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Berlin – Ukraine:
Eine Reise gegen die Ohnmacht – Teil 9

Der in Berlin Wedding lebende Fotograf Tilman Vogler berichtet von seinen Beobachtungen an der ukrainischen Grenze. In diesem Teil geht es um eine alte Eisenbahnstrecke und um die Menschen, die aus dem Krieg im verschneiten Karpatenvorland ankommen.
6. April 2022

Dienstag, 08.03.2022 und Mittwoch, 09.03.2022

Vor eini­gen Tagen hör­te ich von einem Grenz­über­gang am süd­öst­lichs­ten Zip­fel Polens, im Kar­pa­ten­vor­land auf etwa 400m. Da muss ich hin, den­ke ich mir an die­sem Diens­tag­mor­gen beim Früh­stück im Hotel in Jarosław, und kann mich auch dort für eini­ge Tage ein­schnei­en las­sen. Denn die Wet­ter­vor­her­sa­ge kün­digt an, dass es noch mal rich­tig weiß wer­den wird.

Nach einem kur­zem Zwi­schen­stopp in der 60.000-Einwohner-Stadt Prze­myśl, die inzwi­schen zu einem Zen­trum für die Ankunft und Durch­rei­se von Flücht­lin­gen vor allem aus Lwiw gewor­den ist, wird es hüge­lig. Ein Stra­ßen­schild emp­fiehlt Schnee­ket­ten. Es fol­gen Tan­nen­wäl­der, beein­dru­cken­de Aus­sich­ten, dann die Ankunft im klei­nen Dorf Krości­en­ko. Dort mie­te ich mich bei einem Ehe­paar ein, das eini­ge Zim­mer im Ober­ge­schoss anbie­tet. Krości­en­ko besteht ledig­lich aus eini­gen ver­teil­ten Gehöf­ten und ein paar Gewer­be­be­trie­ben, wie einem Säge­werk und einem Groß­han­del für Che­mie­pro­duk­te. Und dann ist da noch die Eisen­bahn­li­nie, die eini­ge Meter hin­ter mei­ner Unter­kunft ver­läuft und schein­bar still­ge­legt ist. Rund­her­um Berge.

Links: Blick aus mei­nem Zim­mer. Rechts: Star­ker Schnee­fall ent­lang der Straße.

Am nächs­ten Mor­gen wache ich früh auf. Drau­ßen ist alles weiß und es herrscht wei­ter­hin Schnee­ge­stö­ber. Warm ange­zo­gen und mit Ruck­sack lau­fe ich los in Rich­tung Osten. Bis zur Gren­ze ist es eine knap­pe hal­be Stun­de. Nach eini­gen Minu­ten ste­chen plötz­lich grel­le Far­ben aus dem Win­ter­grau her­vor: es sind die oran­ge­far­be­nen Anzü­ge von Gleis­ar­bei­tern. Zunächst sehe ich ein Schie­nen­fahr­zeug, von dem Arbei­ter Schwel­len abla­den. Eini­ge Hun­dert Meter wei­ter sind meh­re­re Dut­zend Arbei­ter damit beschäf­tigt, die alten Schwel­len auszutauschen.

Gleis­ar­bei­ter gehen auf dem Bahndamm.

Ich gehe die Stra­ßen­bö­schung hin­un­ter, klet­te­re den Bahn­damm hin­auf und spre­che die Arbei­ter an. Sie sind sehr zöger­lich mit Aus­künf­ten und einer von ihnen ver­weist dar­auf, dass ich mich hier aus Sicher­heits­grün­den nicht auf­hal­ten darf. Ich schaf­fe es jedoch einen kur­zen Moment zu blei­ben und einem von ihnen, Ste­fan, der etwas Eng­lisch spricht, ein paar Wor­te zu ent­lo­cken. Mit Beginn des Krie­ges und der Ankunft der ers­ten Flücht­lin­ge wur­de die seit lan­gem still­ge­leg­te Zug­ver­bin­dung in das nächs­te Dorf auf ukrai­ni­scher Sei­te reak­ti­viert und Men­schen wer­den schon seit Tagen mit Zügen bis zur pol­ni­schen Gren­ze gebracht. Jetzt wird die Stre­cke auf der pol­ni­schen Sei­te auf einer Län­ge von etwa 30 Kilo­me­tern bis in eine nächst­grö­ße­re Stadt wie­der fit gemacht. Dafür wer­den nicht sämt­li­che, son­dern nur alle etwa 5–7m die Schwel­len ausgetauscht.

Oben links: Gleis­ar­bei­ter bewe­gen mit einem Bag­ger­fahr­zeug den Schot­ter.
Oben rechts: Teil der Stre­cke mit neu ver­leg­ten Schwel­len.
Unten links: Eine neu ver­leg­te Schwel­le.
Unten rechts: Gleis­ar­bei­ter lösen die Schrau­ben der alten Schwellen.

Nach dem kur­zen Gespräch wird mir klar­ge­macht, dass ich hier wirk­lich nichts ver­lo­ren habe. Also gut. Ich hal­te mich an ver­trock­ne­ten Pflan­zen­hal­men fest und rut­sche den ver­schnei­ten Bahn­damm her­un­ter. Zurück auf der Stra­ße sehe ich die ers­ten par­ken­den Autos – fast alle mit ukrai­ni­schen Num­mern­schil­dern. Vie­le Flücht­lin­ge hal­ten an, nach­dem sie die Gren­ze über­quert haben, atmen einen Moment durch bzw. klä­ren das nächs­te Ziel ab. Man­che wis­sen, wohin es gehen wird, bei­spiels­wei­se zu Ver­wand­ten oder Bekann­ten irgend­wo in Polen, Tsche­chi­en oder Deutsch­land. Ande­re wis­sen nicht ein­mal, wo sie die nächs­te Nacht ver­brin­gen werden.

Neben einem Wagen steht eine jun­ge Frau, Tanya, 28. „Wir kom­men gera­de aus Lwiw, wo wir nach zwei Tagen Rei­se eine Pau­se ein­leg­ten. Nach wei­te­ren 24 Stun­den sind wir jetzt hier. Ich füh­le mich okay. Wir sind jetzt sicher. Wir, das sind mei­ne Mut­ter, die Frau mei­nes Bru­ders und ihre Schwes­ter. Mein Vater und mein Freund sind wei­ter­hin Zuhau­se im Dorf.“

Im Auto sit­zen Maria, 31, Anna, 28 und Ole­na, 54. Maria hat bis­her im Tou­ris­mus gear­bei­tet, ist auch viel in Süd­ost­eu­ro­pa rum­ge­kom­men. Sie erzählt ent­täuscht, wie frü­he­re Kol­le­gin­nen aus Russ­land der Pro­pa­gan­da Putins ver­fal­len sind. „Wir ken­nen uns teil­wei­se seit 10 Jah­ren und jetzt sagen sie zu mir: ‚Ihr atta­ckiert doch eure eige­nen Städ­te. Das sind nicht wir. Ihr denkt euch das doch aus!’“

Links: Tanya. Rechts: Ein Feu­er­wehr­mann beglei­tet ankom­men­de Flücht­lin­ge über die Grenze.

Ich fra­ge sie, ob es die­se unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven schon immer gab. „Nein, das hat sich die­ses Jahr ver­än­dert. Wir haben viel zusam­men­ge­ar­bei­tet. In Grie­chen­land und an ande­ren Orten. Sie waren nicht son­der­lich poli­tisch. Als wir damals über die Krim gere­det haben, hieß es von ihnen nur: ‚Ach, das ist Geo­po­li­tik. Natür­lich ist das euer Land. Wir wis­sen auch nicht, war­um Putin es sich ein­ver­leibt hat.’ Aber jetzt ste­hen sie voll hin­ter Putin.“

„Mei­ne Bekann­ten sind selbst in der Ukrai­ne gewe­sen, sogar im west­li­chen Teil. Sie rede­ten natür­lich Rus­sisch und hat­ten dort kei­ner­lei Pro­ble­me, son­dern wur­den im Gegen­teil sehr herz­lich emp­fan­gen. Aber jetzt erzäh­len sie vom Ras­sis­mus in der Ukrai­ne, von einer Dis­kri­mi­nie­rung rus­sisch-spre­chen­der Men­schen.“ Maria klingt enorm frus­triert; in ihrer Fami­lie wird auch Rus­sisch gespro­chen. Sie erzählt und erzählt, sodass sich ihre Stim­me manch­mal fast über­schlägt. Sie sagt, dass sie dank­bar ist, dass ich hier bin, doku­men­tie­re und ihnen zuhöre.

„Sie sehen in Russ­land teil­wei­se die glei­chen Bil­der wie wir, aber mit ande­ren Beschrei­bun­gen. Da heißt es dann: ukrai­ni­sche Trup­pen bom­bar­die­ren ihre eige­nen Städ­te. Und sie glau­ben es. Sie lesen kei­ne Nach­rich­ten aus dem Aus­land und hal­ten das für wahr, was im Fern­se­hen gesagt wird. Als ich nach den Aus­wir­kun­gen der Sank­tio­nen frag­te, mein­te eine Bekann­te, dass zwar die Prei­se etwas stie­gen, aber es nicht so schlimm sei. Das Land sei stark genug. Sie haben ja viel Gas und wenn Euro­pa der Ukrai­ne wei­ter­hin häl­fe, erhö­hen sie halt im nächs­ten Win­ter die Prei­se und Euro­pa wer­de die Sei­te wechseln.“

„Wir hän­gen hier den gan­zen Tag vor den Nach­rich­ten und ver­fol­gen, wo Bom­ben ein­schla­gen. Auch auf dem Weg hier­hin. Wir sind in Kyiv los­ge­fah­ren in Rich­tung Lwiw. Fünf Stun­den stan­den wir im Stau. Abends um 21 Uhr rea­li­sier­ten wir, dass wir seit 16 Stun­den unter­wegs waren und eine kur­ze Schlaf­pau­se brauch­ten. Also hiel­ten wir im Nir­gend­wo in einem Dorf an. Gegen 3 Uhr mor­gens hör­ten wir die Sire­nen. Wir dach­ten nur: Schei­ße, wo sol­len wir uns ver­ste­cken? Und dann hör­ten wir die Geräu­sche explo­die­ren­der Bom­ben. Am nächs­ten Mor­gen fan­den wir her­aus, dass wir genau zwi­schen den bei­den Städ­ten gehal­ten hat­ten, die bom­bar­diert wur­den. Wir hat­ten so viel Glück, dass wir nicht eine Stun­de frü­her oder spä­ter gehal­ten hatten.“

Maria, Anna und Ole­na (v.r.n.l.)

Maria und Anna schil­dern aber auch Momen­te der Mensch­lich­keit, Soli­da­ri­tät und Einig­keit. Als Maria vor kur­zem in Kyiv in einen Super­markt ging, sah sie eine wei­nen­de Ange­stell­te, umarm­te sie und rede­te ihr in moti­vie­ren­den Wor­ten gut zu „Der Krieg wird vor­bei­ge­hen. Wir wer­den gewin­nen. Alles wird gut!“ Leu­te hel­fen sich, neh­men Bekann­te und deren Haus­tie­re mit, wenn sie noch Platz im Auto haben. Es gibt die Geschich­ten über Roma, die rus­si­sche Pan­zer klau­en und der ukrai­ni­schen Armee über­ge­ben. Sie erzäh­len davon, dass vie­le Men­schen Molo­tow­cock­tails anfer­ti­gen und sagen dann lachend, dass die­se nun auch „Rus­si­an smoothie“ genannt wer­den. Sie zei­gen mir, dass es auch in die­sen schwe­ren Zei­ten Humor geben kann.

Ihr Bru­der ver­sorgt Men­schen in Bun­kern mit Essen, ein Freund trans­por­tiert Muni­ti­on zu den Wach­pos­ten. Ihr Vater habe nun end­lich auch eine Sicher­heits­wes­te bekom­men kön­nen. Men­schen schi­cken Geld. „Wir glau­ben, dass wir gewin­nen kön­nen. Im End­ef­fekt wol­len wir ein­fach leben.“

Über Selen­sky sagen sie, dass er die Wahl mit gro­ßer Zustim­mung gewann. Er kün­dig­te an, gegen das bis­he­ri­ge, kor­rup­te Sys­tem und rus­si­sche Ein­fluss­nah­me in der Regie­rung zu kämp­fen. Unter ande­rem ging Selen­sky 2021 gegen Wik­tor Med­wet­dschuk, ein Putin nahe­ste­hen­der Olig­arch und Besit­zer meh­re­rer Fern­seh­sen­der, vor. „Er ist der ers­te Prä­si­dent, der etwas für die Leu­te tut und eben auch die Ver­bin­dun­gen nach Russ­land ein­schränkt.“ Das, meint Maria, habe Putin ziem­lich wütend gemacht und in Russ­land heißt es jetzt „Selen­sky ist böse, instal­liert von Euro­pa. Er ist gegen die Men­schen und ein Monster.“

Was für sie per­sön­lich jetzt kommt, wis­sen sie nicht. Wahr­schein­lich wer­den sie zunächst eini­ge Näch­te bei Bekann­ten in Polen ver­brin­gen. Es ist unklar, wo sie danach blei­ben kön­nen. Sie sind unglaub­lich dank­bar für die Hilfs­be­reit­schaft und all die Ange­bo­te. „Wir kön­nen jetzt über­all leben, aber wir wol­len das eigent­lich gar nicht. Wir wol­len eigent­lich nur zurück. Wir soll­ten jetzt eigent­lich Pol­nisch ler­nen. Aber wir wol­len doch gar nicht da blei­ben. Das ist doch kei­ne Perspektive.“

Oben links: Flag­gen an einem Zelt.
Oben rechts: Sup­pen­kü­che.
Unten links: Ein Feu­er­wehr­mann steht auf dem mat­schi­gen Boden.
Unten rechts: Kis­ten mit fri­schen Äpfeln.

Wir ver­ab­schie­den uns und ich gehe wei­ter. Kur­ze Zeit spä­ter errei­che ich den Über­gang. Um mich her­um weiß-bepu­der­te Tan­nen und Zel­te. Schnee und Matsch am Boden. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, Grenz­be­am­te, flüch­ten­de Men­schen. Der Rauch der vie­len wär­me­spen­den­den Feu­er­ton­nen liegt in der Luft. Gele­gent­lich das Rat­tern der Maschi­nen der Schie­nen­ar­bei­ter. Ich ver­spü­re eine melan­cho­li­sche Ruhe trotz des Trei­bens um mich her­um. Gele­gent­lich tau­chen Men­schen zu Fuß oder Autos aus der Grenz­an­la­ge auf. Klein­trans­por­ter der Feu­er­wehr neh­men Men­schen aus der War­te­schlan­ge mit und brin­gen sie in die nächs­te Stadt. 

Ich lau­fe umher und blei­be immer wie­der ste­hen, beob­ach­te ein­fach. Als ich gegen­über der auf die Klein­trans­por­ter war­ten­den Men­schen ste­he, neh­me ich drei Frau­en wahr, davon eine älte­re Dame im Roll­stuhl, die eine Kat­ze auf dem Schoß hat. Ich gehe zu ihnen hin­über, weil ich die nack­ten Hän­de der alten Frau sehe und mei­nem Impuls fol­ge und ihr mei­ne Hand­schu­he anbie­te. Sie nimmt die­se dan­kend an und ich zie­he sie ihr über. Vero­ni­ka, Wita und Zhan­na sind aus Char­kiw geflo­hen und berich­ten von Rake­ten, Bom­ben, zer­stör­ten Wohn­häu­sern, feh­len­der Elek­tri­zi­tät, Bun­kern und vol­len Krankenhäusern.

Links: Vero­ni­ka, Wita, Zhan­na (v.l.n.r.)

Etwas wei­ter abseits, hin­ter den Zel­ten am Rand des Wal­des, sehe ich einen jun­gen Mann, der mit einer Schip­pe Koh­le in Kis­ten packt. Mark, 20, spricht sehr gutes Eng­lisch. Er redet von sich und den ande­ren Frei­wil­li­gen immer in der Wir-Form: „Am frü­hen Mor­gen gibt es die meis­te Arbeit, weil die Bus­se nachts nicht so häu­fig fah­ren und die Flücht­lin­ge dann teil­wei­se stun­den­lang am Ter­mi­nal gewis­ser­ma­ßen im Nie­mands­land zwi­schen den Län­dern war­ten. Dar­über sind vie­le ver­är­gert. Und sie haben ein Recht das zu sein! Aber wir geben unser Bes­tes. Wenn wir gegen 6 Uhr ankom­men, schau­en wir, was direkt am Ter­mi­nal benö­tigt wird und lie­fern Essen und Geträn­ke. Dann orga­ni­sie­ren wir so vie­le Bus­se wie mög­lich, um Men­schen wei­ter zu brin­gen und den Druck hier von dem Ort zu neh­men. Mitt­ler­wei­le läuft die Orga­ni­sa­ti­on ziem­lich gut.“

Nach knapp drei Stun­den bin ich vol­ler Ein­drü­cke. Der Schnee­fall hat nach­ge­las­sen. Ich gehe zurück ins Dorf. Vor­bei an den Gleis­ar­bei­tern, den par­ken­den Autos. Tanya, Maria, Anna und Ole­na sind mitt­ler­wei­le abgefahren.

Links: Mark. Rechts: Der Wald­rand hin­ter den Hilfszelten.

Fort­set­zung.

Bild­re­dak­ti­on: Lia­ne Geßner

Auf die­ser Sei­te haben wir ein paar Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­stellt, wie man von Ber­lin und Wed­ding aus hel­fen kann. Die Sei­te wird nach und nach befüllt.

Hier könnt ihr Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7 und Teil 8 der Serie nach­le­sen.

Tilman Vogler

Tilman Vogler lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin Wedding. Mit einem Hintergrund in Politikwissenschaften interessiert er sich für gesellschaftspolitische und persönliche Themen - am liebsten in Form von tagebuchartigen Fotoessays und Dokumentarfotografie.

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