„und bitte!“

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Philipp Hardy Lau vom Prime Time Theater
Phil­ipp Har­dy Lau. Foto: Felix Rettberg

Im Por­trät: Phil­ipp Har­dy Lau vom Prime Time Thea­ter an der Müllerstraße.

von Mar­cel Nakoinz

Ber­lin. U‑Bahnhof Rat­haus Ste­glitz. Eine Mil­li­on Men­schen sind hier jeden Tag unter­wegs. In den frü­hen Stun­den die­ses Diens­tag­mor­gens ver­ir­ren sich nur noch weni­ge Men­schen hier­her. Die letz­ten Grup­pen von Tou­ris­ten kom­men gera­de an oder rei­sen gera­de ab. Ein paar Rei­ni­gungs­kräf­te ver­rich­ten ihre Arbeit. Ein Bahn­an­ge­stell­ter geht in den Fei­er­abend. Die Wel­len der ankom­men­den Fahr­gäs­te wer­den mit jedem Zug klei­ner, bis die See schließ­lich spie­gel­glatt ist. Betriebsschluss. 

Nur weni­gen fällt die klei­ne Grup­pe in einem Sei­ten­gang auf, die vor einem der Wer­be­schau­fens­ter ein reges Trei­ben ver­an­stal­tet. Wäh­rend Oli­ver Tau­to­rat, Lei­ter des Prime Time Thea­ters, sei­nen Text ein­übt, brin­gen Regis­seur Phil­ipp Lau und Ton­mann Robert Mar­tin die Pla­ka­te des Thea­ters im Schau­fens­ter­kas­ten an. Alles wach­sam beob­ach­tet von den Orga­ni­sa­to­ren des Wer­be­vi­de­os. Dann begin­nen die Dreh­ar­bei­ten. Wie­der­holt schallt es „und bit­te!“ durch die blitz­blank geputz­ten Kachel­hal­len des tag­hell erleuch­te­ten U‑Bahnhofs, immer wenn Lau das Zei­chen für die Auf­nah­me gibt. Mar­tin hält der­weil die Mikro­fon­stan­ge läs­sig geschul­tert, wie einen Baum­stamm, immer dar­auf bedacht, das Mikro nicht die Auf­nah­me zer­stö­ren zu lassen. 

Es ist unge­wohnt warm. Lau steht im schwar­zen Axels­hirt, kur­zen Hosen und Snea­kers gebeugt vor sei­ner Kame­ra, einer Sony RX10. Nach ein paar Takes ist der ers­te Teil im Kas­ten. Dann heißt es ein­pa­cken. Mitt­ler­wei­le ist der Bahn­hof men­schen­leer. Mit dem manns­gro­ßen Sta­tiv auf den Schul­tern und den um den Hals hän­gen­den Kopf­hö­rern geht er in Rich­tung der Glei­se. Als Regis­seur, Cut­ter und Co-Tex­ter ist Lau die wich­ti­ge Kraft im Hin­ter­grund des Prime Time Thea­ters. Dabei hät­te nicht viel gefehlt und alles wäre völ­lig anders gekommen.

Die Jugend am Meer

Laus Eltern, eine Apo­the­ke­rin und ein ehe­ma­li­ger Berufs­sol­dat und Kampf­tauch­leh­rer, zie­hen mit den Kin­dern kurz nach der Wen­de an die Ost­see nach Küh­lungs­born. Kur­ze Zeit spä­ter las­sen sich die Eltern schei­den. Der damals sie­ben­jäh­ri­ge Lau und der älte­re Bru­der Dani­el wach­sen von da an bei der Mut­ter auf. Der Vater reist viel umher und lebt mitt­ler­wei­le seit 15 Jah­ren abwech­selnd in Öster­reich und auf den Male­di­ven, wo er neu hei­ra­tet und eine Tauch­boot-Safa­ri betreibt.

In dem tou­ris­tisch gepräg­ten Ost­see­bad, in dem Lau sei­ne Jugend ver­bringt, ist der gesam­te Bil­dungs­weg auf den Wirt­schafs­zweig Tou­ris­mus hin aus­ge­rich­tet. So erhält er 2005 zusätz­lich zum Abitur­zeug­nis ein IHK-Zer­ti­fi­kat im Bereich Tou­ris­tik. Doch das nahe­lie­gen­de Ziel, ein wei­ter­füh­ren­des Stu­di­um in die­sem Bereich anzu­fan­gen, ist letzt­lich nicht so stark, wie der Drang zurück nach Ber­lin zu gehen. Es soll aber noch vier Jah­re dau­ern, bis er wirk­lich zurück­kehrt. In die­ser Zeit wird er Juni­or-Hafen­chef beim ört­li­chen Yacht­ha­fen und führt Tou­ris­ten durch die Stadt. In den Urlaubs­wo­chen, in denen er sei­nen Vater in Öster­reich besucht, hält er wenig davon auf der fau­len Haut zu lie­gen. Dar­um absol­viert er zusätz­lich noch eine Aus­bil­dung zum Ski­leh­rer und ver­dient sich so auch im Urlaub etwas dazu. Lau ist Pragmatiker.

Die Ent­de­ckung der Leidenschaft

2008 beginnt er dann sein Stu­di­um der Ame­ri­ka­nis­tik an der Hum­boldt Uni­ver­si­tät Ber­lin. Den ame­ri­ka­ni­schen Lebens­stil hat­te er bereits im Alter von 16 Jah­ren wäh­rend eines Schü­ler­aus­tauschs in Hele­na, Mon­ta­na erle­ben kön­nen. „Den größ­ten Ein­druck haben bei mir die gran­dio­se Land­schaft, die Offen­heit mei­ner Gast­el­tern und das Lieb­lings­hob­by der Leu­te, das »Crui­sen«, gemacht“, erin­nert sich Lau, der noch heu­te jede Kleinst­stre­cke in sei­nem VW Bora zurücklegt.

An der Uni­ver­si­tät lernt Lau zufäl­lig Con­stan­ze Beh­rends ken­nen, wel­che zu der Zeit zusam­men mit Tau­to­rat das Prime Time Thea­ter lei­tet. Dar­aus ergibt sich schnell ein stu­di­en­be­glei­ten­des Prak­ti­kum bei sei­nem spä­te­ren Arbeits­platz. Auch nach dem Prak­ti­kum besucht Lau wei­ter­hin die Pro­ben und wird immer mehr in die Arbeits­ab­läu­fe der Spiel­stät­te inte­griert. Er wirkt bei Film­drehs mit, liest Tex­te ein, arbei­tet an der Bar und steht sogar in einer Fol­ge selbst auf der Büh­ne. „Da habe ich schnell mei­ne Gren­zen ken­nen gelernt“, sagt Lau, der zu die­ser Zeit bereits weiß, dass er ger­ne in die­sem Ensem­ble arbei­ten möch­te, nur noch nicht genau, wie.

Wäh­rend der Arbeit mit Marc Poritz, dem dama­li­gen Kame­ra­mann, der Lau hilft, sich beim Video­schnitt zurecht­zu­fin­den, bemerkt er sei­ne Lei­den­schaft für die Pro­duk­ti­on und Insze­nie­rung. Die­se Arbeit fas­zi­niert ihn, wor­auf­hin er sich das nöti­ge Wis­sen auto­di­dak­tisch bei­bringt. Weil die Arbeit im Thea­ter Lau folg­lich mehr und mehr ver­ein­nahmt, bricht er nach vier Jah­ren sei­nen Bache­lor ab, obwohl er kurz vor dem Abschluss steht. Heu­te ist er zusam­men mit Beh­rends am Ent­ste­hungs­pro­zess der Tex­te und bei der Grob- und Fein­pla­nung der ein­zel­nen Pro­jek­te betei­ligt und macht die Regie-Pro­duk­ti­on. Lau ist Produzent.

Ein »Prenzl­wich­ser« im Prime Time Theater

Neben­bei wid­met sich Lau auch eige­nen Pro­jek­ten, wie den Schau­spie­ler­in­ter­views sei­ner Serie »LAUsch­An­griff« und einem noch offe­nen For­mat über das schwu­le Leben in Ber­lin und Tel Aviv. „Ich habe vie­le Ideen in mei­nem Kopf, aber ich muss das alles noch ord­nen und nie­der­schrei­ben“, sagt Lau, für den die israe­li­sche Stadt am Mit­tel­meer in den letz­ten vier Jah­ren eine gro­ße Bedeu­tung erlangt hat. Hier lern­te er sei­nen jet­zi­gen Freund Tomer Heistein ken­nen. Die bei­den woh­nen in einer gemein­sa­men Woh­nung im Prenz­lau­er Berg. Auf dem auf­ge­räum­ten Die­len­bo­den räkelt sich Heisteins Kat­ze und ver­folgt gebannt die Papa­geib­unt­bar­sche in Laus Aqua­ri­um, dem zen­tra­len Ele­ment des Wohn­zim­mers. In den Rega­len sta­peln sich aller­lei Geschichts- und Geo­gra­fie­bü­cher. „Intel­li­genz fin­de ich sexy“, sagt er und lacht. Lau ist wiss­be­gie­rig und oft auch ein Besserwisser.

Nacht­zug in den Wedding

Auf dem Gleis ange­kom­men, gibt Lau Tau­to­rat Anwei­sun­gen zur Cho­reo­gra­fie. Stell­pro­be. Als Kulis­se dient der Wag­gon eines für den Dreh abge­stell­ten Zuges. Um die Ein­gangs­tü­ren her­um sind lebens­gro­ße Boun­cer (Foto-Wer­be­flä­chen) ange­bracht wor­den, die Oli­ver Tau­to­rat und die Schau­spiel­kol­le­gin Alex­an­dra Mari­ne­s­cu in zwei ihrer Rol­len zei­gen. Nachts um drei ist Dreh­schluss. Doch für Lau fängt die Arbeit jetzt erst rich­tig an. Er wird noch das Film­ma­te­ri­al schnei­den und erst ins Bett gehen, wenn ande­re Men­schen Mit­tags­pau­se machen. „Die­se Arbeit ist ein total krea­ti­ver Ent­ste­hungs­pro­zess, bei dem ich schon mal per­sön­li­che Belan­ge zurück­stel­le“, sagt Lau strah­lend, steigt in sein Auto und lässt sich von einer mecha­nisch spre­chen­den Frau in ame­ri­ka­ni­schem Eng­lisch den Weg nach Hau­se erklären.

Text: Mar­cel Nako­inz / Foto: Felix Rettberg

3 Comments

  1. […] Mar­cel Nako­inz geht die­ser Fra­ge am Bei­spiel Phil­ipp Har­dy Laus in dem Wed­ding­wei­ser-Bei­trag „und bit­te!“ nach. Phil­ipp Har­dy Lau arbei­tet als Regis­seur beim Prime Time Thea­ter in der Mül­ler­stra­ße und […]

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