Weddingmelder-Wochenschau #14/17

Mal eben schnell in den 128er gesetzt und direkt vom Flieger in den Wedding gedüst? Bisher ja überhaupt kein Problem! Damit man den Wedding aber auch in Zukunft schnell vom Flughafen Tegel erreichen kann, haben dessen Unterstützer nun genug Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt. Ziel: die Offenhaltung des Flughafens. Fluglärm hin oder her, seid ihr etwa so wie wir auch Anhänger des Wedding? Ja? Na, dann wollen wir mal hoffen, dass ihr nicht aus Versehen irgendwo auf der Straße herumlungert. Weitere Insider und wissenswerte Geschichten gibt es wie immer in der Wochenschau.

Sie will einfach die BESTE Bar im Kiez sein

Ausgehen Nachts kommt die gelbe Leuchtschrift erst so richtig zur Geltung auf den orangeroten Fliesen an der Hauswand, die an den nahgelegenen U-Bahnhof Wedding erinnern. Und ja, bei diesem Namen kann man sich leicht zur Behauptung versteigen, dies sei die BESTE Bar im Wedding. Wie dem auch sei, auf jeden Fall hat eine solche Bar im etwas verschlafenen Kiez zwischen der Tegeler und der Müllerstraße absolut gefehlt…

„Osteria bei Pino“: Italiener der alten Schule

Osteria da PinoEin traditionsreicher Italiener der alten Schule – das ist inzwischen fast schon eine Seltenheit geworden. Jedenfalls ist bei Pino eine echte Institution im Kiez für Pasta und auch für Pizza –  wenn man sie mit dickem Boden mag. Innen ist das Restaurant gemütlich-kitschig eingerichtet und sehr persönlich gestaltet, was gut zu einem Restaurant mit langer Tradition passt. Und auch auf einer kleinen Außenterrasse auf dem breiten Bürgersteig der Triftstraße können es sich die Gäste gemütlich machen. Allzu teuer ist das Essen, gemessen an der hohen Qualität auch nicht, und es lohnt sich schon einmal, dafür einen längeren Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen. Wer den guten alten Italiener an der Ecke mag, ist bei Pino sicherlich gut aufgehoben.

Max-Josef-Metzger-Platz: Nur scheinbar unscheinbares Grün…

Ein Blick auf die Grünanlage zwischen Gerichts- und Müllerstraße zeigt vor allem eines – nämlich den praktischen Umgang der Weddinger mit ihren Plätzen und deren Geschichte.

Trümmersäule auf dem Max-Josef-Metzger-PlatzDer Max-Josef-Metzger-Platz, wie er heute heißt, entstand ursprünglich nach Plänen des Stadtbaurates James Hobrecht im Jahre 1862. Zuvor waren die Flächen seit 1822 von einem Herrn Freundenberg landwirtschaftlich genutzt worden. In der Folge der Besiedlung des Wedding musste er allerdings zunehmend Verwüstungen auf seinem Grundstück hinnehmen: Selbst Dornenhecken, Bretterzäune, Wassergräben und Erdwälle hielten die Schüler der nahe gelegenen Schule nicht davon ab, seine Ernte zu stehlen.

Im Jahr 1875 zog dann schließlich der Magistrat das Grundstück aus ästhetischen und sanitätspolizeilichen Gründen an sich, denn die tief gelegene Fläche hatte nur noch als Auffangbecken für Abwasser gedient. Der ein Jahr später von Gartenbaudirektor Gustav Meyer angelegte Schmuckplatz galt als »Probeversuch« – zunächst wurde befürchtet, dass »die Rohheit unnützer Personen die Pflanzungen nicht zu einer gedeihlichen Entwicklung« kommen lassen würde. Diese Besorgnis war, so berichten es die Akten des damaligen Gartenbauamtes, allerdings unbegründet, denn die Haltung des Publikums hatte sich als so »zivilisiert« erwiesen wie in vornehmeren Stadtteilen.

Die Namensgebung im Jahre 1887 zum Courbièreplatz erfolgte (wie so oft zur damaligen Zeit in Berlin) nach Personen oder Ereignissen des preußischen Militarismus. Der Namensgeber Wilhelm Reinhardt de l‘Homme de Courbière (1733–1811) hatte sich als preußischer General- Feldmarschall hugenottischer Herkunft an so ziemlich allen Kriegen seiner Zeit beteiligt und sich nicht nur militärisch, sondern auch mit Zivilcourage gegen die Truppen Napoleons zur Wehr gesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (der ehemalige Schmuckplatz hatte in dieser Zeit als Müllkippe gedient) folgte schließlich eine für den Wedding der 1950er Jahre typische Umgestaltung: Die bisher nach barocken und landschaftlichen Vorbildern gestaltete Anlage mit ihren durch Gehölzstreifen gegliederten Nischen und geschwungenen Wegen wurde zum Abstandsgrün des Arbeitsamtes degradiert.

Zur Neugestaltung gehörte auch ein 12 Meter hohes Denkmal – die »Trümmersäule« von Gerhard Schultze-Seehof, die mit ihren Reliefs die damaligen politischen Vorstellungen z.B. vom Wiederaufbau Berlins, von Sklaverei, Zerstörung und Demokratie widerspiegeln sollte. Unter »Sklaverei« wurde damals übrigens nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch das politische System der DDR verstanden. Das zeigt auch das Einweihungsdatum des Denkmals im Juni 1954, womit man an den 17. Juni 1953 erinnern wollte: Beim damaligen Volksaufstand in der DDR waren Arbeiter aus dem (nördlich von Berlin gelegenen) Henningsdorf durch die Weddinger Müllerstraße in Richtung „Ostberlin“ gezogen.

Dass der Platz seit 1994 nun nicht mehr an die militärische Vergangenheit Preußens erinnert, hat allerdings weniger mit der friedliebenden Gesinnung der Weddinger zu tun: Eine Initiative, die nahegelegene Willdenowstraße nach dem Pfarrer und Kriegsgegner Max-Josef Metzger umzubenennen, war Anfang der 90er Jahre am Protest von Anwohnern gescheitert.

Die Erfahrungen des 1. Weltkrieges hatten den katholischen Priester Metzger, der seit 1939 in der Willdenowstraße lebte, zu einem überzeugten Pazifisten gemacht. Er gründete zahlreiche Friedensinitiativen auch innerhalb der Katholischen Kirche. Aufgrund seines Engagements für Ökumene und Demokratie in Deutschland wurde er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verfolgt und mehrfach verhaftet. 1943 verurteilte ihn der »Volksgerichtshof« zum Tod im Jahr 1944 wurde er hingerichtet. Das Todesurteil wurde erst vor 16 Jahren vom Berliner Landgericht wieder aufgehoben.

Doch selbst die sterblichen Überreste des einstigen Friedenskämpfers geriet zwischen die politischen Fronten: Gegen den Willen der Nazis sorgte ein katholischer Pfarrer für eine würdige Beerdigung Metzgers sowie die Überführung des Leichnams auf den St. Hedwigs-Friedhof an der Liesenstraße. Seine Totenruhe wurde allerdings schon nach wenigen Jahren wieder gestört, als an gleicher Stelle die Mauer und die dazugehörigen Sperranlagen errichtete wurden. Freunde Metzgers sorgten deshalb erneut für eine Umbettung, diesmal in das ruhige Meitingen bei Augsburg.

Auch wenn der Name Max-Josef Metzger den Weddingern heute wenig sagt – bei der Umbenennung gab es keinen Protest: Es mussten keine Briefköpfe und Visitenkarten geändert werden, denn an dem Platz wohnt niemand.

In ähnlicher Form in: ecke Müllerstraße Nr. 2 – 2013

Autor: Eberhard Elfert