Nach wem sind diese Straßen benannt? (Teil 3)

Im Afri­ka­ni­schen, im Eng­li­schen oder im Brüs­se­ler Vier­tel, aber auch im Brun­nen­vier­tel oder im Sol­di­ner Kiez sind vie­le Stra­ßen nach Län­dern, Orten oder mit Bezug auf Kriegs­schau­plät­ze benannt. Da kann man eine klei­ne Welt­rei­se machen.

So man­cher Stra­ßen­na­me im Wed­ding und Gesund­brun­nen klingt merk­wür­dig. Nicht weni­ge sind nach Per­so­nen benannt – mit teil­wei­se sehr frag­wür­di­gen Bio­gra­phien. Wer dahin­ter steckt, dürf­te aller­dings kaum jemand wis­sen. Wir erklä­ren euch kurz, mit wem wir es zu tun haben.

Jede Menge Militärs

Lynar­stra­ße seit 1891

Rochus Qui­ri­nus Graf zu Lynar, *1525 Ita­li­en, †1596 Span­dau, Bau­meis­ter, Mili­tär. Lynar ent­stamm­te einem flo­ren­ti­ni­schen Adels­ge­schlecht, das sich nach dem um 1360 zer­stör­ten Kas­tell Lina­ri nann­te. Er kämpf­te gemein­sam mit sei­nem Vater in Diens­ten Karls V. und war im Hof­dienst bei Ales­san­dro de Medi­ci. 1542 muss­te er aus Ita­li­en nach Frank­reich flie­hen und dien­te dort Franz I. als Erzie­her des Dau­phin Hein­rich, spä­ter Hein­rich II., ernannt und war zugleich Kriegs­in­ge­nieur. Er trat 1560 zum Kal­vi­nis­mus über und führ­te 1567 den Huge­not­ten­auf­stand in Metz an, wo er Fes­tungs­kom­man­dant war. 1570 war Lynar Artil­le­rie­meis­ter und Kom­man­dant aller kur­säch­si­schen Fes­tun­gen. 1578 kam er zu Kur­fürst Johann Georg von Bran­den­burg. Er war vor­ran­gig mit kon­struk­ti­ven Fes­tungs­bau­ten befasst – wie die Span­dau­er Zita­del­le. Auf ihn gehen auch die Fes­tungs­an­la­gen von Kas­sel, Küs­trin und Peitz zurück. Lynar war eben­falls betei­ligt am Bau bzw. Umbau von Schlös­sern wie Oranienburg.

Burgsdorf­stra­ße seit 1891

Kon­rad Alex­an­der Magnus von Burgsdorff, *1595, †1652 Ber­lin. Der Mili­tär ent­stamm­te einem alten mär­ki­schen Adels­ge­schlecht, das bereits seit 1334 urkund­lich nach­ge­wie­sen ist. Mit 14 Jah­ren kam Burgsdorf an den bran­den­bur­gi­schen Hof und war Spiel­ge­fähr­te des spä­te­ren Kur­fürs­ten Georg Wil­helm, in des­sen Diens­te er 1618 als Kapi­tän eines Rei­ter­re­gi­ments trat. 1623 ‑1641 war er Kom­man­dant von mär­ki­schen Fes­tun­gen. Burgsdorf nahm ent­schei­den­den Anteil an der Poli­tik des bran­den­bur­gi­schen Staa­tes bis 1651. Dann ver­wies man Burgsdorf vom Hof und ent­ließ ihn aus all sei­nen Ämtern. Es wird ver­mu­tet, dass  ihm die finan­zi­el­len Miß­stän­de, die wäh­rend des “Kle­ver Aben­teu­ers” zuta­ge getre­ten waren, ange­las­tet wurden.

Sparrstr./Sparrplatz seit 1892

Otto Chris­toph Frei­herr und Reichs­graf von Sparr, *1599, †1668 Pren­den. 1638 wur­de Sparr Kom­man­dant der Fes­tung Lands­berg an der Wart­he, 1651 Gene­ral­feld­zeug­meis­ter und Gou­ver­neur von Kol­berg. Am 28.7.1656 sieg­te er in der drei­tä­gi­gen Schlacht bei War­schau, in der Schwe­den und Kur­bran­den­burg gemein­sam gegen Polen gekämpft hat­ten. Ab 26.6.1657 wur­de er kur­bran­den­bur­gi­scher Gene­ral­feld­mar­schall und zugleich einer der Ver­trau­ten des Gro­ßen Kur­fürs­ten. Ab 1660 war Sparr an der Befes­ti­gung Ber­lins betei­ligt. 1663/64, wur­de er mit der Füh­rung des bran­den­bur­gi­schen Korps bei der Reichs­ar­mee betraut und war gegen die Tür­ken erfolg­reich, so dass er vom Kai­ser auch kai­ser­li­chen Gene­ral­feld­mar­schall beför­dert wur­de. Die Sparrs wur­den 1670 zu Reichs­gra­fen erho­ben. Ihre bran­den­bur­gi­sche Bestä­ti­gung erfolg­te am 22.1.1672. Sein Grab­mal (von Andre­as Schlü­ter) befin­det sich in der Marienkirche.

Cour­biè­re­platz von 1887 – 1994, (inzwi­schen Max-Josef-Metzger-Platz)

Guil­laume René Baron de l’Hom­me Cour­biè­re, *1733 Maas­tricht, †1811 Grau­denz, stamm­te aus einer huge­not­ti­schen Fami­lie, die aus Frank­reich nach Hol­land geflüch­tet war. Hier begann er auch sei­ne mili­tä­ri­sche Lauf­bahn. 1758 trat er in preu­ßi­sche Diens­te. Cour­biè­re zeich­ne­te sich im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg (1756–1763) aus. 1763 wur­de er Kom­man­dant in Emden, 1771 Oberst, 1798 Gene­ral der Infan­te­rie, 1803 Gou­ver­neur der Fes­tung Grau­denz, die er 1807 erfolg­reich gegen die Trup­pen Napo­le­ons ver­tei­dig­te, wofür er im sel­ben Jahr zum Gene­ral­feld­mar­schall ernannt wurde.

Net­tel­beck­platz seit 1884

Joa­chim Chris­ti­an Net­tel­beck, *1738, †1824, war zuerst See­mann. Ab 1783 arbei­te­te er als Brannt­wein­bren­ner in Kol­berg. Im Jah­re 1760 ver­tei­dig­te er sei­ne Hei­mat­stadt gegen die Trup­pen des Zaren. 1770 wur­de er zum könig­lich-preu­ßi­schen Kapi­tän beför­dert, was aller­dings bald wegen sei­ner Insub­or­di­na­ti­on wie­der auf­ge­ho­ben wur­de. Er arbei­te­te dann vor der afri­ka­ni­schen Küs­te im Drei­ecks­han­del mit Skla­ven. Zurück in Kol­berg ver­lang­te er als Bür­ger­ad­ju­tant ener­gisch die Ver­tei­di­gung der Fes­tung Kol­berg gegen die napo­leo­ni­schen Trup­pen und unter­stütz­te den dar­auf­hin ent­sand­ten neu­en Kom­man­dan­ten Gnei­sen­au bei der letzt­lich erfolg­rei­chen Ver­tei­di­gung. Auch die Benen­nung der Kol­ber­ger Stra­ße in der Nähe hat damit zu tun.

Foto: Samuel Orsenne bearbeitet: Weddingweiser, Straßennamen

Ein paar Wissenschaftler-Straßen

Spren­gel­stra­ße seit 1897

Chris­ti­an Kon­rad Spren­gel, *1750 Bran­den­burg, †1816 Ber­lin. Der Theo­lo­ge und Phi­lo­lo­ge war Leh­rer und spä­ter Rek­tor der Span­dau­er Stadt­schu­le, aus der er 1794 ent­las­sen wur­de. Wäh­rend sei­ner Span­dau­er Zeit ent­deck­te er durch empi­ri­sche Beob­ach­tun­gen, die er vor allem in der Jung­fern­hei­de mach­te, die Bestäu­bung der Blü­ten durch Insek­ten. Sei­ne Erkennt­nis­se ver­öf­fent­lich­te er 1793 in dem Buch „Das ent­deck­te Geheim­nis der Natur im Bau und in der Befruch­tung der Blu­men“, doch wur­den die­se damals von der Fach­welt größ­ten­teils abge­lehnt. Erst fünf­zig Jah­re nach sei­nem Tod begann man, sei­ne Nie­der­schrift zu beachten.

Will­de­now­stra­ße seit 1891

Karl Lud­wig Will­de­now, *1765 Ber­lin, †1812,  inter­es­sier­te sich schon als Kind für Bota­nik. Nach dem Schul­be­such begann er in der väter­li­chen Apo­the­ke sei­ne Aus­bil­dung, die er 1785 abschloss. Ent­ge­gen dem Wunsch sei­nes Vaters über­nahm er nicht des­sen Apo­the­ke, son­dern stu­dier­te Bota­nik und Medi­zin. 1787 ver­öf­fent­lich­te er „Pro­dro­mus florae Bero­li­nen­sis“ (Ein­füh­rung in die Flo­ra Ber­lins). 1789 pro­mo­vier­te er und ließ sich als Arzt und Apo­the­ker in Ber­lin nie­der. 1792 erschien sein Band „Grund­riß der Kräu­ter­kun­de“, 1798 wur­de er ordent­li­cher Pro­fes­sor für Natur­ge­schich­te und bekam die Lei­tung des Bota­ni­schen Gar­tens über­tra­gen, 1806 wur­de er des­sen Direk­tor und Pro­fes­sor für Medi­zin. Bei Grün­dung der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät 1810 wur­de er dort Pro­fes­sor. Will­de­now war mit Alex­an­der von Hum­boldt eng befreun­det. Auf Hum­boldts Bit­te ging er 1811 nach Paris, um die auf des­sen Süd­ame­ri­ka­rei­se gesam­mel­ten Pflan­zen wis­sen­schaft­lich zu bear­bei­ten. Will­de­now gilt als Begrün­der der deut­schen Den­dro­lo­gie, der wis­sen­schaft­li­chen Gehölz­kun­de („Ber­li­ni­sche Baum­zucht“, 1796), und ist gleich­zei­tig Begrün­der der Pflan­zen­geo­gra­phie oder Geo­bo­ta­nik, der Leh­re von der Ver­brei­tung der ver­schie­de­nen Pflan­zen auf der Erde.

Buch­stra­ße seit 1892

Chris­ti­an Leo­pold von Buch, Frei­herr von Gell­mers­dorf, Schö­ne­berg, *1774 Stol­pe, †1853 Ber­lin. Der Geo­lo­ge und Palä­on­to­lo­ge ent­stamm­te einem alten ucker­mär­ki­schen Adels­ge­schlecht. Er stu­dier­te von 1793 bis 1796 in Frei­berg an der Berg­aka­de­mie. For­schungs­rei­sen führ­ten ihn durch Euro­pa und 1815 auch zu den Kana­ri­schen Inseln. 1796 war er Berg­re­fe­ren­dar beim ober­schle­si­schen Berg­amt. 1806 bzw. 1808 war Buch Mit­glied der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und Mit­be­grün­der der Deut­schen Geo­lo­gi­schen Gesell­schaft. Auch Lon­don und Paris rie­fen ihn an ihre Aka­de­mien. Von 50 wis­sen­schaft­li­chen Gesell­schaf­ten wur­de von Buch mit der Ehren­mit­glied­schaft gewür­digt. Er betrieb che­misch-mine­ra­lo­gi­sche und phy­si­ka­li­sche Stu­di­en. 1812 wur­de er zum preu­ßi­schen Kam­mer­herrn ernannt. Er erar­bei­te­te die ers­te geo­lo­gi­sche Kar­te Deutsch­lands. In der Palä­on­to­lo­gie gilt er als Begrün­der der Stra­ti­gra­phie. 1836 publi­zier­te er “Über Erhe­bungs­kra­ter und Vul­ka­ne”, und drei Jah­re spä­ter folg­te sei­ne Arbeit “Über den Jura in Deutsch­land”. Am 31.5.1842 wur­de er einer der ers­ten Rit­ter des Ordens Pour le méri­te für Wis­sen­schaf­ten und Künste.

Vol­ta­stra­ße seit 1896

Ales­san­dro Giu­sep­pe Anto­nio Ana­sta­sio Graf Vol­ta, *1745 Como, Ita­li­en, †5.3.1827 Como; ita­lie­ni­scher Physiker.

Watt­stra­ße seit 1897

James Watt, *1736 Bir­ming­ham, †1819 Heath­field, bri­ti­scher Inge­nieur, Erfinder.

Die einzigen Frauen

Loui­se-Schroe­der-Platz (seit 1958, vor­her Oskarplatz)

Loui­se Doro­thea Sophie Schroe­der , *1887 Alto­na, †1957 Ber­lin, wuchs in einem Armen­vier­tel Alto­nas auf.  Die Ste­no­ty­pis­tin trat 1910 in die SPD ein und wur­de 1919 in die Natio­nal­ver­samm­lung gewählt. Von 1920 bis 1933 war sie Mit­glied des Reichs­tags. Von 1923 bis 1925 arbei­te­te sie als Lei­te­rin der Alto­na­er Pflegeanstalt.

Ab 1925 wirk­te sie als Dozen­tin an der Schu­le der Arbei­ter­wohl­fahrt. 1933 wur­de sie arbeits­los und über­nahm nach Jah­ren der Not in Ham­burg einen Brot­la­den. Ab Janu­ar 1933 stand Loui­se Schroe­der unter Poli­zei­auf­sicht. 1938 sie­del­te sie ganz nach Ber­lin über und fand hier zuerst als Sekre­tä­rin eine Anstel­lung. 1946 wur­de sie in die Ber­li­ner Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung gewählt. Zu die­ser Zeit war sie bereits Mit­glied des Vor­stands ihrer Par­tei. Vom 8.5.1947 bis 5.12.1948 war sie amtie­ren­de Ober­bür­ger­meis­te­rin in Groß-Ber­lin. Sie ver­trat von 1949 bis zu ihrem Tode Ber­lin (West) im Bun­des­tag und war noch bis Febru­ar 1951 Mit­glied des Ber­li­ner Senats.

Bär­bel-Boh­ley-Ring seit 2016

Bär­bel Boh­ley gebo­re­ne Bro­si­us; *1945 in Ber­lin; †2010 in Stras­burg (Ucker­mark) war eine deut­sche Bür­ger­recht­le­rin und Male­rin. Bekannt wur­de sie als Mit­be­grün­de­rin des Neu­en Forums in der DDR. Die Stra­ße wur­de neu auf dem ehe­ma­li­gen Mau­er­strei­fen zwi­schen Gleim­stra­ße und Ring­bahn angelegt.

Eli­se-und-Otto-Ham­pel-Weg seit 2018

Ein Abschnitt der Lim­bur­ger Stra­ße zwi­schen Gen­ter und Mül­ler­stra­ße wur­de nach dem Wed­din­ger Wider­stands­paar Eli­se und Otto Ham­pel (hin­ge­rich­tet durch das Nazi­re­gime) benannt.

Und sonst so?

Max-Urich-Stra­ße seit 1984

Max Urich, *1899 Suhl, †1968 Ber­lin, Büch­sen­ma­cher, Poli­ti­ker, Wider­stands­kämp­fer gegen das NS-Regime.

Heinz-Galin­ski-Stra­ße seit 1998

Heinz Galin­ski, *1912 Mari­en­burg, †1992 Ber­lin, Poli­ti­ker, Opfer des NS-Regimes. 1951–1963 und erneut ab 1988 hat­te er den Vor­sitz des Direk­to­ri­ums des Zen­tral­ra­tes der Juden in Deutsch­land inne.

Gus­tav-Mey­er-Allee seit 1894

Johann Hein­rich Gus­tav Mey­er, *1816 Frau­en­dorf, †1877 Ber­lin. Mey­er besuch­te bis 1836 die Pots­da­mer Gärt­ner­lehr­an­stalt. Er war Schü­ler von Len­né, des­sen Büro er 1843 in tech­ni­schen Belan­gen lei­te­te. Um 1840 arbei­te­te er als Hof­gärt­ner in Sans­sou­ci. Er leg­te von 1846 bis 1848 den Volks­park Fried­richs­hain an. 1859 wur­de Mey­er zum Hof­gärt­ner ernannt und spä­ter der ers­te Direk­tor des gera­de gegrün­de­ten Ber­li­ner Gar­ten­bau­amts. Er gestal­te­te den Volks­park Hum­boldt­hain und den Trep­tower Park.

Theo­dor-Heuss-Weg seit 1954

Theo­dor Heuss, *1884 Bra­cken­heim, †1963 Stutt­gart, Poli­ti­ker, Wider­stands­kämp­fer gegen das NS-Regime. Von 1949 – 59 war er Bun­des­prä­si­dent Deutschlands.

Wil­helm-Zer­min-Weg seit 1983

Wil­helm Zer­min, *1882, †1973, war von 1955 bis 1958 Geschäfts­füh­rer des Vater­län­di­schen Bau­ver­eins, der in dem Teil des Bezir­kes bau­te, in dem sich heu­te ’sei­ne’ Stra­ße befindet.

Wil­helm-Kuhr-Stra­ße seit 1915

Wil­helm Kuhr *1865 , †1914, Jurist, Kom­mu­nal­po­li­ti­ker. Er stu­dier­te u. a. in Ber­lin Jura und Natio­nal­öko­no­mie. Danach wur­de er Bür­ger­meis­ter in Burg bei Mag­de­burg. 1906 trat er sein Amt als Bür­ger­meis­ter in Pan­kow an. In die­ser Zeit gelang der Erwerb des 10 Hekt­ar gro­ßen Besit­zes des Zei­tungs­ver­le­gers Baron Kil­lisch von Horn, der seit 1907 als Bür­ger­park der Öffent­lich­keit zugäng­lich ist. Kuhr starb wäh­rend des ers­ten Welt­kriegs 1914 in Polen.

Teil 1 der Serie

Teil 2 der Serie

Noch mehr auf Kauperts

weddingweiserredaktion

Die ehrenamtliche Redaktion besteht aus mehreren Mitgliedern. Wir als Weddingerinnen oder Weddinger schreiben für unseren Kiez.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.