Lesermeinung: Zu weite Wege für Senioren?

Unse­re Lese­rin lebt seit Som­mer 2017 im Brüs­se­ler Kiez. Als noch berufs­tä­ti­ge Senio­rin fiel ihr auf, dass es mit­ten im Vier­tel für die älte­ren Kiez­be­woh­ner kei­nen geeig­ne­ten Ort gibt, an dem man sich tref­fen und aus­tau­schen könn­te. Die nächs­ten Senio­ren­treffs sind alle zu weit, um sie bequem zu Fuß zu errei­chen. Gibt es über­all im Wed­ding genü­gend Treff­punk­te für Senioren? 

Brüsseler Kiez: raue Schale, gemütlicher Kern

Antwerpener Str Ecke Brüsseler Str
Ant­wer­pe­ner Str. Ecke Brüs­se­ler Str.

Wer aus Köln kommt, kennt das dor­ti­ge “Bel­gi­sche Vier­tel” eher als Aus­geh­mei­le. Nicht ganz so aus­ge­prägt ist das in Ber­lin: das nach bel­gi­schen Städ­ten und Regio­nen benann­te Wed­din­ger Vier­tel besitzt eine schö­ne Alt­bau­sub­stanz aus der Zeit vor dem ers­ten Welt­krieg und aus der Zwi­schen­kriegs­zeit, ein paar schö­ne Knei­pen und die Vaga­bund-Braue­rei gibt es auch. Lei­der wirkt es an man­chen Stel­len aber etwas ver­nach­läs­sigt. Eine Bür­ger­initia­ti­ve küm­mert sich seit Jah­ren dar­um, den Kiez wie­der nach vor­ne zu brin­gen und aus dem Schat­ten der benach­bar­ten Vier­tel zu holen. Denn das Poten­zi­al ist enorm: mit der Beuth-Hoch­schu­le, dem Wochen­markt in der Gen­ter Stra­ße (mitt­wochs und sams­tags) und sei­ner schö­nen Bau­sub­stanz hat der Brüs­se­ler Kiez gute Chan­cen, ein äußerst attrak­ti­ves Wohn­ge­biet in zen­tra­ler Lage zu wer­den. Die Grün­an­la­ge auf dem Zep­pe­lin­platz in der Mit­te des Vier­tels wur­de 2016/17 mit För­der­gel­dern radi­kal umge­stal­tet und auf­ge­hübscht. Ein gro­ßer Spiel­platz zieht vie­le gro­ße und klei­ne Wed­din­ger an.

Blick auf bunte Häuserfassaden

Wich­ti­ge wis­sen­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Ein­rich­tun­gen gehö­ren aber auch zum Brüs­se­ler Kiez: dort oder in unmit­tel­ba­rer Nähe befin­den sich näm­lich das Deut­sche Insti­tut für Zuckerfor­schung mit dem Zucker-Muse­um (2012 geschlos­sen), das 1923 gegrün­de­te Anti-Kriegs-Muse­um, die Kran­ken­haus­stadt Cam­pus Cha­ri­té Virchow-Kli­ni­kum, das bun­des­weit bekann­te Robert-Koch-Insti­tut und das Insti­tut für Gärungs­ge­wer­be und Biotechnologie.

Robert Koch Insti­tut an der Seestraße

Klar abgegrenztes Viertel mit Beuth-Hochschule

Ver­gleichs­wei­se spät ist die­ses Vier­tel bebaut wor­den. Eine ers­te Bau­pha­se war die Zeit um das Jahr 1900, als die typi­schen Miets­ka­ser­nen rund um die Brüs­se­ler Stra­ße hoch­ge­zo­gen wor­den. Die Kaper­naum­kir­che, die ursprüng­lich an einem klei­nen Platz ste­hen soll­te, ist heu­te in die Ecke Ant­wer­pe­ner Stra­ße des Bou­le­vards See­stra­ße inte­griert. Mit ihrer For­men­spra­che knüpft die 1902 fer­tig­ge­stell­te Kir­che an roma­ni­sche Sakral­bau­ten im Rhein­land an. Die See­stra­ße selbst ist Teil der Ber­li­ner Ring­stra­ßen, die von Peter Joseph Len­né 1841 geplant wur­den. Mit ihrem brei­ten Mit­tel­strei­fen, in dem auch die ein­zi­ge im West­teil Ber­lins ver­keh­ren­de Stra­ßen­bahn­stre­cke ver­läuft, ist sie eine der ver­kehrs­reichs­ten und brei­tes­ten Stra­ßen im Nor­den der Stadt. Der Abschnitt der See­stra­ße, der an den Brüs­se­ler Kiez grenzt, erhält durch die geschlos­se­ne Bebau­ung aus der Kai­ser­zeit einen beson­ders groß­städ­ti­schen Charakter.

In einer zwei­ten Bau­pha­se wur­de das Gebiet rund um den Zep­pe­lin­platz bebaut. Mit dem heu­ti­gen Haus Beuth, 1909 von Lud­wig Hoff­mann erbaut, steht ein beein­dru­cken­des Schul­ge­bäu­de für den ältes­ten Teil der Tech­ni­schen Fach­hoch­schu­le, heu­te die Beuth-Hoch­schu­le mit immer­hin 12.000 Studierenden.

Rund um die­sen einen gan­zen Block ein­neh­men­den Gebäu­de­kom­plex sind in den 1920er Jah­ren zahl­rei­che Anla­gen des sozia­len Woh­nungs­baus ent­stan­den. Eine Wohn­an­la­ge der glei­chen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft besteht aus vier sehr unter­schied­lich gestal­te­ten Blö­cken. Dort lebt es sich, trotz der unmit­tel­ba­ren Nähe einer Fach­hoch­schu­le und umrahmt von wich­ti­gen Haupt­ver­kehrs­stra­ßen, über­ra­schend ruhig und grün. Das Brüs­se­ler Vier­tel ist ein leben­di­ger und über­schau­ba­rer Kiez mit­ten in der Groß­stadt, in dem es sich ganz gut leben lässt. Ins­ge­samt ist das Vier­tel “nor­mal” geblie­ben – und das ist ja auch schon etwas.

 

Weddinger Freiheiten: Als die Kirche besetzt war

Auf den Stellwänden geht es um die Geschichte im Wedding und um soziales Engagement. Fotos: Andrei Schnell
Auf den Stell­wän­den geht es um die Geschich­te im Wed­ding. Fotos: And­rei Schnell

Ja, das waren noch Zei­ten! Als ein paar laut­star­ke Außen­sei­ter ver­kün­de­ten, die Ste­pha­nu­s­kir­che sei jetzt besetzt. Wobei sie mit Beset­zung mein­ten, das Kir­chen­haus gehö­re jetzt ihnen und nicht mehr der amt­li­chen Kir­che. Aus heu­ti­ger Sicht ist das unvor­stell­bar. Und noch viel erstaun­li­cher wirkt heu­te, dass damals nicht als ers­tes nach dem Sicher­heits­dienst geru­fen wur­de. Nach­zu­le­sen ist die­se Epi­so­de der Kir­chen­be­set­zung auf einer von zwölf Stell­wän­den der Wan­der­aus­stel­lung „Wed­din­ger Frei­hei­ten“, die der­zeit in der St.- Paul-Kir­che in der Bad­stra­ße 50 zu sehen ist.

Zeppelinplatz: Aus “abweisend” mach “einladend”…

Zeppelinplatz KunstwerkDem Zep­pe­lin­platz fehlt es an Auf­ent­halts­qua­li­tät. Die Grün­an­la­ge erscheint wenig ein­la­dend und die angren­zen­de Lim­bur­ger Stra­ße wirkt wegen der Viel­zahl an Stell­plät­zen unge­ord­net und bil­det eine Bar­rie­re zwi­schen der Grün­flä­che und dem Cam­pus der Beuth-Hoch­schu­le. Jetzt stel­len drei Pla­nungs­bü­ros ihre Kon­zep­te für den Zep­pe­lin­platz vor.