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Berlin – Ukraine:
Eine Reise gegen die Ohnmacht – Teil 10

Der in Berlin Wedding lebende Fotograf Tilman Vogler berichtet von seinen Beobachtungen an der ukrainischen Grenze. Heute: seine Fahrt durch die Karpaten in die Slowakei, Corona-Quarantäne und nächtliche Eindrücke vom größten Grenzübergang in der Slowakei.
10. Juni 2022

Nach knapp fünf Wochen kam ich Anfang April wie­der in Ber­lin an. Zurück, über die Ber­ge Tsche­chi­ens, bei Nebel und Käl­te, noch vor dem erneu­ten Schnee. Die fol­gen­den Tage saß ich dann statt auf dem Zwei­rad an der fri­schen Luft häu­fi­ger in einem war­men U‑Bahnwagen. Ich schau­te dort in die Gesich­ter der Leu­te. All­tag hier. Ich fühl­te mich fehl am Platz.

Inzwi­schen sind zwei Mona­te ver­gan­gen und auch mich hat der All­tag längst wie­der ein­ge­holt. Der Win­ter ist vor­bei, der Früh­ling auch, der Krieg nicht. Die Nach­rich­ten dar­über sind Teil des täg­li­chen Nach­rich­ten­flus­ses gewor­den. Ich will mit euch noch ein­mal zurück in den März reisen.

Frei­tag, 11. März. Ich befin­de mich im Kar­pa­ten­vor­land in der süd­öst­lichs­ten Ecke unse­res Nach­bar­lan­des. Vom Grenz­über­gang Krości­en­ko beschlie­ße ich wei­ter­zu­fah­ren. Die Stra­ßen sind wei­test­ge­hend tro­cken, rings­her­um ist vom Schnee­ge­stö­ber der letz­ten Tage aller­dings noch viel übrig. Als ich an die­sem Mor­gen auf­wa­che, sind es drau­ßen 13 Grad unter Null. Ich packe mei­ne Sachen, rol­le im Schritt­tem­po über die ver­schnei­te Wie­se vom Grund­stück, um den kom­plett ver­eis­ten Feld­weg zu ver­mei­den. Geschafft, Gepäck auf­la­den und los. Im nächs­ten Dorf sehe ich am Hang eine Ski­pis­te. Mich irri­tiert die­ser Anblick aus einer ande­ren Welt, einer Welt der Nor­ma­li­tät, ja gar des Spaßes.

Ver­schnei­te Land­schaft in den pol­ni­schen Karpaten.

Krości­en­ko wird mein vor­erst letz­ter Stopp in Polen gewe­sen sein. Die Slo­wa­kei liegt vor mir. Trotz des Wet­ters will ich es über eine kür­ze­re Rou­te quer durch die Kar­pa­ten ver­su­chen. Es geht auf und ab und dann vor allem hoch. Die Luft wird käl­ter. Solan­ge ich auf Land­stra­ßen zwi­schen Fel­dern fah­re – kein Pro­blem. Sobald ich aber durch Wald­stü­cke kom­me, muss ich ziem­lich auf­pas­sen und die Geschwin­dig­keit redu­zie­ren. Hier kommt die Son­ne um die­se Jah­res­zeit noch kaum durch und immer wie­der sind Stra­ßen­ab­schnit­te vereist.

Mit­ten im Nir­gend­wo in einem magisch-schö­nen Tan­nen­wald ste­he ich auf ein­mal vor einer Eis­flä­che. Ich stei­ge ab, tas­te mich zu Fuß eini­ge Meter vor: kei­ne Chan­ce. Gele­gent­lich brau­sen Autos an mir vor­bei, aber auf zwei Rädern wäre das ver­rückt. Ich dre­he um und fah­re einen gut halb­stün­di­gen Umweg bis in die Slowakei.

Die nächs­ten Tage las­sen sich kurz zusam­men­fas­sen: Hals­schmer­zen, Schnup­fen und ein posi­ti­ver Schnell­test. Qua­ran­tä­ne in der klei­nen Stadt Svid­ník. Zunächst ver­brin­ge ich einen Abend mit Momen­ten des Unbe­ha­gens. Was, wenn es trotz Boos­ter doch nicht so mild ver­läuft? Und müs­sen es tat­säch­lich zehn Tage Iso­la­ti­on sein, wie ich auf der Web­sei­te des slo­wa­ki­schen Gesund­heits­amts nachlese?

Links: Hotel­ch­ar­me (Foto vom 07.03.2022).
Oben rechts: Grü­ße von der Hotel­mit­ar­bei­te­rin Maria am zwei­ten Tag nach dem posi­ti­ven Test.
Unten rechts: Maria, die Eng­lisch spricht und mich mit ihrem Team wäh­rend mei­ner Qua­ran­tä­ne versorgt.

Am Mor­gen dann schon bes­se­re Nach­rich­ten bei einem Tele­fo­nat mit dem Gesund­heits­amt: die Web­sei­te ist noch nicht aktua­li­siert und fünf Tage Iso­la­ti­on rei­chen – vor­aus­ge­setzt die Sym­pto­me sind weg. Ich bin beru­higt. Das hal­te ich durch, auch wenn es wahr­lich Schö­ne­res gibt als in einem frem­den Land allei­ne in einem Hotel­zim­mer fest­zu­ste­cken. Die kom­men­den Tage ver­brin­ge ich mit Lesen, Schrei­ben, Schau­en. Das Team des Hotels umsorgt mich mit Essen und Geträn­ken. Dane­ben hal­ten mich vie­le Gesprä­che mit Fami­lie und Freun­den bei Lau­ne und die Zeit geht tat­säch­lich halb­wegs zügig rum.

Als mein Test knapp eine Woche spä­ter nega­tiv aus­fällt, schwin­ge ich mich wie­der auf mein Motor­rad und fah­re wei­ter in Rich­tung ukrai­ni­sche Gren­ze. Ich bin ver­ab­re­det mit einer Bekann­ten. Daria kommt ursprüng­lich aus der Ukrai­ne, lebt seit vie­len Jah­ren in Isra­el und ist vor über einer Woche mit zwei Freun­den gekom­men, um zu hel­fen. Ihre Eltern haben es bereits außer Lan­des geschafft, eini­ge Freund*innen auch, ande­re sind noch in der Ukrai­ne. Wir sit­zen am spä­ten Nach­mit­tag zusam­men bei einer Tas­se Tee und ich mer­ke, wie gut es tut mich mit jeman­dem zu unter­hal­ten, die ich ken­ne und mit der ich gemein­sam über die­se Situa­ti­on und die Wahr­neh­mung als „von außen Kom­men­der“ reden kann. Sie hilft jeden Tag an der Gren­ze aus. Da momen­tan so vie­le Frei­wil­li­ge tags­über vor Ort sind, haben sie und ihre Freun­de sich bereit erklärt Nacht­schich­ten zu über­neh­men. Ich beglei­te sie an die­sem Abend.

Links: Daria steht im Ein­gang des Zelt der Pfadfinder*innen. Rechts: Dut­zen­de war­ten­de Lkw, die in Kür­ze in die Ukrai­ne fahren. 

Es ist Don­ners­tag, 17. März, kurz vor 21 Uhr. Am Über­gang ange­kom­men fol­ge ich den Drei­en zunächst in ein gro­ßes Zelt. Neben Poli­zei, Feu­er­wehr und Grenz­schutz sind es hier am größ­ten slo­wa­kisch-ukrai­ni­schen Über­gang in Vyš­né Neme­cké Pfadfinder*innen, die einen erheb­li­chen Teil der Ver­ant­wor­tung über­nom­men haben und die Schich­ten und Abläu­fe der Helfer*innen orga­ni­sie­ren. Zunächst wer­den alle Frei­wil­li­gen bei ihrer Ankunft regis­triert und es wird erklärt, wie man sich im Fal­le des Fal­les zu ver­hal­ten hat. Ich erfah­re, dass es in der Nähe einen Flug­platz gibt, der ein poten­zi­el­les Angriffs­ziel der rus­si­schen Armee dar­stel­len könn­te. Also müs­sen alle Fahr­zeu­ge an bestimm­ten Stel­len und in eine Rich­tung geparkt wer­den. Bei Alarm darf man nicht intui­tiv ins Lan­des­in­ne­re fah­ren, son­dern an der Gren­ze ent­lang – weg vom Flug­platz. Der Krieg fühlt sich mal wie­der ganz nah an.

Oben links: Ein Beam­ter regelt den Ver­kehr.
Oben rechts: Frei­wil­li­ge emp­fan­gen eine Mut­ter mit fünf Kin­dern.
Unten links: Kate, 22, koor­di­niert die Arbeit der Frei­wil­li­gen.
Unten rechts: Ein Feu­er­wehr­mann dreht in der Kapel­le den Heiz­strah­ler auf.

Ich ver­fol­ge das Gesche­hen vor Ort. Es herrscht nicht viel Betrieb, aber immer wie­der kom­men klei­ne­re Grup­pen von Men­schen über die Gren­ze, eini­ge im Auto, die meis­ten zu Fuß. Sie wer­den von Helfer*innen emp­fan­gen, die ihnen die ver­schie­de­nen Optio­nen erklä­ren. Es gibt Arm­bänd­chen in zwei Far­ben: grün für die­je­ni­gen, die direkt wei­ter­rei­sen und zum Bahn­hof möch­ten. Blau für die, die erst ein­mal eine Pau­se brau­chen und eine oder meh­re­re Näch­te in der Erst­auf­nah­me­stel­le ver­brin­gen möch­te. Die Flücht­lin­ge kön­nen sich anschlie­ßend auf­wär­men, etwas trin­ken und essen. Auch ein Zelt mit gebrauch­ter Klei­dung gibt es, sowie eine klei­ne Kapel­le. Dar­auf­hin wer­den die meis­ten Ankom­men­den mit den bereit­ste­hen­den Bus­sen in die nächst­grö­ße­re Stadt Mich­alov­ce gebracht.

Oben: Ein Kind sucht sich einen Schal aus.
Mit­te links: Ein Feu­er­wehr­mann raucht nach dem Essen eine Ziga­ret­te.
Mit­te rechts: Ein Bus mit offe­nen Gepäck­klap­pen steht bereit.
Unten: Will­kom­men.

Ich schlen­de­re umher und beob­ach­te. Eine Mut­ter mit fünf Kin­dern wird schnell nach ihrer Ankunft in das Zelt mit Klei­dung geführt. Sie sind alle viel zu dünn ange­zo­gen und sind froh, als sie mit dicken Jacken, Müt­zen und Schals ver­sorgt wer­den. Ein Feu­er­wehr­mann dreht in der Kapel­le den Heiz­strah­ler auf, bevor eine klei­ne Grup­pe hin­ein­geht. Ich sehe Lkw- und Transporter-Fahrer*innen, die auf die Über­que­rung war­ten oder gera­de ankom­men. Immer wie­der dröh­nen­der Moto­ren­lärm und Staub­wol­ken. Dazwi­schen Ankunfts­sze­nen. Men­schen ohne Ori­en­tie­rung, Men­schen mit einem schein­ba­ren Ziel, Sze­nen des Wiedersehens.

Ich wer­de immer müder und die Käl­te lässt sich auch mit Bewe­gung und hei­ßem Tee kaum noch igno­rie­ren. Gegen Mit­ter­nacht packe ich mei­ne Sachen und fah­re bei Tem­po 30 zurück zu mei­nem Hotel. Zunächst vor­bei an einer lan­gen Schlan­ge war­ten­der Last­wa­gen. Dann ein­sam über Stra­ßen, durch Wäl­der, in einer mir frem­den Umgebung.

Kurz nach die­sem Erleb­nis rief mich Ber­lin und ich mach­te mich auf den Rück­weg knap­pe 1000km nach Hause.

Text­re­dak­ti­on & Bild­re­dak­ti­on: Lia­ne Geßner

Auf die­ser Sei­te haben wir ein paar Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­stellt, wie man von Ber­lin und Wed­ding aus hel­fen kann. Die Sei­te wird nach und nach befüllt.

Hier könnt ihr Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8 und Teil 9 der Serie nach­le­sen.

Tilman Vogler

Tilman Vogler lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin Wedding. Mit einem Hintergrund in Politikwissenschaften interessiert er sich für gesellschaftspolitische und persönliche Themen - am liebsten in Form von tagebuchartigen Fotoessays und Dokumentarfotografie.

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