Die Leute, die hier wohnen, sind alle arm“, heißt es im Roman. „Die können keine hohen Mieten zahlen, das Jobcenter macht das nicht mit.“ Das ist alles nichts Neues – jedenfalls für uns im Wedding. Aber schon in anderen Berliner Stadtteilen oder gar im wohlhabenden Westen unseres Landes verhält sich das ganz anders. Da kommt Ullrich Wegerichs Krimi genau richtig: Er verpackt die sozialen Veränderungen, die sich in unseren Kiezen abspielen, in eine spannende Krimihandlung, um sie so auch jenseits der Grenzen des Weddings bekannt und verständlich machen zu können.

Wie die Roman-Kommissare schnell feststellen, unterscheiden sich die Träume und Hoffnungen des Opfers so sehr von der Realität wie – sagen wir – Karl-May-Bücher vom heutigen Amerika. Dieser Vergleich ist sogar gar nicht weit hergeholt, denn schließlich ist Ullrich Wegerich in seinem Hauptberuf Autor zahlreicher Western-Groschenromane…. Mit seinen Kommissar Mannheim-Krimis (es gibt noch einen Charlottenburg-Krimi und bald auch einen aus „Kreuzkölln“) zeigt Ullrich Wegerich jedoch, dass die sozialen Missstände in dieser Stadt mehr Stoff hergeben als Trivialliteratur vom Zeitungskiosk. Man kann daraus gute Krimis stricken.

„Berliner Macht“ bei Königshausen und Neumann

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