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Berlin – Ukraine:
Eine Reise gegen die Ohnmacht – Teil 7

Der in Berlin Wedding lebende Fotograf Tilman Vogler berichtet von seinen Beobachtungen an der ukrainischen Grenze. Heute beschreibt er Erlebnisse an weiteren Grenzübergängen und schildert, was diese Bilder bei ihm auslösen.

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Sonntag, 06.03.2022

Nach dem Tref­fen mit Janusz geht es für mich am spä­ten Vor­mit­tag wei­ter Rich­tung Süden. Heu­te steht wie­der ein Rei­se­tag an. Ich glei­te über Land­stra­ßen, die Gren­ze immer eini­ge Hun­dert Meter bis weni­ge Kilo­me­ter zu mei­ner Lin­ken. Nach etwa einer Stun­de gelan­ge ich zum Über­gang Dołho­by­c­zów-Uhrynów. Ich par­ke, lau­fe umher und fra­ge mich, war­um ich das eigent­lich noch mache. Sind es nicht doch wie­der die glei­chen Bil­der? War­um pend­le ich von Orten im Lan­des­in­ne­ren, von einer Art Nor­ma­li­tät, immer wie­der zurück zu den Stel­len, wo all die Men­schen ankom­men? Wird das mitt­ler­wei­le eine Art Selbst­zweck? Was erhof­fe ich noch zu sehen? Ist das nicht absurd?

Links: Eine Frau hält ihren Rei­se­pass. Rechts: Men­schen sind soeben auf der pol­ni­schen Sei­te angekommen.

Mich beglei­tet seit dem Auf­bruch zu mei­ner Rei­se die­ses Unbe­ha­gen. Ver­ur­sacht durch das Wis­sen dar­über, in wel­cher pri­vi­le­gier­ten Lage ich mich befin­de. Ich hat­te die Frei­heit, mich in Ber­lin auf mein Motor­rad zu set­zen und hier­hin zu fah­ren. Und ich habe jeder­zeit die Wahl den Ort zu wech­seln und mich der Situa­ti­on irgend­wie ent­zie­hen zu kön­nen. Die Men­schen, die hier über die Gren­ze kom­men, haben nicht bewusst gewählt hier zu sein. Sie haben sich für die Flucht vor Gewalt, vor dem Tod ent­schie­den und lan­den hier.

Am Ende ist es so, dass ich als Foto­graf immer auf der Suche bin nach Moti­ven, die die­se Kri­se zei­gen, anders zei­gen. Auch fällt es mir in man­chen Momen­ten schwer zu glau­ben, dass die Men­schen wirk­lich an allen Punk­ten über die Gren­ze strö­men. Ich will unbe­wusst eine Bestä­ti­gung dafür und es doku­men­tie­ren. Ich weiß ja, dass es so ist und kann es doch nicht fassen.

Oben links: Feld­kü­che.
Oben rechts: Tel­ler lie­gen zur Aus­ga­be bereit. Fehlt nur noch die Wurst.
Unten: Mops mit Jacke.

Ich neh­me ankom­men­de und war­ten­de Men­schen wahr. Sehe zwei Trans­por­ter, einer mit deut­schem, einer mit ukrai­ni­schem Kenn­zei­chen, Kof­fer­raum an Kof­fer­raum geparkt. Hilfs­gü­ter wer­den umge­la­den. Rei­fen­spu­ren auf der Wie­se. Ukrai­ni­sche Päs­se. Kin­der hal­ten sich die Ohren zu, als ein Kran­ken­wa­gen mit Sire­ne vor­bei­fährt. Zwei Frei­wil­li­ge schnap­pen sich die blau-gel­be Flag­ge von ihrem Auto und posieren.

Oben: Güter wer­den umge­la­den.
Mit­te: Kin­der hal­ten sich die Ohren zu.
Unten: Zwei Frei­wil­li­ge posieren.

Als ich wei­ter­fah­re, kom­me ich vor­bei an einem mit Sträu­chern über­wach­se­nen Fried­hof, pas­sie­re noch halb zuge­fro­re­ne Wei­her, eine ver­las­se­ne Tank­stel­le, die wie für ein Film­set gemacht scheint. Dann wie­der nichts als Fel­der und Wäl­der. Das graue Win­ter­licht lässt nur so viel Sät­ti­gung zu, wie es der Stim­mung entspricht.

Oben links: Bewach­se­ner Fried­hof.
Oben rechts: Teil­wei­se gefro­re­ner Wei­her.
Unten: Ver­las­se­ne Tankstelle.

Nächs­ter Stopp ist Hre­ben­ne. Hier, einen Kilo­me­ter vor der Gren­ze: auch wie­der ein Poli­zei-Check­point, die Fra­ge, wo man hin will, dann pro­blem­lo­ses Durch­las­sen. Hre­ben­ne ist einer der grö­ße­ren Über­gän­ge. Ich stel­le mein Motor­rad ab und lau­fe an den Zel­ten am Ran­de eines Ackers vor­bei einen Hügel hin­auf. Von dort sehe ich in der Fer­ne die Auto- und Men­schen­schlan­gen auf der ukrai­ni­schen Sei­te. Es gibt vie­le Geflüch­te­te, die zu Fuß unter­wegs sind. Stun­den­lan­ges War­ten in der Kälte.

Links: Sta­nis­law. Rechts: Hin­ter­an­sicht von Zelten.

Ich gehe ein wenig umher, bemer­ke Sta­nis­law, der mit einer Kis­te vor dem Bauch Süßig­kei­ten ver­teilt. Er ist 16 Jah­re, kommt aus War­schau, ist vor weni­gen Stun­den ein­ge­trof­fen. Er bleibt zwei Tage. „Es ist ein gutes Gefühl, dass hier so vie­le Leu­te sind und mit­hel­fen“, sagt er. Ich kom­me noch ins Gespräch mit zwei Bran­den­bur­gern, die hier sind, um Bekann­te abzu­ho­len. Kurz bevor ich mich wie­der auf­ma­che, sehe ich im Tru­bel ein Auto mit ukrai­ni­schem Kenn­zei­chen und dane­ben offen­bar Vater und Sohn. Der Jun­ge packt sein Saxo­phon aus. Er sitzt nicht ver­ängs­tigt in irgend­ei­ner U‑Bahnstation oder in einem Kel­ler, son­dern setzt sich das Instru­ment an den Mund und fängt an zu spielen.

Jun­ge mit Saxophon.

Fort­set­zung

Bild­re­dak­ti­on: Lia­ne Geßner

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Hier könnt ihr Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6 der Serie nach­le­sen.

Tilman Vogler

Tilman Vogler lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin Wedding. Mit einem Hintergrund in Politikwissenschaften interessiert er sich für gesellschaftspolitische und persönliche Themen - am liebsten in Form von tagebuchartigen Fotoessays und Dokumentarfotografie.

2 Comments

  1. Lie­ber Tilman,
    es freut mich, dass ich auf die­sem Weg etwas von Dei­ner Arbeit, Dei­nem Enga­ge­ment mit­be­kom­me. Bin tief beein­druckt davon, dass Du ‚ein­fach‘ los­ge­fah­ren bist und tust, was Du emp­fin­dest tun zu kön­nen, tun zu müs­sen. Ja, sol­che authen­ti­schen Bil­der mit Dei­nen per­sön­li­chen Kom­men­ta­ren sind was ganz ande­res als Fotos in Zei­tun­gen und Gazet­ten . Ich fin­de, da kommt viel mehr rüber. Dan­ke dass Du mich teil­ha­ben lässt auf die­se Weise.

    Wann wird Dei­ne Rei­se enden? Phy­sisch und see­lisch? Ich hof­fe es tut Dir gut bei allem Leid das Du so haut­nah an Dich her­an lässt, ein­fach weil Du es an Dich her­an­lässt und nicht abstreifst wie es die meis­ten tun. Meis­tens aus guten, Grün­den um sich zu schüt­zen. Vor der Ohn­macht. Vor der Über­for­de­rung. – Und doch tun gera­de jetzt vie­le Men­schen etwas um etwas bei­zu­tra­gen zu einer soli­da­ri­sche­ren und fried­li­che­ren Welt. ….
    Ges­tern traf ich eine Grup­pe Radfahrer*innen, sport­lich unter­wegs mit blau-gel­ben Schleif­chen am Sat­tel auf einer Spon­so­ren­tour für Hilfs­gü­ter in die Ukrai­ne. Rüh­rend und gut. In einer Gemein­schaft etwas zu tun gibt Kraft und Bestätigung.
    Kraft und Bestä­ti­gung holst Du aus den zahl­rei­chen Begeg­nun­gen unter­wegs. Auch aus der mit Dir selbst offen­bar. Raus aus der Sprach­lo­sig­keit zu kom­men ist das Eine. Ande­ren, die eine sol­che Rei­se nicht machen, Teil­ha­be zu ermög­li­chen das Ande­re. Und sicher moti­viert das Mit-Erle­ben auch die eine oder den ande­ren dazu, sich sozi­al und poli­tisch für den Weg in einen sta­bi­len Frie­den zu engagieren.
    Mei­ne herz­li­chen Grüß in Rich­tung Osten mögen Dich erreichen.
    Komm heil wie­der zurück!
    Sibylle

    • Hal­lo Sibylle,
      dan­ke dir für dei­ne Worte.
      Ja, irgend­et­was zu tun nimmt schon ein­mal die­ses Gefühl der Ohn­macht weg. Und ich glau­be / hof­fe auch über die­se Art der per­sön­li­chen Erzäh­lung mehr Men­schen direkt errei­chen und etwas bewe­gen zu können.
      Aber die Erfah­run­gen sind in jedem Fall auch sehr inten­siv und anstren­gend. Tat­säch­lich neh­me ich mir gera­de eine Aus­zeit bzw. las­se die Tour lang­sam ausklingen.
      Ein paar Berich­te kom­men aber noch.
      Grü­ße zurück in den Westen!

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