Magendoktor

Meine 11 Stunden im Magendoktor

Der Magendoktor am Nettelbeckplatz ist so etwas wie die Schneekugel unserer Gesellschaft. Es wirkt, als hätte man sich wahllos Menschen aus allen Bereichen des Lebens geschnappt, dort hin platziert und geschüttelt. Am Ende, wenn sich die Nacht in den Morgen verabschiedet und alle Bewegungen langsamer werden, löst sich dieser Querschnitt der Gesellschaft langsam, aber nie vollständig, in alle Himmelsrichtungen wieder auf.
Jeden Tag – 24 Stunden nonstop.

Gegen 19:30 Uhr laufe ich über den Nettelbeckplatz, ziehe die Maske über Mund und Nase, betrete den Magendoktor, setze mich an den Tresen und bestelle ein Bier. „Ein Schultheiss bitte“, sage ich. „Das macht glückliche Einsfuffzich.“ „Bitte.“ „Danke.“ „Prost.“

Es ist Tag 2 nach der Wiedereröffnung eines Ladens, der nie zumacht, niemals schließt. Egal, welche Umstände draußen in der Welt wüten. 24 Stunden ist der Doktor ansprechbar. 24 Stunden zwischen offen und Hoffen der Seelen, die hier versacken, bereit für einen zeitlichen Ausritt ohne Begrenzung von der Welt da draußen. Zumindest dachte man das. Dann kam der März 2020.

114 Jahre »Zum Magendoktor«

Das Bier perlt. Die Flasche beschlägt. An diesem bisher heißesten Tag des Jahres leert sich alles Flüssige schneller. Zwangsläufig ordere ich ein weiteres Bier und nutze die Gelegenheit, ein paar Fragen zu stellen.
Gabi*, die Tresenkraft der heutigen Spätschicht – Schichtzeit 14 – 22 Uhr – ist richtig gut drauf. Sie strahlt und das ist, trotz Maske, gut zu erkennen. „Das war schon eine Überraschung, als die Schließung kam. 114 Jahre gibt es nun den Magendoktor, aber sowas, das gab’s noch nie. Die erste Zeit sind alle in ein großes Loch gefallen, fast depressiv geworden.“ Sie, das sind die fünf Angestellten, die diesen Laden hier 24 Stunden am Laufen halten, 7 Tage die Woche.
„Aber was soll man machen“, sagt Gabi, „mit so einem Virus kann man ja nicht rechnen.“ Sie erzählt von der Vorfreude auf den gestrigen Tag, nimmt dabei die Bestellungen der anderen Gäste gut gelaunt entgegen und wuselt vor der typischen Magendoktor-Tresen-Kulisse umher. „Verändert hat sich auch ein bisschen was, die Böden wurden neu gemacht, Stolperfallen beseitigt und die Türen erneuert. Ach, und die Klofliesen gestrichen.“ Und ja, das kann ich zu diesem Zeitpunkt bestätigen, das Klo, dessen Existenz von 114 Jahren immer gut riechbar war, riecht heute fast wie neu geboren, oder eben zwei Tage alt.

Sie kommen

Es ist 20:30 Uhr und weitere Gäste lassen sich im Magendoktor nieder. Am Tresen sitzen darf momentan nur wer einen Stuhl ergattert. Jünger sind die Gäste geworden, zumindest im Durchschnitt, sagt Gabi. Und auch mir fällt – allerdings erst im Laufe des Abends – auf, dass der typische Urberliner Kneipenbesucher kaum bis gar nicht anzutreffen ist. Möglicherweise muss sich auch in der analogen Welt erst herumsprechen, dass der Magendoktor wieder geöffnet hat. Es sind mindestens weitere 114 Jahre Zeit, zumindest hofft man das. Über die Musikboxen schallt es »Hello Again.«

„Fritzelein!“ ruft es aus Gabi heraus. „Seit wann is’n hier wieder uff“ […] tönt es hinter mir, „ich dachte der Magendoktor existiert nicht mehr.“ „Uns gibt es auch noch nach’m Atomkrieg, das verspreche ich dir“, ruft Gabi zurück. Fritzelein. Um die 60. Graues Haar. Grünes Polohemd. Einer der Stammgäste, wie Gabi bemerkt. Er setzt sich, bestellt eine Flasche Kindl für 2.20€ und zündet sich eine Zigarette an.
Sie erzählt weiter: „Die Eröffnung gestern war richtig schön […], wir waren so glücklich, wieder aufzumachen.“ 14 Uhr wurden die Rollläden hochgelassen, aber bereits gegen halb eins wollten die Ersten durch die offen stehende Tür hinein. Aber nix da, „die musste ich wieder rausschicken“, sagt sie.
„Andere haben Fotos gemacht, die konnten es gar nicht glauben, dass wieder geöffnet ist.“ Und auch als ich zuvor Richtung Magendoktor steuerte, sah ich, wie zwei Fahrradfahrer anhielten und die nun weit offen stehende Tür fotografierten. Der Doktor wurde wirklich vermisst. Sie ergänzt: „Es ist ja nicht nur ’ne Kneipe, auch ’ne emotionale Sache. Und ich denke schon, dass es für die Leute schwierig war. Einige meinten, es war gut für den Körper und das Portemonnaie, sind aber froh, dass wir wieder auf haben. Lieber Geld verbraten und den Körper stressen, als allein zu sein.“

Früher, so erzählt man sich, lag der Baseballschläger hinterm Tresen stets bereit, falls es Stress gibt, aber stimmt das und wie ist es heute so? „Ach nein, es ist schon ruhiger, und die Jüngeren klären ihren Streit anders als die Älteren.“ „Letztens“, sagt Gabi – um dann los zu lachen, als sie bemerkt, dass dieses „letztens“ mindestens drei Monate her sein muss – „da hatten zwei Jüngere Streit. Die haben sich dann gegenübergestellt und ein Rapbattle veranstaltet. Aus dem Nichts. Aber wir haben sowieso die geilsten Gäste“, wirft sie wiederholt hinterher.

Auch der Doktor hat seine Probleme

Dann, das Bier verdunstet und muss schnell getrunken werden, steht ein Gast neben mir am Tresen. Er möchte an den Spielautomaten und sein Handy als Pfand für die Freischaltkarte des Automaten hinterlegen. „Nix da”, sagt Gabi, „20€ müssen es sein, sonst wird das nix.” Er holt einen 20€- Schein heraus, guckt mich an und sagt: „Hallo, ich bin Kasimir*.“ Ich grüße zurück, wünsche viel Erfolg und seine Suche nach dem Glück beginnt. Ob er am Ende des Abends mehr im Portemonnaie haben wird, weiß ich nicht. Ich sitze einfach weiter am Tresen in Reihe eins und gucke umher. Ein Rosenverkäufer kommt hinein, er scheitert. Ob es am Publikum oder der Uhrzeit liegt, kann ich nicht beurteilen.

Ab 22 Uhr müssen die Gäste mittlerweile rein, oder sich ein paar Meter weiter weg vom Magendoktor stellen. „Die Nachbarn machen Stress“, so erfahre ich. „Ziehen über eine Kneipe […]“, – wohlgemerkt 114 Jahre Magendoktor – „und beschweren sich dann“, fügt Gabi hinzu. „Nebenan die Bar, da dürfe man bis nach 22 Uhr draußen sitzen, da kommt die Polizei nur bei `ner Messerstecherei oder `ner Leiche, aber hier?” Da hat Gabi recht, die einzigen Leichen des Magendoktor sind nach viel Wasser und Schlaf zumeist wieder geheilt. Normalerweise. Nebenan dagegen sind sie Tote im Endstadium. Alles schon da gewesen. Auch Menschen, die in Not sind, dürfen hier, zumindest war das früher gang und gäbe, ihr Lager samt Schlafsack im Magendoktor aufschlagen. Man hilft nun mal. Ob das heute immer noch so ist, vergesse ich in diesem Moment allerdings zu fragen.

Im Blickwinkel, vom Tresen aus, bemerke ich eine Gruppe Hertha-Fans, die es sich hinten in der Ecke neben dem Billardtisch gemütlich gemacht hat und immer wieder Hertha-Lieder anstimmen möchte. Aber so wirklich singen ist ja nicht erlaubt. Einer der Typen hat auf seinem T-Shirt stehen: »Soziale Kontakte meiden I A-Soziale Pflegen.« Es läuft Marianne Rosenberg – »Er gehört zu mir.«

Fritzelein

Es ist nun 20:51 Uhr. „Ein Schultheiß bitte.“ Der Zähler für den Abend und die Nacht muss unbedingt langsamer laufen. Fritzelein, der Mann mit dem weißen Haar und dem grünen Polohemd könnte mir ein paar Fragen beantworten, sagt Gabi zu mir. Auf mich wirkt er zwar, als hätte er nicht wirklich Lust, aber Gabi regelt das.

Ab und zu kommt er hier her, also “4 bis 5 Mal die Woche”, mehr aber nicht. Nach der Nachtschicht nochmal ein Bier und dann ab nach Haus. Je nachdem.
Wie es so war, als plötzlich Pause war, frage ich ihn. „Naja, da kann man ja auch nix machen, ich habe meine Arbeit gemacht und jut is. Ein Schock war es nicht, das ist ganz normal bei so einer Pandemie, die nun war. Da können wir nix ändern, sie auch nich, müssen wir mit leben.“

Heute sitzt Fritzelein allerdings zufällig am Tresen. Er ist mit dem Bus vorbeigefahren und hat gesehen, dass wieder geöffnet ist und ist sofort an der Haltestelle raus.
Vor ungefähr 20 Jahren, also mindestens, da war er das erste Mal hier im Magendoktor. Hat sich denn viel geändert, frage ich, „nee, eigentlich nich, nee“, bemerkt er. „Wobei, dass muss man sagen, früher war es ruhiger.“ „Aber mittlerweile […]“, und wir reden von vor-März, „kommste hier freitags rein und es ist knackend voll, aber mit Studenten – aber das ist ja ne gute Sache.“
 
So wirklich kennen tut er allerdings auch keinen anderen Stammkunden, erwähnt er noch. Ich frage mich kurz warum, aber denke mir dann, wie auch? 24 Stunden offen. So viele Zeitfenster. Parallelwelten im Magendoktor. Einige kennt er aber doch, ergänzt er dann noch. „Selbstverständlich – man hat halt so sein Spektrum (an Leuten) nach der Nachtschicht.“ Eine Schlägerei habe er allerdings noch nie mitbekommen, aber schon einige BarkeeperInnen kommen und gehen gesehen und lacht dabei. „So Gabi, gib mir bitte noch ein Kleenes.“ Das war ein Hinweis. Ich habe verstanden und ziehe mich zurück. Nach dem drittem Bier verabschiedet er sich in den Abend, der nun langsam dunkel wird.

Man sagt Hallo

So sitze ich weiter und mache das, was ich gerne mache. Gucken.
Eine Frau kommt an den Tresen. Stellt sich neben mich, guckt zu mir und sagt „Hallo, ich bin Nadja*.“
Stark, denke ich mir, danke für diesen Einstieg und frage gleich mal wieso sie hier ist und ob sie das überhaupt erzählen möchte. Sie will.
Hausverbot hatte sie hier schon, das ist doch bestimmt interessant, bemerkt sie. Und was soll ich sagen, Hausverbot im Magendoktor, das ist nun wirklich interessant, nur wie schafft man das? Was muss man dafür machen? Zweimal wurde sie auf dem Männerklo erwischt, „also jeweils mit ‘nem Typen und dann rausgeschmissen. Nach dem zweiten Mal gab es dann Hausverbot.“ Ich denke an das Klo vor dem Lockdown, aber nun gut – ob der Mann auch Hausverbot erhielt, weiß ich nicht.
Sie greift zum Handy, welches in dem Moment zu leuchten beginnt, anscheinend hat sie eine Nachricht erhalten, sie schaut kurz rauf und sagt sie müsse kurz raus.
Ich füge scherzhaft hinzu „Kommt dein Taxi?“ sie bejaht. Der Mann mit dem Koks ist da. In der Jukebox läuft währenddessen »Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein.« Sie verschwindet hinaus, lustigerweise mit dem Glücksritter Kasimir, dem Spieler aus der ersten Stunde. Ich dagegen sitze weiter am Tresen und gucke in die Gegend.

Als sie wieder neben mir steht, bittet sie mich, sofern sie in fünf Minuten nicht zurück ist, nachzuschauen, ob alles ok sei. Sie müsse mal kurz mit dem Kasimir aufs Klo. Zu vertrauen scheint sie ihm nicht. Die Zeit vergeht. Fünf Minuten, dann sieben. Es wird Zeit zu gucken. Ich stehe auf, da rennt ihr Freund schon aufgeschreckt aus der anderen Ecke des Ladens los. Keine drei Sekunden vergehen, da steht sie wieder neben mir. Wieso ich denn nicht früher kam. Ihr Freund “verbraucht” nun alles, was das Taxi lieferte. Ich denke mir, Zeit ist relativ, trinke einen Schluck und gucke weiter in die Gegend. Kasimir kommt nun zu mir, erzählt mir, wie schlimm er sie findet, packt noch ein Haufen sexistische Sprüche hinterher und erzählt mir von seiner Familie und seinen letzten 21 Jahren. Alles verwirrend, ja. Auch wenn man’s aufschreibt. Auch im Nachhinein. Wie die beiden sich gefunden haben, verstehe ich nicht ganz. Ich kann nicht ganz folgen und steige aus dem Gespräch aus, indem ich mal kurz telefonieren „muss“ und Luft schnappen möchte. Zwei Atemzüge später bin ich zurück am Tresen. „Mein“ Stuhl ist noch frei.

Links neben mir sitzt eine Gruppe am Tresen. Eine Frau, die zur Runde dazustoßen möchte, fragt mich, ob sie meinen Stuhl haben kann. Ich frage, worauf ich dann sitzen soll, sie erwidert „keine Ahnung.“

Nadja steht nun wieder neben mir. Beauftragt mich wieder, ich solle doch in fünf Minuten schauen, ob alles ok ist und verschwindet wieder mit Glücksritter Kasimir auf dem Klo.
Dieses Mal stehe ich exakt nach fünf Minuten auf, betrete den Flur zum Klo, da erscheint hinter mir auch schon die Barkeeperin der aktuellen Schicht und schmeißt sie raus. Nein. Nicht aus der Kneipe, kein neues Hausverbot – aber vom Klo. Einmal wird sich dieses Spielchen noch wiederholen. Nach dem Rechten gucken soll ich allerdings nicht mehr. Ich bringe kein Glück.

Der Tresen ist schön, aber Abwechslung muss sein. Ich setze mich in die Nähe eines Tisches und, wie es sich in Kneipen wie diesen gehört, prostet man sich zu und ist im Gespräch.
Malte*, einer der Gruppe, ist 700 km von Kiel nach Ulm gelaufen und nun im Magendoktor. Also gelaufen ist er bereits im Mai, aber alles wegen Corona. Als seine Freunde meinten, dass man nirgendwo hinfahren kann und mit der Bahn das sowieso schwer ist, da lief er los. Als Beweis zeigt er mir seinen Instagram-Kanal. Es stimmt. Er, ein Hund und ein Handwagen. Respekt.
Eigentlich wollte er am Wochenende in Frankfurt am Main sein, aber für den Magendoktor ging es heute erst mal nach Berlin. Natürlich nicht zu Fuß, das schafft auch er nicht, aber extra wegen dem Magendoktor in die Bahn steigen auf jeden Fall.

Die Nacht beginnt

Es ist jetzt kurz vor eins. Der Magendoktor hinterlässt bereits seine Spuren. Ich begebe mich wieder an die frische Luft und sehe Malte und seine Begleitung nach einiger Zeit mit Biergläsern aus dem Magendoktor verschwinden. Kurz dahinter trabt die Tresenkraft auf der Jagd nach dem Glas. Sie wollten nur schnell Geld abholen, dabei das frisch Gezapfte nicht aus den Augen lassen, argumentieren sie. Egal. Sich mit Gläsern entfernen ist nicht.

Die Nacht ist warm und ein nicht kleiner Teil der Gäste hält sich noch draußen auf. Glücksritter Kasimir lehnt außen am Fenster und imitiert Vogelgeräusche mit Hilfe eines Fetzen Plastik. Und das, ja das muss man anerkennen, erschreckend realistisch. Möglicherweise rufen die Nachbarn deshalb nicht die Polizei, da sie denken, die Vögel sind heute die Lauten. Ich gehe hinein. Es ist 01:01 und der erste Gast lehnt bereits mit dem Kopf auf dem Stehtisch in der Mitte. Der Doktor fordert sein erstes sichtbares Opfer. Ich fühle mit ihm.
Interessanterweise, und das fällt mir erst auf, als ich wieder drinnen bin, hat ein Großteil des Publikums in den letzten Minuten gewechselt. Viele neue Gesichter. Möglicherweise angelockt durch den Vogelgesang.
Die Zeit vergeht. Am zweiten Stehtisch des Magendoktor stehen nun drei Gäste. Zwei von ihnen lesen. Nachts um zwei. Im Magendoktor. Ich dagegen überlege mir meine Optionen, die ich so habe. Weitertrinken. Nach Hause laufen. Weiter Leute befragen? Ich entscheide mich für Weitertrinken und zugleich Leute befragen. Später frage ich mich was in den letzten 50 Minuten alles passiert ist, die Zeit vergeht scheinbar wie im Fluge

Ziel Jukebox – zwei Personen. „Kennst du die Nummer für Achim Reichel?“ werde ich begrüßt. Ich liebe die Gesprächseinstiege hier, schießt es mir in den Kopf. „Leider nein“, erwidere ich. Frage aber, wie das so war, als sie gelesen haben, dass wieder geöffnet ist. „Wir sind richtig ausgerastet, als wir das gehört haben, dass wieder offen is.“ Aber wieso der Magendoktor, hake ich nach. „Der Magi is der Magi, ich bin richtig beeindruckt, dass es neue Türen gibt, aber geputzt wurde nichts. Aber wo ist nun Achim Reichel?“ Es läuft »Für dich würde ich sterben, Carmen.« Habt ihr schon mal überlegt, dass es gar kein Achim Reichel gibt? Frage ich. Egal. „Kennst du die Quelle?“ (Kneipe in Moabit) „Die hatten das, aber die Jukebox is scheiße. Die is digital. Aber die Quelle is nich der Magi. Aber wo is Achim Reichel?“ Es läuft nun »Verdammt, ich lieb dich.« Was habt ihr die letzten drei Monate denn so gemacht, möchte ich wissen. „Geweint.“ Ich beobachte weiter die akribische Zusammenstellung der Playlist von den beiden und verabschiede mich bei beim Lied »Über Sieben Brücken musst du gehen« an den Nachbartisch.

von B bis Z – aber kein A wie Achim auf CD #84

Nebenan sitzen zwei Leute und spielen Karten. Letztes Jahr sei sie nach Berlin gezogen erzählt mir eine der Beiden. Nach Charlottenburg. „Irgendwer hat mir dann erzählt, dass es hier diese urige, dreckig abgefuckte, aber geile Kneipe gibt und seitdem bin ich öfter hier.“
Ihr Mitspieler, ihr Bruder, wohnt in Köln und ist nun das zweite Mal im Magendoktor. Wie sehr er sie dafür hasst, dass sie ihn hier herschleppt frage ich. Er ist Fan. Sie spielen Doppelkopf, davor Billard. Dass erst jetzt wieder geöffnet ist, wussten sie gar nicht. Sie sind spontan hergekommen. Glück gehabt. Wir kommen noch mal auf die Definition des Magendoktors zu sprechen. „Urig ist zu wenig. Eher ein räudiges, aber gutes urig. Sieht ja schon abgefuckt aus. Aber das entspannt irgendwie.“ „Ja und alle so gut drauf heute, ergänze ich.“ „Ich habe auch schon Fights gesehen. Diese kleinen Fights machen es irgendwie sympathisch. Selbst die Barkeeper waren da involviert“, erzählt sie.

Der Tisch ruft mich wieder. Also innerlich. Die zwei Achim Reichel Fans sitzen ebenfalls dort. Ich gebe den Tipp, jetzt so viel Geld wie möglich in die Jukebox reinzustecken, dass die nächsten drei Monate nur die eigene Musik läuft. Die Lage war noch nie so günstig. Alles auf Null.
„Wer hat Geld?“ fragt jemand in der Runde. Alle suchen nun Geld am Tisch, aber nicht wegen der Jukebox. „Wir brauchen jetzt Schnaps, ’nen doppelten.“ Man ist sich einig am Tisch.

Ich wende mich einer anderen Gruppe zu. Wie immer mit der banalen Frage: wieso hier? „Ich will meinen Freunden das richtige Berlin zeigen. Ich wohne im Wedding und meine Freunde sind zu Besuch. Also aus Friedrichshain.“ „Zugezogenes Pack“, schallt es hinein. „Die haben absolut keine Ahnung, was Berlin ist und ich meinte, lass nach Wedding gehen.“

„Ich bin aus Bielefeld, aber is geil hier, nur mittlerweile ist der Magendoktor das gar nicht mehr.“ Ich unterbreche kurz, „ja, die aggressive Grundstimmung fehlt.“ „Nee, würde ich nicht sagen, aber guck dich doch mal um. Das Klientel, würdest du das im Magendoktor erwarten? Seit fünf Jahren komm ich hier her, da war’s authentischer. Trotzdem komme ich gerne hierher, man lernt neue nette Leute kennen. Ich sag mal so. Ich bin auch eines der Probleme. Ich bin jung, komm hier hin, weil es Kult ist, aber eigentlich ist das ’ne Alkoholikerbar, wenn wir mal ehrlich sind, da direkt an der S-Bahn gelegen. […] gleichzeitig ist es auch ’ne Studentenbar. Dann kommen so Stuttgarter, feiern das ab und das ist schade. Dieses abfeiern, dieses abkulten.“ Wie echt ist es denn noch? Und ist das traurig oder normal? Möchte ich wissen. „Traurig! Aber vielleicht auch normal. Die Leute, die immer hier waren, werden irgendwie vertrieben. Es zieht halt nur noch junge an, aber das ist okay. Jede Bar muss um ihre Gäste kämpfen. Wir waren einmal kurz draußen auf der Suche nach ’ner anderen Bar, aber kamen wieder zurück, weil der Rest scheiße ist.“

Sie hat natürlich Recht. Jeder ist hier Teil eines Problems. Selbst Fritzelein wird irgendwann mal zu den jungen „Neuen“ gehört haben. Aber ich bin an diesem Abend nicht zum Nachdenken da, zum Denken schon und gehe raus an die Luft. Da mache ich weiter. Frage und los.

Etwas Luft tut jedem Gast gut.

„Wenn man sich hart besaufen möchte, kommt man einfach her. Gestern gab es Schnaps & Bier für drei Euro. Seit Jahren bin ich Weddinger, davor Charlottenburger. Ich wurde damals aus der Wohnung rausgeschmissen und dann ging es in den Wedding. Zwei Wohnungen gab’s im Haus, drei Interessenten. Heute zahlst’e das Dreifache. Aber seit acht Jahren nie Stress gehabt mit den Nachbarn.“ Das Gespräch geht weiter über Ruhe und Lärm und auch über den einen Nachbarn, der dann doch Stress macht, wegen angeblicher Ruhestörungen und „lieber die Polizei ruft, statt einfach mal zu klingeln.”
Er erwähnt noch nebenbei, dass er einige Zeit im Knast war. „Du musst doch was Größeres als Ruhestörung angestellt haben, wenn du gesessen hast”, sage ich zwei Mal zu ihm. Irgendwann rückt er raus mit der Sprache. Jemand hatte seine Freundin belästigt, nach der zweiten „Warnung“ wurde er dann etwas „deutlicher.“ „Man gibt komplett seine Würde, seine Persönlichkeit, seine Gewohnheiten an der Gefängnispforte ab. Du hast nur deinen Seesack und bist eine Nummer.“ Wir unterhalten uns über den Knastalltag, das Systems des Freikaufens aus der Haftzeit und die Arbeitsmoral im Knast. Zurück will er nie wieder, sagt er.

Ich wechsle nach drinnen und gehe an den Büchertisch. Das Literarische Trio fasziniert mich. Nicht, dass es ungewöhnlich wäre, ein Buch in einer Bar zu lesen, alles schon gesehen und auch normal mittlerweile. Nur im Magendoktor hätte ich das als letztes erwartet. Andererseits, wenn ich nun nochmal nachdenke, so Tage später, wo denn sonst? „Es ist wie die Heimatkneipe aufm Weg nach Hause”, sagt einer der Drei. „Aber du bist doch nicht nicht zufällig hier, du hast hier ein Buch am Start”, sage ich. „Ja, niemand ist so cool und liest ein Buch im Magendoktor.“ Auf Twitter hätten sie erfahren, dass wieder geöffnet sei „und alles stehen und liegen gelassen.“ Die anderen beiden unterhalten sich unterdessen über die Schreibweise, die niedergeschriebenen Dialekte und die Epoche, aus der das Buch stammt.

368 Jahre Knast

Es wird Zeit wieder rauszugehen, der erste Gast wird des Magendoktors verwiesen. Rausschmiss. Zack. Fertig. Tschau.

Ich planen meinen Abgang, möchte aber noch einen der heutigen Gäste befragen. Der Mann, dessen Namen ich vergessen habe, war das erste Mal mit 14 im Magendoktor. In der Pankstraße gewohnt, im Virchow Klinikum geboren. Die Mutter hatte damals fünf Kneipen. Wedding, Moabit, Tiergarten. In einer hätten sie sogar gewohnt. „Ich fand’s geil, dass der Billardtisch mein Bett war.“
„War’s ein Schock, als zu war?“ Meine zweite Standardfrage des heutigen Abends. „Nee, ich komm von der Bundeswehr, da weiß ich, was so eine Pandemie bedeutet. Aber dieses ganze Saufen ist nicht mehr so, ich trink hier mein Bierchen und genieße die Stimmung. Mal geht’s besser, mal geht’s schlechter. Dass nun viele Studenten herkommen, ist cool. Früher kam man hier an und wusste genau, nun triffst du erstmal 368 Jahre Knast. Dementsprechend haste deine Fresse gehalten oder irgendwann ordentlich getrunken. Heute kommste rein und du kannst deine Party machen.“

Und so verlasse ich den Zum Magendoktor nach 11 Stunden wieder.

Wie genau aus den letzten paar Stündchen am Ende elf wurden, frage ich mich durchaus. Und ich frage mich ebenfalls, ob die Theorie der Schneekugel nicht erweitert werden müsste. Möglicherweise ist es auch eher ein Fernrohr mit Schneekugel. Man kann in vergangene Zeiten schauen, die Harten, die Trinker, die Urgesteine – auch wenn diese weniger werden. Gleichzeitig ist es aber auch Möglich die Zukunft zu erahnen. Die Jungen, das reine Partyvolk, die Seriösen. Sie alle sind hier, gleichzeitig. Das Gute und das Böse in Menschengestalt. Manchmal versammelt sich hier alles gleichzeitig. Die Unangenehmen, die Lustigen, die Vergessenen.
Und wer weiß, möglicherweise wird in 114 Jahren wieder jemand vor seinem oder ihrem Laptop sitzen und genau das gleiche schreiben, weil sich hier in Wirklichkeit gar nichts ändert. Außer die Perspektive des Beobachtenden.

Nach einigen Stunden Schlaf ist meine Perspektive erst einmal Richtung Eimer. 8 Stunden Mastul, 10 Stunden „Bei Ernst“ am Tresen – nichts forderte Körper und Magen mehr als die vergangenen elf Stunden – Willkommen und Tschau im Magendoktor.

*die wahren Namen der Befragten sind bekannt

Andaras Hahn ist seit 2010 Weddinger. Er kommt eigentlich aus Mecklenburg-Vorpommern. Schreibt assoziativ, weiß aber nicht, was das heißt und ob das gut ist. Macht manchmal Fotos: @siehs_mal


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