Die Gerichtstraße: Labor des neuen Wedding

eGerichtstr. Graffiti Berlin 65Den schick sanierten und modern wirkenden Altbau an der Brücke über die Panke hat der Wedding schon auf seine Art begrüßt. „65 Berlin“ steht dort aufgesprüht, sozusagen als Hinweis, mit wem es die neuen Hausbewohner hier zu tun kriegen. Die Gerichtstraße ist, trotz der schönen Altbauten und Gewerbehöfe, keine gediegene Adresse. Noch nicht.

Stattbad: Skateboard Ausstellung

Die Ausstellung „The Culture and Art of Skateboarding“ im Stattbad Wedding: vielseitig, spannend und einzigartig in Europa! Die Vernissage war bereits ein voller Erfolg mit internationalem Publikum, Medienrummel und einer grandiosen Skateboardsession. Jedem Besucher jeden Alters wird schnell bewusst: Skateboarden ist nicht nur eine Sportart, sondern ein Lebensgefühl!

Weddingwoche #30: Die Mauer muss weg!

Wegweiser Richtung WeddingJetzt haben wir den Salat! Da richten wir uns über Jahre in unserem kuschlig-kaputten Wedding ein, beginnen sogar, ihn wirklich ganz doll zu mögen und entdecken immer mehr auch seine liebenswerten Seiten. Die wir natürlich für uns behalten, damit nicht noch mehr gentrifizierendes Fremdvolk diesen einmaligen, schaurig-schönen Bezirk überrollt. Und nun das: Es wird ein Kulturfestival geben, das den Wedding und Moabit für drei Tage im September vereinen soll. Fundamentalisten auf beiden Seiten werden aufheulen und den Tag verfluchen, an dem im Bezirksamt Mitte dieser perfide Plan von einem gemeinsamen Kulturfest ausgeheckt wurde. Mir jedoch gefällt gut, was ich da in der Amtsmitteilung lesen konnte. Dass unter anderem mit dem Stattbad und dem Kulturnetzwerk ausgewiesene Wedding-Enthusiasten ans organisatorische Werk gehen, dass durchs Festival Stadt, Kultur und Nachbarschaft miteinander verbunden werden. Ich bin mir sicher: Wenn gelingt, was da geplant wird, wird’s ein fröhlicher Septemberanfang. Mit alten neuen Nachbarn, die wir danach besser kennen und verstehen. Also: Auf in die Turmstraße…!

Autor: Ulf Teichert

Unsere Kolumne gibt es auch an jedem Wochenende im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding.

Fête de la Musique: Mittsommer auf französisch

Die Skandinavier begehen am 21. Juni seit Menschengedenken Mittsommer – während die Franzosen seit 1982 auf Initiative des damaligen Kulturministers Jack Lang ein landesweites, kostenloses Open-Air-Musik-Festival feiern. In keiner französischen Altstadt kann man an diesem längsten Tag des Jahres den musikalischen Klängen entgehen. Ab dem Jahr 1995 hat auch Berlin mit zahllosen Bühnen nachgezogen, und seit ein paar Jahren gibt es auch im Wedding ein paar Ableger dieses stimmungsvollen Festivals.

Das Centre Français in der Müllerstraße 74 (zwischen U Rehberge und U Afrikanische Straße) ist der logische Ausgangspunkt, um diese sehr französische Idee von der Musik als universelle Sprache auch in Berlin zu verbreiten. Auf dem Rasen vor dem 60er-Jahre-Gebäude, direkt an der kleinen Eiffelturm-Nachbildung, ist eine Bühne aufgebaut. Das Programm findet von 16.00 Uhr bis 22.00 Uhr statt und stellt französische Musik, Rock und Worldmusic in den Fokus.

16:00 Crash Test (keller band, rock), 16:45 Pussies in Boots (rock), 17:30 Mr. Bondy (französischer pop, indie, rock), 18:30 Di Grine Kuzine (klezmer, balkan, brass, ska), 19:30 Son Kapital (chanson ska, urban folk), 20:30 44 Leningrad (ska, punk, polka, folklore)

Auch auf dem Leopoldplatz wird am 21. Juni von 16:00 – 22:00 Uhr die Fête de la Musique gefeiert, wieder mit einem umfangreichen Programm. Die Bühne steht, anders als in den vergangenen Jahren, auf dem hinteren Teil des Leopoldplatzes vor der Neuen Nazarethkirche in der Turiner Ecke Nazarethkirchstraße. Es werden Musiker vorgestellt, die Brücken zwischen Musikstilen und Musikkulturen bauen. So reicht das Programm vom swingenden Jazz des AGVH-Quintetts über Indiepop und Loop-Klänge der Musikerin „Linse“. Auf der Bühne stehen die im Wedding gegründeten und für ihren mitreißenden Gypsyswing bekannten Django Lassi.

Während „Kumbiandina“ lateinamerikanische Rhythmen beisteuern, entführt der „Polyphonia-Chor“ in die griechische Folkmusik. Den Abschluss bilden „Beatsafari“, die mit treibenden Beats Reggae-, Rock- und Popmusik mit einander verbinden und ihr Publikum wie immer zum Tanzen bringen.

21. Juni 16.00-22.00 Uhr

Müllerstraße 74 bzw. Turiner-/Nazarethkirchstr.

Weitere Bühnen in Wedding und Gesundbrunnen

Brauerei Eschenbräu
Triftstr. 67,13353 Berlin-Mitte-Wedding, www.eschenbraeu.de
Programm: Rock, Blues, Swing, Open Air 16:00 – 22:00 Uhr

Jugend-Brunnen-Bühne
Bahnhofsplatte Bahnhof Gesundbrunnen, Badstraße 4, 13357 Berlin-Mitte-Wedding
Programm: Kinderprogramm, Hip Hop, Pop, Open Air 14:00 – 22:00 Uhr 

Klangbunker – Mit Pauken und Trompeten
Flakbunker im Humboldthain,13355 Berlin-Mitte-Wedding
Programm: Trommelgruppen, Blasmusik, Open Air 16:00 – 22:00 Uhr

STATTBAD Wedding
Gerichtstr. 65, 13347 Berlin-Mitte-Wedding, www.stattbad.net
14:00 Kinderprogramm mit Live Kunst Workshop an der Terrasse im Stattbad Wedding mit Parkanlage an der Panke, 15:00 Sqim (stattbad, gruppenzwang), 16:00 Shir Khan (exploited), 18:00 Oliver $ (made to play), 20:00 Zombie Disco Squad vs. Renaissance Man (made to play)
Fête de la Nuit: weiter indoor ab 22:00 – 06:00 Uhr

Nettelbeckplatz

Stattbad: Klassik statt Techno

Stattbad Klassik (C) Juliane Orsenne
Foto: Juliane Orsenne

Ich bin im Schwimmbad. Die Lichtinstallation von großen Baumkronen an den Wänden finde ich schön. Neben mir brummt ein Barkühlschrank. Der wird übertönt von den wohlklingenden Stimmen des Rundfunkchors Berlin. Im großen, alten Schwimmbecken mit seinen blau/weiß gefliesten Wänden begleitet das Deutsche Kammerorchester Berlin. Während halb Berlin ausgelassen in den ersten Mai tanzt, genieße ich mit mehreren hundert Menschen klassische zeitgenössische Musik im Stattbad Wedding. Dort, wo auf den Tag genau seit vier Jahren Electro, Techno oder House die Hallen zum Beben bringen, erklingt heute Sphärenmusik. Der britische Geiger Daniel Hope präsentiert in einem exklusiven Konzert und in Sportschuhen sein Album Spheres, das bereits nach sechs Tagen auf Platz 4 der Classical iTunes Charts landete. Ein ungewöhnlich perfekter Konzertort, um Stücke von berühmten Komponisten wie Arvo Pärt, Ludovico Einaudi oder Max Richter so zu interpretieren, dass sich die „Schönheit, Harmonie und elementare Einfachheit des Sonnensystems“ spiegeln (Daniel Hope). Nach dem Konzert stelle ich mir vor, dass der alte Mann im Anzug neben mir Gesundbrunnen wieder verlässt. Der Jüngere im Muskelshirt bleibt zur Geburtstagsparty des Stattbades…

Für den Weddingweiser war Juliane Orsenne im Stattbad Wedding.

Stattbad: Klassik instead of Techno

I am in a swimming pool. The light installation, forming a canopy on the walls, looks nice. Next to me a bar fridge is humming. The buzzing soud is overpowered by the beautiful voices of the Berlin Rundfunkchor, which supports the German Chamber Orchestra Berlin in the big, old swimming pool with its blue and white tiles on the walls. While half of Berlin is dancing into the first of May, I am enjoying contemporary classical music at Stattbad Wedding. For exactly four years, Electro, Techno or House have been rocking the pool, but today, spherical music is filling the air. The British violinist Daniel Hope presents his album ‚Spheres‘, which managed to make position 4 in the Classical iTunes Charts within six days, in an exclusive concert.  An unusually perfect venue to interpret pieces by famous composers such as Arvo Pärt. Ludovico Einaudi or Max Richter in a way that  ‚beauty, harmony and the elementary simplicity of the solar system‘ shine through (Daniel Hope). After the concert, I imagine the old man wearing a suit leaving Gesundbrunnen. The younger guy wearing a tank top stays for Stattbad’s birthday party…

Juliane Orsenne visited Stattbad Wedding for Weddingweiser.

Beitrag in der Berliner Zeitung über das Deutsche Kammerorchester

Beitrag über das Stattbad auf dem Weddingweiser

Im Wedding wächst ein Baumhaus!

In der Gerichtstraße 23 – direkt gegenüber dem Stadtbad Wedding – soll in einem ehemaligen Atelierraum ein Baumhaus entstehen. Geplant ist ein Treffpunkt für die Nachbarschaft, ein Ort des kreativen Austauschs und der Kunst, an dem neue Ideen heranreifen können. An einem wolkenverhangenen Dienstagnachmittag mache ich mich auf, die beiden Köpfe hinter dieser Idee zu treffen.

Auf dem Weg zu dem Treffen gehe ich die Pankstraße hinunter. Nachdem ich an der Cocktailbar »Daydreams« vorbei bin, biege ich in an einem Automatencasino in die Gerichtstraße ein, die an solchen Tagen nicht unbedingt zum Träumen einlädt. Umso erstaunlicher klingen die Ideen von Karen Wohlert und Scott Bolden. In einem 140 m² großen Raum im ehemaligen Lebenshaus Mitte wollen sie ein Baumhaus errichten. Ich treffe die beiden in ihrer WG, die oberhalb des Raumes liegt, in dem schon Ende diesen Jahres die Arbeiten beginnen sollen. Es war die große Säule, die inmitten des Atelierraums in die Höhe ragt, die den amerikanischen Designer und Ingenieur Scott Bolden auf die Idee brachte, um diese Betonsäule herum ein Baumhaus entstehen zu lassen.

Geplant ist ein Kiez-Treffpunkt, der Platz für verschiedenste kulturelle Veranstaltungen bietet und gleichzeitig Ausgangspunkt für neue Kunstprojekte und lokale Initiativen sein soll. Für die Anwohner aus dem Viertel wird mit dem Baumhaus ein Raum für Nachbarschafts- und Elterntreffen entstehen. Darüber hinaus ist ein Cafébetrieb vorgesehen, um die laufenden Kosten stemmen zu können. Schon jetzt, während der Planung, sagt die Politikstudentin Wohlert, rege das Projekt immer mehr Menschen dazu an, sich Gedanken zu machen, wie sie sich einbringen und für ihr Viertel engagieren könnten. Es ginge vor allem darum, neue Ansätze zu entwickeln, wie man das Leben in der Stadt seinen Bedüfnissen entsprechend positiv gestalten und mitgestalten kann.

Organische Formen und die Liebe zum Detail

Isaac Abrams
Der New Yorker Künstler Isaac Abrams gestaltet die Fenster für das Baumhaus (Foto: Ingo Scharmann)

Bolden ist Mitte 40, wirkt aber sehr viel jünger, als er auf der WG-Couch mit lebhaften Gesten davon spricht, es ginge bei dem Projekt vor allem darum, Menschen zusammen zu bringen. Dieses Zusammenbringen fängt nicht erst mit der Eröffnung des Raumes an, sondern bereits bei der Planung und beim Bau des Projekts. Die Entstehung des Baumhauses verstehen Wohlert und Bolden als einen gemeinschaftlichen, kreativen Prozess, von dem sich die beiden wünschen, dass möglichst viele Menschen an ihm teilnehmen. Bereits jetzt sind zahlreiche Künstler in das Projekt involviert, insgesamt, sagt Karen Wohlert, sind es über 40 Personen, die sich aktiv beteiligen. Einen von ihnen treffe ich in einem hinteren Zimmer der WG. Gerade aus New York angekommen, sitzt dort der Künstler Issac Abrams, den Wohlert und Bolden für die Gestaltung der Fenster gewinnen konnten. Geduldig schneidet er die filigranen, organischen Muster aus den Fensterschablonen und sagt, Erfolg mit kreativen Ideen zu haben sei nicht leicht, aber auch nicht wirklich schwer, wenn man nur genug Wert auf die Details lege. Noch sind längst nicht alle Details für den Bau geplant. Was bisher nur durch Grafiken veranschaulicht wird, so Bolden, könne in seinen Einzelheiten am Ende auch ganz anders aussehen, abhängig davon, wie sich andere mit ihren Vorstellungen in den Enstehungsprozess einbringen. Die Arbeiten von Issac Abrams seien dabei gleichsam die DNA des Baumhauses. Laut Bolden geben sie lediglich eine grobe Richtung vor. Andere Künstler können sich davon inspirieren lassen und daran anknüpfen. So lassen sich die organischen Formen Abrams‘ sehr gut als ein Symbol für das prozesshafte Wachstum des Baumhauses begreifen.

 

Gaudí und Avatar zum Anfassen

Wenn der Raum fertig ist, erklärt Bolden, wird er an die Arbeiten von Antoni Gaudí erinnern und an Filme wie »Herr der Ringe« oder »Avatar«. Während ich einen Schluck meines Kaffees trinke, denke ich an die Behausungen der Ewoks in »Rückkehr der Jedi-Ritter« und versuche mir vorzustellen, wie es wohl sein wird, an einem grauen Tag wie diesem von der Straße kommend solch einen fantasievollen Raum zu betreten. »Das Baumhaus wird wird nicht wie ein Kunstwerk in einem Museum sein«, fährt Bolden fort, »wo die Leute vereinzelt davorstehen und nichts anfassen dürfen.« Stattdessen möchte er den sozialen Aspekt der Kunst betonen: Er möchte gemeinsam mit anderen einen Ort der Begegnung schaffen, an dem man sich wohlfühlt, wo man Kunst anfassen kann und von ihr zu neuen Ideen anregt wird.

Doch bis jetzt ist das Baumhaus selbst nur eine Idee, die tatkräftige Unterstützung benötigt. Es gibt viele Möglichkeiten zu helfen, und dafür ist nicht einmal eine Ausbildung als Baumkletterer erforderlich: So kann auf der Crowdfunding-Website startnext.de noch bis zum 11. November für das Projekt gespendet werden. Auch Sachspenden in Form von nachhaltigen Baumaterialien sind willkommen, so möchte zum Beispiel eine Berliner Firma ökologische Farben für die Gestaltung des Raumes bereitstellen. Aktuell gesucht werden noch Elektriker, Web-Programmierer und helfende Hände, die beim Bau mit anpacken möchten. Infos darüber, wie man helfen kann, findet man auch auf der Website des Baumhauses. Kurz bevor ich aufbreche, zeigt Bolden auf eine Kiste voller Flyer, und sagt, sie bräuchten natürlich auch Leute »to spread the word«. Am besten also ihr nehmt den beiden einige Flyer ab, oder tragt die gute Nachricht einfach so weiter: Im Wedding wird ein Baumhaus gebaut!

Autor: Ingo Scharmann

Weblinks:
Projekt-Website
Das Baumhaus auf Facebook
Building das Baumhaus auf startnext.de

Antonkiez: Kein Totentanz im Kiez rund um den Urnenfriedhof

Nettelbeckplatz
Nettelbeckplatz

Man tut diesem kleinen Kiez vielleicht etwas unrecht, wenn man ihn kaum wahrnimmt, denn er liegt etwas verloren zwischen Leopoldplatz, Nettelbeckplatz und dem S-Bahn-Ring. Dabei geht auf diesen Teil des Wedding gar die Besiedlung des ganzen Ortsteils zurück: an der heutigen Ecke Reinickendorfer-/ Pankstraße  stand noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das 1601 gegründete Gut „Vorwerk Wedding“ und musste erst dem großflächigen Bau von Mietskasernen weichen. Die Straßen des Kiezes sind teilweise von 1820 und damit älter als die meisten Nebenstraßen des Wedding, die auf den Hobrecht-Plan aus dem Jahr 1862 zurückgehen. Heute geht man an der Kösliner Straße achtlos vorbei, aber dieser ellenbogenförmige Weg steht für das, was den Ruf des „Roten Wedding“ mit begründete. Die ganze Gegend war eine KPD-Hochburg. Im Jahr 1929 führte das Verbot einer Maidemonstration zum Bau von Barrikaden. Das Eingreifen der Polizei mündete in blutigen Straßenkämpfen – 19 Tote waren am Ende des Tages zu beklagen. Nicht weniger brachial war der Umgang mit der Geschichte nach dem Krieg: Nahezu kein Gebäude hat die Kahlschlagsanierung  überstanden, dafür erinnert aber – abseits des Orts des Geschehens-  ein Gedenkstein an der Wiesenstraßenbrücke über die Panke an den „Blutmai“ 1929.

Im Schatten des Krematoriums

Urnenfriedhof Gerichtstraße
Urnenfriedhof Gerichtstraße

Das schönste Gebäude im Kiez ist zugleich auch eine ganz besondere Sehenswürdigkeit. Es handelt sich nämlich um Berlins ältestes Krematorium von 1909/10. Es wurde schon errichtet, bevor die Leichenverbrennung auf dem Gebiet Preußens 1912 legalisiert wurde. Bis dahin konnten nur Urnen von Verstorbenen beigesetzt werden, die außerhalb Preußens verbrannt wurden. Der Urnenfriedhof, der einen ganzen Straßenblock einnimmt, ging aus dem ersten städtischen Friedhof Berlins aus dem Jahr 1828 hervor. Kurios ist, dass es eher die wohlhabenden Schichten waren, die sich für diese Form der Bestattung entschieden und so kommt es, dass auch viele bedeutende Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik die Urnenhalle im Krematorium Wedding mit ihrer Asche beehren. Das achteckige Gebäude enthält eine antik anmutende Feierhalle und wird seinerseits von einer achteckigen Flügelanlage umschlossen. Darin befinden sich weitere Nischen mit Urnen, so genannte Kolumbarien. Das Weddinger Krematorium stellte 2010 den Betrieb ein und wurde im Jahr 2012 verkauft. Das ungewöhnliche Gebäude wurde zu einem Kultur-Campus umgestaltet. Besitzer des Ensembles, zu dem noch ein Leichenhaus, die Friedhofsverwaltung und der Gärtnerstützpunkt gehören, ist die Silent Green Kulturquartier.

Auch sonst prägen öffentliche Gebäude das Gebiet. Imponierend ist der Komplex aus mehreren Schulgebäuden, die am Schnittpunkt dreier Straßen in einer perfekten Symmetrie geplant waren. Realisiert wurde der Plan zwar nur zu drei Vierteln, dennoch beeindruckt die schiere Größe: 3300 Schüler konnten nach der Eröffnung im Jahr 1913 in 67 Klassen unterrichtet werden! Heute befindet sich die Volkshochschule in einem der Schulgebäude. Auch das ehemalige Postamt in der Gerichtstraße (1926-28) ist durch seine expressive Formensprache aus Sprossenfenstern und Backsteinen durchaus stadtbildprägend.

Gerichtstraße und Nettelbeckplatz im Mittelpunkt

Stattbad GerichtstrApropos Gerichtstraße: Das Stadtbad Wedding war das letzte von Ludwig Hoffmann erbaute Bad aus dem Jahr 1907.  Im ehemaligen Wedding war der Wohnraum knapp und es gab kaum sanitäre Einrichtungen. Deshalb waren die Wannen- und Duschabteilungen wichtiger Bestandteil des Stadtbades. Seit 2002 ruht allerdings der Badebetrieb. Unter dem Namen Stattbad wurde das Gebäude für Kunstausstellungen und Veranstaltungen genutzt. Allerdings wurde seitens des Bezirksamts im Mai 2015 die Schließung verfügt; schließlich wurde es im Sommer 2016 ganz abgerissen und wich dem Neubau von Studentenappartements.  In der Schererstraße etabliert sich übrigens ein weiterer kleiner Kunststandort. In der Gottschedstraße, auf der anderen Seite der Reinickendorfer Straße, haben sich einige Bars angesiedelt. Vor allem das Ex Rotaprint-Projekt dürfte auch zu einer Verstetigung von gewerblichen Strukturen beitragen.

In der Adolfstraße
In der Adolfstraße

Wohin die Reise des Antonkiezes geht, ist schwer absehbar. Kahlschlagsanierung und sozialer Wohnungsbau (vor allem der 1980er Jahre) prägen das zerrissene Gebiet immer noch. Immerhin hat die Verkehrsberuhigung des Nettelbeckplatzes im Jahr 1985 dazu beigetragen, dass man sich inzwischen gerne auf dieser Freifläche aufhält. Anziehungspunkte mit Strahlkraft gibt es nur wenige, aber es gibt sie. Trotzdem liegt dieses Gebiet einfach zentral und ist aus allen Richtungen gut erreichbar. Gut möglich, dass sich das Image des Kiezes rund um den Urnenfriedhof bald ändert.

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Prinz-Eugen-Straße
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ABGERISSEN: Stattbad Wedding: in Kunst schwimmen

Die Umkleide wird zum SitzungssaalLudwig Hoffmann entwarf das Stadtbad Wedding in der Gerichtstraße nahe am Nettelbeckplatz. Vom einstigen Glanz blieb nach Kriegszerstörungen wenig; 2001 wurde das sanierungsbedürftige Bad stillgelegt. Doch der Dornröschenschlaf ist vorbei: statt Chlor und Wasser gibt es nun an diesem exponierten Standort Kunst.

Ein leeres Schwimmbecken ist schon ein sonderbarer Anblick. Was man sonst nur tastend mit den Zehen oder tauchend erahnen kann, ist hier freigelegt: eine große abschüssige Fläche, die an einer hohen Wand endet. Die Einstiege am Beckenrand sind nun die Leitern, über die man den Boden des Beckens erreicht, auf dem sich nun alles abspielt. Wer denkt bei Sofas und Liegestühlen auf dem Grund eines Schwimmbads nicht sofort an Octopussy’s Garden … ?

Kein Wunder, ist das im Jahr 2001 stillgelegte Stadtbad Wedding seit 2009 beliebte Location für – im Wortsinn – schräge Partys. Doch auch Künstler entdecken den ungewöhnlichen Ort zunehmend als Rahmen für ihre Projekte. Bei Tag sorgen die großen Fensterflächen des Raumes für eine großartige Lichtsituation in der Halle, was zusammen mit der Großzügigkeit des Raums eine ideale Präsentation bildender Kunst ermöglicht. „Wir hatten schon einige internationale Kunstkritiker hier. Die waren alle sehr angetan“, sagt Jochen Küpper von der Firma KD, der in seiner Funktion als kultureller Organisator durch das Gebäude führte.
Die Eintrittskarten bitte!

Unter dem Namen Stattbad Wedding versuchen er und seine Mitstreiter schon seit 2009 erfolgreich, das ausgediente Hallenbad als Kulturstandort zu etablieren. Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Kino – Ideen und Visionen sind zuhauf vorhanden und zum Teil auch schon erfolgreich umgesetzt worden. Auf der großen Terrasse könnte sich ein Café ansiedeln, dahinter könnte möglicherweise ein Grundstück angekauft werden, das als Spielplatz oder Skulpturenpark bespielt werden könnte. „Kunst an der Wand haben wir hier ja schon. Auch eine Form von Street Art, allerdings nicht ganz die, die wir hier gerne hätten“, mein Küpper und deutet von der Terrasse aus auf die Graffiti an der Außenwand.

Der Chlorgeruch ist verschwunden, doch ansonsten verströmt das Gebäude noch überall den abgerissenen Charme eines ausgedienten öffentlichen Hallenbades. Hinweisschilder, Schließfächer, das Kassenhäuschen und nichts als Fliesen überall … Auf die Bemerkung einer Besucherin, ob dieser Zustand nicht gerade das Spannende an der Sache sei, meint Küpper: „Wir möchten schon vieles lassen, wie es ist. Das Ziel ist aber ein höherwertiger Standard.“ Von der geplanten Sanierung und dem Umbau werden wohl auch die schiefen Böden der Becken betroffen sein, die bisher leider nicht so viele Nutzungsmöglichkeiten erlauben, wie sie den Gestaltern dieser Räume vorschweben. Man darf gespannt sein, welche Wandlungen dem alten Bad noch bevorstehen.

Autorin: Jutta Schierholz

Nach Plänen von Ludwig

An der Straße befand sich ein drei- bis viergeschossiges Vorderhaus, das in roten Ziegeln ausgeführt und mit Sandsteinschmuck versehen war. In diesem Gebäude befanden sich die Kassenhalle und die Bäderabteilung mit 77 Wannen- und Brausebädern. Das Vorderhaus wurde im II. Weltkrieg zerstört und 1966 durch einen Neubau ersetzt, in dem sich heute Café, Verwaltung und ein Solarent-Bräunungsstudio befinden. Die rückwärtig gelegenen Trakte enthalten zwei räumlich getrennte Schwimmbecken. Becken I, ursprünglich nur für Männer gedacht, mißt 25 m x 10 m, Becken II, ursprünglich für Frauen, hat die Maße 19,80 m x 8,50 m (Quelle: www.luise-berlin.de)

Stattbad Wedding - SchwimmbeckenMehr zum Thema:

Nach Schließung und Abriss des Stadtbades im Jahr 2016