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Bürgerbeteiligung:
Abriss und Neubau der Jugendverkehrsschule

7. Dezember 2023
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Wegwerfen statt Reparieren - im Kleinen wie im Großen. Das nächste Beispiel für die Wegwerf-Mentalität der öffentlichen Hand ist die Jugendverkehrsschule Gottschedstraße. Nachdem sie jahrelang nicht gepflegt wurde, sei eine Sanierung nun nicht mehr wirtschaftlich, sagt der Bezirk. Am Montag (11.12.) werden die Neubaupläne vorgestellt.

Orangefarbenes Fahrrad am Eingang der Jugendverkehrsschule. Foto: Andrei Schnell

Wie ein alter Verkehrsturm aus der Frühzeit des Autozeitalters schwebt der Seminarraum der Jugendverkehrsschule auf zwei Stahlbeinen über dem Platz. Wer hier am Fenster steht, kann die gesamte Übungsanlage überblicken, auf dem zumeist Schüler die Verkehrsregeln für Fahrradfahrer üben. Aus Sicht der Betreiber steht das Häuschen aber am falschen Fleck. Jetzt ist der Abriss beschlossen. Mit der Vorplanung eines neuen Gebäudes in nachhaltiger Bauweise wurde begonnen. Nähere Informationen zu den konkreten Plänen gibt es bei einer Veranstaltung im Büro des Quartiersmanagements Pankstraße in der Prinz-Eugen-Straße 1. Am kommenden Montag, 11. Dezember, wird das Neubauprojekt ab 17 Uhr vorgestellt. Bei der Versammlung "sollen Hinweise, Beiträge, Anregungen und Wünsche von Mitbürgern aufgenommen und zusammengetragen werden", heißt es auf der Beteiligungsplattform Mein Berlin. Dort können Anregungen auch online abgegeben werden. Gefragt sind Meinungen "zu den weiteren Angeboten und Nutzungen der Verkehrsfreifläche und des künftigen Gebäudes".

Von der Idee, die Gebäude der Verkehrsschule abzureißen, hatte die Weddinger Allgemeine Zeitung bereits im Juni berichtet. „Sanierung macht keinen Sinn″, hatte Joachim Hampel, Geschäftsführer der Wendepunkt gGmbH, vor gut einem halben Jahr gesagt. Die Wendepunkt gGmbH kümmert sich seit Anfang 2018 um das Gelände. Eigentümer des rund 2.200 Quadratmeter großen Grundstücks ist der Bezirk. Joachim Hampel empfahl, zuerst ein neues Gebäude und eine neue Wegelandschaft zu bauen und anschließend das bestehende Gebäude mit Schulungsraum, Werkstatt und Toiletten abzureißen. Einen Antrag auf Fördergelder hatte er beim Quartiersmanagement Pankstraße formuliert. Die Probleme des Gebäudes sind eine defekte Heizung, eine leistungsschwache Elektrik, rostende Stelzen, eine nicht winterfeste Wasseranlage. Die Wege auf dem Freigelände sind wellig. Und „sie bilden nicht die aktuelle Verkehrssituation ab″, sagte Joachim Hampel. Zum Beispiel gibt es keine Radspuren.

Bislang wurde die Jugendverkehrsschule von drei bis vier Schulklassen pro Tag besucht, sagt Geschäftsführerin Karin Al-Shraydeh. 20 Grundschulen liegen im Einzugsbereich der Gottschedstraße. In den Ferien nutzten die Anlage Kitas für Pedaltraining. Nach dem Umbau sollen nicht nur Kinder ihre Runden drehen. "Darüber hinaus soll das Konzept der Jugendverkehrsschule so weiterentwickelt werden, dass mit neuen Angeboten weitere Zielgruppen erreicht werden", heißt es auf der Plattform Mein Berlin zu dem Projekt. So könne sich das Gelände zu einem vom Schulbetrieb losgelösten Bildungs- und Nachbarschaftsort entwickeln. Die Anlage könne sich öffnen für Angebote wie offene Reparaturwerkstätten und es könnte Veranstaltungsräume geben.

Gebaut wurde die Jugendverkehrsschule in der Gottschedstraße Mitte der 1970er Jahre. In Berlin gibt es 25 solcher Anlagen, im Bezirk Mitte gibt es zwei. Verkehrserziehung ist in Deutschland seit 1930 Bestandteil des Schulunterrichts. In Berlin fordert das Berliner Schulgesetz seit dem 1. August 2016 verpflichtend Jugendverkehrsschulen. In den letzten Jahren hat sich der Trend entwickelt, dass Verkehrsschulen auch Erwachsenen ein Angebot machen. So richten sich Kurse zum Erlernen des Fahrradfahrens oder Sicherheitstrainings der Polizei an alle Bevölkerungsschichten.

Nachtrag am 8.12.: Mich erreicht die Nachfrage, was ich mit Wegwerfmentalität meine. Hier eine Auswahl: Abriss Parkcafé Rehberge vom Denkmalschutz gestoppt, wird nun zum Glück von einer Bürgerinitiative saniert. Abriss ExDiesterweg-Gymnasium im Brunnenviertel vom Denkmalschutz gestoppt, verrottet nun. Abriss Haus der Gesundheit in der Reinickendorfer Straße. Pläne Abriss der vom berühmten Werner Düttmann geplanten Seniorenanlage Schulstraße 97. Abriss der ehemaligen Passierscheinstelle Maxplatz. Geplanter Abriss von Teilen der Ernst-Reuter-Schule, die nicht unter Denkmalschutz stehen. Das Argument, diese Gebäude sind nicht mehr sanierbar, funktioniert, weil diese Gebäude jahrzehntelang nicht gepflegt wurden. Deshalb mein Fazit: Der Bezirk wirft Gebäude lieber weg, als dem Bestand Respekt zu zollen.

Bauschaden
Marode Regenleitung in der Jugendverkehrsschule. Foto: Andrei Schnell

Andrei Schnell

Meine Feinde besitzen ein Stück der Wahrheit, das mir fehlt.

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