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Superwahljahr:
Drei Gründe, wählen zu gehen

Es gibt tau­send Grün­de, am Sonn­tag zur Wahl zu gehen. Wir nen­nen hier drei. 2021 ist die Wahl­ent­schei­dung so unbe­schwert wie nie. Und außer­dem: Wäh­len hilft gegen Ver­un­si­che­rung. Drit­tens: Es ist eine Tem­po­wahl. Hier unser Wahl­auf­ruf. Selbst wenn es zu Schlan­gen kom­men soll­te wie am Frei­tag beim Brief­wahl­lo­kal im Rat­haus in der Müllerstraße. 

Erster Grund: Freiheit wie nie

Wann gab es das zum letz­ten Mal, dass eine Wahl ohne Rech­ne­rei, kom­pli­zier­te Über­le­gun­gen und Abwä­gun­gen mög­lich war? Oder wie eine Bra­si­lia­ne­rin mir sag­te: “Die Deut­schen wäh­len, als ob sie Schach spie­len”. Wenn ich A wäh­le, koaliert der mit C, den möch­te ich aber ver­hin­dern, des­halb wäh­le ich B. So lief es doch in den letz­ten Jah­ren. Manch einer glaubt, auch in die­sem Jahr zäh­le die Spe­ku­la­ti­on der Koali­ti­on. So wie in den 1990er Jah­ren als sich zwei Blö­cke gegen­über stan­den. Soll­te man FDP wäh­len, die einem näher stand oder doch lie­ber CDU, damit die­se erst ein­mal gewinnt? Die glei­che Über­le­gung auf der ande­ren Sei­te: Soll man Grü­ne wäh­len, die einem sym­pa­thi­scher waren oder doch lie­ber SPD, damit end­lich Hel­mut Kohl abge­wählt wird? Tak­ti­sches Wäh­len nann­te man die­se Ver­ren­kun­gen. Und in den Nuller­jah­ren? Wen soll­te man wäh­len, wenn plötz­lich die eins­ti­gen Block­geg­ner SPD und CDU harmonierten?

Wahl
Autor And­rei Schnell zieht sich zum Wäh­len einen Anzug an. Ist schließ­lich ein wich­ti­ger Anlass, fin­det er. Foto: Hensel

Doch 2021 ist alles anders! Jeder hat eine freie Wahl. Wie das gemeint ist? Es ste­hen bei­na­he unzäh­li­ge Koali­tio­nen im Raum. Kenia, Jamai­ka, Ango­la und sogar Deutsch­land. Alles ist mög­lich. Der Wäh­ler hat es nicht in der Hand, wel­che Koali­ti­on Chris­ti­an Lind­ner am Ende schmeckt. Oder Olaf Scholz. Doch gera­de, dass man am Wahl­tag nicht Strip­pen zieht, son­dern schlicht wählt, hat etwas Befrei­en­des. Bei die­ser Wahl, des­sen Aus­gang offen ist, kommt dem Wäh­ler die ursprüng­li­che Auf­ga­be zu, näm­lich so zu wäh­len, wie er es in der Schu­le gelernt hat. Ohne Hin­ter­ge­dan­ken, ohne Tak­tik, ohne kom­pli­zier­te Was-Wäre-Wenn-Über­le­gun­gen. Er darf sein Kreuz dort set­zen, wo er es unbe­schwer­ten Her­zens möch­te. Die eige­ne Par­tei stark machen, heißt das offi­zi­ell. Gibt es einen schö­ne­ren Grund, wäh­len zu gehen, als den, ein­mal unbe­ein­flusst die rei­ne eige­ne Wahl tref­fen zu kön­nen? Der Auf­ruf ist: Wäh­len gehen, um zu wählen.

Zweiter Grund: Wählen gegen die Verunsicherung

Las­sen Sie sich nicht ver­un­si­chern! Gehen Sie wäh­len! Tref­fen Sie Ihre Wahl mit dem Kopf! Ohne Angst im Her­zen oder Zorn im Bauch. Denn eines ist wahr: Deutsch­land steht vor Jahr­hun­dert­auf­ga­ben. Wer bezahlt die Coro­na­schul­den? Wie kann die Demo­kra­tie mehr Ver­trau­en errin­gen? Wo sieht der klu­ge Ansatz aus, um sozia­le Unge­wich­te von Woh­nungs- bis Arbeits­markt aus­zu­ba­lan­cie­ren? Was erwar­tet uns auf­grund des Kli­ma­wan­dels? Und das sind Auf­ga­ben, die nicht nur die neue Bun­des­re­gie­rung ange­hen muss. Wenn Schul­den abge­baut wer­den, muss dann im Bezirk gespart wer­den? Und wenn ja, wo? An der Anna-Lindh-Schu­le? Bei der Gale­rie Wed­ding? Im Jugend­klub in der Bad­stra­ße? Heißt Kli­ma­wan­del, die Mül­ler­stra­ße muss Fuß­gän­ger­zo­ne wer­den? Oder erst ein­mal nur eine Fahr­rad­stra­ße? Oder ist es viel­leicht sogar gut, wenn die künf­ti­gen E‑Autos dort fah­ren und nicht im Kiez, wo die Men­schen woh­nen? The­ma Demo­kra­tie: Reicht es die Wed­din­ger zu “betei­li­gen” oder wäre Mit­spra­che denk­bar? Wo könn­te das Bezirks­amt Macht teilen?

Ja, ange­sichts gigan­ti­scher Gefähr­dun­gen kön­nen einem Mut und Zuver­sicht ver­lo­ren gehen. Der eine ver­schließt die Augen und sagt, in Wahr­heit müs­sen wir nichts tun, frü­her ging es schließ­lich auch irgend­wie. Ein ande­rer weicht ängst­lich aus und redet lie­ber von Nano­chips im Impf­stoff. Den Drit­ten packt Panik, er schreit und bewirft die Poli­tik mit Denkzetteln.

Nein, es hilft nur Mut! Man muss der Wahr­heit ins Gesicht sehen! Es ste­hen wahr­haf­tig gro­ße Pro­ble­me an. Jahr­hun­dert­auf­ga­ben. Sie müs­sen ange­gan­gen wer­den. Und ver­nünf­ti­ge Lösun­gen sind nur mit Ver­nunft zu fin­den. Dafür braucht es fai­re Debat­ten. Und Bür­ger, die mit Bedacht wäh­len. Nie war es wich­ti­ger als jetzt, sich nicht beir­ren zu las­sen. Gera­de in ris­kan­ten Zei­ten ist ein küh­ler Kopf gefragt. Wer Insta­gram und Face­book für eine Woche aus­ge­schal­tet hat, der hat alles rich­tig gemacht. Wer an einen stil­len See oder in einen tie­fen Wald gefah­ren ist und den Lärm abge­schal­tet hat, kann beson­nen über­le­gen. Der Auf­ruf 2021 heißt: Wäh­len gehen, um eine abge­wo­ge­ne Wahl zu stärken. 

Tempowahl – aber anders

Es ist nied­lich, wie ver­schie­dent­lich von Rich­tungs­wahl gespro­chen wird, als ob sich wie in den 1990er Jah­ren zwei Blö­cke gegen­über­ste­hen wür­den. Als ob nicht bei vie­len Fra­gen, die Ant­wor­ten quer durch die Par­tei­en gehen wür­den und nur durch Dis­zi­plin eine gemein­sa­me Par­tei­li­nie fest­ge­legt wird. Das Links-Rechts-Sche­ma, das Pro­gres­siv-Kon­ser­va­tiv-Sche­ma, das hat in Wahr­heit aus­ge­dient (auch wenn sol­che simp­len Gegen­über­stel­lun­gen zur Mobi­li­sie­rung tau­gen mögen).

2021 geht es aber nicht um eine Rich­tungs­wahl, son­dern um eine Wahl des Tem­pos. Denn (fast) alle rele­van­ten Par­tei­en geben mehr oder weni­ger zu, dass das Kli­ma sich ändert. Selbst Lui­sa Neu­bau­er merk­te das ges­tern bei der Fri­days for Future-Demon­sta­ti­on an. Unter­schied ist ledig­lich: Par­tei A sagt Wan­del, Par­tei B sagt Kata­stro­phe. Zwei­tes Bei­spiel: Bis auf Aus­nah­men sind sich die Par­tei­en einig, dass der Staat ord­nend ein­grei­fen muss. Die einen spre­chen von mehr Schul­den und Staats­auf­ga­ben, die ande­ren von neu­en Regeln für den Markt. Drit­tes The­ma: Im Wesent­li­chen weiß die Poli­tik, dass es mehr Euro­pa braucht. Die einen wol­len es auf die­sem Wege, die ande­ren auf einem ande­ren. So könn­te man vie­le Fel­der durch­ge­hen. Es gibt nur weni­ge The­men, bei denen es wirkt, als ob die Par­tei­en einer Kreu­zung stün­den und die Fra­ge ansteht, wel­cher der Wege der rich­ti­ge ist. Bei die­ser Wahl ist es so, dass die Par­tei­en über­le­gen, ob sie fla­nie­ren, jog­gen oder ren­nen wol­len. Und wenn man dar­über nach­denkt, dann ist die­se Ent­schei­dung tat­säch­lich schwer: Ist Bedacht oder Eile rich­tig? Der Auf­ruf zur Wahl lau­tet: Wäh­len gehen, um das Tem­po zu bestimmen! 

Informationen rund um die Wahl

Wir haben in den ver­gan­ge­nen Wochen oft über die bevor­ste­hen­den Wah­len berich­tet. Hier sind unse­re Bei­trä­ge, die Infor­ma­tio­nen, die aus unse­rer Sicht beson­ders wich­tig sind:

Wahl
Da geht es lang. 

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Außerdem: Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Und: Politik sehe ich mir an wie Sportwettbewerbe. Plus: Lese ich ein Buch lese, dann möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich abschließend erwähnen.

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