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Kieze im Wedding im Porträt:
3 gute und 3 schlechte Seiten am Pankekiez

Der Kiez zwischen Liesenstraße, Weddingplatz Pankstraße und Badstraße

Der Pankekiez zieht sich entlang des gleichnamigen Flüsschens vom Weddingplatz im Süden bis zur Badstraße im Norden. Dazwischen liegen Orte mit Geschichte und Gegenwart: die Gerichtstraße, das frühere Obdachlosenasyl „Wiesenburg“ als Denkmal und Kulturort, das Amtsgericht Wedding als markanter schlossartiger Bau, die Uferhallen und Uferstudios als Kreativzentren. Es ist ein uneinheitliches Gebiet, das von der Panke und den neben ihr angelegten Grünflächen wie ein Band durchzogen wird– und das gerade deshalb eine eigene Erzählung verdient. Zerstörung und Bauwut haben aber auch zerrissene Ecken hinterlassen – die wir nicht aussparen wollen.

Die guten Seiten

Am nächsten kommt man der Panke zwischen Gerichtstraße und Pankstraße

Erstens: Die Panke als grünes Rückgrat. Der Fluss prägt den Kiez. Zwischen Schulzendorfer und Badstraße zieht sich ein fast durchgängiger Grünzug mit einem Uferweg, dem Pankeweg, der Spaziergänge, Radfahren und kleine Pausen am Wasser erlaubt. Dieses Grün im dicht bebauten Wedding ist ein klarer Pluspunkt.

Tipp: Der Südpankepark, unter dem die Panke verrohrt fließt, ist eine grüne Lunge zwischen Schulzendorfer und Liesenstraße.

Zweitens: Kulturorte von besonderem Rang. Mit der früheren Straßenbahnwerkstatt, die heute als Uferhallen und Uferstudios bekannt sind, dem Gelände der Rotaprint-Fabrik und nicht zuletzt der Wiesenburg finden sich hier gleich mehrere Orte, die über den Wedding hinaus bekannt sind. Kunst, Tanz und Kreativwirtschaft haben in den alten Industriearealen Raum gefunden und machen den Pankekiez zu einem kreativen Hotspot. In den Gerichtshöfen befinden sich neben Gewerbe auch zahlreiche Ateliers.

Uferhallen und Uferstudios, eine ehemalige Straßenbahnwerkstatt


Tipp: Das Eckgebäude Gottschedstr./Bornemannstr. der Rotaprint-Fabrik ist ein besonders beeindruckendes Beispiel für den Brutalismus der 1950er Jahre.

Drittens: Architektur & markante Bauten. Das Amtsgericht Wedding ist weithin sichtbar und wirkt fast wie ein Barockschloss. Dazu kommen die teilweise in Ruinen liegenden Wiesenburg-Bauten, gleich auf der anderen Pankeseite Industriefassaden und alte Mietshäuser. Diese Mischung gibt dem Gebiet einen eigenen Charakter zwischen Geschichte und Aufbruch.


Tipp: Der Brunnenplatz zeigt die Zerrissenheit des Kiezes: Auf der einen Seite eine gepflegte Parkanlage vor dem Gebäude des Amtsgerichts Wedding, auf der anderen Seite (wo sich bis zum Krieg eine Fabrik befand) ein Fachmarktzentrum an einer lauten Straße.

Der Brunnenplatz vor dem Amtsgericht

Die problematischen Seiten

Doch auch im Pankekiez gibt es Herausforderungen. Zerschnittene Wege und Verkehr machen sich bemerkbar: Die Panke ist nur an der Ringbahnbrücke frei zugänglich, es gibt Unterbrechungen des Pankewegs, vor allem durch die vierspurige Pankstraße. Der Uferweg ist meistens gepflastert, manchmal aber auch schmal und nur mit feinem Kies bedeckt. So richtig gut erreichbar mit U- und S-Bahn ist der Pankekiez auch nicht. Es gibt zwar viele Stationen in der Nähe, aber keine, die sich im Kiez selbst befindet. Dort fahren daher nur Busse.


Tipp: In der Martin-Opitz-Straße gibt es mit dem Found in Wedding ein besonders schönes Geschäft mit Produkten aus dem Stadtteil.

Ein weiteres Problem ist die Unsicherheit um Kulturstandorte. Künstler als Mieter in den Uferhallen, Wiesenburg und auch kleinere Ateliers sind bedroht durch Eigentümerwechsel, Sanierungsdruck oder steigende Kosten. Was heute kreative Stärke ist, könnte morgen verloren gehen.

Tipp: Ein Gang durch die Fabrikhöfe der Gerichtstraße 23 zeigt, welche Räume für die Kreativwirtschaft im Wedding vorhanden sind – solange die Gewerbemieten bezahlbar sind.


Beispielgebend: die Gerichtshöfe zwischen der Gerichtstr. 12 und der Wiesenstr. 64

Und schließlich: Schreiend hässliche Orte! Im Krieg ist das Gebiet rund um den Weddingplatz zerstört und äußerst hässlich wiederaufgebaut worden. Auch die aktuelle Umgestaltung kann diesen Makel nicht wirklich beseitigen. Das alte Stadtbad Wedding wurde abgerissen und durch lieblose Appartementhäuser ersetzt. Rund um das Möbelhaus Höffner ist der Kiez nur ein liebloses Gewerbegebiet – -wichtig, aber eben auch nicht gerade schön. Diese Brüche im Stadtbild sind für Bewohner*innen deutlich spürbar – ein baulich intakter Kiez ist der Pankekiez sicher nicht.


Tipp: An Straßenkämpfe im Jahr 1929 mit vielen Toten mahnt ein Findling an der Brücke der Wiesenstraße über die Panke. Heute erinnert nichts mehr an die beengten Wohnverhältnisse des Roten Wedding.

Fazit

Der Pankekiez ist ein Gebiet zwischen Wasser, Kultur und markanter Architektur. Er hat enormes Potenzial, gerade weil die Panke hier wie ein verbindendes Band wirkt. Aber er ist auch ein zerrissener Kiez, dessen kreative Orte unter Druck stehen und dessen Stadtbild von Gegensätzen lebt. Wer hier entlanggeht, merkt: Dies ist Wedding pur – voller Brüche, lebendig und voller Geschichten.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

9 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin in den 70er und 80er Jahren in der Neuen Hochstraße aufgewachsen, zu der Zeit gab es keinen Südpankepark; er hieß bei uns Hertiepark, in Anlehnung an Hertie in der Chausseestraße. Meines Erachtens hat der Wedding seit dieser Zeit schwer gelitten. Am Weddingplatz gab es damals einige Geschäfte, wie einen Metzger, Coop, oder die Konditorei Banse. Auch die Schließung der Bücherei in der Schönwalder Straße und des Hallenbades in der Gerichtsstraße hat viel von der Attraktivität dieses Teils des Pankekiezes genommen.

  2. Der Artikel ist voll nice 🙂 Kann nur nicht nachvolltziehen, dass wir schlecht erreichbar sein sollen. ich Wohne Gerichstrasse Ecke panke, laufe so 250m zu Wedding S (Martha Ndumbe Platz Aufgang), 350m Zu u6 Reinickendorferstr und 600m zu Humboldhain. Ich habe also sowohl eine Ringbahn- als auch eine Nordsüdbahnanbindung. Ich sehe selten einen Ort, der so gut angebunden ist. im Ring und in 20 Min in Brandenburg, 15 Min Schöneberg, etc. Die Ring spricht für sich. Es stimmt, je weiter nördlich die Panke ist, desto weiter weg sind diese haltestellen, und dann kommt erst wieder die u8 Pankstrasse, aber auch wir im Süden wollen nicht vergessen werden 🙂

  3. Der Ex-Rotaprint Gewerbehof sollte in dem Artikel entweder richtig erwähnt sein oder gar nicht (weil er nicht direkt an der Panke liegt).
    Ex-Rotaprint ist kein Barock-Imitat des Spät-Wilhelminismus, sondern Moderne – und schon deshalb das wichtigste historische Gebäude nahe an der Panke! Die Gewerbebauten wurden in den 1950er Jahren von dem Archtekten Klaus Kirsten entworfen und sind ein bekanntes Gegenbeispiel gegen den „Brutalismus“.
    Um das zu würdigen, muss die größere Anlage auch einmal betreten werden! Jedenfalls gehört es zu den architektonischen Besonderheiten, steht unter Denkmalschutz und ist baulich gut im Schuss.
    https://www.exrotaprint.de/baudenkmal/
    Er ist dauerhaft gesichert durch ein gemeinnütziges Eigentumsmodell – Motto: „Bis das Eigentum verschwindet“ – und Vorbild nicht nur im Wedding!
    https://www.exrotaprint.de/
    Zahlreiche Firmen, Projekte, Künstler und Vereine sind darin angesiedelt, vor allem handwerkliche Produktionsbetriebe mit Kreativpotential. Guckt Euch um! Außerdem liegt gleich am Eingang eine für Arbeitnehmer bezahlbare und schmackhafte Kantine, die ich an Homeoffice-Tagen gerne nutze.

    Es ist ein rückwärtsgewandtes Denken unserer Zeit, wenn die Moderne – die Berlin und die Weimarer Republik prägte – pauschal als Brutalismus zu bezeichnet und stattdessen das spätwilhelminische autoritäre „Biedermeier“ gewürdigt wird, obwohl es die preußische Adelsherrschaft legitimierte und – mit dem zu allen Zeiten falschen Feindbild Russland – direkt in den Ersten Weltkrieg führte.

    Auch sollte der Weddingweiser Rotaprint besser kennen!
    Denn wäre der Weddingsweiser vor 40 Jahren erschienen, so wäre er wahrscheinlich mit einer der weltweit fortschrittlichsten Drucktechnik der damaligen Zeit im Weddinger Pankekiez gedruckt worden! Ich selber habe in den Jahren kurz vor dem Mauerfall dort eine bundesweit erscheinende Zeitschrift regelmäßig in den Druck gegeben. Rotaprint war zuletzt eine wichtige Druckerei der „Gegenöffentlichkeit“, also der linken Szene zu ihren besten Zeiten.

    Tatsächlich wurde Rotaprint als Druckmaschinenhersteller berühmt, der 1923 die erste Kleinoffsetdruckmaschine erfand – und zwar im Weddinger Pankekiez! Die Firma produzierte hier Druckmaschinen und exportierte sie weltweit mehr als 50 Jahre lang, bis in die 1970er Jahre. Sie war ein bedeutendes Industrieunternehmen des „Roten Wedding“ im Block zwischen Gottsched- und Wiesenstraße (der sog. Rotaprint-Block war noch größer), mit 300 und zeitweise sogar, in den 1950er Jahren, bis zu 1000 Arbeitern.
    Genauer ist das hier nachzulesen: — https://www.exrotaprint.de/rotaprint/

    • Hä, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Rotaprint ist doch im Pankekiez – und der Artikel dazu ist auch noch verlinkt. Entspann dich mal

      • Ich bin entspannt – weil ich das Rotaprint-Gebäude und besonders die Kantine gern habe, ebenso wie den Weddingweiser!
        Auch erinnere ich mich an die Perle, die diese hochwertige und dennoch bezahlbare Druckerei im Wedding West-Berlins darstellte.
        Mir ist aufgefallen, dass in dem Artikel Rotaprint nur als eine Außenwand vorkommt und als Brutalismus beschimpft wird. Das geht nicht! So habe ich in einer ruhigen Minute mal das genauer zusammengetragen, was ich schon immer genauer wissen wollte – und freue mich, dass ich dieses nun ebenfalls im Weddingweiser lesen kann.

  4. Erwähnt werden sollte noch, dass dieses grüne Band von Walter Nicklitz angelegt wurde. Der war wohl schon im letzten Jahrhundert ein echter „Grüner“, der dem Wedding so viel Lebensqualität gebracht hat.
    Die „Walter-Nicklitz-Promenade “ ist auch eine von vielen Fahrradfahrern und Fußgängern gern genutzte Ost-West Achse. Und da möchte ich ein großes Ärgernis ansprechen, das evtl. bald wieder auf viele zukommt: bei Glätte wird dieser Weg leider nicht gestreut. Ich habe dort schon viele Unfälle gesehen, bzw. bin schon selbst als Fußgänger gestürzt. Offensichtlich hat dies damit zu tun, dass das Gartenbauamt dafür gar nicht zuständig ist. Aber es kann doch nicht sein, dass so etwas nicht geregelt werden kann. Wie könnte man denn dieses Problem lösen? Vielleicht kann sich ja eine Initiative entwickeln, die sich darum kümmert. Würde mich jedenfalls sehr freuen. Vielleicht hilft ja der Weddingweiser dabei?

  5. Ein wundervolles Projekt mit wundervollen anschaulichen Beiträgen, die mich in meinen alten Kiez eintauchen lassen. Macht weiter so, ich hab Euch abonniert und geteilt. ❣️

    • Der Artikel ist ja offenbar nur als Einstieg und Überblick gedacht. Ich stöbere gern in den Verweisen.
      Übrigens: Der Brutalismus heißt im verlinkten Rotaprint-Artikel noch NachkriegsModerne. Das klingt sicher für einige h i e r besser. 😉 Es gab nunmal diesen Film mit dem imaginären Brutalisten, wodurch diese Etikett halt en vogue ist.
      Ist die Kantine im Rotaprint und/oder das Gelände öffentlich zugänglich?

      • Ja das Gelände und die Kantine sind öffentlich zugänglich, tagsüber und soweit ich weiß nur wochentags. Viel Spaß vor Ort!

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