Skate-Strecke: Auf Achse mit acht Rollen

So manche Stubenhocker hat es in den vergangenen Monaten öfter mal an die frische Luft gezogen, als es wohl vor den Ausgangsbeschränkungen der Fall war. Bewegung tut gut und ist wichtig für die physische und mentale Gesundheit – da waren sich Bund und Länder einig und haben, im Gegensatz zu einigen Nachbarländern, bisher keine strenge Ausgangssperren verhängt. Die besten Routen zum Laufen und Spazieren gehen haben wir bereits vorgestellt, doch wo im Wedding geht es auf Rollen mit den Inline-Skates der frühen 2000er lang, die ich beim diesjährigen, überdurchschnittlich präzisen Frühjahrsputz ausgekramt habe?

Sonntagsspaziergang: Wedding am und im Fluss

Unscheinbar, überbaut, keine Einbindung in die übrige Innenstadt – so lieblos zeigt sich der Lauf der Panke auf ihren letzten Metern. Aber nicht nur Weddings einzigem richtigen Fluss, sondern der ganzen Gegend ist durch Kriege und den Mauerbau übel mitgespielt worden. Die dichte Bebauung von einst ist zwar unwiederbringlich verloren, aber die vielen kleinen und großen Sehenswürdigkeiten lohnen trotzdem einen Spaziergang pankeaufwärts.

Besondere Aussichtspunkte im Wedding

Rundblick Wedding Leo Amtsgericht
Blick auf den Wedding und Teile des Gesundbrunnens von der Humboldthöhe aus

Sich über die Stadt erheben, den Blick in die Ferne schweifen lassen oder einfach den Sonnenstrahlen beim Funkeln auf dem Wasser zuschauen: im Wedding und in Gesundbrunnen gibt es unzählige, bekannte und auch weniger bekannte Stellen mit besonders schönen Aussichten…

Nordufer: Immer am Kanal lang – die entspannteste Straße im Wedding

Nordufer Schiffahrtskanal TorfstraßenstegDer Name deutet es schon an – das Nordufer liegt am Wasser. Kaum eine andere Weddinger Straße deckt ein so breites Spektrum an ungewöhnlichen Bauwerken ab: von einer Schleuse über ein historisches Freibad, eine Krankenhausstadt, ein Mausoleum für einen weltberühmten Forscher, über eine denkmalgeschützte Wohnanlage bis hin zu einem „Café Achteck“.

Der Westhafen: wo Berlin versorgt wird

Wo Schienenstränge und eine Autobahn die Stadt zerschneiden und Industrie- oder Kraftwerksgebäude den freien Blick über das Gelände behindern, überragt ein rotbrauner 52 Meter hoher Turm die gewerblich geprägte Stadtlandschaft. Hier, zwischen dem Wedding und der „Insel“ Moabit, krönt er das backsteinverkleidete Verwaltungsgebäude des Westhafens – ein für die Entwicklung und die Versorgung der Stadt bedeutender Warenumschlagplatz.

Die S 21 wird gebaut – Weddinger Straßen werden neu geführt

Am linken Bildrand wird die S 21 ans Tageslicht kommen, um dann Y-förmig in die Ringbahn einzufädeln (Bildmitte)

AKTUALISIERT IM NOVEMBER 2016

Berlin hat ebenfalls sein „S 21“ – Projekt. Allerdings handelt es sich hier um eine S-Bahn-Linie, für die bereits 2009 die ersten Vorbereitungen begonnen haben. Die Baustelle scheint derzeit fast stillzustehen, doch die neue Berliner Landesregierung fordert das zügige Ende des ersten Bauabschnitts. 

Mitte Oktober 2012 begannen die ersten echten Bauarbeiten dieser neuen Strecke, die das Berliner S-Bahnnetz nur um einen neuen Bahnhof bereichern wird. Dabei handelt es sich um eine unterirdische Station unter dem Hauptbahnhof. Zunächst war an der Perleberger Brücke ein Bahnhof geplant, der große Teile des mit Schnellbahnen unterversorgten Ostteil Moabits angebunden hätte.

Die neue Strecke wird jedoch zwei Enden am Nordteil der Ringbahn haben: Westhafen und Wedding. Dort, wo auch der Fernbahntunnel endet, erreicht die S-Bahn vom Hauptbahnhof kommend das Tageslicht. Die S-Bahn-Trasse, die zunächst in einem Trog liegt, wird zwischen den Gleisen der Fernbahn und zwei Gleisen, über die Güterzüge vom Nordring aus Westen kommend zum Güterbahnhof des Westhafens sowie zum Kraftwerk Moabit rangiert werden, geführt. Die Verbindung bis zum S- und U-Bf. Westhafen erfolgt ebenerdig, denn in den 90er Jahren hat man bei der Wiederherstellung des S-Bahn-Nordrings in den 1990er Jahren ein Tunnelportal als Vorleistung mitgebaut.

S 21 (Grafik: DB Projektbau)
S 21 (Grafik: DB Projektbau)
Fernbahnbrücke zwischen Wedding und Hauptbahnhof (Tegeler Straße)
Unter dieser Fernbahnbrücke wird die neue Brücke entlangführen (Tegeler Str.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erheblich aufwändiger wird dagegen der Bau der östlichen Strecke zum S- und U-Bf. Wedding. Hinter dem Ende des Hauptbahnhof-Tunnels steigt die Trasse an. Sie wird als Spannbetonbrücke mit einer Länge von 265 m fortgeführt. Die Perleberger Brücke wird als Stabbogenbrücke überbrückt, die Anfang 2015 eingehoben wurde. Die S-Bahn wird dann das Friedrich-Krause-Ufer und den Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal als 154 Meter lange Spannbetonbrücke überqueren. Am Nordufer erreicht die Strecke die Doppelpfeiler des Fernbahn-Overflys, die sie durchquert. Dort führt die Strecke bergab und fädelt auf der Höhe der Tegeler Straße zwischen dem Overfly und der Brücke des Nordrings in ein ebenfalls in den 90er Jahren erstelltes Tunnelportal ein. Damit wird der Hauptbahnhof mit der S-Bahn direkt aus beiden Richtungen des Nordrings erreichbar sein. Da die S 21 wohl auf Dauer am Hauptbahnhof enden wird, hält sich der Nutzen dieser Linie für den Wedding in Grenzen, für ganz Berlin ist er hingegen ziemlich fragwürdig.

Auf das Straßensystem in diesem Bereich hat dieser Knoten aus Brücken, Rampen, Überwerfungsbauwerken und Tunnelstrecken erhebliche Auswirkungen. Die Tegeler Straße wird durch die fast ebenerdig ankommende S-Bahn-Strecke unterbrochen und somit beidseitig zur Sackgasse. Damit Pkw, Lkw und Busse trotzdem durchkommen, wird das Nordufer bis zur Fennstraße durchgängig für den Straßenverkehr ausgebaut. Noch in diesem Jahr werden Bäume und Sträucher für den Straßen- und Brückenneubau am Mettmannplatz gerodet, damit es  mit den Bauarbeiten losgehen kann. Erst wenn das neue Nordufer fertiggestellt ist, wird die Tegeler Straße unterbrochen.

S 21 Brücke Fennstr
Die Brücke steht schon mal – im Winter 2014/15

Im Februar 2015 wurde bekannt, dass das Projekt wieder auf der Kippe stehen könnte. „Es hat sich herausgestellt, dass die vorbereiteten Bauwerke für die geplante S21 zum Teil nicht den erforderlichen Anforderungen entsprechen“, teilte die Bahn mit. Die beim Bau des Hauptbahnhofs erbrachten Vorleistungen für die künftige Decke der S-Bahn-Station sind unzureichend. Der Bund übernimmt übrigens 60 Prozent der Kosten, die anderen 40 Prozent muss das Land finanzieren. Im Koalitionsvertrag der Rot-rot-grünen Landesregierung aus dem November 2016 fordert das Land von der Deutschen Bahn,  die S 21 zügig fertigzustellen, insbesondere den Baubeginn für den zweiten Bauabschnitt zeitnah anzugehen und die Planungen für den dritten Bauabschnitt rasch voranzubringen. Sie setzt sich auch für den Bau eines zusätzlichen Bahnhofs Perleberger Brücke ein. Dieser würde erhebliche Fahrgastpotenziale in der neuen Europa-City Heidestraße, in Moabit und auch im Weddinger Sprengelkiez abschöpfen.

In diesem Flyer der DB wird das Projekt beschrieben

Grafik DB Projektbau GmbH
Grafik: DB Projektbau GmbH

Sprengelkiez: schöner wohnen am Kanal

Der Pekinger Platz am Kanalufer
Der Pekinger Platz am Kanalufer

In einem Ufercafé sitzen oder in einer Hausbrauerei?

Das dicht bebaute Wohnviertel rund um die Sprengel- und die Tegeler Straße verfügt neben einer weitgehend intakten Altbausubstanz aus der Gründerzeit über eine richtige Wasserlage. Im Südwesten des Kiezes verläuft nämlich der Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal. Die ausgebaute Uferpromenade mit ihren repräsentativen Wohnhäusern aus der Zeit um 1900 lädt zu Spaziergängen und zu Cafébesuchen ein. Wie an keiner anderen Stelle im Wedding reihen sich hier gastronomische Betriebe aneinander, sowohl traditionelle Kneipen (Lindengarten, Deichgraf) als auch neuere Cafés und Restaurants (Fünfundsechzig, Auszeit). Ebenfalls im Sprengelkiez besteht seit vielen Jahren die Weddinger Hausbrauerei Eschenbräu, wo man im Sommer in einem schattigen Biergarten im Hinterhof sitzen kann. In den letzten Jahren wurde durch ein Quartiersmanagement viel in die vorhandenen Spielplätze investiert.

Neben dem Sparrplatz und dem Pekinger Platz (am Kanal) ist hier vor allem der Sprengelpark zu nennen. Auf dem 10 000 qm großen ehemaligen Industrieareal (hier wurden Wasserflugzeuge gebaut) zwischen der Kiautschoustraße und der Sprengelstraße haben Landschaftsplaner einen urbanen Sport- und Spielpark mit viel Grün geschaffen.

Der kleine, aber feine Sprengelpark
Der kleine, aber feine Sprengelpark

Im Sprengelkiez und in seiner unmittelbaren Umgebung befinden sich wichtige öffentliche Einrichtungen, deren Bedeutung weit über den Wedding hinausreicht. Zu nennen ist hier vor allem das Robert-Koch-Institut am Nordufer. Das 1891 gegründete Institut ist die zentrale Überwachungs- und Forschungseinrichtung der Bundesrepublik für Infektionskrankheiten. Es befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rudolf-Virchow-Krankenhaus (heute: Charité Campus Virchow). Die zentrale Berliner Ausländerbehörde liegt ebenfalls am Kanalufer, jedoch auf der gegenüberliegenden Moabiter Seite. Sie ist mit dem Torfstraßensteg an den Sprengelkiez angebunden. Auch Beschäftigte und Studierende der nahe gelegenen Beuth-Hochschule drücken dem Sprengelkiez ihren Stempel auf. Daher findet man in diesem Kiez mehr studentisches Einflüsse und die passende Infrastruktur als in anderen Vierteln im Wedding.


Sehenswertes am Nordufer und im Kiez

Torfstraßensteg
Torfstraßensteg

Da das Industriegelände an der Sprengelstraße erst am Ende des 19. Jahrhunderts aufgegeben wurde, konnte sich der westliche Teil des Kiezes am Nordufer erst um 1900 herum zu einem Wohngebiet entwickeln. Die repräsentative Gebäudegruppe zwischen Fehmarner Straße, Nordufer und Buchstraße ist ein besonders gelungenes Beispiel für genossenschaftlichen Reformwohnungsbau. Vor allem die Eckbauten, davon eines sogar mit einem Doppelgiebel, prägen das Kanalufer an diesem Abschnitt. Auch das Eckhaus Torfstraße/Kiautschoustraße ist ein großbürgerlicher Prachtbau, wie es ihn im Wedding eher selten gibt. Die Osterkirche liegt an der Samoastraße / Sprengelstraße und damit exakt in der Mitte des Sprengelkiezes. Die wuchtige Backsteinkirche ist in die Ecke eines Blocks gebaut und vereint Kirchenschiff, Turm und Pfarrhaus in einem einzigen Gebäude. Das gewölbelose Kircheninnere ist mit prachtvollen Malereien versehen. Das Geschäftszentrum des immer beliebter und damit auch teurer werdenden Sprengelkiezes ist neuerdings die Tegeler Straße mit ihren vielen Cafés, Restaurants und Fachgeschäften. Aber auch in die Sprengelstraße zieht es Nachtschwärmer (in das gleichnamige Musiklokal) oder in die vielen kleinen Gastronomiebetriebe.

Tegeler Sprengel StrKaffeeangebot im Bioladen Tegeler Str

 

 


Roter Wedding, schlechter Wedding

Prime Time TheaterIn Richtung Müllerstraße ist der Kiez stärker von sozialen Problemen geprägt, was vor etlichen Jahren auch der Grund für die Einrichtung des Quartiersmanagements Sparrplatz war. Der namensgebende Platz ist eine langgezogene Grünanlage mit Bolz- und Spielplätzen. Genau in dieser Lage ist mit dem Prime-Time-Theater an der Burgsdorfstraße/Müllerstraße ein kultureller Anziehungspunkt von berlinweiter Relevanz entstanden. Dessen Alleinstellungsmerkmal ist eine fortlaufende Seifenoper auf der Bühne namens „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“. Doch anders als bei dem vermeintlichen TV-Vorbild gibt es bei diesem Theaterspaß mit Weddinger Originalen echtes Gelächter eines glänzend unterhaltenen Publikums. Direkt nebenan liegt die Berliner SPD-Zentrale (Kurt-Schumacher-Haus) – traditionell eng mit dem „roten Wedding“ verbunden. Bedeutend für den ganzen Ortsteil ist auch das Jobcenter direkt gegenüber – untergebracht in einem typischen Arbeitsamtsgebäude aus den 1950er Jahren.

St. Josef in der Müllerstraße
St. Josefskirche an der Müllerstraße