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Berlin – Ukraine:
Eine Reise gegen die Ohnmacht – Teil 3

Der in Berlin Wedding lebende Fotograf Tilman Vogler berichtet von seinen Beobachtungen an der ukrainischen Grenze. Im heutigen Teil gelangt er durch eine Begegnung in einer Kleinstadt zu einer Erst-Aufnahmeeinrichtung und trifft die Menschen dort. Ebenso spricht er mit zwei in Deutschland lebenden Ukrainern, die mit ihrem Transporter voller Hilfsgüter gekommen sind.

Hier könnt ihr Teil 1 und Teil 2 der Serie nach­le­sen.

Tag 5 – Donnerstag, 03.03.2022

Nach dem gest­ri­gen sehr inten­si­ven Tag weiß ich gar nicht so recht wohin mit mir. Ich wer­de nicht wie­der zur Gren­ze fah­ren, denn ich ver­mu­te, die Situa­ti­on und Bil­der ähneln sich – und manch­mal ist es tat­säch­lich eine ziem­li­che Kunst, Blick und Ohren nach vor­ne, hin­ten und zu den Sei­ten zu rich­ten, um den Leu­ten nicht im Weg zu ste­hen. Doch auch heu­te wird es wie­der dazu kommen.

Links: Soli­da­ri­täts­be­kun­dung in der Hotel­lob­by. Rechts: Eine ukrai­ni­sche Fami­lie über­prüft den Motor­raum kurz vor der Weiterfahrt.

Ich neh­me mir vor, in die nächst­grö­ße­re Stadt Chełm zu fah­ren und mich dort am Bahn­hof und nach Erst­auf­nah­me­zen­tren umzu­schau­en. Auf dem Weg dort­hin hal­te ich in der Klein­stadt Rejo­wiec an. Den Namen fin­de ich erst spä­ter her­aus, denn der ein­zi­ge Grund für den Halt ist die Tat­sa­che, dass es so etwas wie einen zen­tra­len Platz mit zwei Lebens­mit­tel­ge­schäf­ten gibt. Ich betre­te das ers­te und es stellt sich her­aus, dass der Laden­in­ha­ber vie­le Jah­re in Bel­gi­en gelebt hat und eini­ge Wor­te Deutsch spricht. Ich bin froh, denn so lang­sam setzt bei mir ein Scham­ge­fühl dafür ein, dass ich auf Pol­nisch immer noch nicht mehr als Hal­lo, Tschüss und Dan­ke sagen kann.

Auf die Fra­ge nach einem Kaf­fee, der hier in sei­nem klei­nen Laden eigent­lich nicht ser­viert wird, lädt mich Mirek, Ende 50, hin­ter die The­ke ein und bie­tet mir einen Stuhl an. Wäh­rend ich an einem köst­li­chen Zwie­bel­bröt­chen und einem Stück Wurst, das er mir in die Hand drückt, knab­be­re, erzählt er von sei­nen Kin­dern. Ich berich­te ihm von mei­nem Vor­ha­ben für heu­te und er sagt: „Da brauchst du nicht nach Chełm zu fah­ren. Mein Sohn Radek arbei­tet als Frei­wil­li­ger einen Kilo­me­ter von hier.“

Mirek.

Nach einer knap­pen hal­ben Stun­de ver­ab­schie­den wir uns. Auf die Fra­ge hin, wie viel ich ihm für das Früh­stück schul­de, winkt er ab und zeigt mit Dau­men und Zei­ge­fin­ger eine Null. Er gibt mir noch sei­ne Num­mer und bie­tet mir einen Schlaf­platz an. Ich sol­le ein­fach vor­bei­kom­men, wenn nötig.

Ich fin­de das von ihm beschrie­be­ne Schul­ge­bäu­de auf Anhieb; es ist nicht zu über­se­hen bei all dem Tru­bel, den Kar­tons schlep­pen­den Helfer*innen und Fahr­zeu­gen davor. Die ers­te Per­son, die ich anspre­che, ist tat­säch­lich Mireks Sohn Radek. Wir lachen und er lädt mich ein hin­ein­zu­kom­men. In dem Moment fährt gera­de ein Bus mit Kin­dern ab. Frau­en win­ken zum Abschied. Ich fra­ge eine ande­re Frei­wil­li­ge neben mir und ver­ste­he nur: „Kin­der, Kiew, Kran­ken­haus, Flug­zeug, Hol­land, Onkologie.“

Frau­en win­ken bei der Abfahrt des Busses.

An einer Emp­fangs­ka­bi­ne direkt an der Ein­gangs­tür blei­be ich einen Moment in einer Ecke ste­hen, muss mich erst ein­mal sor­tie­ren und ver­su­che nie­man­dem im Weg zu ste­hen. Eine Frei­wil­li­ge schaut zu mir her­über, wir nicken uns zu. Als ich zu ver­ste­hen gebe, dass ich Foto­graf „z Ber­li­na“ (aus Ber­lin) bin, gibt sie mir zu ver­ste­hen, dass sie kein Deutsch spricht, sagt aber dann auf unver­kenn­ba­re Art „Ciao“. Sie spricht Ita­lie­nisch, hur­ra! Wie nicht weni­ge Men­schen aus Polen, hat sie eine Zeit in Ita­li­en gelebt und wir kön­nen uns verständigen.

Sie bit­tet ihre Kol­le­gin Ali­cia, mich durch das Gebäu­de zu füh­ren. Ali­cia erklärt ganz viel, alles auf schnel­lem Pol­nisch, aber was sie mir zeigt: dafür braucht es kei­ne Spra­che. Im Sou­ter­rain des Gebäu­des sind Räu­me bis oben hin voll mit Decken, medi­zi­ni­schen Pro­duk­ten, Baby- und Hygie­ne­ar­ti­keln, Was­ser­fla­schen, Kon­ser­ven, Zucker, Mehl. Ein Lebens­mit­tel­groß­markt wirkt dage­gen fast wie ein Witz.

Oben: Ali­cia führt mich durch das Gebäu­de.
Mit­te links: Sta­pel­wei­se Win­deln.
Mit­te rechts: Ber­ge von Was­ser­fla­schen.
Unten: Decken und Kissen.

Ich habe noch nie so vie­le Kar­tons gese­hen, wie hier in der Sport­hal­le ste­hen. Auf der einen Sei­te der Hal­le: meter­ho­he Ber­ge von Klei­dung und end­lo­se Meter voll hän­gen­der Klei­der­stan­gen. In der Mit­te der Hal­le: Dut­zen­de offe­ne Kar­tons, wo sor­tier­te Klei­dung hin­ein­kommt. Auf der ande­ren Sei­te: meter­ho­he Sta­pel mit ver­sand­fer­ti­gen Kar­tons. Ein Teil der Hal­le ist mit einer Rei­he offe­ner Kar­tons vol­ler Kin­der­spiel­zeug abge­trennt – dahin­ter Bäl­le, Bob­by­cars und spie­len­de Kinder.

Oben links: Eine Frau sor­tiert Klei­dung.
Oben rechts: Kar­tons, in denen Hilfs­gü­ter sor­tiert ver­packt wer­den.
Unten links: Blick in die Sport­hal­le.
Unten rechts: Kin­der beim Bobbycarfahren.

Es gibt eini­ge gro­ße Räu­me vol­ler Matrat­zen und vie­le Zim­mer auf meh­re­ren Eta­gen, eben­falls vol­ler Feld­bet­ten und Matrat­zen, wo nun gera­de Flücht­lin­ge leben. Ein etwa 30 Qua­drat­me­ter gro­ßer Raum fun­giert als Küche. Mit­tags wer­den hier Kar­tof­fel­pü­ree, Sauer­kraut und Würs­te ser­viert. Trotz einem unglaub­li­chen Gewu­sel geht alles ziem­lich geord­net von­stat­ten. Hört sich komisch an, aber in den Kopf kommt mir der Ver­gleich zu Amei­sen, die auf unse­ren ers­ten Blick in tota­lem Cha­os alle genau wis­sen, was sie tun und wo sie hin­wol­len und zusam­men Gro­ßes schaffen.

Ich bin heu­te über­wäl­tigt von der Menschlichkeit.

In der Küche.

Mein Gefühl sagt mir, dass hier eine geeig­ne­te Stel­le für das Ende die­ses Arti­kels wäre. Von einer Begeg­nung möch­te ich jedoch noch erzäh­len. Als ich wie­der hin­aus­ge­he, sehe ich vor den Toren auf dem Park­platz einen Miet­wa­gen mit deut­schem Kenn­zei­chen. Ich spre­che die zwei jun­gen Erwach­se­nen an: Bog­dan, 30, und Wadim, 35, bei­de in Sla­wu­ta, Ukrai­ne, gebo­ren, sind aus Bux­te­hu­de gekom­men. Sie leben schon lan­ge in Deutsch­land, haben über Insta­gram einen Spen­den­auf­ruf gestar­tet und sind mit einer gro­ßen Ladung Hilfs­gü­ter gekom­men. Sie haben so viel Unter­stüt­zung bekom­men, dass zu Hau­se noch zwei Sprin­ter stehen.

Nun war­ten sie auf ihren Kon­takt, mit dem die Güter über die Gren­ze gelan­gen wer­den. Die­ser hat die Papie­re, dass er Frei­wil­li­ger ist und kann damit pro­blem­los in die Ukrai­ne. Was nicht in sein Auto passt, geben sie in der Auf­nah­me­stel­le ab. Bog­dan sagt: „Uns ist wich­tig, dass die Sachen in die Ukrai­ne gelan­gen. Für die Leu­te, die es am nötigs­ten haben. Ich fin­de, die Leu­te, die jetzt hier in Polen sind, sind halb­wegs geret­tet.“ Wadim beschreibt, wie ihn die Nach­rich­ten nicht los­las­sen: Hun­der­te Meter lan­ge Schlan­gen an Geschäf­ten, vie­le lee­re Rega­le. Er hat gehört, dass ein Brot umge­rech­net schon fünf Euro kos­tet. Die Bil­der von U‑Bahnstationen vol­ler Men­schen, von Gebur­ten und jun­gen Müt­tern, deren Kör­per kei­ne Milch gibt. „Die brau­chen dann doch die­ses Pul­ver“, sagt er.

Wadim und Bogdan.

Sie erzäh­len kopf­schüt­telnd von einem rus­si­schen Freund, der immer noch glau­be, dass Putin die Ukrai­ne von Nazis befreie, dass alles die Schuld der NATO sei. Sie spre­chen in einem ruhig-ent­setzt-resi­gnier­ten und nicht mehr über­rasch­tem Ton von der rus­si­schen Staats­pro­ga­gan­da. Sie erzäh­len davon, wie es man­chen rus­si­schen Men­schen und vor allem kaum 20-jäh­ri­gen Sol­da­ten nach Jah­ren der „Wir sind die Befreier“-Erzählung schwer­fal­len muss zu glau­ben, dass nun „die klei­ne Ukrai­ne“ so viel Wider­stand leis­ten kann.

Ich las­se Bog­dan spre­chen: „ Wir fah­ren jedes Jahr mehr­mals zu unse­rer Fami­lie. Wie sah das Land vor 2014 aus? Zer­schla­ge­ne Stra­ßen, Kor­rup­ti­on ohne Ende. Die Leu­te hat­ten die Schnau­ze voll. Bis dahin stan­den wir doch qua­si unter dem Regime Putins. Es wur­de doch nie­mand gezwun­gen, auf den Mai­dan zu gehen von irgend­wel­chen Nazis, der US-Regie­rung oder sonst wem. Die meis­ten Men­schen haben Polen, Deutsch­land oder die EU als Vor­bild und fra­gen sich: War­um kön­nen wir uns nicht in die­se Rich­tung ent­wi­ckeln, was spricht dagegen?“

Wie so vie­le haben auch sie es nicht für mög­lich gehal­ten, dass geschieht, was nun Rea­li­tät ist. Wadim erzählt, dass er im Janu­ar noch eine Woh­nung in Kiew gekauft hat – ohne schlech­tes Gewis­sen. „Und dann das!“

zu Teil 4

Bild­re­dak­ti­on: Lia­ne Geßner

Wenn ihr Til­man für die Deckung der Kos­ten und die kom­men­de Arbeit etwas unter­stüt­zen möch­tet: PayPal

Auf die­ser Sei­te haben wir ein paar Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­stellt, wie man von Ber­lin und Wed­ding aus hel­fen kann. Die Sei­te wird nach und nach befüllt.

Hier könnt ihr Teil 1 und Teil 2 der Serie nach­le­sen.

Tilman Vogler

Tilman Vogler lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin Wedding. Mit einem Hintergrund in Politikwissenschaften interessiert er sich für gesellschaftspolitische und persönliche Themen - am liebsten in Form von tagebuchartigen Fotoessays und Dokumentarfotografie.

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