Ex-Diesterweg: Runder Tisch soll vermitteln

Sabine Horlitz
Sabine Horlitz vom Non-Profit ps.wedding verteidigt ihr Projekt. Foto: Andrei Schnell

Wieder eine neue Wendung beim Ex-Diesterweg-Gymnasium im Brunnenviertel: Bei einer Infoveranstaltung am 2. Mai stimmten die Stadträte für Schule, Carsten Spallek (CDU), und für Stadtentwicklung, Ephraim Gothe (SPD), einem Runden Tisch zu. Wieder einmal ist offen, wie es mit dem Gelände weitergeht. Aktuell wird gestritten, ob Abriss und Schulneubau kommen soll oder ob es doch noch eine Möglichkeit gibt, das alternative, gemeinwohlorientierte Projekt von ps wedding auf der Fläche unterzubringen.

Streitpunkt ist, ob das markante, orangefarbene Schulgebäude im Brunnenviertel zwischen Putbusser und Swinemünder Straße abgerissen werden soll, damit eine neue, moderne Schule gebaut werden kann. Große Flächen in öffentlicher Hand sind in Mitte nur noch wenige vorhanden. Um Oberschulen für Schüler zu bauen, die heute die Grundschulen überfüllen, fehlt es an Platz. Einerseits. Andererseits hatte die Bezirkspolitik jahrelang andere Pläne mit dem Gelände. Sie wollte ursprünglich die Fläche an die gemeinwohlorientierte Initiative ps.wedding geben. Im letzten Jahr erfolgte ein Sinneswandel.

Runder Tisch

Die Schule wächst zu und verfällt langsam. Foto: Stefanie Ostertag
Die Schule wächst zu und verfällt langsam. Foto: Stefanie Ostertag

„Man muss ehrlich sein: es geht um einen Nutzungskonflikt“, fasste Carsten Spallek seine Sicht zusammen. Für ihn und Ephraim Gothe steht fest, es gehe um die Frage, ob Schule oder Wohnen oder Kultur auf die Fläche komme. Ein „handfester Verteilungskampf“. Mehrere Stimmen im Saal verlangte dagegen, das Entweder-Oder-Denken zu überwinden.  Es könne mehrere Nutzungsarten geben.

Für den bei der Veranstaltung beschlossenen Runden Tisch, bei dem zwischen gegenläufigen Interessen vermittelt werden soll, stellten die beiden Stadträte Bedingungen. „Bis nach der Sommerpause sollte ein Ergebnis stehen“, verlangte Carsten Spallek. Ein „arbeitsfähiges Gremium mit maximal 20 Beteiligten“, forderte Ephraim Gothe. Letzterer forderte weiter: „Bestandteil muss sein, Lösungen für den ganzen Bezirk im Fokus zu haben“. Ausschließlich die Sicht des Brunnenviertels dürfe beim Runden Tisches nicht maßgeblich sein.

Längst ist die Zukunft des Geländes kein alleiniges Bezirksthema mehr. Bei der Veranstaltung sprachen Abgeordnete wie die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Maja Lasić, und der Sprecher für Wissenschaft der Linken, Tobias Schulze. In der Vergangenheit bereits mehrmals mit dem Fall befasst waren die Senatorin für Stadtentwicklung Katrin Lompscher (Linke) und Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD). Für ps.wedding ist der Vorgang ein „Lackmustest, wie ehrlich das Senatsversprechen sei, mehr Beteiligung der Zivilgesellschaft zu wollen“.

Abriss und Neubau als Vorwärtsgang

Gothe und Spallek
Ephraim Gothe (links) und Carsten Spallek im Gespräch mit Quartiersmanagerin Katja Niggemeier am 2. Mai 2019. Foto: Andrei Schnell

Argumente für Abriss und Neubau trugen die Stadträte Carsten Spallek und Ephraim Gothe vor. „Bislang war Rückwärtsgang gefordert, wir mussten Grundstücke abgeben. Jetzt müssen wir in den Vorwärtsgang. Es ist noch völlig ungewohnt, an Schulneubau zu denken“, sagte Ephraim Gothe. Er präsentierte das neue Schulkonzept des Senats mit dem Namen „Compartment-Schule“. Diese „neue, interessante und vielfältige Schule“ sei eine Abkehr von der „Flurschule“  mit aufgereihten Klassenzimmern. Eine solche Schule benötige viel Platz. Sogar so viel, dass keine der von ihm vorgestellten Varianten mit der vorhandenen Fläche zwischen Putbusser und Swinemünder Straße auskäme. Carsten Spallek blickte in die Zukunft. Er stellte Zahlen vor, die zeigen, dass bis 2030 in Mitte an Oberschulen über 1.500 Schulplätze fehlen werden. „Dabei müssen wir berlinweit denken, auch die Nachbarbezirke werden künftig immer weniger Schüler aus Mitte aufnehmen können.“ Zur Zeit würden 30% aller Oberschüler sich eine weiterführende Schule außerhalb von Mitte suchen.

Stimmung im Saal für ps.wedding

Publikum
Über 100 Hände heben sich bei der Frage, wer im Brunnenviertel wohnt. Foto: Andrei Schnell

Die über 100 Anwohner, die gekommen waren, wirkten von den Argumenten der Stadträte nicht überzeugt. Sie stellten überwiegend kritische Nachfragen.

Die Non-Profit-Initiative argumentierte, dass Politik verlässlich sein müsse. Sie erinnerten an das Versprechen des Bezirks, ihnen das Gelände für preiswerten Wohnungsbau und für ein soziokulturelles Zentrum zu überlassen. Die Initiative, deren Mitglieder seit 15 Jahren im Brunnenviertel wohnen, verstehen sich als gemeinwohlorientiert. „Warum gibt es so viele Widerstände gegen nicht-gewinnorientierte Organisationen“, fragte Sabine Horlitz. Für ihre Präsentation erhielt Sabine Horlitz andauernden Applaus.

Hintergrund

Schon lange weg: das Diesterweg-Gymnasium. Foto: Sulamith Sallmann
Schon lange weg: das Diesterweg-Gymnasium. Foto: Sulamith Sallmann

Im Brunnenviertel sind viele Anwohner genervt von der Verwahrlosung des Geländes. 17.453 Quadratmeter kommunales Land gammeln seit 2012 zwischen der Putbusser und der Swinemünder Straße vor sich hin. Seitdem das Diesterweg-Gymnasium auszog, ist das Gelände attraktiv für Leute mit Hang zum Vandalismus.

„Wir waren damals ratlos, was wir mit dem Gelände machen sollten“, erinnert sich Stadtrat Ephraim Gothe. Carsten Spallek ergänzt: „Mitte war pleite“. In dieser Situation sei das Bezirksamt begeistert gewesen, mit ps.wedding für Schule und Gelände einen sinnvollen Nachnutzer gefunden zu haben. Doch offenbar hat das für Berlin typische Verwaltungsversagen die Zusage des Bezirks untergraben. Innerhalb von sieben Jahren kam weder eine konkrete Grundstücksübertragung noch ein Erbbauvertrag zustande. Selbst die berlinweit einmalige Kooperation von ps.wedding als Non-Profit-Initative mit dem landeseigenen Wohnungsbauunternehmen Degewo konnte keine Bewegung in die Sache bringen. Der nun beschlossene Runde Tisch ist damit ein weiterer Schritt eines endlosen Ringens um die Zukunft des Schulgeländes.

Querverweise

Ältere Beiträge auf dem Weddingweiser zum Thema Ex-Diesterweg:

Weiterführende Links:

Autorenfoto Andrei Schnell

Andrei Schnell erlebt eine Fortsetzung des Tauziehens um das Ex-Diesterweg.


1 Kommentar
  1. Hurra! Auch wir im Wedding haben endlich auch unseren eigenen BER Flughafen!!!

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