Nach wem sind diese Straßen benannt? (Teil 3)

Im Afri­ka­ni­schen, im Eng­li­schen oder im Brüs­se­ler Vier­tel, aber auch im Brun­nen­vier­tel oder im Sol­di­ner Kiez sind vie­le Stra­ßen nach Län­dern, Orten oder mit Bezug auf Kriegs­schau­plät­ze benannt. Da kann man eine klei­ne Welt­rei­se machen.

So man­cher Stra­ßen­na­me im Wed­ding und Gesund­brun­nen klingt merk­wür­dig. Nicht weni­ge sind nach Per­so­nen benannt – mit teil­wei­se sehr frag­wür­di­gen Bio­gra­phien. Wer dahin­ter steckt, dürf­te aller­dings kaum jemand wis­sen. Wir erklä­ren euch kurz, mit wem wir es zu tun haben.

Feiner Pinkel: Der Ort, der gefunden werden will

UPDATE Neben­stra­ßen im Wed­ding sind manch­mal vol­ler Atmo­sphä­re und uner­war­te­ter Ent­de­ckun­gen. So ist es auch mit dem “Fei­nen Pin­kel”. Das Lokal drängt sich nicht auf, es will gefun­den wer­den. Die Eigen­be­zeich­nung „Kul­tur- und Kaf­fee­stät­te“ ist viel­sa­gend, trifft es aber nicht annä­hernd. Beim „Fei­nen Pin­kel“ gibt es näm­lich auch viel zu sehen und gutes Essen zu genie­ßen. Im Herbst und Win­ter muss der Laden lei­der schließen.

Weddingmelder-Wochenschau #14/17

Mal eben schnell in den 128er gesetzt und direkt vom Flie­ger in den Wed­ding gedüst? Bis­her ja über­haupt kein Pro­blem! Damit man den Wed­ding aber auch in Zukunft schnell vom Flug­ha­fen Tegel errei­chen kann, haben des­sen Unter­stüt­zer nun genug Unter­schrif­ten für ein Volks­be­geh­ren gesam­melt. Ziel: die Offen­hal­tung des Flug­ha­fens. Flug­lärm hin oder her, seid ihr etwa so wie wir auch Anhän­ger des Wed­ding? Ja? Na, dann wol­len wir mal hof­fen, dass ihr nicht aus Ver­se­hen irgend­wo auf der Stra­ße her­um­lun­gert. Wei­te­re Insi­der und wis­sens­wer­te Geschich­ten gibt es wie immer in der Wochenschau.

Sie will einfach die BESTE Bar im Kiez sein

Aus­ge­hen Nachts kommt die gel­be Leucht­schrift erst so rich­tig zur Gel­tung auf den oran­ge­ro­ten Flie­sen an der Haus­wand, die an den nah­ge­le­ge­nen U‑Bahnhof Wed­ding erin­nern. Und ja, bei die­sem Namen kann man sich leicht zur Behaup­tung ver­stei­gen, dies sei die BESTE Bar im Wed­ding. Wie dem auch sei, auf jeden Fall hat eine sol­che Bar im etwas ver­schla­fe­nen Kiez zwi­schen der Tege­ler und der Mül­ler­stra­ße abso­lut gefehlt…

“Osteria bei Pino”: Italiener der alten Schule

Osteria da PinoEin tra­di­ti­ons­rei­cher Ita­lie­ner der alten Schu­le – das ist inzwi­schen fast schon eine Sel­ten­heit gewor­den. Jeden­falls ist bei Pino eine ech­te Insti­tu­ti­on im Kiez für Pas­ta und auch für Piz­za –  wenn man sie mit dickem Boden mag. Innen ist das Restau­rant gemüt­lich-kit­schig ein­ge­rich­tet und sehr per­sön­lich gestal­tet, was gut zu einem Restau­rant mit lan­ger Tra­di­ti­on passt. Und auch auf einer klei­nen Außen­ter­ras­se auf dem brei­ten Bür­ger­steig der Trift­stra­ße kön­nen es sich die Gäs­te gemüt­lich machen. All­zu teu­er ist das Essen, gemes­sen an der hohen Qua­li­tät auch nicht, und es lohnt sich schon ein­mal, dafür einen län­ge­ren Anfahrts­weg in Kauf zu neh­men. Wer den guten alten Ita­lie­ner an der Ecke mag, ist bei Pino sicher­lich gut aufgehoben. 

Max-Josef-Metzger-Platz: Nur scheinbar unscheinbares Grün…

Ein Blick auf die Grün­an­la­ge zwi­schen Gerichts- und Mül­ler­stra­ße zeigt vor allem eines – näm­lich den prak­ti­schen Umgang der Wed­din­ger mit ihren Plät­zen und deren Geschichte.

Trümmersäule auf dem Max-Josef-Metzger-PlatzDer Max-Josef-Metz­ger-Platz, wie er heu­te heißt, ent­stand ursprüng­lich nach Plä­nen des Stadt­bau­ra­tes James Hobrecht im Jah­re 1862. Zuvor waren die Flä­chen seit 1822 von einem Herrn Freun­den­berg land­wirt­schaft­lich genutzt wor­den. In der Fol­ge der Besied­lung des Wed­ding muss­te er aller­dings zuneh­mend Ver­wüs­tun­gen auf sei­nem Grund­stück hin­neh­men: Selbst Dor­nen­he­cken, Bret­ter­zäu­ne, Was­ser­grä­ben und Erd­wäl­le hiel­ten die Schü­ler der nahe gele­ge­nen Schu­le nicht davon ab, sei­ne Ern­te zu stehlen.

Im Jahr 1875 zog dann schließ­lich der Magis­trat das Grund­stück aus ästhe­ti­schen und sani­täts­po­li­zei­li­chen Grün­den an sich, denn die tief gele­ge­ne Flä­che hat­te nur noch als Auf­fang­be­cken für Abwas­ser gedient. Der ein Jahr spä­ter von Gar­ten­bau­di­rek­tor Gus­tav Mey­er ange­leg­te Schmuck­platz galt als »Pro­be­ver­such« – zunächst wur­de befürch­tet, dass »die Roh­heit unnüt­zer Per­so­nen die Pflan­zun­gen nicht zu einer gedeih­li­chen Ent­wick­lung« kom­men las­sen wür­de. Die­se Besorg­nis war, so berich­ten es die Akten des dama­li­gen Gar­ten­bau­am­tes, aller­dings unbe­grün­det, denn die Hal­tung des Publi­kums hat­te sich als so »zivi­li­siert« erwie­sen wie in vor­neh­me­ren Stadtteilen.

Die Namens­ge­bung im Jah­re 1887 zum Cour­biè­re­platz erfolg­te (wie so oft zur dama­li­gen Zeit in Ber­lin) nach Per­so­nen oder Ereig­nis­sen des preu­ßi­schen Mili­ta­ris­mus. Der Namens­ge­ber Wil­helm Rein­hardt de l‘Homme de Cour­biè­re (1733–1811) hat­te sich als preu­ßi­scher Gene­ral- Feld­mar­schall huge­not­ti­scher Her­kunft an so ziem­lich allen Krie­gen sei­ner Zeit betei­ligt und sich nicht nur mili­tä­risch, son­dern auch mit Zivil­cou­ra­ge gegen die Trup­pen Napo­le­ons zur Wehr gesetzt.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg (der ehe­ma­li­ge Schmuck­platz hat­te in die­ser Zeit als Müll­kip­pe gedient) folg­te schließ­lich eine für den Wed­ding der 1950er Jah­re typi­sche Umge­stal­tung: Die bis­her nach baro­cken und land­schaft­li­chen Vor­bil­dern gestal­te­te Anla­ge mit ihren durch Gehölz­strei­fen geglie­der­ten Nischen und geschwun­ge­nen Wegen wur­de zum Abstands­grün des Arbeits­am­tes degradiert.

Zur Neu­ge­stal­tung gehör­te auch ein 12 Meter hohes Denk­mal – die »Trüm­mer­säu­le« von Ger­hard Schult­ze-See­hof, die mit ihren Reli­efs die dama­li­gen poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen z.B. vom Wie­der­auf­bau Ber­lins, von Skla­ve­rei, Zer­stö­rung und Demo­kra­tie wider­spie­geln soll­te. Unter »Skla­ve­rei« wur­de damals übri­gens nicht nur die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus, son­dern auch das poli­ti­sche Sys­tem der DDR ver­stan­den. Das zeigt auch das Ein­wei­hungs­da­tum des Denk­mals im Juni 1954, womit man an den 17. Juni 1953 erin­nern woll­te: Beim dama­li­gen Volks­auf­stand in der DDR waren Arbei­ter aus dem (nörd­lich von Ber­lin gele­ge­nen) Hen­nings­dorf durch die Wed­din­ger Mül­ler­stra­ße in Rich­tung „Ost­ber­lin“ gezogen.

Dass der Platz seit 1994 nun nicht mehr an die mili­tä­ri­sche Ver­gan­gen­heit Preu­ßens erin­nert, hat aller­dings weni­ger mit der fried­lie­ben­den Gesin­nung der Wed­din­ger zu tun: Eine Initia­ti­ve, die nahe­ge­le­ge­ne Will­de­now­stra­ße nach dem Pfar­rer und Kriegs­geg­ner Max-Josef Metz­ger umzu­be­nen­nen, war Anfang der 90er Jah­re am Pro­test von Anwoh­nern gescheitert.

Die Erfah­run­gen des 1. Welt­krie­ges hat­ten den katho­li­schen Pries­ter Metz­ger, der seit 1939 in der Will­de­now­stra­ße leb­te, zu einem über­zeug­ten Pazi­fis­ten gemacht. Er grün­de­te zahl­rei­che Frie­dens­in­itia­ti­ven auch inner­halb der Katho­li­schen Kir­che. Auf­grund sei­nes Enga­ge­ments für Öku­me­ne und Demo­kra­tie in Deutsch­land wur­de er nach der Macht­er­grei­fung der Natio­nal­so­zia­lis­ten ver­folgt und mehr­fach ver­haf­tet. 1943 ver­ur­teil­te ihn der »Volks­ge­richts­hof« zum Tod im Jahr 1944 wur­de er hin­ge­rich­tet. Das Todes­ur­teil wur­de erst vor 16 Jah­ren vom Ber­li­ner Land­ge­richt wie­der aufgehoben.

Doch selbst die sterb­li­chen Über­res­te des eins­ti­gen Frie­dens­kämp­fers geriet zwi­schen die poli­ti­schen Fron­ten: Gegen den Wil­len der Nazis sorg­te ein katho­li­scher Pfar­rer für eine wür­di­ge Beer­di­gung Metz­gers sowie die Über­füh­rung des Leich­nams auf den St. Hed­wigs-Fried­hof an der Lie­sen­stra­ße. Sei­ne Toten­ru­he wur­de aller­dings schon nach weni­gen Jah­ren wie­der gestört, als an glei­cher Stel­le die Mau­er und die dazu­ge­hö­ri­gen Sperr­an­la­gen errich­te­te wur­den. Freun­de Metz­gers sorg­ten des­halb erneut für eine Umbet­tung, dies­mal in das ruhi­ge Meit­in­gen bei Augsburg.

Auch wenn der Name Max-Josef Metz­ger den Wed­din­gern heu­te wenig sagt – bei der Umbe­nen­nung gab es kei­nen Pro­test: Es muss­ten kei­ne Brief­köp­fe und Visi­ten­kar­ten geän­dert wer­den, denn an dem Platz wohnt niemand.

In ähn­li­cher Form in: ecke Mül­ler­stra­ße Nr. 2 – 2013

Autor: Eber­hard Elfert