Gleisanschluss mit der Welt

Große Leere: der Bahnhof GesundbrunnenSeit über zehn Jahren ist der Wedding dank des Fernbahnkonzepts für Berlin besser mit dem Rest der Welt verbunden – zumindest wenn es um Regional- oder Fernzugverbindungen geht. Mit der teilweise unterirdisch geführten Nord-Süd-Fernbahn, die 2006 eröffnet wurde, wurde das bereits 1992 beschlossene „Pilzkonzept“ der Deutschen Bahn mit Leben erfüllt. Bis dahin hatten Fernzüge in der Innenstadt nur am Bahnhof Zoologischer Garten und am Ostbahnhof gehalten. Im Mai 2006 wurden dann auf einen Schlag drei neue Fernbahnhöfe in Berlin in Betrieb genommen: Gesundbrunnen, Südkreuz und – als Prunkstück der neue gläserne Hauptbahnhof (an der Stelle des ehemaligen Lehrter Stadtbahnhofs), wo jeder Fernzug hält.

Bahnhöfe im Wedding: Architekturkritik Gesundbrunnen

Bacardi-Fabrik oder Imbissbude

Bauabsperrungen, lackierte Platten als Bodenbelag, der Bahnhof wird nicht nur doppelt so teuer, sondern auch erheblich später fertig als geplant

Wer sich dem neuen Bahnhof Gesundbrunnen nähert, der muss den Eindruck gewinnen, den Menschen im Wedding fehle es an Imbissbuden und an Toiletten. Wie sonst ist es erklären, dass dem Betrachter als Erstes Aufschriften wie Kebab-Haus, Curry 65, Mc Donald‘s, Back-Factory und Sanifair ins Auge fallen?

Bei der auf 100 Stützpfeilern gehaltenen Dachkonstruktion und den großflächig eingestellten Glasflächen handelt es sich im Übrigen um eine überdimensionierte Pavillon-Architektur – erfunden in den 1920er Jahren und umgesetzt als Ausstellungshalle des Deutschen Reiches bei der Weltausstellung 1929 in Barcelona. Das Prinzip von „Stütze, Dach und Glaswand“ entwickelte der Architekt Ludwig Mies van der Rohe weiter zu einem „universellen Gebäude“, von dem er sagte, man könne es als Bacardi-Fabrik oder als Museum nutzen. Das Zweitgenannte setzten die (West-)Berliner mit Unterstützung des weltberühmten Architekten dann auch um. Sie machten daraus die Neue Nationalgalerie, ihren Tempel der Modernen Kunst. Warum dann nicht einen Bahnhof im gleichen Stil errichten, in einem der ärmeren und von geringer Bildung geplagten Teile von Berlin?

Offener Empfang am Bahnhof Gesundbrunnen

gesundbrunnen-bahnhof-auc39fen.jpgZugegeben: Von einem Empfangsgebäude oder gar einer Halle kann man am Bahnhof Gesundbrunnen nicht wirklich sprechen. Die Sparversion, die dort in den letzten Monaten nachträglich hochgezogen wurde, besteht eigentlich nur aus einem wuchtigen Dach mit Lichtdurchlässen, sowie einigen großzügig verglasten “Einkaufsinseln”. Hier ziehen in diesen Tagen die ersten Mieter ein.

Inzwischen soll auch das Umsteigen wieder unproblematischer sein, nachdem die Zugänge zum Vorplatz über den Querbahnsteig wieder geöffnet und die Aufzüge wieder in Betrieb genommen wurden.

Umbruch: Auf das Brunnenviertel bauen viele…

So ganz anders als der Wedding rund um die Müllerstraße ist das in der Nachkriegszeit kahlschlagsanierte Brunnenviertel rund um die Brunnenstraße. Nicht nur fehlen hier weitgehend die typischen Altbauten – selbst Nachkriegsbauten stehen dort auf der Abrissliste. Wie kein anderes Gebiet im Wedding und in Gesundbrunnen, so beobachtet unser Autor Andrei Schnell, ist das Viertel baulich im Umbruch…

Ludi auf der niederländischen Forumseite skyscrapercity wird bald wieder zu tun haben. Bislang hat er unter dem Thread Brunnenviertel eine beachtliche Menge an Fotos hochgeladen, die sich mit der Flächensanierung (von einigen auch Kahlschlag genannt) im Brunnenviertel (die in den 60er Jahren begann) auseinandersetzen. Aufgrund der gestiegenen Mieten in Berlin lohnen sich offenbar auch wieder Investitionen. Im Brunnenviertel steht einiges auf der Agenda.

Weddingwoche #27: Ruhestörung

Baustelle am Bahnhof GesundbrunnenLiebe Bahn, gestern kam ich mal wieder am Bahnhof Gesundbrunnen vorbei. Du weißt schon, dieser Bahnhof, der seit längerer Zeit ein Empfangsgebäude erhalten soll. Du hast dort vor ein paar Monaten mal einen Bauzaun abgestellt, hinter dem seither Friedhofsruhe herrschte. Doch gestern konnte ich dort ein lautes Rattern und Hämmern hören. Zuerst dachte ich, du wärst inzwischen dazu übergegangen, den Vorplatz des Bahnhofs mit Baustellengeräuschen von CD zu beschallen, damit es nicht zu lästigen Fragen über den Sinn des Zauns kommt. Aber dann sah ich sie: Richtige Baumaschinen, die dort richtigen Asphalt wegmeißelten.

Soll das heißen, der Bau der Wartehalle beginnt jetzt tatsächlich? Bist du dir sicher, Bahn, dass es nicht zu heiß oder zu kalt, zu trocken oder zu feucht ist, um jetzt schon mit dem Bau anzufangen? Du weißt doch am besten, wie schnell ein laufender Betrieb wieder zum Stillstand kommt. Wie? Es liegen noch gar nicht alle Baupläne vor? Schön, dann haben wir die Oase der Stille, in die du den sonst so hektischen Platz verwandelt hast, ja bald wieder zurück. Ach, und noch etwas, Bahn: Wenn du wirklich daran glaubst, die Halle würde in einer fernen Zukunft nicht nur errichtet, sondern anders als der Flughafen auch tatsächlich eröffnet werden, dann schlage doch am besten jetzt schon mal den Begriff „Brandschutz“ nach. Nur so als Tipp.

Weddingwoche #3: Warten auf die Wartehalle

Die Weddingwoche ist eine neue wöchentliche Kolumne. Diese erscheint auch samstags im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding.

Große Leere: der Bahnhof Gesundbrunnen
Große Leere: der Bahnhof Gesundbrunnen

Dass man bei der Deutschen Bahn manchmal ein wenig warten muss, ist ja nicht neu. Vor allem wir Berliner sind diesbezüglich einiges gewohnt. Immerhin haben wir nicht nur mit der Mutter, sondern tagtäglich auch mit deren etwas verwahrloster Tochter, der S-Bahn GmbH, zu tun. Doch als ich am Bahnhof Gesundbrunnen mit kalten Füßen einer verspäteten Regionalbahn entgegenfiebere, fällt mir auf, dass ich im Grunde nicht nur auf einen Zug warte, sondern auch noch auf ein ganzes Bahnhofsgebäude, das eigentlich schon vor einigen Jahren eintreffen sollte.

Für ein großes Empfangsgebäude, wie es ursprünglich für den Bahnhof Gesundbrunnen geplant war, ließ sich damals kein Investor finden. In direkter Nachbarschaft des Gesundbrunnen-Centers schien ein Gebäude überflüssig, das neben dem Warmhalten von Füßen vor allem dem Shopping hätte dienen sollen. Folglich musste man ein paar Nummern downsizen und errichtete lediglich einen kleinen, in aggressivem rot gehaltenen DB Servicestore.

Später kündigte die Bahn an, doch noch eine Empfangsgebäude bauen zu wollen. Man nannte Termine, verschob Termine und nannte wieder neue Termine. Aktuell ist ein Baubeginn im Frühjahr diesen Jahres geplant. Anfang 2014 sollen die Arbeiten an dem einstöckigen Gebäude dann abgeschlossen sein. Ich reibe mir die kalten Hände, denke an den Flughafen und bleibe skeptisch. Denn wenn wir in diesen Tagen eines lernen können, dann dies: Die Realisierung eines Bauprojektes, das die Dimensionen einer Turnhalle überschreitet, grenzt heutzutage wieder an ein Wunder, vergleichbar mit dem Bau der Pyramiden.

Autor: Ingo Scharmann

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