Gastro-Hotspots im Sprengel- und im Brüsseler Kiez

Auf den ersten Blick haben die beiden Nachbarkieze höchstens die Beuth Hochschule gemeinsam. Abgegrenzt durch die laute Seestraße, die Müllerstraße und den Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal hat sich im Sprengel- und im Brüsseler Kiez an drei Hotspots aber ein gastronomisches Eigenleben entwickelt, wie es sonst kaum ein Gebiet im Wedding besitzt.

7 namhafte Weddinger Unternehmen

glaskiste exrotaprintDer Wedding war nicht nur Wohnort von Arbeitern, sondern auch ein bedeutender Produktionsstandort. Klangvolle Namen lassen sich ebenso mit dem Stadtteil verbinden wie eher lokal bekannte Firmen. Schwerpunkte der Industrie waren im südlichen Teil des Wedding, im heutigen Ortsteil Gesundbrunnen und an der See- bzw. Osloer Straße. Nördlich der Seestraße gab es hingegen so gut wie keine Industrie. Doch die Zeiten, in denen es im Wedding Arbeitsplätze in Hülle und Fülle gab, sind vorbei. Einige wenige Beispiele aus einer langen Liste – die sich noch fortsetzen ließe – reichen aus, um Glanz und Niedergang der Industrie im Wedding und in Gesundbrunnen aufzuzeigen:

Milieuschutzgebiete: Der Wedding soll erhalten bleiben

Erhaltungsgebiete Wedding
(c) BA Mitte

Alle haben es längst gewusst: bevor der Wedding kommt, wird er einfach verdrängt. Aufgehübscht, totsaniert und am Ende kommt die Ferienwohnung. Diese angstvolle Verheißung wurde ein Jahr nach der ersten Grobanalyse nun durch eine bezirksweite Analyse des Stadtraumes noch einmal bestätigt. Jetzt soll durch drei Erhaltungsgebiete die „typische Berliner Mischung“ auch bei uns im Wedding erhalten werden. Während andere noch über die Wirkung solcher Maßnahmen diskutieren, bleibt man in der Genter Straße 33 bis 45 scheinbar ganz entspannt.

Das Brüsseler Eck, eine typische Eckkneipe…

Brüsseler Eck (C) Michael Wick
Brüsseler Ecke Genter

Viele haben bestimmt schon mal hinein gespäht, in die typische Weddinger Eckkneipe. Hinter Spitzengardinen und Leuchtreklame verbirgt sich eine kleine Parallelwelt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Auf mich, einen zugezogenen Wahlweddinger, übten diese Orte schon immer eine besondere Anziehungskraft aus. Eine dieser Eckkneipen, das Brüsseler Eck, befindet sich in meiner direkten Nachbarschaft. Oft schon bin ich auf dem Weg zur Straßenbahn daran vorbei gelaufen, habe sehnsüchtige Blicke in das halbdunkle Innere geworfen, den Duft von altem Zigarettenrauch geschnuppert und dem riesigen Hund, der zu jeder Tag und Nachtzeit mit treuem Blick am Eingang Wache hält, den zotteligen Kopf getätschelt. Hinein traute ich mich jedoch nicht, ich fühlte mich wie ein Eindringling, der mit seiner Neugierde die Ruhe stört; zu oft hatte ich die alteingesessenen Berliner über die Touristen und die Zugezogenen schimpfen hören.

Das erste Jahr im Wedding

Unsere Autorin ist von Hamburg nach Berlin gezogen. Die Wahl der Wohnlage fiel auf den Wedding. Nach einem Jahr zieht sie eine Bilanz….

Oudenarder StrDie Wohnung liegt nicht in Prenzlberg, Kreuzberg oder Mitte, sondern im Wedding. Und das auch nicht im bereits gut durchgentrifizierten Sprengelkiez oder irgendwie dicht genug dran an Mitte oder Prenzlberg, dass die Hipster es noch akzeptabel finden (ein Kollege wollte sich neulich ernsthaft lieber in Mitte treffen, den Wedding möge er nicht so).

Rathaus und Hochhaus bekommen ein vorzeigbares Umfeld

Rathausvorplatz Wedding
heutiger Zustand

Ein Straßenschild vor dem Alten Rathaus, direkt vor der Galerie Wedding, mit der Aufschrift „Limburger Straße“ zeigt in Richtung eines tristen Platzes mit überwucherten Freiflächen, überkommenen Stadtmöbeln und einer Gruppe von hoch gewachsenen Pappeln. Eine Straße ist da nicht mehr zu erkennen. Zumal mitten in der Sichtachse ein gläserner Verbindungsgang zwischen den Verwaltungsgebäuden verläuft, die sogenannte „Beamtenlaufbahn“…

Das soll sich neuesten Umgestaltungsideen zufolge ändern. Am 18. Juni entschied nämlich ein Preisgericht unter dem Vorsitz der Landschaftsarchitektin Gabriele Pütz, welcher Entwurf der Planung zugrundegelegt werden soll. Der erste Preis mit 9.000 Euro Preisgeld ging an das Berliner Landschaftsplanungsbüro ANNABAU. Der klar gegliederte Entwurf sei „eine Arbeit, der es gelingt, eine angemessene Verbindung zwischen Leopoldplatz und Beuth-Hochschule anzubieten“, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Zentraler Ort für den Wedding

Planung Rathaus-Umfeld
Quelle: ANNABAU

Wesentliches Ziel des von der Senatsverwaltung ausgelobten Wettbewerbs ist es, einen urbanen Platz als zentralen Identifikationsort und vielseitig nutzbare Freiflächen zu schaffen. Der Ort hat nämlich viel Potenzial: die den heutigen (namenlosen) Platz umgebenden Gebäude werden bald ihre Funktion und ihr Gesicht stark verändern – so wird Ende 2014 in den sanierten Hochhausturm von 1964 das Job-Center Mitte einziehen und die mit Raumnot kämpfende Schillerbibliothek erhält einen aufsehenerregenden Neubau an der Brandwand auf der Südseite.

Eine Verbindung zwischen Genter und Müllerstraße

Der Clou am Gewinnerentwurf ist die Verbindung zwischen der eher etwas steinlastigen Müllerstraßen-Seite und der wesentlich grüneren Rückseite des Hochhausturms: eine Art „Lesegarten“ vor der neuen im Bau befindlichen Bibliothek und direkt neben dem zukünftigen Job-Center-Hochhaus macht die bislang ziemlich unwirtliche und unzugängliche Fläche überhaupt erst zu einem öffentlichen Raum.

(Quelle: ANNABAU)
Quelle: ANNABAU

Die Bau- und Realisierungskosten werden mit 2,1 Mio € für ca. 14.700 m² Freiraum aus dem Bund-Länder-Städtebauförderprogramm ‚Aktive Stadtzentren‘, sowie aus Städtebaufördermitteln des Bezirkes finanziert. Geplant ist die weitestgehende Fertigstellung des Umfeldes 2014/2015.

Übrigens bleibt die Pappelgruppe vor der heutigen Bibliothek (im ehemaligen Sitzungssaal der BVV) erhalten – sie sollen nämlich an den Rummelplatzbetreiber und Artisten „Onkel Pelle“ erinnern, der an dieser Stelle Anfang des 20. Jahrhunderts einen Vergnügungspark betrieb.

Unter der Voraussetzung, dass die Mittel dafür zur Verfügung stehen, soll der die Blickachse verstellende Verbindungsgang zwischen Rathausaltbau und dem zukünftigen Job-Center abgerissen werden. An der dadurch wieder wahrnehmbaren „Limburger Straße“ entsteht statt dessen ein baumbestandener beleuchteter Fuß- und Radweg – in der Hoffnung, dass die Beuth-Hochschule und der ganze Brüsseler Kiez eine grüne Wegeverbindung zur Müllerstraße erhält und dieser Übergangsbereich ganz neu belebt wird.

Sieht gut aus für den Wedding

Sollte die neue Bibliothek genau so spektakulär aussehen wie auf den Visualisierungen, sollte durch die Sanierung des Rathausturmes und des BVV-Saals die Eleganz der Sechzigerjahre-Architektur wieder erkennbar sein und sollten die neu gestalteten Freiflächen Lust darauf machen, an diesem Ort länger zu verweilen als unbedingt nötig – es wäre ein Gewinn für den ganzen Wedding und ziemlich gut investiertes Geld.

Link zum Wettbewerbsergebnis

Der erste Spatenstich ist am 9. Mai 2015 erfolgt.

 

Das Umfeld des Rathauses verändert sich

In den nächsten Jahren wird sich der Schwerpunkt der städtebaulichen Entwicklung des Aktiven Zentrums Müllerstraße an das Rathaus Wedding verlagern. Nachdem die Neugestaltung des Leopoldplatzes weitgehend abgeschlossen ist – es fehlt nur noch der Abschnitt vor der Alten Nazarethkirche –, wird nun der Platz um das denkmalgeschützte Hochhaus in Angriff genommen: Entlang der Brandwand auf der südlichen Seite wird eine neue bezirkliche Mittelpunktbibliothek entstehen, das Hochhaus wird saniert und zum Jobcenter werden. Und schließlich soll auch der Platz selbst neu gestaltet werden.

Noch in diesem Jahr wird dazu ein Wettwerb für Landschaftsarchitekten ausgelobt. Auf einem Planungsworkshop am 13. September hatten Anwohner und Anrainer die Gelegenheit, ihre Interessen darzulegen und so die Wettbewerbsbedingungen zu beeinflussen. Gekommen waren unter anderem die Präsidentin der Beuth-Hochschule, Monika Gross, und ihr Stellvertreter Hans W. Gerber. Sie traten entschieden für eine stärkere Anbindung der Hochschule an die Müllerstraße ein, die am Rathausplatz städtebaulich umgesetzt werden könne. Angstfreie Wege und freie Sichtachsen zum Campus der Beuth-Hochschule über den Platz hinweg waren ihre Hauptforderung, gegen die auch keiner der Anwesenden Widerspruch erhob. So sprachen sich fast alle für den Abriss des Übergangs zwischen Rathaus- Altbau und Hochhaus über die ehemalige Limburger Straße aus, denn die sogenannte »Beamtenlaufbahn« blockiert die Sichtachse. Auch der Leiter der künftigen Jobcenter-Dependance, Max Bischoff, schloss sich dieser Meinung an: der Übergang werde vom Jobcenter nicht gebraucht, das keine Räume im Altbau des Rathauses beansprucht.

Ideal für das Jobcenter wäre zudem eine Gestaltung des Platzes in seinem Eingangsbereich, die es ermöglicht, hier Aktionen wie Infobörsen von Arbeitgebern durchzuführen. Persönlich bedauerte Bischoff in diesem Zusammenhang, dass der ehemalige Weddinger BVV-Saal nach dem Umzug der Schillerbibliothek in die neue Mittelpunktbibliothek nach den gegenwärtigen Planungen des Jobcenters nur als Aktenarchiv genutzt werden soll – eine repräsentativere Nutzung etwa für solche Infobörsen hält er persönlich für sinnvoller.

Özlem Özmen-Eren, die Betreiberin des Cafés »Simit Evi« im Pavillon an der Müllerstraße, gab sich offen für eine Neuordnung des Platzes. Sie kann sich vorstellen, den Außenbereich ihres Cafés zum Beispiel zur Bibliothek hin zu öffnen, um zur Belebung dieses Platzteiles beizutragen.

Der Bereich vor der künftigen Mittelpunktbibliothek sollte nach den Vorstellung der Leiterin der Schiller-Bibliothek, Corinna Dernbach, möglichst ansprechend für Jugendliche gestaltet werden, wie z.B. durch eine »Halfpipe« für Skater oder Skateboarder.

Durchblick: Neues Rathaus und Neue Nazarethkirche

Weniger klar waren die Vorstellungen zum hinteren Rathausplatz Richtung Genter Straße. Hier befinden sich Grünanlagen, aber auch ein Parkplatz. Wenn in der Genter Straße Querparken eingeführt wird, könnte der zugunsten einer attraktiveren Platzgestaltung aufgegeben werden. Bernd Gellesch, der Betreiber des Wochenmarktes an der Genter Straße, erhob keine grundsätzlichen Einwände. Der Markt läuft derzeit sehr gut, ist voll und gilt in Berlin als Geheimtipp. Gellesch beabsichtigt aber nicht, ihn zu erweitern. Die angrenzenden Parkplätze seien zwar nützlich, vor allem für Kunden aus dem Gastronomiebereich, die auf dem Markt größere Mengen einkauften, aber für den Betrieb nicht unbedingt notwendig. In einer Verlegung des Marktes etwa auf die ehemalige Limburger Straße entlang des Rathaus-Altbaus konnte er keinen Vorteil erkennen: Das würde zu Konflikten führen, etwa wenn das Jobcenter hier eine Aktion durchführen wolle. Eine Verlegung in den Bereich unmittelbar hinter dem Hochhaus dagegen wäre akzeptabel, genauso wie ein Umzug in die Ostender Straße.

Das Aktive Zentrum wird nun einen Architektenwettbewerb zum Rathausplatz durchführen. Ähnlich wie beim Wettbewerb zum Neubau der Bibliothek wird es vor der Entscheidung der Jury, an der auch die Stadtteilvertretung beteiligt sein wird, noch einmal eine Veranstaltung mit Bürgerbeteiligung geben. Alle eingegangenen Architektenentwürfe werden dabei anonymisiert vorgestellt, die Anrainer und Anwohner erhalten die Gelegenheit, der Jury ihre Meinung zu den Entwürfen in offener Diskussion kundzutun.

Christof Schaffelder

Diesen und andere interessante Artikel finden Sie in der Sanierungszeitschrift Ecke Müllerstraße. Diese erhalten Sie in Geschäften und Institutionen an der Müllerstraße oder zum Download auf dieser Website.