Versteckt im Wedding (Teil 1)

Der Garten des Hotel Grenzfall. Foto: S. Ostertag
Foto: S. Ostertag

Der Wedding ist übersichtlich in ein paar Kieze eingeteilt, dazu ein paar Parks und Plätze. Fertig ist das Bild vom grauen Ghetto am Rand der Berliner Innenstadt. So scheint es zumindest. In Wirklichkeit ist der Wedding ein riesiger grüner Dschungel voller großer und kleiner Besonderheiten. Die Kleinode und höchst bemerkenswerten Schätze erschließen sich aber nicht jedem oberflächlichen Betrachter. Deshalb helfen wir mit unserer Serie ein bisschen dabei, sie aufzuspüren.

Wiesenburg: Dornröschen, aufgewacht

wiesenburg-festivalWenn eine Ruine zuwuchert und aus dem Bewusstsein der Nachbarn verschwindet, redet man gern vom Dornröschenschlaf. Wenn das Bild auch bei der Wiesenburg zutreffen sollte, so darf das wildromantische Gelände jetzt endgültig als wachgeküsst gelten. Anders ist das große Publikumsinteresse beim ersten Wiesenburgfestival an diesem so verwunschen wirkenden Ort mitten im Wedding, an der Panke, nicht zu erklären.

Liesenbrücken: Immer mehr Freunde für das Denkmal

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Die Liesenbrücken von oben.

Drei Straßen treffen sich unter den Liesenbrücken an der Grenze von Mitte und Wedding. Ein Kreisverkehr organisiert genau unter der Brücke den Verkehr auf der Gartenstraße, der Scheringstraße und der Liesenstraße. Eine Bürgerinitiative hofft, dass an diesem Verkehrsknotenpunkt zukünftig ein weiterer Weg hinzukommt: ein Fuß- und Radweg über die stillgelegten Eisenbahnbrücke hinweg. Das „Bündnis Liesenbrücken“ will so über dem Kreisverkehr eine kreuzungsfreie grüne Verbindung vom Nordbahnhofpark zum Humboldthain schaffen. Seit drei Jahren arbeiten die Bürger für die Umsetzung des Plans. Es gibt erste Erfolge, doch die Aktiven wissen, ihr Weg ist noch weit.

Das Schillerdenkmal: Wie kam der Schiller in den Park?

Wer den 100-jährigen Schillerpark von der Ungarnstraße aus betritt, bemerkt das Monument zunächst nicht. Auf der hinteren Anhöhe steht die Kopie eines der bedeutenderen Denkmale Berlins, nämlich die des Schiller-Denkmals von Reinhold Begas auf dem Gendarmenmarkt vom Jahre 1871.

Schillerpark Blüte (C) Claudia di Chianni
Foto: Claudia di Chianni

Dass an dieser Stelle an den Dichter Friedrich Schiller erinnert wird, war zunächst nicht geplant. Die Errichtung der Parkanlage hatte eher pragmatische Gründe wie die Belästigung durch Flugsand und die Befestigung zweier Wanderdünen. Sie war allerdings auch eine Reaktion auf den großen Bevölkerungszuwachs und die schwierigen sozialen Verhältnisse in der Mietkasernenstadt um 1900. So sollte der Park nicht nur »ernster Beschaulichkeit« und »stiller Feierlichkeit bei der Betrachtung erlesener pflanzlicher Pracht und Schönheit«, sondern auch der aktiven Erholung wie Spiel und sportlicher Betätigung dienen.

Die 1913 fertig gestellte gartenkünstlerische Anlage – zunächst unter dem Namen Nordpark begonnen – erhielt erst 1905 ihren heutigen Namen, am 100. Todestag von Friedrich Schiller. Auch wenn die Nationalsozialisten den Bildhauer Reinhold Begas schätzten, ließen sie seine Werke regelrecht durch die Stadt wandern. So wurden seine Skulpturen von der Siegesallee im Tiergarten sowie das Nationaldenkmal Bismarcks vom Königsplatz vor dem Reichstag an die zentrale Allee im Tiergarten am Großen Stern verlegt, während das Schiller-Denkmal vom Gendarmenmarkt wegen der dort stattfindenden Paraden 1936 abgebaut und in ein Depot verbracht wurde.

Rathenaudenkmal wurde für das Schillerdenkmal eingeschmolzen

Schillerpark Blüte 2 (C) Claudia di Chianni
Foto: Claudia di Chianni

Für die Aufstellung einer Kopie des im Original aus Marmor bestehenden Schiller-Denkmals im Arbeiterbezirk Wedding wählte man allerdings ein robusteres Material, nämlich Bronze. Dieses Material stand zur Verfügung, da wenige Jahre vorher das Denkmal des Bildhauers Georg Kolbe für Emil Rathenau (Begründer der AEG) und seinen Sohn Walter Rathenau (Außenminister der Weimarer Republik) im Volkspark Rehberge von den Nationalsozialisten abmontiert und eingeschmolzen worden war. Die Einweihung des bronzenen Schillers im gleichnamigen Park fand im Kriegsjahr 1941 statt. Im selben Jahr wurde in drei Kilometern Entfernung mit dem Bau des Flakbunkers Humboldthain begonnen. Und im selben Jahr wurde die Aufführung von Schillers bedeutendstem Werk »Wilhelm Tell« verboten – in dem Tyrannenmord gerechtfertigt wird. Das marmorne Originaldenkmal gelangte erst 1988 an seinen ursprünglichen Standort zurück. Zuvor standen Schiller am Lietzensee im Westteil und die Figuren des Denkmalsockels im Tierpark Friedrichsfelde im Ostteil der Stadt. Aber das ist eine andere Geschichte …

Autor: Eberhard Elfert

Beitrag zuerst erschienen in der Zeitung „Ecke Müllerstraße“

Urnenfriedhof Seestraße: Zeugnisse Weddinger Geschichte

Friedhof SeestraßeEin Besuch auf dem Friedhof an der Kreuzung Müller- und Seestraße lässt einen Teil der Weddinger Geschichte lebendig werden. Denn hier ruht u.a. die Bezirksbürgermeisterin Erika Hess (1934-1986), auch die „Mutter vom Wedding“ genannt, weil sie immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Menschen hatte. Auch der bekannte Heimatdichter Jonny Liesegang (1897-1961) ist hier beigesetzt, in dessen Büchern die Hausmeisterin „Frau Nuschnpickeln“ eine bedeutende Rolle spielt.

1884 beschrieb der Schriftsteller und Journalist Julius Rodenberg diesen Teil der Müllerstraße so: „Von hier ab hören die Häuser fast ganz auf, und man hat zu beiden Seiten die Landschaft: zur Linken das Grün und den dunklen Waldstreifen der Jungfernheide, zur Rechten die Sandhügel der Reinickendorfer Gemarkung. Hier sind nur noch Kirchhöfe; der nächste der Begräbnisplatz der Charité.“ So wurde damals der Friedhof Seestraße genannt, denn hier wurden jene Verstorbenen beerdigt, die keine Angehörigen mehr hatten, und deren Überreste zu Unterrichtszwecken zur Anatomie geliefert worden waren. Die Leichen “notorisch ganz verkommener Personen, um die sich niemand kümmert,“  zitierte Rodenberg die entsprechende preußische Verordnung aus dem Jahr 1718 und fügte hinzu: „Doppelt Unglückliche! Fremd, arm, verkommen und ohne Familie!“

Feuerbestattung setzte sich durch

Denkmal für die Opfer des 17. Juni und Ehrengrab Liesegang

Es war aber auch die Zeit, in der Rudolf Virchow die öffentliche Gesundheit durch die „zunehmende Anhäufung von Verwesungsstätten“ um die großen Städte herum gefährdet sah. Doch Einäscherungen, die sich Rudolf Virchow vom Standpunkt der öffentlichen Gesundheitspflege wünschte, ließen zunächst noch auf sich warten. Erst 1912 wurde die Feuerbestattung in Preußen erlaubt und das Krematorium Wedding an der Gerichtstraße als größte Verbrennungsanlage Europas in Betrieb genommen. Der Friedhof Seestraße wurde zum Urnenfriedhof.

An dem schlichten Eingangsbau aus dem Jahr 1937 weist heute ein Schriftzug auf den „Städtischen Urnenfriedhof Seestraße“  hin. Hier ruhen in Ehrengräbern zahlreiche Weddinger die auf Grund ihres Widerstandes gegen das NS-Regime verfolgte und ermordet worden sind so u.a. Otto Schmirgal, Albert Kayser, Max Urich und Otto Lemm.

Gedenkstätte zum 17. Juni 1953

Wer die verschiedenen Gedenkstätten auf dem Friedhof besucht, nimmt aber meist einen anderen Eingang, nämlich den von der Seestraße auf Höhe der Malplaquetstraße. Hier führt der Weg leicht ansteigend zu einer großen Denkmalanlage für elf Todesopfer des 17. Juni 1953, die während des Ost-Berliner Aufstandes in West-Berliner Krankenhäusern behandelt wurden und dort starben. Auf dem Weg dorthin, gleich hinter dem Eingang, übersieht man schnell ein weiteres Sammelgrab:  nur die schlichte Inschrift „Hier ruhen 295 Opfer der Nationalsozialistischen Diktatur“ auf einem Findling sowie drei Bronzeplatte mit Namen verweisen auf eine andere Gedenkstätte. Um mehr zu erfahren, lohnt die Recherche beim Volksbund der Kriegsgräberfürsorge. Denn auf dessen Website erfährt man, dass unter der Rasenfläche Urnen mit der Asche von Opfern des Massenmordes an Behinderten – auch Euthanasie genannt – und KZ-Opfern begraben sind, die meist in den Jahren 1940 und 1941 in den „Anstalten“ und Konzentrationslagern Hartheim, Bernburg, Grafeneck, Sonnenstein, Hadamar-Mönchberg, Dachau und Buchenwald zu Tode kamen. Darüber hinaus sind hier Opfer aus den Zuchthäusern Plötzensee und Brandenburg beigesetzt – darunter 18 Regimegegner, die am 12. und 13. Juli 1943 in Plötzensee  hingerichtet wurden, und 39 unbekannte Frauen, die man nach der Zerstörung des berüchtigten Frauengefängnisses in der Bessemerstraße am 24. August 1943 tot auffand.

Das Denkmal für die „Opfer des 17. Juni“ wurde vor einiger Zeit durch eine zusätzliche große, gut sichtbare Tafel mit historischen Informationen ergänzt. Dass demgegenüber jeglicher Hinweis auf 295 Toten aus der Zeit des Nationalsozialismus, auf Ort und Hintergrund ihrer Ermordung fehlt, das ist eben auch ein Teil der Weddinger Geschichte.

in ähnlicher Form erschienen in der „Ecke Müllerstraße“, Ausgabe  3/2013

Autor: Eberhard Elfert

Max-Josef-Metzger-Platz: Nur scheinbar unscheinbares Grün…

Ein Blick auf die Grünanlage zwischen Gerichts- und Müllerstraße zeigt vor allem eines – nämlich den praktischen Umgang der Weddinger mit ihren Plätzen und deren Geschichte.

Trümmersäule auf dem Max-Josef-Metzger-PlatzDer Max-Josef-Metzger-Platz, wie er heute heißt, entstand ursprünglich nach Plänen des Stadtbaurates James Hobrecht im Jahre 1862. Zuvor waren die Flächen seit 1822 von einem Herrn Freundenberg landwirtschaftlich genutzt worden. In der Folge der Besiedlung des Wedding musste er allerdings zunehmend Verwüstungen auf seinem Grundstück hinnehmen: Selbst Dornenhecken, Bretterzäune, Wassergräben und Erdwälle hielten die Schüler der nahe gelegenen Schule nicht davon ab, seine Ernte zu stehlen.

Im Jahr 1875 zog dann schließlich der Magistrat das Grundstück aus ästhetischen und sanitätspolizeilichen Gründen an sich, denn die tief gelegene Fläche hatte nur noch als Auffangbecken für Abwasser gedient. Der ein Jahr später von Gartenbaudirektor Gustav Meyer angelegte Schmuckplatz galt als »Probeversuch« – zunächst wurde befürchtet, dass »die Rohheit unnützer Personen die Pflanzungen nicht zu einer gedeihlichen Entwicklung« kommen lassen würde. Diese Besorgnis war, so berichten es die Akten des damaligen Gartenbauamtes, allerdings unbegründet, denn die Haltung des Publikums hatte sich als so »zivilisiert« erwiesen wie in vornehmeren Stadtteilen.

Die Namensgebung im Jahre 1887 zum Courbièreplatz erfolgte (wie so oft zur damaligen Zeit in Berlin) nach Personen oder Ereignissen des preußischen Militarismus. Der Namensgeber Wilhelm Reinhardt de l‘Homme de Courbière (1733–1811) hatte sich als preußischer General- Feldmarschall hugenottischer Herkunft an so ziemlich allen Kriegen seiner Zeit beteiligt und sich nicht nur militärisch, sondern auch mit Zivilcourage gegen die Truppen Napoleons zur Wehr gesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (der ehemalige Schmuckplatz hatte in dieser Zeit als Müllkippe gedient) folgte schließlich eine für den Wedding der 1950er Jahre typische Umgestaltung: Die bisher nach barocken und landschaftlichen Vorbildern gestaltete Anlage mit ihren durch Gehölzstreifen gegliederten Nischen und geschwungenen Wegen wurde zum Abstandsgrün des Arbeitsamtes degradiert.

Zur Neugestaltung gehörte auch ein 12 Meter hohes Denkmal – die »Trümmersäule« von Gerhard Schultze-Seehof, die mit ihren Reliefs die damaligen politischen Vorstellungen z.B. vom Wiederaufbau Berlins, von Sklaverei, Zerstörung und Demokratie widerspiegeln sollte. Unter »Sklaverei« wurde damals übrigens nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch das politische System der DDR verstanden. Das zeigt auch das Einweihungsdatum des Denkmals im Juni 1954, womit man an den 17. Juni 1953 erinnern wollte: Beim damaligen Volksaufstand in der DDR waren Arbeiter aus dem (nördlich von Berlin gelegenen) Henningsdorf durch die Weddinger Müllerstraße in Richtung „Ostberlin“ gezogen.

Dass der Platz seit 1994 nun nicht mehr an die militärische Vergangenheit Preußens erinnert, hat allerdings weniger mit der friedliebenden Gesinnung der Weddinger zu tun: Eine Initiative, die nahegelegene Willdenowstraße nach dem Pfarrer und Kriegsgegner Max-Josef Metzger umzubenennen, war Anfang der 90er Jahre am Protest von Anwohnern gescheitert.

Die Erfahrungen des 1. Weltkrieges hatten den katholischen Priester Metzger, der seit 1939 in der Willdenowstraße lebte, zu einem überzeugten Pazifisten gemacht. Er gründete zahlreiche Friedensinitiativen auch innerhalb der Katholischen Kirche. Aufgrund seines Engagements für Ökumene und Demokratie in Deutschland wurde er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verfolgt und mehrfach verhaftet. 1943 verurteilte ihn der »Volksgerichtshof« zum Tod im Jahr 1944 wurde er hingerichtet. Das Todesurteil wurde erst vor 16 Jahren vom Berliner Landgericht wieder aufgehoben.

Doch selbst die sterblichen Überreste des einstigen Friedenskämpfers geriet zwischen die politischen Fronten: Gegen den Willen der Nazis sorgte ein katholischer Pfarrer für eine würdige Beerdigung Metzgers sowie die Überführung des Leichnams auf den St. Hedwigs-Friedhof an der Liesenstraße. Seine Totenruhe wurde allerdings schon nach wenigen Jahren wieder gestört, als an gleicher Stelle die Mauer und die dazugehörigen Sperranlagen errichtete wurden. Freunde Metzgers sorgten deshalb erneut für eine Umbettung, diesmal in das ruhige Meitingen bei Augsburg.

Auch wenn der Name Max-Josef Metzger den Weddingern heute wenig sagt – bei der Umbenennung gab es keinen Protest: Es mussten keine Briefköpfe und Visitenkarten geändert werden, denn an dem Platz wohnt niemand.

In ähnlicher Form in: ecke Müllerstraße Nr. 2 – 2013

Autor: Eberhard Elfert