„Bei Ernst“ ist Schluss: Ich darf nicht traurig sein!

Nachtschwärmer bei Ernst
Nachtschwärmer Bei Ernst. Foto: A. Hahn

Meinung Ja, diese Worte stehen hier wirklich: „nicht traurig“. Der beste aller Kneipenwirte hört in einigen Monaten auf und schließt sein Wohnzimmer. Nach 24 Jahren Nachtschwärmer Bei Ernst ist dann Schluss. Aber könnte man Ernst und sein öffentliches Wohnzimmer überhaupt ersetzen? Eine Meinung – statt eines Interviews.

Der KneipenKult bewahrt die Kneipenkultur

Eckkneipen sterben einen langsamen Tod, auch im Wedding. Sei es eine Mieterhöhung, fehlende Nachfolger, die schwindende Kundschaft oder eine aus der Zeit geratene Optik: Ob eine traditionelle Kneipe heutzutage eine Überlebenschance hat, hängt von vielen Faktoren ab. Der Wirt Oliver Gottwald bringt viel Energie auf, um aus einem alteingesessenen Lokal das zu machen, was es früher buchstäblich an fast jeder Ecke gab: eine richtig gemütliche Kiezkneipe mit Charakter.

Das letzte Jahr Kugelbahn Wedding

Außenansicht der Kugelbahn in der Grüntaler Straße. Foto: Sandy Stöckel
Foto: Sandy Stöckel

Die Kugelbahn Wedding ist ein Faszinosum. Ihre Architektur ist so selten und ausgefallen wie ein kostenloser Parkplatz in Prenzlauer Berg. Der verglaste Flachbau, ihr Interieur und die 50 Jahre alte Kegelbahn im Keller erinnern an ein amerikanisches 60er Jahre Film-Set. Rustikal und kultig. Besonders, weil die Konstruktion der Kegelbahn im Keller – vorne schmal, im Mittelteil ausgehöhlt, hinten breiter – eine echte historische Rarität ist. Der Keller bietet nicht nur Platz für Präzisionssportart, sondern auch eine kleine Bühne für Konzerte, Lesungen oder Comedy. Allen, die es bis jetzt noch nicht hingeschafft haben, sei geraten das in naher Zukunft nachzuholen, denn die beliebte Location in der Grüntaler Straße schließt Ende des Jahres.

Neue Musik in Eckkneipen

Altberliner Eckkneipen verschwinden zunehmend aus dem Weddinger Straßenpanorama. Ob solche mit Musik von AC/DC im Hinter- und Schreckdekor im Vordergrund, oder die der stillen Art mit unsterblichen Raumpflanzen und vergilbten Gardinen im Schaufenster.

Aus dem Kontakt mit den Besitzern und Managern noch lebender Lokale in Wedding hat sich eine Idee für künstlerische, kulturelle generationsmäßige Konfrontation ergeben, wo auch Buhrufe noch gut möglich sein werden. Das Projekt Neue Musik in Eckkneipen bringt am Wochenende (25./26./27.8.) an vier Orten ein wenig Leben an den Tresen.

F-Bar: die Alternative

Blick hinter den Tresen der F-Bar Grüntaler Straße - Foto: N. Roth
Blick hinter den Tresen der F-Bar Grüntaler Straße – Foto: N. Roth

Ausgehen Samstag Abend im Wedding (Gesundbrunnen, um ganz genau zu sein) und ich bin verabredet. Die Dichte an Automatencasinos und Shisha-Bars ist enorm. Aber da ich weder dem Automaten-Glücksspiel zugetan bin, noch ausgesprochen gerne Wasserpfeife mit unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen rauche, bin ich auf der Suche nach einer Alternative.

Sie will einfach die BESTE Bar im Kiez sein

Ausgehen Nachts kommt die gelbe Leuchtschrift erst so richtig zur Geltung auf den orangeroten Fliesen an der Hauswand, die an den nahgelegenen U-Bahnhof Wedding erinnern. Und ja, bei diesem Namen kann man sich leicht zur Behauptung versteigen, dies sei die BESTE Bar im Wedding. Wie dem auch sei, auf jeden Fall hat eine solche Bar im etwas verschlafenen Kiez zwischen der Tegeler und der Müllerstraße absolut gefehlt…

GESCHLOSSEN: Prinzinger – eine ganz normale Bar

PrinzingerDie Kreuzung Osloer Straße/Prinzenallee ist heute hauptsächlich als verstopfter Verkehrsknoten bekannt. Früher gab es hier noch das Präpeleck, eine Eckkneipe, wie sie im Buche steht: große Schultheiss-Werbung, vergilbtes Intérieur und eine Kundschaft, die schon viele Jahre dort ihre Gewohnheiten pflegte. Ins Präpeleck habe ich mich nur am Tag des Abschieds getraut, zu fremd war mir diese Kneipe bis dahin.

Thekensumpf

Berlin-Wedding, Juni 2013
Foto: Sulamith Sallmann

Nächte werden bedeutungsschwanger
entbinden aber keine Ideen
sondern nur den Wächter von der Pflicht.
Rauchschwaden hängen von der Decke
streicheln den Bierschaum
wie ein liebgewonnenes Haustier.
Und du sitzt am längeren Arm der Theke
lächelst ins Leere
sammelst Asche in deinem Stundenglas,
die du auf den Weg streust,
wenn ich gegangen bin.
Stimmen schwirren durch den Raum
summen wie Insekten
und stechen manchmal zu
wenn die Haut willig ist.
Das Nervengift geht heute aufs Haus
garantiert für alle
garantiert inklusive Spätfolgen.
Ich schließe die Augen
symbolisch im gespiegelten Bild auf dem Glas.
Eine neue Nacht geht zu Ende
nimmt den Schaum
und die Tränen
und das Kribbeln
und den Rausch.
Während sich die U-Bahnen draußen füllen,
leert sich die Theke im Inneren
meine Schuhe ganz staubig
von der Asche auf dem Weg.

Gedicht: La Rimadora (facebook.com/la.rimadora)
Das Gedicht ist La Rimadoras Lieblingslokal im Soldiner Kiez gewidmet.