Kitamangel? Hört auf zu klagen!

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Schlange, Anstehen
Kita­plät­ze – der Andrang ist groß. Foto: And­rei Schnell

Kom­men­tar Sel­ten sind sich alle so einig wie beim Kitaman­gel. Doch auch wenn alle ins glei­che Horn sto­ßen, wird noch lan­ge nicht die rich­ti­ge Melo­die gespielt. Statt das Kla­ge­lied anzu­stim­men, ist es Zeit für einen Zwi­schen­ruf: Ansprü­che run­ter, lie­be Eltern! Ihr nehmt immer mehr für selbst­ver­ständ­lich. Wo bleibt die Bereit­schaft, selbst etwas zu tun? Die­ser Kom­men­tar stellt sich in vier Punk­ten quer zur aktu­ell übli­chen Litanei:
Eins vor­weg: Natür­lich ist es rich­tig, dass es zu wenig Kita­plät­ze in Ber­lin gibt. Natür­lich frus­triert es, über­all abge­wie­sen zu wer­den. Selbst­ver­ständ­lich füh­len sich Zusatz­ge­büh­ren ohne Gegen­leis­tung wie Abzo­cke an. Doch nun zum Aber:

Hauptstadtkinder e.V.
Vie­le neue Kitas eröff­ne­ten in den letz­ten Jah­ren – wie die­se im Brun­nen­vier­tel. Foto: And­rei Schnell

1. Das Mehr:  Eine Fra­ge, war­um jam­mern die jun­gen Eltern? Das Land Ber­lin hät­te viel mehr Grund dazu. 2008 wur­den in Ber­lin rund 120.000 Kin­der in ver­schie­de­nen Tages­ein­rich­tun­gen betreut. 2017 waren es schon über 160.000. Was wür­det ihr, Ber­li­ner Mamas und Papas, in eurem Job zu einer sol­chen Mehr­be­las­tung sagen? Das Land Ber­lin hat nicht gemo­sert, son­dern ange­packt. Allein mit dem Kita- und Spiel­platz­sa­nie­rungs­pro­gramm wur­den Mil­lio­nen Euro in den Kita­aus­bau gesteckt. Ber­lin regelt´s und ihr regt euch auf.

2. Eigen­an­teil: Die Wed­din­ger Kita “Tüte Mücken” ist ehr­lich und schreibt offen auf ihrer Web­sei­te, 75 Euro Zuzah­lung für Extraleis­tun­gen zu erhe­ben. Noch vor weni­gen Jah­ren hät­ten sich vie­le Eltern über einen sol­chen Betrag gefreut. Frü­her muss­ten alle einen Eigen­an­teil zah­len, und der war hef­tig für Leu­te mit eige­nem Ein­kom­men. Heu­te soll die Kita kos­ten­los sein. Für arm, aber auch für reich. Blick zurück: Ab 2007 war in Ber­lin zunächst nur das letz­ten Kita­jahr für alle bei­trags­frei gewor­den. Doch das bei Face­book gelern­te Umsonst­den­ken greift wei­ter um sich. Ab dem 1. August 2018 kommt die Null-Betei­li­gungs-Kita. Immer mehr wird gefor­dert (auch von den sozi­al Star­ken), und gleich­zei­tig wird immer weni­ger  beigetragen.

Waldkindergarten
Traum­ki­ta Wald­kin­der­gar­ten – am liebs­ten kos­ten­los und per Maus­klick? Foto: And­rei Schnell

3. Das Kla­gen: In eini­gen Bezir­ken haben jun­ge Fami­lie vor Gericht geklagt, weil kein Kita­platz vor­han­den ist. Und bekom­men jetzt tat­säch­lich recht und damit Geld vom Staat. Ein Beweis für die schreck­li­che Lage? Oder ein Beweis für die uner­hört gestie­ge­nen Ansprü­che? Am 1. August 2013 wur­de das Recht auf einen Kita­platz für Kin­der ab drei (!) Jah­ren ein­ge­führt. Das war damals in Wahr­heit uto­pisch. Die Rich­ter waren anfangs rea­lis­tisch genug und urteil­ten, dass es genügt, wenn Ber­lin sich anstrengt, Kita­plät­ze zu schaf­fen. Nur weni­ge Jah­re spä­ter glau­ben Rich­ter, Ber­lin müs­se ech­te Plät­ze ver­mit­teln. Und das sogar ab dem ers­ten (!) Lebens­jahr. Man­cher will oben­drein, dass das online gesche­hen soll. Damit die Mamas und Papas auf dem hei­mi­schen Sofa wie bei Tin­der blö­de Kitas weg­drü­cken kön­nen. Ist euch bewusst, auf wel­chem Niveau ihr jammert?

4. Die Schlaff­heit: Lie­be jun­gen Eltern, wenn Euch etwas quer im Hal­se steckt, dann rennt ihr zum Anwalt. Die Genera­tio­nen vor euch hat­ten für unbe­que­me Lagen ande­re Lösun­gen in pet­to. Bei­spiel Wed­ding: Vor 25 Jah­ren wur­de die Initia­tiv­ki­ta Vil­la Römer gegrün­det, die Kita Krü­mel­ban­de gibt es seit rund 35 Jah­ren und bereits 1971 wur­de die Eltern-Initia­tiv­ki­ta Am Schil­ler­park gegrün­det. Weil es meh­re­re Genera­tio­nen “Ich hand­le, also bin ich” gab, sitzt die heu­ti­ge Genera­ti­on “Ich bestel­le, also bin ich” mit 45 Eltern-Initia­tiv-Kitas (allein im Wed­ding) im gemach­ten Nest.

Ja, die Lage ist dra­ma­tisch. Aber ihr jun­gen Eltern: In den letz­ten Jah­ren sind euch vie­le Anrech­te in den Schoß gelegt wor­den. Ja, ihr habt Rech­te. Aber habt ihr auch Hän­de, in die ihr spu­cken und in die ihr euer eige­nes Schick­sal neh­men könnt.

Text: And­rei Schnell, Fotos: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

8 Comments

  1. Wir haben damals in den 90ziger Jah­ren einen Kin­der­la­den gegrün­det. Der Staat hat das unter­stützt. Es war trotz­dem viel Eigen­leis­tung in Form von orga­ni­sa­to­ri­scher Arbeit not­wen­dig und es muss­te ein Ver­ein gegrün­det werden.
    Wie sieht das heu­te aus? Es ste­hen sehr vie­le Läden im Wed­ding leer, viel­leicht sind eini­ge für Eltern­in­itia­ti­ven geeig­net. Man kann übri­gens auch Erzieher*innen und Putz­män­ner / ‑frau­en anstel­len, so dass die Eltern ihrer Arbeit nach­ge­hen kön­nen. So lief das damals bei uns.

  2. So ein unre­flek­tier­ten Arti­kel habe ich schon lan­ge nicht mehr gele­sen und der Schreib­stil lässt auch zu wün­schen übrig. …aber ist ja typisch wed­ding­wei­se. Sie­he namen­s­um­be­nen­nung im afri­ka­ni­schen Viertel…

  3. Wir suchen auch einen Kita Platz. Was mich nervt: Wir war­ten seit fünf Mona­ten auf unse­ren Kita Gut­schein. Die Kitas wol­len den ver­ständ­li­cher­wei­se sehen, vor­her gibt es kei­nen Platz. Eltern mel­den sich sicher­heits­hal­ber in zwei Dut­zend Kitas an… das ist absurd. Ich wür­de ger­ne pla­nen, ob ich ein, zwei oder drei Mona­te kein Gehalt bekom­me, weil ich kei­nen Platz bekomme… 

    Wer passt auf ihre drei Kin­der auf?

  4. So eine der­ma­ßen ver­all­ge­mei­nern­de Leser-Beschimp­fung habe ich lan­ge nicht mehr gele­sen! Da sind wohl mit dem And­rei alle Gefühls­pfer­de durch­ge­gan­gen! Fak­tisch bele­gen wird er all sei­ne Behaup­tun­gen näm­lich lei­der nicht kön­nen. Und auch des­halb ist der Text in sei­ner hei­li­gen Ein­falt kaum zu über­tref­fen. Sehr ärgerlich!

    • Pro­fes­sio­nel­le Jour­na­lis­ten wie Du wür­den es sich wahr­schein­lich ver­knei­fen, gegen den Leser zu schrei­ben. Ein­fa­cher ist es für sie, die Ver­wal­tung zu kri­ti­sie­ren. In die­sem Fall erschien mir ein sol­ches Vor­ge­hen unan­ge­mes­sen. Denn der Staat tut zur Zeit in der Kitafra­ge sehr viel für jun­ge Eltern.

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