Waagerecht bis senkrecht: “Bingo” im Mastul

Im Früh­lings­licht kann man die ers­ten grau­en Haa­re noch bes­ser erken­nen. Also pro­bie­ren wir aus, wie es sein wird: Alt sein. Zag­haft tra­gen wir beige Par­kas, fah­ren Elek­tro­fahr­rad und bepflan­zen den Bal­kon. Jeden vier­ten Mitt­woch im Monat kön­nen Spiel­wü­ti­ge und Zah­len­af­fi­ne im Mas­tul zudem das schöns­te Kli­schee aller Senio­ren­heim­ak­ti­vi­tä­ten aus­pro­bie­ren: Bin­go spielen.

Bin­go­zet­tel im Mas­tul / Foto: Phil­ipp Marquardt

So fin­den sich lau­ter jun­ge Men­schen im selbst­ver­wal­te­ten Wed­din­ger Knei­pen­hin­ter­zim­mer wie­der, um mit etwas Zah­len­glück Schnaps, Süßig­kei­ten und zer­knit­ter­te Schei­ne zu gewin­nen. Bin­go ist ein Glücks­spiel. Das muss an die­ser Stel­le natür­lich erwähnt wer­den. Fast gefähr­lich mutet es an, leicht ver­rucht. Man macht sich nackt beim Bin­go-Spie­len. Dein Besitz, dei­ne Bart­län­ge, dein Bau­spar­ver­trag: Völ­lig egal. Es gewinnt, wer alle Zah­len senk­recht, waa­ge­recht oder in den Ecken auf sei­nem Loszet­tel umkrei­sen konn­te. Wer eine gute Wahl traf, als er sei­nen Loszet­tel aus dem bun­ten Bauch­la­den zog. Wer kon­zen­triert die Zah­len umkreist, wel­che die Los­trom­mel mit einem lei­sen Kla­cken aus­spuckt. Und dann mit vol­ler jun­ger Inbrunst „Bin­go!“ brüllt.

Das ganze Leben ist ein Bingo-Spiel

Wäh­rend wir im ver­rauch­ten Hin­ter­zim­mer das Salz von den Chips lecken und die Bin­go-Zet­tel ord­nen, wird klar, dass es zwar ein simp­les Glücks­spiel ist, aber doch etwas über das Leben lehrt. Im ers­ten Durch­lauf greifst du noch tief in den Bin­go-Bauch­la­den. Der Plan ist durch mehr Lose die Gewinn­wahr­schein­lich­keit zu erhö­hen und schon win­ken Schnaps und Scho­ko­la­de am Ende des Abends. Doch Obacht. Dei­ne Augen müs­sen dann mehr Zet­tel nach den gezo­ge­nen Num­mern scan­nen, das kann über­for­dern, da wer­den aus Ver­se­hen Bier­glä­ser umge­schüt­tet und in Chip­sscha­len geascht. Du über­siehst die Zah­len. Du kommst nicht mehr mit. Du, ha, ver­zet­telst dich. Im Leben lie­ber auf weni­ger kon­zen­trie­ren. Züge­le dei­ne Gier, sonst sitzt du da und musst Chips essen, die nach Asche schmecken.

Nach der ers­ten ver­lo­re­nen Run­de grum­melt es aus den dunk­len Ecken. Was soll das sein, die­ses Spiel, die­se Unge­rech­tig­keit, wir wer­fen alle Geld in einen Topf und einer mit viel Glück gewinnt es? Doch dann tau­chen die gewon­ne­nen Süßig­kei­ten in der Tisch­mit­te auf und jeder darf danach grei­fen. Frem­de Men­schen rei­chen Kugel­schrei­ber und wei­sen auf ver­ges­se­ne Zah­len hin. Die Schnaps­glä­ser wer­den vor­sich­tig in die Run­de gereicht. Wir wis­sen ja, dass das mit dem Glück ziem­lich kom­pli­ziert ist.

Wer will und einen Platz erwischt, kann ein­mal im Monat im Mas­tul Bin­go spie­len. Man braucht für einen Abend dort nicht viel, ein paar Freun­de, Kon­zen­tra­ti­on und wer es drauf anlegt etwas Glück. Aber ohne wird es auch ganz gut.

Bin­go!
Nor­ma­ler­wei­se immer der letz­te Mitt­woch im Monat
Außer im Dezem­ber! Da bereits am 18.12.
Ein­lass: ab 19:30 Uhr

Mas­tul
Lie­ben­wal­der Stra­ße 33
13347 Ber­lin

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