Arbeitstag von Kita-Erziehern: „Wertvoll für uns alle“

Bunt bemalter Tisch von obenWir geben unsere Kinder in ihre Obhut, verlassen uns darauf, dass sie alle Rahmenbedingungen vorfinden, um die Kinder betreuen zu können – hinter die Kulissen schauen wir bei Kita-Erziehern aber lieber nicht. Die „Lerngeschichten-Erzählerin“ hat einmal eine Erzieherin aus dem Wedding beobachtet. Einen ganzen Tag lang. Hier geben wir ihre Beobachtungen wieder.

Kitamangel: Klagt und habt Ansprüche! Eine andere Perspektive

Deutsch-Französische Kita Wedding
Berlin-eigene Kita im Wedding

Letzte Woche gab es auf unseren Pinnwänden und im Blog zu dem Kommentar über fehlende Kita-Plätze viele Diskussionen. Dieser Beitrag ist keine Antwort, sondern zeigt vielmehr eine andere Perspektive auf das gleiche Problem.

Ich hatte mich geärgert, und zwar nicht, weil der Autor eine andere Meinung hat als ich, sondern weil ich mich unverstanden und fast beleidigt fühlte. In eine abwertende Schublade voller Vorurteile hatte man mich gestopft. Die Kita-Situation, so wie ich sie sehe, sieht nämlich ganz anders aus!

Kitamangel? Hört auf zu klagen!

Schlange, Anstehen
Kitaplätze – der Andrang ist groß. Foto: Andrei Schnell

Kommentar Selten sind sich alle so einig wie beim Kitamangel. Doch auch wenn alle ins gleiche Horn stoßen, wird noch lange nicht die richtige Melodie gespielt. Statt das Klagelied anzustimmen, ist es Zeit für einen Zwischenruf: Ansprüche runter, liebe Eltern! Ihr nehmt immer mehr für selbstverständlich. Wo bleibt die Bereitschaft, selbst etwas zu tun? Dieser Kommentar stellt sich in vier Punkten quer zur aktuell üblichen Litanei:

Kindergärten im Brunnenviertel

kita1Seit Anfang 2014 gibt es auf der Landeswebseite www.berlin.de eine Suchmöglichkeit nach freien Kitaplätzen (Klick auf grauen Button „Freie Plätze suchen“). Außerdem kann neu (seit Frühjahr 2014) der Kitagutschein, der die Bezahlung regelt, online beantragt werden, was einige Wege spart. Anlass für Autor Andrei Schnell die Kindergärten im Brunnenviertel zu zählen.

Seniorenfreizeitstätte: Abriss ja oder nein?

Funktionaler Zweckbau an der Schulstraße

Seniorenfreizeitstätte (Bild: Pharus Plan)
Seniorenfreizeitstätte (Bild: Pharus Plan)

Auf dem hinteren Leopoldplatz, an der Ecke Schul-/Maxstraße, steht ein Flachbau aus den Siebzigerjahren, der heute als Seniorenfreizeitstätte genutzt wird. Wer am Wochenende vorbeikommt, sieht und hört, dass hier auch fröhlich Familienfeste gefeiert werden. Zum Oktober soll es allerdings ruhiger werden, denn der Vertrag ist gekündigt. Das Gebäude soll asbestbelastet sein und abgerissen werden. Die Stadtteilvertretung Müllerstraße  und Runder Tisch Leopoldplatz haben sich damit befasst.

Bisher ist die Finanzierung der Beseitigung des wenig schönen Zweckbaues allerdings unklar. Sollte er abgerissen werden, so verändert  sich an dieser Stelle der mit Mitteln des QM Pankstraße erst vor einigen Jahren umgestaltete Leopoldplatz. Hier erhält der Platz durch den schützenden Betonbau etwas Ruhe  und Aufenthaltsqualität, vor allem angesichts des tosenden Verkehrs der Schulstraße.

Standort wegweisender pädagogischer Einrichtungen

Ein Blick zurück an diesen geschichtsträchtigen Ort verändert den Blickwinkel. Denn das, was wir hier heute Leopoldplatz nennen. war eigentlich kein Platz, es war der Standort einer durchaus besonderen Schule, die im Krieg zerstört, nach 1945 aber nicht wieder aufgebaut wurde.  In dieser nach der Reformpädagogik von Wilhelm Paulsen eingerichtet „Lebensgemeinschaftsschule“ erfolgte der Unterricht nach dem Wunsch der Schüler. Auf dem Teil des Platzes gab es auch einen von Clara Grunwald eingerichteten Montessori-Kindergarten. Frau Grunwald,  die selbst Jüdin war, ermöglichte ab 1933 vielen Juden die Ausreise oder den Weg in den Untergrund und wurde 1943 in einem Konzentrationslager ermordet. Eberhard Elfert hat im Frühjahr 2012 mit seiner aus den Mitteln des QM Pankstraße finanzierten Weddinger Schaufenster-Ausstellung auf viele solcher historisch interessanten Details hingewiesen.

Der Funktionsbau war einst die Passierscheinstelle

Gedenktafel für die Passierscheinstelle
Gedenktafel für die Passierscheinstelle

Und auch die unscheinbare Betonkiste, die nun auf der Abrissliste steht, ist mehr als ein einfacher Zweckbau, es ist ein Stück Zeitgeschichte. Den Menschen, die hier lange leben, ist das Gebäude eher als eine von fünf Passierscheinstellen der DDR bekannt. Hier bekamen die Westberliner zu Mauerzeiten – von DDR-Grenzern bearbeitet – ihren „Passierschein“, der zum Besuch von Ost- Berlin berechtigte. Diejenigen hingegen, die in West-Berlin lebten, aber in „Westdeutschland“ gemeldet waren, hatten es einfacher. Bürger der BRD brauchten zur „Einreise in die DDR“ nur ihren Reisepass, und natürlich 25,- DM für den sogenannten Zwangsumtausch. Eine schlichte Gedenktafel weist am Gebäude auf  diese Geschichte hin.

Angesichts dieser historischen Fakten stellt sich also die Frage: sollte das Bauwerk als „Denkmal“ erhalten bleiben, ja oder nein?

Ziemlich nah am Prenz’lberg: das „Gemischtwaren“

Das "Gemischtwaren" in der Eulerstraße
Das „Gemischtwaren“ in der Eulerstraße

Designertaschen und Kinderkleidung im Wedding?

Schon seit neun Jahren wohnt Kerstin Janssen in der Eulerstraße, eine sehr ruhige Wohngegend zwischen der schneisenartigen Osloer Straße und dem Gesundbrunnencenter. Die Designerin, die mit Tita Berlin auch ein eigenes Taschen-Label besitzt, nutzt das Ladenlokal im Erdgeschoss seit einigen Jahren als ihr Atelier und hat die Veränderungen im Kiez hautnah miterlebt. „In den letzten Jahren sind hier in unmittelbarer Nähe sieben Kindergärten entstanden“, sagt die 43-Jährige, die selbst zwei Kinder hat. Die Eltern, oft aus Pankow oder Prenzlauer Berg, finden hier am Gesundbrunnen einen Kindergartenplatz für ihre Kleinen und entdecken dadurch den Kiez. „Die Leute ziehen ihrem Kindergartenplatz hinterher“, erzählt Kerstin Janssen. Schon jetzt ist es schwieriger geworden, eine bezahlbare Wohnung in diesem Teil des Wedding zu finden.

Nicht nur Kinderklamotten
Nicht nur Kinderklamotten

Rasant schnell verändert sich die Bewohnerschaft

Der Kiez ist in Bewegung geraten, das Straßenbild hat sich durch die vielen Kinder gewandelt. Und Kerstin Janssen ist Teil davon: „Ich bin ein Freund von Veränderungen“, sagt die Designerin, die früher selbst im bachbarten Prenzlauer Berg gewohnt hat. „Im Atelier zu arbeiten kann eine einsame Arbeit sein, und da habe ich die Idee gehabt, aus dem Raum einen Laden zu machen.“ So ist das „Gemischtwaren“ entstanden. In dem freundlich gestalteten Laden gibt es neben den Taschen, die Kerstin Janssen unter ihrem Label vermarktet, auch Kinder-Second Hand-Kleidung und Produkte anderer Designer.

Das Erstaunliche ist nicht, dass die Produkte natürlich ihren Preis haben, sondern, dass sie der Ladeninhaberin aus den Händen gerissen werden. „Das Geschäft, das ich im August 2011 eröffnet habe, läuft sehr gut“, sagt Kerstin Janssen. „Es ist so ein Tante-Emma-Effekt: die Leute schreiben hier an, man kennt sich und die Kinder.“ Der Laden, das Umfeld und das Publikum erinnern an den Prenzlauer Berg Mitte der 1990er Jahre. Viele Kreative scheinen den nahe gelegenenen Ortsteil Gesundbrunnen mit noch niedrigen Mieten und schöner Altbausubstanz in rasender Geschwindigkeit für sich zu entdecken. Wenn aber junge türkische Mütter ab und zu auch mal ins „Gemischtwaren“ hereinschauen, ist das der Beweis, dass sich dieser Kiez immer noch im Wedding befindet. Das lässt hoffen, dass nicht eines Tages alle alteingessenen Mieter verdrängt werden, sondern eine gute Mischung erhalten bleibt.

Kerstin Janssens Kunden kommen gezielt in ihren Laden, auch von weit her – nichts Ungewöhnliches für Menschen, die gutes Design schätzen. Dass es aber auch Laufkundschaft für einen Designerladen im Wedding gibt, zeigt das Ausmaß der Veränderungen.

Online-Shop von Tita Berlin (mit Online-Shop)

Eulerstr. 18 (nahe S+U Gesundbrunnen)

geöffnet Di – Fr 11-16 Uhr

Mehr zum Thema: Montagehalle – Handgemachte Mode-Unikate aus dem Wedding