Es ist toll, ganz viele zu sein

Schauspielerin Cynthia Buchheim vom Prime Time Theater – ein Porträt

von Jana SittnickSchauspielerin Cynthia Buchheim

Timing ist alles: Cynthia Buchheim, 31, peitscht im Prime Time Theater pro Vorstellung drei bis vier Rollen über die Comedy-Bühne. Die Anstrengung, die Figuren glaubhaft darzustellen, darf am Ende nicht sichtbar sein, federleicht muss es aussehen. Immer wieder liest die Schauspielerin ihren Stücktext, damit er sich einbrennt, bei den Proben achtet sie auf Pointen, auf der Bühne aber „macht“ sie einfach. „Irgendwas kommt schon dabei raus“, sagt sie lachend, „manchmal entstehen sogar neue Gags.“

„und bitte!“

Philipp Hardy Lau vom Prime Time Theater
Philipp Hardy Lau. Foto: Felix Rettberg

Im Porträt: Philipp Hardy Lau vom Prime Time Theater an der Müllerstraße.

von Marcel Nakoinz

Berlin. U-Bahnhof Rathaus Steglitz. Eine Million Menschen sind hier jeden Tag unterwegs. In den frühen Stunden dieses Dienstagmorgens verirren sich nur noch wenige Menschen hierher. Die letzten Gruppen von Touristen kommen gerade an oder reisen gerade ab. Ein paar Reinigungskräfte verrichten ihre Arbeit. Ein Bahnangestellter geht in den Feierabend. Die Wellen der ankommenden Fahrgäste werden mit jedem Zug kleiner, bis die See schließlich spiegelglatt ist. Betriebsschluss.

Nur wenigen fällt die kleine Gruppe in einem Seitengang auf, die vor einem der Werbeschaufenster ein reges Treiben veranstaltet. Während Oliver Tautorat, Leiter des Prime Time Theaters, seinen Text einübt, bringen Regisseur Philipp Lau und Tonmann Robert Martin die Plakate des Theaters im Schaufensterkasten an. Alles wachsam beobachtet von den Organisatoren des Werbevideos. Dann beginnen die Dreharbeiten. Wiederholt schallt es „und bitte!“ durch die blitzblank geputzten Kachelhallen des taghell erleuchteten U-Bahnhofs, immer wenn Lau das Zeichen für die Aufnahme gibt. Martin hält derweil die Mikrofonstange lässig geschultert, wie einen Baumstamm, immer darauf bedacht, das Mikro nicht die Aufnahme zerstören zu lassen. 

Discount – Disco

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Wedding, Gerichtstraße: Morgens um halb neun schon eine lange Schlange. Alte Leute haben Zeit, sagt der Volksmund. Einer – groß, schlank, nach hinten gelegtes Haar – will reden. Mit öliger Stimme erzählt er der Kassiererin vom Supermarkt in der Müllerstraße, wo eine Mitarbeiterin zwar noch „janz jut aussieht“, aber „wat mit die Nerven“ hat, “keen Wunda”. Er redet und redet, statt seinen Einkauf einzupacken, es geht nicht weiter. Der Mann hinter ihm will die Brötchentüte nachschieben, um auch mal dranzukommen, da sagt der Ölige frech „wat machst DU denn, du bist noch jar nich dran!“ Die Frau vor mir dreht sich um, macht eine Handbewegung Richtung “Macke”, und sagt, dass „der dit seinem Schrank erzählen“ soll, ich muss lachen. Guten Morgen, Berlin.

Text & Foto: Jana Sittnick

Die Sorgen der Puppenköpfe

Die Sonne scheint auch auf Menschen mit dummen Worten
Sonne nahe Nordufer

Oder: Warum cheesy talk gefährlich ist.

Sonntagmittag, Nordufer: Zwei Frauen – Mitte Zwanzig – mit Puppengesichtern sitzen vor dem Café in der Sonne und trinken Caffè Latte. Mit laut gestellten Stimmen reden sie über den Oberarzt, den Englisch-Kurs (Oxford-Englisch!) und die Pathologie. Ob sie mit Paul zum Praktikum nach Myanmar fahre, sagt die eine, wisse sie noch nicht. Geplant sei es ja, sie hätte aber NIE gedacht, dass sie beide ausgewählt würden! Weil SIE doch eindeutig die besseren Testergebnisse hatte! Ja, sie liebe ihn schon, irgendwie, aber was, gibt sie laut zu bedenken, wenn die Beziehung da unten nur stört? Schließlich wolle sie ja weiterkommen. Ihre Stimme ist jetzt schrill, die schöne Stirn liegt in Falten, die Freundin guckt ernst. Dann fliegen, mit einem lauten Knall, ihre Puppenköpfe weg. Dann ist es ruhig. Die Frühlingssonne strahlt.

Nachts sind alle Katzen blau

Die Kneipe Zur Blauen Mühle bei Nacht
Trinken bei Nacht

Wedding, „Zur blauen Mühle“, zwei Uhr nachts. Ich stecke in einem Wort-Loop fest: Schauspieler James Franco und die Coke-Light-Werbung. Franco, der Independent-Boy von Hollywood, macht Werbung für Coke! So verlogen! Ich bin empört und erzähle es R. immer wieder, erzähle auch von dem Film, in dem James Franco den Kletterer spielt, der in einer Felsspalte stecken bleibt, und sich dann sein eines Bein abschneidet. 127 Hours. James Franco und die Werbung, James Franco und die Frauen, James Franco und das Schweinesystem. Meine Gedanken flattern weg, und ich fange wieder von vorn an. R. hört zu, jedenfalls kommt es mir so vor, der Laden ist rammelvoll mit Party-Freaks und Vokuhilas, wir sitzen auf der Bierkühltruhe zwischen Bar und Klo. Am Tresen bedient Joy, früher Joe, im Leoparden-Top, die roten Haare turmhoch toupiert. Joy hat wohl Geburtstag, es gibt Schnäpse, Küsschen, Glückwünsche. Dann kommt einer mit blau geflochtenem Zopf und Bergdialekt, der nörgelt, weil wir auf der Kühltruhe sitzen und er nicht an die Bierflaschen rankommt, an die er aber muss, weil er ja schließlich hier arbeite, ob wir das nicht verstünden. Ich vergesse Franco, und wende mich dem Zopf zu. Dass er uns nicht belehren soll, schnauze ich, wir hätten das schon kapiert. Ich bin plötzlich so wütend. R. fragt den Typen, was er da für eine Frisur habe. „Bauernzopf“ sagt der mit eingeschnappter Stimme. In der Blauen Mühle wird jetzt eng getanzt.

Autorin/Foto: Jana Sittnick

Zur blauen Mühle, Genter Str. 8

GUTES WEDDING SCHLECHTES WEDDING: Sitcom ohne Ende

Theatersitcom GUTES WEDDING SCHLECHTES WEDDING

von Jana Sittnick

Es ist der Dauerbrenner im Kiez. Seit elf Jahren. Das Prime Time Theater, malerisch gelegen in der Müller- / Ecke Burgsdorfstraße (von schräg gegenüber grüßt das JobCenter), bespielt den Wedding als Liebes- und Lebensort seiner skurrilen Helden.Und zieht damit Gäste aus ganz Berlin (Prenzlauer Berg, Steglitz, sogar Spandau); manchmal kommen auch Touristen vorbei…