Meine 11 Stunden im Magendoktor

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Der Magen­dok­tor am Net­tel­beck­platz ist so etwas wie die Schnee­ku­gel unse­rer Gesell­schaft. Es wirkt, als hät­te man sich wahl­los Men­schen aus allen Berei­chen des Lebens geschnappt, dort hin plat­ziert und geschüt­telt. Am Ende, wenn sich die Nacht in den Mor­gen ver­ab­schie­det und alle Bewe­gun­gen lang­sa­mer wer­den, löst sich die­ser Quer­schnitt der Gesell­schaft lang­sam, aber nie voll­stän­dig, in alle Him­mels­rich­tun­gen wie­der auf.
Jeden Tag – 24 Stun­den nonstop.

Gegen 19:30 Uhr lau­fe ich über den Net­tel­beck­platz, zie­he die Mas­ke über Mund und Nase, betre­te den Magen­dok­tor, set­ze mich an den Tre­sen und bestel­le ein Bier. „Ein Schult­heiss bit­te”, sage ich. „Das macht glück­li­che Eins­fuff­zich.“ „Bit­te.“ „Dan­ke.“ „Prost.“

Es ist Tag 2 nach der Wie­der­eröff­nung eines Ladens, der nie zumacht, nie­mals schließt. Egal, wel­che Umstän­de drau­ßen in der Welt wüten. 24 Stun­den ist der Dok­tor ansprech­bar. 24 Stun­den zwi­schen offen und Hof­fen der See­len, die hier ver­sa­cken, bereit für einen zeit­li­chen Aus­ritt ohne Begren­zung von der Welt da drau­ßen. Zumin­dest dach­te man das. Dann kam der März 2020.

114 Jahre »Zum Magendoktor«

Das Bier perlt. Die Fla­sche beschlägt. An die­sem bis­her hei­ßes­ten Tag des Jah­res leert sich alles Flüs­si­ge schnel­ler. Zwangs­läu­fig orde­re ich ein wei­te­res Bier und nut­ze die Gele­gen­heit, ein paar Fra­gen zu stel­len.
Gabi*, die Tre­sen­kraft der heu­ti­gen Spät­schicht – Schicht­zeit 14 – 22 Uhr – ist rich­tig gut drauf. Sie strahlt und das ist, trotz Mas­ke, gut zu erken­nen. „Das war schon eine Über­ra­schung, als die Schlie­ßung kam. 114 Jah­re gibt es nun den Magen­dok­tor, aber sowas, das gab’s noch nie. Die ers­te Zeit sind alle in ein gro­ßes Loch gefal­len, fast depres­siv gewor­den.“ Sie, das sind die fünf Ange­stell­ten, die die­sen Laden hier 24 Stun­den am Lau­fen hal­ten, 7 Tage die Woche.
„Aber was soll man machen“, sagt Gabi, „mit so einem Virus kann man ja nicht rech­nen.“ Sie erzählt von der Vor­freu­de auf den gest­ri­gen Tag, nimmt dabei die Bestel­lun­gen der ande­ren Gäs­te gut gelaunt ent­ge­gen und wuselt vor der typi­schen Magen­dok­tor-Tre­sen-Kulis­se umher. „Ver­än­dert hat sich auch ein biss­chen was, die Böden wur­den neu gemacht, Stol­per­fal­len besei­tigt und die Türen erneu­ert. Ach, und die Klo­f­lie­sen gestri­chen.“ Und ja, das kann ich zu die­sem Zeit­punkt bestä­ti­gen, das Klo, des­sen Exis­tenz von 114 Jah­ren immer gut riech­bar war, riecht heu­te fast wie neu gebo­ren, oder eben zwei Tage alt.

Sie kommen

Es ist 20:30 Uhr und wei­te­re Gäs­te las­sen sich im Magen­dok­tor nie­der. Am Tre­sen sit­zen darf momen­tan nur wer einen Stuhl ergat­tert. Jün­ger sind die Gäs­te gewor­den, zumin­dest im Durch­schnitt, sagt Gabi. Und auch mir fällt – aller­dings erst im Lau­fe des Abends – auf, dass der typi­sche Urber­li­ner Knei­pen­be­su­cher kaum bis gar nicht anzu­tref­fen ist. Mög­li­cher­wei­se muss sich auch in der ana­lo­gen Welt erst her­um­spre­chen, dass der Magen­dok­tor wie­der geöff­net hat. Es sind min­des­tens wei­te­re 114 Jah­re Zeit, zumin­dest hofft man das. Über die Musik­bo­xen schallt es »Hel­lo Again.«

„Frit­ze­lein!“ ruft es aus Gabi her­aus. „Seit wann is’n hier wie­der uff“ […] tönt es hin­ter mir, „ich dach­te der Magen­dok­tor exis­tiert nicht mehr.“ „Uns gibt es auch noch nach­’m Atom­krieg, das ver­spre­che ich dir“, ruft Gabi zurück. Frit­ze­lein. Um die 60. Grau­es Haar. Grü­nes Polo­hemd. Einer der Stamm­gäs­te, wie Gabi bemerkt. Er setzt sich, bestellt eine Fla­sche Kindl für 2.20€ und zün­det sich eine Ziga­ret­te an.
Sie erzählt wei­ter: „Die Eröff­nung ges­tern war rich­tig schön […], wir waren so glück­lich, wie­der auf­zu­ma­chen.“ 14 Uhr wur­den die Roll­lä­den hoch­ge­las­sen, aber bereits gegen halb eins woll­ten die Ers­ten durch die offen ste­hen­de Tür hin­ein. Aber nix da, „die muss­te ich wie­der raus­schi­cken“, sagt sie.
„Ande­re haben Fotos gemacht, die konn­ten es gar nicht glau­ben, dass wie­der geöff­net ist.“ Und auch als ich zuvor Rich­tung Magen­dok­tor steu­er­te, sah ich, wie zwei Fahr­rad­fah­rer anhiel­ten und die nun weit offen ste­hen­de Tür foto­gra­fier­ten. Der Dok­tor wur­de wirk­lich ver­misst. Sie ergänzt: „Es ist ja nicht nur ’ne Knei­pe, auch ’ne emo­tio­na­le Sache. Und ich den­ke schon, dass es für die Leu­te schwie­rig war. Eini­ge mein­ten, es war gut für den Kör­per und das Porte­mon­naie, sind aber froh, dass wir wie­der auf haben. Lie­ber Geld ver­bra­ten und den Kör­per stres­sen, als allein zu sein.“

Frü­her, so erzählt man sich, lag der Base­ball­schlä­ger hin­term Tre­sen stets bereit, falls es Stress gibt, aber stimmt das und wie ist es heu­te so? „Ach nein, es ist schon ruhi­ger, und die Jün­ge­ren klä­ren ihren Streit anders als die Älte­ren.“ „Letz­tens“, sagt Gabi – um dann los zu lachen, als sie bemerkt, dass die­ses „letz­tens“ min­des­tens drei Mona­te her sein muss – „da hat­ten zwei Jün­ge­re Streit. Die haben sich dann gegen­über­ge­stellt und ein Rap­batt­le ver­an­stal­tet. Aus dem Nichts. Aber wir haben sowie­so die geils­ten Gäs­te“, wirft sie wie­der­holt hinterher.

Auch der Doktor hat seine Probleme

Dann, das Bier ver­duns­tet und muss schnell getrun­ken wer­den, steht ein Gast neben mir am Tre­sen. Er möch­te an den Spiel­au­to­ma­ten und sein Han­dy als Pfand für die Frei­schalt­kar­te des Auto­ma­ten hin­ter­le­gen. „Nix da”, sagt Gabi, „20€ müs­sen es sein, sonst wird das nix.” Er holt einen 20€- Schein her­aus, guckt mich an und sagt: „Hal­lo, ich bin Kasi­mir*.“ Ich grü­ße zurück, wün­sche viel Erfolg und sei­ne Suche nach dem Glück beginnt. Ob er am Ende des Abends mehr im Porte­mon­naie haben wird, weiß ich nicht. Ich sit­ze ein­fach wei­ter am Tre­sen in Rei­he eins und gucke umher. Ein Rosen­ver­käu­fer kommt hin­ein, er schei­tert. Ob es am Publi­kum oder der Uhr­zeit liegt, kann ich nicht beurteilen.

Ab 22 Uhr müs­sen die Gäs­te mitt­ler­wei­le rein, oder sich ein paar Meter wei­ter weg vom Magen­dok­tor stel­len. „Die Nach­barn machen Stress“, so erfah­re ich. „Zie­hen über eine Knei­pe […]“, – wohl­ge­merkt 114 Jah­re Magen­dok­tor – „und beschwe­ren sich dann“, fügt Gabi hin­zu. „Neben­an die Bar, da dür­fe man bis nach 22 Uhr drau­ßen sit­zen, da kommt die Poli­zei nur bei ‘ner Mes­ser­ste­che­rei oder ‘ner Lei­che, aber hier?” Da hat Gabi recht, die ein­zi­gen Lei­chen des Magen­dok­tor sind nach viel Was­ser und Schlaf zumeist wie­der geheilt. Nor­ma­ler­wei­se. Neben­an dage­gen sind sie Tote im End­sta­di­um. Alles schon da gewe­sen. Auch Men­schen, die in Not sind, dür­fen hier, zumin­dest war das frü­her gang und gäbe, ihr Lager samt Schlaf­sack im Magen­dok­tor auf­schla­gen. Man hilft nun mal. Ob das heu­te immer noch so ist, ver­ges­se ich in die­sem Moment aller­dings zu fra­gen.

Im Blick­win­kel, vom Tre­sen aus, bemer­ke ich eine Grup­pe Her­tha-Fans, die es sich hin­ten in der Ecke neben dem Bil­lard­tisch gemüt­lich gemacht hat und immer wie­der Her­tha-Lie­der anstim­men möch­te. Aber so wirk­lich sin­gen ist ja nicht erlaubt. Einer der Typen hat auf sei­nem T‑Shirt ste­hen: »Sozia­le Kon­tak­te mei­den I A‑Soziale Pfle­gen.« Es läuft Mari­an­ne Rosen­berg – »Er gehört zu mir.«

Fritzelein

Es ist nun 20:51 Uhr. „Ein Schult­heiß bit­te.“ Der Zäh­ler für den Abend und die Nacht muss unbe­dingt lang­sa­mer lau­fen. Frit­ze­lein, der Mann mit dem wei­ßen Haar und dem grü­nen Polo­hemd könn­te mir ein paar Fra­gen beant­wor­ten, sagt Gabi zu mir. Auf mich wirkt er zwar, als hät­te er nicht wirk­lich Lust, aber Gabi regelt das.

Ab und zu kommt er hier her, also “4 bis 5 Mal die Woche”, mehr aber nicht. Nach der Nacht­schicht noch­mal ein Bier und dann ab nach Haus. Je nach­dem.
Wie es so war, als plötz­lich Pau­se war, fra­ge ich ihn. „Naja, da kann man ja auch nix machen, ich habe mei­ne Arbeit gemacht und jut is. Ein Schock war es nicht, das ist ganz nor­mal bei so einer Pan­de­mie, die nun war. Da kön­nen wir nix ändern, sie auch nich, müs­sen wir mit leben.“

Heu­te sitzt Frit­ze­lein aller­dings zufäl­lig am Tre­sen. Er ist mit dem Bus vor­bei­ge­fah­ren und hat gese­hen, dass wie­der geöff­net ist und ist sofort an der Hal­te­stel­le raus.
Vor unge­fähr 20 Jah­ren, also min­des­tens, da war er das ers­te Mal hier im Magen­dok­tor. Hat sich denn viel geän­dert, fra­ge ich, „nee, eigent­lich nich, nee“, bemerkt er. „Wobei, dass muss man sagen, frü­her war es ruhi­ger.“ „Aber mitt­ler­wei­le […]”, und wir reden von vor-März, „komms­te hier frei­tags rein und es ist kna­ckend voll, aber mit Stu­den­ten – aber das ist ja ne gute Sache.“
 
So wirk­lich ken­nen tut er aller­dings auch kei­nen ande­ren Stamm­kun­den, erwähnt er noch. Ich fra­ge mich kurz war­um, aber den­ke mir dann, wie auch? 24 Stun­den offen. So vie­le Zeit­fens­ter. Par­al­lel­wel­ten im Magen­dok­tor. Eini­ge kennt er aber doch, ergänzt er dann noch. „Selbst­ver­ständ­lich – man hat halt so sein Spek­trum (an Leu­ten) nach der Nacht­schicht.“ Eine Schlä­ge­rei habe er aller­dings noch nie mit­be­kom­men, aber schon eini­ge Bar­kee­pe­rIn­nen kom­men und gehen gese­hen und lacht dabei. „So Gabi, gib mir bit­te noch ein Klee­nes.“ Das war ein Hin­weis. Ich habe ver­stan­den und zie­he mich zurück. Nach dem drit­tem Bier ver­ab­schie­det er sich in den Abend, der nun lang­sam dun­kel wird.

Man sagt Hallo

So sit­ze ich wei­ter und mache das, was ich ger­ne mache. Gucken.
Eine Frau kommt an den Tre­sen. Stellt sich neben mich, guckt zu mir und sagt „Hal­lo, ich bin Nad­ja*.“
Stark, den­ke ich mir, dan­ke für die­sen Ein­stieg und fra­ge gleich mal wie­so sie hier ist und ob sie das über­haupt erzäh­len möch­te. Sie will.
Haus­ver­bot hat­te sie hier schon, das ist doch bestimmt inter­es­sant, bemerkt sie. Und was soll ich sagen, Haus­ver­bot im Magen­dok­tor, das ist nun wirk­lich inter­es­sant, nur wie schafft man das? Was muss man dafür machen? Zwei­mal wur­de sie auf dem Män­ner­klo erwischt, „also jeweils mit ‘nem Typen und dann raus­ge­schmis­sen. Nach dem zwei­ten Mal gab es dann Haus­ver­bot.“ Ich den­ke an das Klo vor dem Lock­down, aber nun gut – ob der Mann auch Haus­ver­bot erhielt, weiß ich nicht.
Sie greift zum Han­dy, wel­ches in dem Moment zu leuch­ten beginnt, anschei­nend hat sie eine Nach­richt erhal­ten, sie schaut kurz rauf und sagt sie müs­se kurz raus.
Ich füge scherz­haft hin­zu „Kommt dein Taxi?“ sie bejaht. Der Mann mit dem Koks ist da. In der Juke­box läuft wäh­rend­des­sen »Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein.« Sie ver­schwin­det hin­aus, lus­ti­ger­wei­se mit dem Glücks­rit­ter Kasi­mir, dem Spie­ler aus der ers­ten Stun­de. Ich dage­gen sit­ze wei­ter am Tre­sen und gucke in die Gegend.

Als sie wie­der neben mir steht, bit­tet sie mich, sofern sie in fünf Minu­ten nicht zurück ist, nach­zu­schau­en, ob alles ok sei. Sie müs­se mal kurz mit dem Kasi­mir aufs Klo. Zu ver­trau­en scheint sie ihm nicht. Die Zeit ver­geht. Fünf Minu­ten, dann sie­ben. Es wird Zeit zu gucken. Ich ste­he auf, da rennt ihr Freund schon auf­ge­schreckt aus der ande­ren Ecke des Ladens los. Kei­ne drei Sekun­den ver­ge­hen, da steht sie wie­der neben mir. Wie­so ich denn nicht frü­her kam. Ihr Freund “ver­braucht” nun alles, was das Taxi lie­fer­te. Ich den­ke mir, Zeit ist rela­tiv, trin­ke einen Schluck und gucke wei­ter in die Gegend. Kasi­mir kommt nun zu mir, erzählt mir, wie schlimm er sie fin­det, packt noch ein Hau­fen sexis­ti­sche Sprü­che hin­ter­her und erzählt mir von sei­ner Fami­lie und sei­nen letz­ten 21 Jah­ren. Alles ver­wir­rend, ja. Auch wenn man’s auf­schreibt. Auch im Nach­hin­ein. Wie die bei­den sich gefun­den haben, ver­ste­he ich nicht ganz. Ich kann nicht ganz fol­gen und stei­ge aus dem Gespräch aus, indem ich mal kurz tele­fo­nie­ren „muss“ und Luft schnap­pen möch­te. Zwei Atem­zü­ge spä­ter bin ich zurück am Tre­sen. „Mein“ Stuhl ist noch frei.

Links neben mir sitzt eine Grup­pe am Tre­sen. Eine Frau, die zur Run­de dazu­sto­ßen möch­te, fragt mich, ob sie mei­nen Stuhl haben kann. Ich fra­ge, wor­auf ich dann sit­zen soll, sie erwi­dert „kei­ne Ahnung.“

Nad­ja steht nun wie­der neben mir. Beauf­tragt mich wie­der, ich sol­le doch in fünf Minu­ten schau­en, ob alles ok ist und ver­schwin­det wie­der mit Glücks­rit­ter Kasi­mir auf dem Klo.
Die­ses Mal ste­he ich exakt nach fünf Minu­ten auf, betre­te den Flur zum Klo, da erscheint hin­ter mir auch schon die Bar­kee­pe­rin der aktu­el­len Schicht und schmeißt sie raus. Nein. Nicht aus der Knei­pe, kein neu­es Haus­ver­bot – aber vom Klo. Ein­mal wird sich die­ses Spiel­chen noch wie­der­ho­len. Nach dem Rech­ten gucken soll ich aller­dings nicht mehr. Ich brin­ge kein Glück.

Der Tre­sen ist schön, aber Abwechs­lung muss sein. Ich set­ze mich in die Nähe eines Tisches und, wie es sich in Knei­pen wie die­sen gehört, pros­tet man sich zu und ist im Gespräch.
Mal­te*, einer der Grup­pe, ist 700 km von Kiel nach Ulm gelau­fen und nun im Magen­dok­tor. Also gelau­fen ist er bereits im Mai, aber alles wegen Coro­na. Als sei­ne Freun­de mein­ten, dass man nir­gend­wo hin­fah­ren kann und mit der Bahn das sowie­so schwer ist, da lief er los. Als Beweis zeigt er mir sei­nen Insta­gram-Kanal. Es stimmt. Er, ein Hund und ein Hand­wa­gen. Respekt.
Eigent­lich woll­te er am Wochen­en­de in Frank­furt am Main sein, aber für den Magen­dok­tor ging es heu­te erst mal nach Ber­lin. Natür­lich nicht zu Fuß, das schafft auch er nicht, aber extra wegen dem Magen­dok­tor in die Bahn stei­gen auf jeden Fall.

Die Nacht beginnt

Es ist jetzt kurz vor eins. Der Magen­dok­tor hin­ter­lässt bereits sei­ne Spu­ren. Ich bege­be mich wie­der an die fri­sche Luft und sehe Mal­te und sei­ne Beglei­tung nach eini­ger Zeit mit Bier­glä­sern aus dem Magen­dok­tor ver­schwin­den. Kurz dahin­ter trabt die Tre­sen­kraft auf der Jagd nach dem Glas. Sie woll­ten nur schnell Geld abho­len, dabei das frisch Gezapf­te nicht aus den Augen las­sen, argu­men­tie­ren sie. Egal. Sich mit Glä­sern ent­fer­nen ist nicht.

Die Nacht ist warm und ein nicht klei­ner Teil der Gäs­te hält sich noch drau­ßen auf. Glücks­rit­ter Kasi­mir lehnt außen am Fens­ter und imi­tiert Vogel­ge­räu­sche mit Hil­fe eines Fet­zen Plas­tik. Und das, ja das muss man aner­ken­nen, erschre­ckend rea­lis­tisch. Mög­li­cher­wei­se rufen die Nach­barn des­halb nicht die Poli­zei, da sie den­ken, die Vögel sind heu­te die Lau­ten. Ich gehe hin­ein. Es ist 01:01 und der ers­te Gast lehnt bereits mit dem Kopf auf dem Steh­tisch in der Mit­te. Der Dok­tor for­dert sein ers­tes sicht­ba­res Opfer. Ich füh­le mit ihm.
Inter­es­san­ter­wei­se, und das fällt mir erst auf, als ich wie­der drin­nen bin, hat ein Groß­teil des Publi­kums in den letz­ten Minu­ten gewech­selt. Vie­le neue Gesich­ter. Mög­li­cher­wei­se ange­lockt durch den Vogel­ge­sang.
Die Zeit ver­geht. Am zwei­ten Steh­tisch des Magen­dok­tor ste­hen nun drei Gäs­te. Zwei von ihnen lesen. Nachts um zwei. Im Magen­dok­tor. Ich dage­gen über­le­ge mir mei­ne Optio­nen, die ich so habe. Wei­ter­trin­ken. Nach Hau­se lau­fen. Wei­ter Leu­te befra­gen? Ich ent­schei­de mich für Wei­ter­trin­ken und zugleich Leu­te befra­gen. Spä­ter fra­ge ich mich was in den letz­ten 50 Minu­ten alles pas­siert ist, die Zeit ver­geht schein­bar wie im Fluge

Ziel Juke­box – zwei Per­so­nen. „Kennst du die Num­mer für Achim Rei­chel?“ wer­de ich begrüßt. Ich lie­be die Gesprächs­ein­stie­ge hier, schießt es mir in den Kopf. „Lei­der nein“, erwi­de­re ich. Fra­ge aber, wie das so war, als sie gele­sen haben, dass wie­der geöff­net ist. „Wir sind rich­tig aus­ge­ras­tet, als wir das gehört haben, dass wie­der offen is.“ Aber wie­so der Magen­dok­tor, hake ich nach. „Der Magi is der Magi, ich bin rich­tig beein­druckt, dass es neue Türen gibt, aber geputzt wur­de nichts. Aber wo ist nun Achim Rei­chel?“ Es läuft »Für dich wür­de ich ster­ben, Car­men.« Habt ihr schon mal über­legt, dass es gar kein Achim Rei­chel gibt? Fra­ge ich. Egal. „Kennst du die Quel­le?“ (Knei­pe in Moa­bit) „Die hat­ten das, aber die Juke­box is schei­ße. Die is digi­tal. Aber die Quel­le is nich der Magi. Aber wo is Achim Rei­chel?“ Es läuft nun »Ver­dammt, ich lieb dich.« Was habt ihr die letz­ten drei Mona­te denn so gemacht, möch­te ich wis­sen. „Geweint.“ Ich beob­ach­te wei­ter die akri­bi­sche Zusam­men­stel­lung der Play­list von den bei­den und ver­ab­schie­de mich bei beim Lied »Über Sie­ben Brü­cken musst du gehen« an den Nachbartisch.

von B bis Z – aber kein A wie Achim auf CD #84

Neben­an sit­zen zwei Leu­te und spie­len Kar­ten. Letz­tes Jahr sei sie nach Ber­lin gezo­gen erzählt mir eine der Bei­den. Nach Char­lot­ten­burg. „Irgend­wer hat mir dann erzählt, dass es hier die­se uri­ge, dre­ckig abge­fuck­te, aber gei­le Knei­pe gibt und seit­dem bin ich öfter hier.“
Ihr Mit­spie­ler, ihr Bru­der, wohnt in Köln und ist nun das zwei­te Mal im Magen­dok­tor. Wie sehr er sie dafür hasst, dass sie ihn hier her­schleppt fra­ge ich. Er ist Fan. Sie spie­len Dop­pel­kopf, davor Bil­lard. Dass erst jetzt wie­der geöff­net ist, wuss­ten sie gar nicht. Sie sind spon­tan her­ge­kom­men. Glück gehabt. Wir kom­men noch mal auf die Defi­ni­ti­on des Magen­dok­tors zu spre­chen. „Urig ist zu wenig. Eher ein räu­di­ges, aber gutes urig. Sieht ja schon abge­fuckt aus. Aber das ent­spannt irgend­wie.“ „Ja und alle so gut drauf heu­te, ergän­ze ich.“ „Ich habe auch schon Fights gese­hen. Die­se klei­nen Fights machen es irgend­wie sym­pa­thisch. Selbst die Bar­kee­per waren da invol­viert“, erzählt sie.

Der Tisch ruft mich wie­der. Also inner­lich. Die zwei Achim Rei­chel Fans sit­zen eben­falls dort. Ich gebe den Tipp, jetzt so viel Geld wie mög­lich in die Juke­box rein­zu­ste­cken, dass die nächs­ten drei Mona­te nur die eige­ne Musik läuft. Die Lage war noch nie so güns­tig. Alles auf Null.
„Wer hat Geld?“ fragt jemand in der Run­de. Alle suchen nun Geld am Tisch, aber nicht wegen der Juke­box. „Wir brau­chen jetzt Schnaps, ’nen dop­pel­ten.“ Man ist sich einig am Tisch.

Ich wen­de mich einer ande­ren Grup­pe zu. Wie immer mit der bana­len Fra­ge: wie­so hier? „Ich will mei­nen Freun­den das rich­ti­ge Ber­lin zei­gen. Ich woh­ne im Wed­ding und mei­ne Freun­de sind zu Besuch. Also aus Fried­richs­hain.“ „Zuge­zo­ge­nes Pack“, schallt es hin­ein. „Die haben abso­lut kei­ne Ahnung, was Ber­lin ist und ich mein­te, lass nach Wed­ding gehen.“

„Ich bin aus Bie­le­feld, aber is geil hier, nur mitt­ler­wei­le ist der Magen­dok­tor das gar nicht mehr.“ Ich unter­bre­che kurz, „ja, die aggres­si­ve Grund­stim­mung fehlt.“ „Nee, wür­de ich nicht sagen, aber guck dich doch mal um. Das Kli­en­tel, wür­dest du das im Magen­dok­tor erwar­ten? Seit fünf Jah­ren komm ich hier her, da war’s authen­ti­scher. Trotz­dem kom­me ich ger­ne hier­her, man lernt neue net­te Leu­te ken­nen. Ich sag mal so. Ich bin auch eines der Pro­ble­me. Ich bin jung, komm hier hin, weil es Kult ist, aber eigent­lich ist das ’ne Alko­ho­li­ker­bar, wenn wir mal ehr­lich sind, da direkt an der S‑Bahn gele­gen. […] gleich­zei­tig ist es auch ’ne Stu­den­ten­bar. Dann kom­men so Stutt­gar­ter, fei­ern das ab und das ist scha­de. Die­ses abfei­ern, die­ses abkul­ten.“ Wie echt ist es denn noch? Und ist das trau­rig oder nor­mal? Möch­te ich wis­sen. „Trau­rig! Aber viel­leicht auch nor­mal. Die Leu­te, die immer hier waren, wer­den irgend­wie ver­trie­ben. Es zieht halt nur noch jun­ge an, aber das ist okay. Jede Bar muss um ihre Gäs­te kämp­fen. Wir waren ein­mal kurz drau­ßen auf der Suche nach ’ner ande­ren Bar, aber kamen wie­der zurück, weil der Rest schei­ße ist.“

Sie hat natür­lich Recht. Jeder ist hier Teil eines Pro­blems. Selbst Frit­ze­lein wird irgend­wann mal zu den jun­gen „Neu­en“ gehört haben. Aber ich bin an die­sem Abend nicht zum Nach­den­ken da, zum Den­ken schon und gehe raus an die Luft. Da mache ich wei­ter. Fra­ge und los.

Etwas Luft tut jedem Gast gut.

„Wenn man sich hart besau­fen möch­te, kommt man ein­fach her. Ges­tern gab es Schnaps & Bier für drei Euro. Seit Jah­ren bin ich Wed­din­ger, davor Char­lot­ten­bur­ger. Ich wur­de damals aus der Woh­nung raus­ge­schmis­sen und dann ging es in den Wed­ding. Zwei Woh­nun­gen gab’s im Haus, drei Inter­es­sen­ten. Heu­te zahl­s­t’e das Drei­fa­che. Aber seit acht Jah­ren nie Stress gehabt mit den Nach­barn.“ Das Gespräch geht wei­ter über Ruhe und Lärm und auch über den einen Nach­barn, der dann doch Stress macht, wegen angeb­li­cher Ruhe­stö­run­gen und „lie­ber die Poli­zei ruft, statt ein­fach mal zu klin­geln.”
Er erwähnt noch neben­bei, dass er eini­ge Zeit im Knast war. „Du musst doch was Grö­ße­res als Ruhe­stö­rung ange­stellt haben, wenn du geses­sen hast”, sage ich zwei Mal zu ihm. Irgend­wann rückt er raus mit der Spra­che. Jemand hat­te sei­ne Freun­din beläs­tigt, nach der zwei­ten „War­nung“ wur­de er dann etwas „deut­li­cher.“ „Man gibt kom­plett sei­ne Wür­de, sei­ne Per­sön­lich­keit, sei­ne Gewohn­hei­ten an der Gefäng­nis­pfor­te ab. Du hast nur dei­nen See­sack und bist eine Num­mer.“ Wir unter­hal­ten uns über den Knastall­tag, das Sys­tems des Frei­kau­fens aus der Haft­zeit und die Arbeits­mo­ral im Knast. Zurück will er nie wie­der, sagt er.

Ich wechs­le nach drin­nen und gehe an den Bücher­tisch. Das Lite­ra­ri­sche Trio fas­zi­niert mich. Nicht, dass es unge­wöhn­lich wäre, ein Buch in einer Bar zu lesen, alles schon gese­hen und auch nor­mal mitt­ler­wei­le. Nur im Magen­dok­tor hät­te ich das als letz­tes erwar­tet. Ande­rer­seits, wenn ich nun noch­mal nach­den­ke, so Tage spä­ter, wo denn sonst? „Es ist wie die Hei­mat­knei­pe aufm Weg nach Hau­se”, sagt einer der Drei. „Aber du bist doch nicht nicht zufäl­lig hier, du hast hier ein Buch am Start”, sage ich. „Ja, nie­mand ist so cool und liest ein Buch im Magen­dok­tor.“ Auf Twit­ter hät­ten sie erfah­ren, dass wie­der geöff­net sei „und alles ste­hen und lie­gen gelas­sen.“ Die ande­ren bei­den unter­hal­ten sich unter­des­sen über die Schreib­wei­se, die nie­der­ge­schrie­be­nen Dia­lek­te und die Epo­che, aus der das Buch stammt. 

368 Jahre Knast

Es wird Zeit wie­der raus­zu­ge­hen, der ers­te Gast wird des Magen­dok­tors ver­wie­sen. Raus­schmiss. Zack. Fer­tig. Tschau.

Ich pla­nen mei­nen Abgang, möch­te aber noch einen der heu­ti­gen Gäs­te befra­gen. Der Mann, des­sen Namen ich ver­ges­sen habe, war das ers­te Mal mit 14 im Magen­dok­tor. In der Pankstra­ße gewohnt, im Virchow Kli­ni­kum gebo­ren. Die Mut­ter hat­te damals fünf Knei­pen. Wed­ding, Moa­bit, Tier­gar­ten. In einer hät­ten sie sogar gewohnt. „Ich fand’s geil, dass der Bil­lard­tisch mein Bett war.“
“War’s ein Schock, als zu war?” Mei­ne zwei­te Stan­dard­fra­ge des heu­ti­gen Abends. „Nee, ich komm von der Bun­des­wehr, da weiß ich, was so eine Pan­de­mie bedeu­tet. Aber die­ses gan­ze Sau­fen ist nicht mehr so, ich trink hier mein Bier­chen und genie­ße die Stim­mung. Mal geht’s bes­ser, mal geht’s schlech­ter. Dass nun vie­le Stu­den­ten her­kom­men, ist cool. Frü­her kam man hier an und wuss­te genau, nun triffst du erst­mal 368 Jah­re Knast. Dem­entspre­chend has­te dei­ne Fres­se gehal­ten oder irgend­wann ordent­lich getrun­ken. Heu­te komms­te rein und du kannst dei­ne Par­ty machen.“

Und so ver­las­se ich den Zum Magen­dok­tor nach 11 Stun­den wieder. 

Wie genau aus den letz­ten paar Stünd­chen am Ende elf wur­den, fra­ge ich mich durch­aus. Und ich fra­ge mich eben­falls, ob die Theo­rie der Schnee­ku­gel nicht erwei­tert wer­den müss­te. Mög­li­cher­wei­se ist es auch eher ein Fern­rohr mit Schnee­ku­gel. Man kann in ver­gan­ge­ne Zei­ten schau­en, die Har­ten, die Trin­ker, die Urge­stei­ne – auch wenn die­se weni­ger wer­den. Gleich­zei­tig ist es aber auch Mög­lich die Zukunft zu erah­nen. Die Jun­gen, das rei­ne Par­ty­volk, die Seriö­sen. Sie alle sind hier, gleich­zei­tig. Das Gute und das Böse in Men­schen­ge­stalt. Manch­mal ver­sam­melt sich hier alles gleich­zei­tig. Die Unan­ge­neh­men, die Lus­ti­gen, die Ver­ges­se­nen.
Und wer weiß, mög­li­cher­wei­se wird in 114 Jah­ren wie­der jemand vor sei­nem oder ihrem Lap­top sit­zen und genau das glei­che schrei­ben, weil sich hier in Wirk­lich­keit gar nichts ändert. Außer die Per­spek­ti­ve des Beobachtenden.

Nach eini­gen Stun­den Schlaf ist mei­ne Per­spek­ti­ve erst ein­mal Rich­tung Eimer. 8 Stun­den Mas­tul, 10 Stun­den “Bei Ernst” am Tre­sen – nichts for­der­te Kör­per und Magen mehr als die ver­gan­ge­nen elf Stun­den – Will­kom­men und Tschau im Magendoktor. 

*die wah­ren Namen der Befrag­ten sind bekannt

Andaras Hahn

Andaras Hahn ist seit 2010 Weddinger. Er kommt eigentlich aus Mecklenburg-Vorpommern. Schreibt assoziativ, weiß aber nicht, was das heißt und ob das gut ist. Macht manchmal Fotos: @siehs_mal

2 Comments

  1. Hal­lo,
    den Teil mit dem Koks wür­de ich an dei­ner Stel­le löschen. Wirft weder ein gutes Licht auf den Magen­dok­tor, der dir ja anschei­nend doch irgend­wie am Her­zen liegt, noch ist es dort übli­ches oder gar tole­rier­tes Ver­hal­ten. Wer dabei erwischt wird fliegt übri­gens raus und braucht auch nicht wiederkommen.
    Dis­kre­ti­on in sol­chen Fra­gen ist im Jour­na­lis­mus üblich und för­dert die Bereit­schaft der Betrof­fe­nen, auch in Zukunft mit euch oder ande­ren Jour­na­lis­ten zu spre­chen. Wäre inter­es­sant zu wis­sen, ob du dich eigent­lich ent­spre­chend zu erken­nen gege­ben hast weil die Beschrei­bun­gen ja durch­aus Rück­schlüs­se auf die dar­ge­stell­ten Per­so­nen zulas­sen, auch wenn die Namen ver­fälscht sind.
    Trotz­dem vie­le Grüße
    K.

    • bei jedem mal Fra­gen stel­len habe ich vor­her erwähnt, dass das für den Wed­ding­wei­ser sein wird.
      Die Frau, um die es hier geht, sprach mich zuerst an und frag­te was ich da schrei­be, bzw. Auf­neh­me (mit dem Dik­tier­ge­rät – da ging es nicht um sie) und kann­te den Wed­ding­wei­ser und dann auch mein Vorhaben.

      Zwei mal wur­de ich an dem Abend gebe­ten Din­ge nicht aufzuschreiben/aufzunehmen – hab ich getan.
      Der Magen­dok­tor wuss­te, dass ich kom­me und hat die­sen Arti­kel spä­ter geteilt.

      An dem Abend wur­den sie halt auf dem Klo erwischt – ob da nun in die­ser Sekun­de “mehr” zuse­hen war, was ein neu­es Haus­ver­bot gerecht­fer­tigt hät­te, kann ich nicht sagen. Das es aber ange­wandt wird, steht ja da.

      Den­ke somit soll­te alles io sein

      mfg
      Andaras

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