Gastro-Hotspots im Sprengel- und im Brüsseler Kiez

AKTUALISIERT 2020 Auf den ers­ten Blick haben die bei­den Nach­bar­kieze höchs­tens die Beuth Hoch­schu­le gemein­sam. Abge­grenzt durch die lau­te See­stra­ße, die Mül­ler­stra­ße und den Ber­lin-Span­dau­er Schif­fahrts­ka­nal hat sich im Spren­gel- und im Brüs­se­ler Kiez an drei Hot­spots aber ein gas­tro­no­mi­sches Eigen­le­ben ent­wi­ckelt, wie es sonst kaum ein Gebiet im Wed­ding besitzt.

7 namhafte Weddinger Unternehmen

glaskiste exrotaprintDer Wed­ding war nicht nur Wohn­ort von Arbei­tern, son­dern auch ein bedeu­ten­der Pro­duk­ti­ons­stand­ort. Klang­vol­le Namen las­sen sich eben­so mit dem Stadt­teil ver­bin­den wie eher lokal bekann­te Fir­men. Schwer­punk­te der Indus­trie waren im süd­li­chen Teil des Wed­ding, im heu­ti­gen Orts­teil Gesund­brun­nen und an der See- bzw. Oslo­er Stra­ße. Nörd­lich der See­stra­ße gab es hin­ge­gen so gut wie kei­ne Indus­trie. Doch die Zei­ten, in denen es im Wed­ding Arbeits­plät­ze in Hül­le und Fül­le gab, sind vor­bei. Eini­ge weni­ge Bei­spie­le aus einer lan­gen Lis­te – die sich noch fort­set­zen lie­ße – rei­chen aus, um Glanz und Nie­der­gang der Indus­trie im Wed­ding und in Gesund­brun­nen aufzuzeigen:

Milieuschutzgebiete: Der Wedding soll erhalten bleiben

Erhaltungsgebiete Wedding
© BA Mitte

Alle haben es längst gewusst: bevor der Wed­ding kommt, wird er ein­fach ver­drängt. Auf­ge­hübscht, tot­sa­niert und am Ende kommt die Feri­en­woh­nung. Die­se angst­vol­le Ver­hei­ßung wur­de ein Jahr nach der ers­ten Grob­ana­ly­se nun durch eine bezirks­wei­te Ana­ly­se des Stadt­rau­mes noch ein­mal bestä­tigt. Jetzt soll durch drei Erhal­tungs­ge­bie­te die “typi­sche Ber­li­ner Mischung” auch bei uns im Wed­ding erhal­ten wer­den. Wäh­rend ande­re noch über die Wir­kung sol­cher Maß­nah­men dis­ku­tie­ren, bleibt man in der Gen­ter Stra­ße 33 bis 45 schein­bar ganz entspannt.

Das Brüsseler Eck, eine typische Eckkneipe…

Brüsseler Eck (C) Michael Wick
Brüs­se­ler Ecke Genter

Vie­le haben bestimmt schon mal hin­ein gespäht, in die typi­sche Wed­din­ger Eck­knei­pe. Hin­ter Spit­zen­gar­di­nen und Leucht­re­kla­me ver­birgt sich eine klei­ne Par­al­lel­welt, in der die Zeit still zu ste­hen scheint. Auf mich, einen zuge­zo­ge­nen Wahl­wed­din­ger, übten die­se Orte schon immer eine beson­de­re Anzie­hungs­kraft aus. Eine die­ser Eck­knei­pen, das Brüs­se­ler Eck, befin­det sich in mei­ner direk­ten Nach­bar­schaft. Oft schon bin ich auf dem Weg zur Stra­ßen­bahn dar­an vor­bei gelau­fen, habe sehn­süch­ti­ge Bli­cke in das halb­dunk­le Inne­re gewor­fen, den Duft von altem Ziga­ret­ten­rauch geschnup­pert und dem rie­si­gen Hund, der zu jeder Tag und Nacht­zeit mit treu­em Blick am Ein­gang Wache hält, den zot­te­li­gen Kopf getät­schelt. Hin­ein trau­te ich mich jedoch nicht, ich fühl­te mich wie ein Ein­dring­ling, der mit sei­ner Neu­gier­de die Ruhe stört; zu oft hat­te ich die alt­ein­ge­ses­se­nen Ber­li­ner über die Tou­ris­ten und die Zuge­zo­ge­nen schimp­fen hören.

Das erste Jahr im Wedding

Unse­re Autorin ist von Ham­burg nach Ber­lin gezo­gen. Die Wahl der Wohn­la­ge fiel auf den Wed­ding. Nach einem Jahr zieht sie eine Bilanz.…

Oudenarder StrDie Woh­nung liegt nicht in Prenzlberg, Kreuz­berg oder Mit­te, son­dern im Wed­ding. Und das auch nicht im bereits gut durch­gen­tri­fi­zier­ten Spren­gel­kiez oder irgend­wie dicht genug dran an Mit­te oder Prenzlberg, dass die Hips­ter es noch akzep­ta­bel fin­den (ein Kol­le­ge woll­te sich neu­lich ernst­haft lie­ber in Mit­te tref­fen, den Wed­ding möge er nicht so).

Rathaus und Hochhaus bekommen ein vorzeigbares Umfeld

Rathausvorplatz Wedding
heu­ti­ger Zustand

Ein Stra­ßen­schild vor dem Alten Rat­haus, direkt vor der Gale­rie Wed­ding, mit der Auf­schrift “Lim­bur­ger Stra­ße” zeigt in Rich­tung eines tris­ten Plat­zes mit über­wu­cher­ten Frei­flä­chen, über­kom­me­nen Stadt­mö­beln und einer Grup­pe von hoch gewach­se­nen Pap­peln. Eine Stra­ße ist da nicht mehr zu erken­nen. Zumal mit­ten in der Sicht­ach­se ein glä­ser­ner Ver­bin­dungs­gang zwi­schen den Ver­wal­tungs­ge­bäu­den ver­läuft, die soge­nann­te “Beam­ten­lauf­bahn”…

Das soll sich neu­es­ten Umge­stal­tungs­ideen zufol­ge ändern. Am 18. Juni ent­schied näm­lich ein Preis­ge­richt unter dem Vor­sitz der Land­schafts­ar­chi­tek­tin Gabrie­le Pütz, wel­cher Ent­wurf der Pla­nung zugrun­de­ge­legt wer­den soll. Der ers­te Preis mit 9.000 Euro Preis­geld ging an das Ber­li­ner Land­schafts­pla­nungs­bü­ro ANNABAU. Der klar geglie­der­te Ent­wurf sei “eine Arbeit, der es gelingt, eine ange­mes­se­ne Ver­bin­dung zwi­schen Leo­pold­platz und Beuth-Hoch­schu­le anzu­bie­ten”, begrün­de­te die Jury ihre Entscheidung.

Zentraler Ort für den Wedding

Planung Rathaus-Umfeld
Quel­le: ANNABAU

Wesent­li­ches Ziel des von der Senats­ver­wal­tung aus­ge­lob­ten Wett­be­werbs ist es, einen urba­nen Platz als zen­tra­len Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ort und viel­sei­tig nutz­ba­re Frei­flä­chen zu schaf­fen. Der Ort hat näm­lich viel Poten­zi­al: die den heu­ti­gen (namen­lo­sen) Platz umge­ben­den Gebäu­de wer­den bald ihre Funk­ti­on und ihr Gesicht stark ver­än­dern – so wird Ende 2014 in den sanier­ten Hoch­haus­turm von 1964 das Job-Cen­ter Mit­te ein­zie­hen und die mit Raum­not kämp­fen­de Schil­ler­bi­blio­thek erhält einen auf­se­hen­er­re­gen­den Neu­bau an der Brand­wand auf der Südseite.

Eine Verbindung zwischen Genter und Müllerstraße

Der Clou am Gewin­ner­ent­wurf ist die Ver­bin­dung zwi­schen der eher etwas stein­las­ti­gen Mül­ler­stra­ßen-Sei­te und der wesent­lich grü­ne­ren Rück­sei­te des Hoch­haus­turms: eine Art “Lese­gar­ten” vor der neu­en im Bau befind­li­chen Biblio­thek und direkt neben dem zukünf­ti­gen Job-Cen­ter-Hoch­haus macht die bis­lang ziem­lich unwirt­li­che und unzu­gäng­li­che Flä­che über­haupt erst zu einem öffent­li­chen Raum.

(Quelle: ANNABAU)
Quel­le: ANNABAU

Die Bau- und Rea­li­sie­rungs­kos­ten wer­den mit 2,1 Mio € für ca. 14.700 m² Frei­raum aus dem Bund-Län­der-Städ­te­bau­för­der­pro­gramm ‚Akti­ve Stadt­zen­tren‘, sowie aus Städ­te­bau­för­der­mit­teln des Bezir­kes finan­ziert. Geplant ist die wei­test­ge­hen­de Fer­tig­stel­lung des Umfel­des 2014/2015.

Übri­gens bleibt die Pap­pel­grup­pe vor der heu­ti­gen Biblio­thek (im ehe­ma­li­gen Sit­zungs­saal der BVV) erhal­ten – sie sol­len näm­lich an den Rum­mel­platz­be­trei­ber und Artis­ten “Onkel Pel­le” erin­nern, der an die­ser Stel­le Anfang des 20. Jahr­hun­derts einen Ver­gnü­gungs­park betrieb.

Unter der Vor­aus­set­zung, dass die Mit­tel dafür zur Ver­fü­gung ste­hen, soll der die Blick­ach­se ver­stel­len­de Ver­bin­dungs­gang zwi­schen Rat­haus­alt­bau und dem zukünf­ti­gen Job-Cen­ter abge­ris­sen wer­den. An der dadurch wie­der wahr­nehm­ba­ren “Lim­bur­ger Stra­ße” ent­steht statt des­sen ein baum­be­stan­de­ner beleuch­te­ter Fuß- und Rad­weg – in der Hoff­nung, dass die Beuth-Hoch­schu­le und der gan­ze Brüs­se­ler Kiez eine grü­ne Wege­ver­bin­dung zur Mül­ler­stra­ße erhält und die­ser Über­gangs­be­reich ganz neu belebt wird.

Sieht gut aus für den Wedding

Soll­te die neue Biblio­thek genau so spek­ta­ku­lär aus­se­hen wie auf den Visua­li­sie­run­gen, soll­te durch die Sanie­rung des Rat­haus­tur­mes und des BVV-Saals die Ele­ganz der Sech­zi­ger­jah­re-Archi­tek­tur wie­der erkenn­bar sein und soll­ten die neu gestal­te­ten Frei­flä­chen Lust dar­auf machen, an die­sem Ort län­ger zu ver­wei­len als unbe­dingt nötig – es wäre ein Gewinn für den gan­zen Wed­ding und ziem­lich gut inves­tier­tes Geld.

Link zum Wettbewerbsergebnis

Der ers­te Spa­ten­stich ist am 9. Mai 2015 erfolgt.

 

Das Umfeld des Rathauses verändert sich

In den nächs­ten Jah­ren wird sich der Schwer­punkt der städ­te­bau­li­chen Ent­wick­lung des Akti­ven Zen­trums Mül­ler­stra­ße an das Rat­haus Wed­ding ver­la­gern. Nach­dem die Neu­ge­stal­tung des Leo­pold­plat­zes weit­ge­hend abge­schlos­sen ist – es fehlt nur noch der Abschnitt vor der Alten Naza­reth­kir­che –, wird nun der Platz um das denk­mal­ge­schütz­te Hoch­haus in Angriff genom­men: Ent­lang der Brand­wand auf der süd­li­chen Sei­te wird eine neue bezirk­li­che Mit­tel­punkt­bi­blio­thek ent­ste­hen, das Hoch­haus wird saniert und zum Job­cen­ter wer­den. Und schließ­lich soll auch der Platz selbst neu gestal­tet werden.

Noch in die­sem Jahr wird dazu ein Wett­werb für Land­schafts­ar­chi­tek­ten aus­ge­lobt. Auf einem Pla­nungs­work­shop am 13. Sep­tem­ber hat­ten Anwoh­ner und Anrai­ner die Gele­gen­heit, ihre Inter­es­sen dar­zu­le­gen und so die Wett­be­werbs­be­din­gun­gen zu beein­flus­sen. Gekom­men waren unter ande­rem die Prä­si­den­tin der Beuth-Hoch­schu­le, Moni­ka Gross, und ihr Stell­ver­tre­ter Hans W. Ger­ber. Sie tra­ten ent­schie­den für eine stär­ke­re Anbin­dung der Hoch­schu­le an die Mül­ler­stra­ße ein, die am Rat­haus­platz städ­te­bau­lich umge­setzt wer­den kön­ne. Angst­freie Wege und freie Sicht­ach­sen zum Cam­pus der Beuth-Hoch­schu­le über den Platz hin­weg waren ihre Haupt­for­de­rung, gegen die auch kei­ner der Anwe­sen­den Wider­spruch erhob. So spra­chen sich fast alle für den Abriss des Über­gangs zwi­schen Rat­haus- Alt­bau und Hoch­haus über die ehe­ma­li­ge Lim­bur­ger Stra­ße aus, denn die soge­nann­te »Beam­ten­lauf­bahn« blo­ckiert die Sicht­ach­se. Auch der Lei­ter der künf­ti­gen Job­cen­ter-Depen­dance, Max Bisch­off, schloss sich die­ser Mei­nung an: der Über­gang wer­de vom Job­cen­ter nicht gebraucht, das kei­ne Räu­me im Alt­bau des Rat­hau­ses beansprucht.

Ide­al für das Job­cen­ter wäre zudem eine Gestal­tung des Plat­zes in sei­nem Ein­gangs­be­reich, die es ermög­licht, hier Aktio­nen wie Info­bör­sen von Arbeit­ge­bern durch­zu­füh­ren. Per­sön­lich bedau­er­te Bisch­off in die­sem Zusam­men­hang, dass der ehe­ma­li­ge Wed­din­ger BVV-Saal nach dem Umzug der Schil­ler­bi­blio­thek in die neue Mit­tel­punkt­bi­blio­thek nach den gegen­wär­ti­gen Pla­nun­gen des Job­cen­ters nur als Akten­ar­chiv genutzt wer­den soll – eine reprä­sen­ta­ti­ve­re Nut­zung etwa für sol­che Info­bör­sen hält er per­sön­lich für sinnvoller.

Özlem Özmen-Eren, die Betrei­be­rin des Cafés »Simit Evi« im Pavil­lon an der Mül­ler­stra­ße, gab sich offen für eine Neu­ord­nung des Plat­zes. Sie kann sich vor­stel­len, den Außen­be­reich ihres Cafés zum Bei­spiel zur Biblio­thek hin zu öff­nen, um zur Bele­bung die­ses Platz­tei­les beizutragen.

Der Bereich vor der künf­ti­gen Mit­tel­punkt­bi­blio­thek soll­te nach den Vor­stel­lung der Lei­te­rin der Schil­ler-Biblio­thek, Corin­na Dern­bach, mög­lichst anspre­chend für Jugend­li­che gestal­tet wer­den, wie z.B. durch eine »Half­pipe« für Ska­ter oder Skateboarder.

Durch­blick: Neu­es Rat­haus und Neue Naza­reth­kir­che

Weni­ger klar waren die Vor­stel­lun­gen zum hin­te­ren Rat­haus­platz Rich­tung Gen­ter Stra­ße. Hier befin­den sich Grün­an­la­gen, aber auch ein Park­platz. Wenn in der Gen­ter Stra­ße Quer­par­ken ein­ge­führt wird, könn­te der zuguns­ten einer attrak­ti­ve­ren Platz­ge­stal­tung auf­ge­ge­ben wer­den. Bernd Gel­lesch, der Betrei­ber des Wochen­mark­tes an der Gen­ter Stra­ße, erhob kei­ne grund­sätz­li­chen Ein­wän­de. Der Markt läuft der­zeit sehr gut, ist voll und gilt in Ber­lin als Geheim­tipp. Gel­lesch beab­sich­tigt aber nicht, ihn zu erwei­tern. Die angren­zen­den Park­plät­ze sei­en zwar nütz­lich, vor allem für Kun­den aus dem Gas­tro­no­mie­be­reich, die auf dem Markt grö­ße­re Men­gen ein­kauf­ten, aber für den Betrieb nicht unbe­dingt not­wen­dig. In einer Ver­le­gung des Mark­tes etwa auf die ehe­ma­li­ge Lim­bur­ger Stra­ße ent­lang des Rat­haus-Alt­baus konn­te er kei­nen Vor­teil erken­nen: Das wür­de zu Kon­flik­ten füh­ren, etwa wenn das Job­cen­ter hier eine Akti­on durch­füh­ren wol­le. Eine Ver­le­gung in den Bereich unmit­tel­bar hin­ter dem Hoch­haus dage­gen wäre akzep­ta­bel, genau­so wie ein Umzug in die Ost­ender Straße.

Das Akti­ve Zen­trum wird nun einen Archi­tek­ten­wett­be­werb zum Rat­haus­platz durch­füh­ren. Ähn­lich wie beim Wett­be­werb zum Neu­bau der Biblio­thek wird es vor der Ent­schei­dung der Jury, an der auch die Stadt­teil­ver­tre­tung betei­ligt sein wird, noch ein­mal eine Ver­an­stal­tung mit Bür­ger­be­tei­li­gung geben. Alle ein­ge­gan­ge­nen Archi­tek­ten­ent­wür­fe wer­den dabei anony­mi­siert vor­ge­stellt, die Anrai­ner und Anwoh­ner erhal­ten die Gele­gen­heit, der Jury ihre Mei­nung zu den Ent­wür­fen in offe­ner Dis­kus­si­on kundzutun.

Chris­tof Schaffelder

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