Mieter bei Vonovia im Wedding verbünden sich

Liebenwalder Str. 5

Im Wedding schließen sich nun Vonovia-Mieter zusammen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Denn auch hier geschieht, was bundesweit berichtet wird. Vonovia-Mieter haben es nicht leicht. So hat der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff bei RTL das „System Vonovia“ unter die Lupe genommen. Auch deshalb glauben immer mehr Menschen, dass es bei der Wohnungsgesellschaft Vonovia nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Auch „Spiegel Online“ fragte sich bereits: Bereichert sich Vonovia an seinen Mietern? Im Wedding wehren sich jetzt Mieter.

Reinickendorfer Straße: Viel Charakter

Eine glanzlose, nicht ganz geradlinige Straße wie die Reinickendorfer verdient wie so viele Weddinger Straßen einen zweiten Blick. Die einzige Bundesstraße des Wedding (B 96) durchzieht unseren Stadtteil von Nord nach Süd genau an der 2001 recht willkürlich gezogenen Grenze zwischen Wedding und Gesundbrunnen. Doch gerade diese vermeintlich nichtssagende Straße ohne Sehenswürdigkeiten ist typisch für die Weddinger Mischung und erzählt viel vom Charakter unseres dichtbesiedelten Stadtteils.

Ex-Staatssekretär Andrej Holm im ExRotaprint

Andrej Holm erklärt den Mieterinitiativen die Gründe seines Rücktritts. Foto: Andrei Schnell

Es ist Montagabend, der 16. Januar. Im ExRotaprint in der Weddinger Gottschedstraße spricht Andrej Holm. Vor wenigen Stunden ist er von seinem Amt als Staatssekretär zurückgetreten. Vorausgegangen war eine wochenlange, öffentliche Debatte über seine Beschäftigung bei der Staatssicherheit in der DDR. Nun will er begründen, warum er zurücktrat. Aber dazu will er nicht eine Pressekonferenz nutzen, sondern er will den Moment der großen Aufmerksamkeit, die er an diesem Tag genießt, für die Mieterinitiativen nutzen. Sie erhalten an diesem Abend Öffentlichkeit. Durch ihn.

7 namhafte Weddinger Unternehmen

glaskiste exrotaprintDer Wedding war nicht nur Wohnort von Arbeitern, sondern auch ein bedeutender Produktionsstandort. Klangvolle Namen lassen sich ebenso mit dem Stadtteil verbinden wie eher lokal bekannte Firmen. Schwerpunkte der Industrie waren im südlichen Teil des Wedding, im heutigen Ortsteil Gesundbrunnen und an der See- bzw. Osloer Straße. Nördlich der Seestraße gab es hingegen so gut wie keine Industrie. Doch die Zeiten, in denen es im Wedding Arbeitsplätze in Hülle und Fülle gab, sind vorbei. Einige wenige Beispiele aus einer langen Liste – die sich noch fortsetzen ließe – reichen aus, um Glanz und Niedergang der Industrie im Wedding und in Gesundbrunnen aufzuzeigen:

„stocubo“: So flexibel wie Weddinger eben sind

(C) stocubo

Wer auf der Suche nach dem selten gewordenem Alt-Berliner Flair ist, der wird in der Gottschedstraße 4 garantiert nicht enttäuscht. Das Gelände des ehemaligen Druckmaschinenherstellers Rotaprint präsentiert sich mit der besonderen Kulisse eines Stücks hauptstädtischer Industriegeschichte. Vieles scheint provisorisch, einiges unfertig, wieder anderes wirkt irgendwie wie selbstgebaut. Und genau das macht das Gelände so sympathisch. Der Gebäudekomplex mit Denkmalstatus beherbergt neben Künstlern und Kreativen vor allem traditionelle Handwerksunternehmen wie beispielsweise den kleinen Möbelbetrieb „stocubo“ mit 15 Mitarbeitern. Jetzt gibt es in der Exerzierstr. 14 auch einen Showroom.

Buchprojekt über den Architekten der Rotaprintgebäude braucht Spenden

83-A-090100-Rotaprint GottschedstrMit einer Monographie über die Berliner Architekten Klaus Kirsten und Heinz Nather sollen jetzt zwei Architekten gewürdigt werden, die einen nahezu unbekannt gebliebenen Beitrag zur Nachkriegsmoderne geleistet haben. Die Finanzierung dieses Buchs steht allerdings noch auf tönernen Füßen – von 25.000 Euro sind noch 6.000 Euro offen. Daniela Brahm und Les Schliesser von der ExRotaprint gGmbH, die das Buchprojekt initiiert haben, rufen daher zu Spenden auf, damit das Buch im Herbst erscheinen kann.

Der Projektraum von ExRotaprint: Veranstaltungen in der Glaskiste

Nach seiner Sanierung kann der Projektraum der gemeinnützigen ExRotaprint-GmbH wieder als Veranstaltungsort genutzt werden.

Projektraum von ExRotaprintMit seinen Bauten für den Druckmaschinenhersteller Rotaprint entwarf der Architekt Klaus Kirsten in den 1950er Jahren ein Gebäudeensemble, das auch heute noch zu beeindrucken weiß. Als auf dem an der Gottsched- und Bornemannstraße gelegenen Areal noch Maschinen für den Offsetdruck hergestellt wurden, befand sich innerhalb eines Querriegels im Hof das technische Büro. Das niedrige und dennoch repräsentative Gebäude wird auch „Glaskiste“ genannt, denn im einzigen Obergeschoss erstreckt sich auf 185 Quadratmetern ein heller Raum, dessen Längsseiten aus großen Fensterflächen bestehen. Wo sich einst die Rotaprint-Ingenieure über ihre Stehpulte beugten und an ihren Konstruktionsplänen arbeiteten, befindet sich heute der Projektraum von ExRotaprint. Nachdem die Sanierung abgeschlossen wurde, kann er seit Mitte März tageweise angemietet und für Konferenzen, Workshops, Lesungen und Präsentationen genutzt werden. Stühle, Tische und Internetzugang sind vorhanden. Sollte technisches Equipment wie Beamer, Boxen und Mikrophone benötigt werden, kann es zusätzlich gemietet werden. Wer den Raum nutzen möchte, kann sich per Email an das ExRotoprint wenden. Ein Belegungsplan auf der Website zeigt die noch freien Termine an.

Website von ExRotaprint

ExRotaprint: Strahlkraft für Kunst und Gewerbe im Wedding

Das Projekt ExRotaprint steht für eine behutsame Entwicklung des Kiezes an der Reinickendorfer Straße in Berlin-Wedding. Denn die Gesellschafter der gemeinnützigen ExRotaprint-GmbH profitieren nicht von den Einnahmen des Geländes und können bei Verkauf ihrer Gesellschaftsanteile keinen Mehrwert realisieren. Dadurch kann langfristig stabil zu selbst geschaffenen Konditionen gearbeitet werden. Dass sie gerade hier bleiben und alles langfristig gestalten können, darin liegt für die Initiatoren der wirkliche Profit.

Klaus Kirsten – den Namen dieses Architekten dürften nur die wenigsten kennen. Die von ihm gebauten Häuser sind kaum bekannt, sein Lebensweg ist schwer zu rekonstruieren.  Hingegen sind die Erweiterungs- und Ergänzungsbauten der Fabrik „Rotaprint“ in Berlin-Wedding, die er als junger Architekt in den Fünfzigerjahren realisierte, umso bemerkenswerter. „Gerade die Architektur dieser Gebäude hat uns dazu inspiriert, uns hier dauerhaft zu engagieren“, sagt Daniela Brahm, Gesellschafterin der „Ex-Rotaprint“- gGmbH und zusammen mit Les Schliesser und Anna Schuster Mit-Initiatorin von ExRotaprint. Man sieht ihr auch nach zehn Jahren noch die Begeisterung für diesen einzigartigen Gebäudekomplex im Wedding an. Die Künstlerin hat ihr Atelier in einem der beiden Gebäudeteile aus den Fünfzigerjahren. „Der Eckbau an der Gottschedstraße und dieses Gebäude sind wie ungleiche Zwillinge“, findet Daniela Brahm. Das repräsentative Quergebäude hingegen, das durch seine riesige, rechteckige Glasfront beeindruckt, bietet sich für die Einbindung in die Öffentlichkeit geradezu an: „Hier könnten wir uns perspektivisch eine Art Kongresszentrum vorstellen“, sagt Daniela Brahm mit einem Augenzwinkern. Das geht bei diesem Modell nicht kurzfristig – es ist klar, dass die Sanierung der erhaltenen Fabrikgebäude nur langfristig vonstatten gehen kann: „Hier soll etwas Dauerhaftes passieren. Die Leute, die sich hier engagieren, wollen in Berlin etwas aufbauen, was funktioniert.“

Die einzigartige Architektur der früheren Fabrik für Druckoffsetmaschinen, die zwar noch Bauten aus der Vorkriegszeit umfasst, aber keine Fertigungshallen mehr, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Auch Außenstehende vermag diese Architektur für das gesamte Projekt zu begeistern. Das Umfeld, ein sozial schwacher Kiez, erfordert zudem Rücksicht – anders als es Immobilienspekulanten für gewöhnlich tun: „Wir wollen den Standort hier nicht überrollen und ihm etwas Fremdes überstülpen“; erklärt Brahm. „Daher haben wir hier zu je einem Drittel eine Nutzung durch soziale Träger, Gewerbe und Kulturwirtschaft. Fast die gesamten 10 000 Quadratmeter sind vermietet.“ Das Kleingewerbe – immer noch typisch für den Ortsteil – soll so einbezogen und eben nicht verdrängt werden. Daniela Brahm weiß, wovon sie spricht: sie hat „ihren“ Verdrängungsprozess ab 1990 in Berlin-Mitte erlebt: „Da ist es mir später fremd geworden“, sagt sie, „als Künstler haben wir uns durch unsere Vorarbeit selbst hinausgetrieben.“ Die so genannte Gentrifizierung droht dem Gebiet rund um die Reinickendorfer Straße zwar nicht im gleichen Maße wie die historische Innenstadt, aber man kann man schon von der obersten Etage des Fabrikgebäudes sehen, dass Luxus-Dachgeschosse entstanden sind, erzählt Daniela Brahm.  Die Künstlerin kennt diesen Teil des Wedding seit über einem Jahrzehnt und ist sich bewusst, dass das von ihr mitverantwortete Projekt auch eine Strahlkraft für den Kiez besitzt: „Man macht letztlich immer mit bei der Aufwertung eines Viertels – aber dieser Kiez kann das gut gebrauchen!“

Wie kam es zum Grundstückskauf?

Damit das Gelände nicht der Immobilienspekulation anheimfallen konnte, war viel Geschick erforderlich: dass es im September 2007 gelungen ist, die Fabrik durch die „ExRotaprint gGmbH“ zu übernehmen, war ein Signal des Aufbruchs. Einige der damaligen Mieter der Rotaprint-Fabrik gingen gemeinsam vor, um zu verhindern, dass das Areal vom Berliner Liegenschaftsfonds an einen Investor verkauft wird, Damit wollten sie der Perspektivlosigkeit der Rotaprint-Fabrik etwas entgegensetzen. Die Rechtsform einer nicht-gewinnorientierten gemeinnützigen GmbH war der Kompromiss, auf den sich die damaligen Akteure nach langen Diskussionen einigten. Zwei Stiftungen, deren Zielsetzung es ist, sich gegen die Spekulation mit Grund und Boden zu richten und Alternativen zu fördern, halfen beim Kauf des Grundstücks. Mit den Stiftungen hat die ExRotaprint gGmbH einen 99-jährigen Erbbaupachtvertrag geschlossen und ist somit alleinverantwortliche Betreiberin des Geländes. Statt sich für den Grundstückskauf zu verschulden, können die Mieteinnahmen und Kredite nun für die dringend benötigte, behutsame Gebäudesanierung verwendet werden. Darin liegt der entscheidende Vorteil für ExRotaprint.“Es ist ja so, dass die Bauten der Fünfzigerjahre nur aus Beton, Glas und Stahl bestehen und dadurch sehr energieintensiv sind“, erklärt Brahm die heutige bauliche Situation einiger Gebäudeteile.“

Schon beim Tag des Offenen Denkmals 2007, als die Architektur der Nachkriegsmoderne im Mittelpunkt stand, fanden sich erstmals zahlreiche Besucher zu den von Daniela Brahm und dem Architekten Bernhard Hummel geführten Besichtigungstouren in der Fabrik ein. Auch in den folgenden Jahren fanden viele Interessierte den Weg auf das Rotaprint-Gelände. „Die Architektur gibt uns die Energie für dieses Projekt, und deswegen haben wir’s gewagt“ – für Daniela Brahm ist es das, was das Projekt ExRotaprint so attraktiv macht.

Zu vermieten sind dauerhaft ein Projektraum und Gästewohnungen. Seit einigen Jahren gibt es auch eine Kantine, die die Mieter und die Nachbarschaft mit Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen versorgt. Sie bietet gutes Essen für Alle zu fairen Preisen. Das Team der Kantine kann für das Catering von Veranstaltung in und außer Haus gebucht werden.

ExRotaprint

Gottschedstr. 4/Reinickendorfer Str.

U Nauener Platz

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