Im Wedding wächst ein Baumhaus!

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In der Gericht­stra­ße 23 – direkt gegen­über dem Stadt­bad Wed­ding – soll in einem ehe­ma­li­gen Ate­lier­raum ein Baum­haus ent­ste­hen. Geplant ist ein Treff­punkt für die Nach­bar­schaft, ein Ort des krea­ti­ven Aus­tauschs und der Kunst, an dem neue Ideen her­an­rei­fen kön­nen. An einem wol­ken­ver­han­ge­nen Diens­tag­nach­mit­tag mache ich mich auf, die bei­den Köp­fe hin­ter die­ser Idee zu treffen.

Auf dem Weg zu dem Tref­fen gehe ich die Pankstra­ße hin­un­ter. Nach­dem ich an der Cock­tail­bar »Daydreams« vor­bei bin, bie­ge ich in an einem Auto­ma­ten­ca­si­no in die Gericht­stra­ße ein, die an sol­chen Tagen nicht unbe­dingt zum Träu­men ein­lädt. Umso erstaun­li­cher klin­gen die Ideen von Karen Woh­lert und Scott Bol­den. In einem 140 m² gro­ßen Raum im ehe­ma­li­gen Lebens­haus Mit­te wol­len sie ein Baum­haus errich­ten. Ich tref­fe die bei­den in ihrer WG, die ober­halb des Rau­mes liegt, in dem schon Ende die­sen Jah­res die Arbei­ten begin­nen sol­len. Es war die gro­ße Säu­le, die inmit­ten des Ate­lier­raums in die Höhe ragt, die den ame­ri­ka­ni­schen Desi­gner und Inge­nieur Scott Bol­den auf die Idee brach­te, um die­se Beton­säu­le her­um ein Baum­haus ent­ste­hen zu lassen.

Geplant ist ein Kiez-Treff­punkt, der Platz für ver­schie­dens­te kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen bie­tet und gleich­zei­tig Aus­gangs­punkt für neue Kunst­pro­jek­te und loka­le Initia­ti­ven sein soll. Für die Anwoh­ner aus dem Vier­tel wird mit dem Baum­haus ein Raum für Nach­bar­schafts- und Eltern­tref­fen ent­ste­hen. Dar­über hin­aus ist ein Café­be­trieb vor­ge­se­hen, um die lau­fen­den Kos­ten stem­men zu kön­nen. Schon jetzt, wäh­rend der Pla­nung, sagt die Poli­tik­stu­den­tin Woh­lert, rege das Pro­jekt immer mehr Men­schen dazu an, sich Gedan­ken zu machen, wie sie sich ein­brin­gen und für ihr Vier­tel enga­gie­ren könn­ten. Es gin­ge vor allem dar­um, neue Ansät­ze zu ent­wi­ckeln, wie man das Leben in der Stadt sei­nen Bedüf­nis­sen ent­spre­chend posi­tiv gestal­ten und mit­ge­stal­ten kann.

Orga­ni­sche For­men und die Lie­be zum Detail

Isaac Abrams
Der New Yor­ker Künst­ler Isaac Abrams gestal­tet die Fens­ter für das Baum­haus (Foto: Ingo Scharmann)

Bol­den ist Mit­te 40, wirkt aber sehr viel jün­ger, als er auf der WG-Couch mit leb­haf­ten Ges­ten davon spricht, es gin­ge bei dem Pro­jekt vor allem dar­um, Men­schen zusam­men zu brin­gen. Die­ses Zusam­men­brin­gen fängt nicht erst mit der Eröff­nung des Rau­mes an, son­dern bereits bei der Pla­nung und beim Bau des Pro­jekts. Die Ent­ste­hung des Baum­hau­ses ver­ste­hen Woh­lert und Bol­den als einen gemein­schaft­li­chen, krea­ti­ven Pro­zess, von dem sich die bei­den wün­schen, dass mög­lichst vie­le Men­schen an ihm teil­neh­men. Bereits jetzt sind zahl­rei­che Künst­ler in das Pro­jekt invol­viert, ins­ge­samt, sagt Karen Woh­lert, sind es über 40 Per­so­nen, die sich aktiv betei­li­gen. Einen von ihnen tref­fe ich in einem hin­te­ren Zim­mer der WG. Gera­de aus New York ange­kom­men, sitzt dort der Künst­ler Issac Abrams, den Woh­lert und Bol­den für die Gestal­tung der Fens­ter gewin­nen konn­ten. Gedul­dig schnei­det er die fili­gra­nen, orga­ni­schen Mus­ter aus den Fens­ter­scha­blo­nen und sagt, Erfolg mit krea­ti­ven Ideen zu haben sei nicht leicht, aber auch nicht wirk­lich schwer, wenn man nur genug Wert auf die Details lege. Noch sind längst nicht alle Details für den Bau geplant. Was bis­her nur durch Gra­fi­ken ver­an­schau­licht wird, so Bol­den, kön­ne in sei­nen Ein­zel­hei­ten am Ende auch ganz anders aus­se­hen, abhän­gig davon, wie sich ande­re mit ihren Vor­stel­lun­gen in den Enste­hungs­pro­zess ein­brin­gen. Die Arbei­ten von Issac Abrams sei­en dabei gleich­sam die DNA des Baum­hau­ses. Laut Bol­den geben sie ledig­lich eine gro­be Rich­tung vor. Ande­re Künst­ler kön­nen sich davon inspi­rie­ren las­sen und dar­an anknüp­fen. So las­sen sich die orga­ni­schen For­men Abrams’ sehr gut als ein Sym­bol für das pro­zess­haf­te Wachs­tum des Baum­hau­ses begreifen.

 

Gau­dí und Ava­tar zum Anfassen

Wenn der Raum fer­tig ist, erklärt Bol­den, wird er an die Arbei­ten von Anto­ni Gau­dí erin­nern und an Fil­me wie »Herr der Rin­ge« oder »Ava­tar«. Wäh­rend ich einen Schluck mei­nes Kaf­fees trin­ke, den­ke ich an die Behau­sun­gen der Ewoks in »Rück­kehr der Jedi-Rit­ter« und ver­su­che mir vor­zu­stel­len, wie es wohl sein wird, an einem grau­en Tag wie die­sem von der Stra­ße kom­mend solch einen fan­ta­sie­vol­len Raum zu betre­ten. »Das Baum­haus wird wird nicht wie ein Kunst­werk in einem Muse­um sein«, fährt Bol­den fort, »wo die Leu­te ver­ein­zelt davor­ste­hen und nichts anfas­sen dür­fen.« Statt­des­sen möch­te er den sozia­len Aspekt der Kunst beto­nen: Er möch­te gemein­sam mit ande­ren einen Ort der Begeg­nung schaf­fen, an dem man sich wohl­fühlt, wo man Kunst anfas­sen kann und von ihr zu neu­en Ideen anregt wird.

Doch bis jetzt ist das Baum­haus selbst nur eine Idee, die tat­kräf­ti­ge Unter­stüt­zung benö­tigt. Es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten zu hel­fen, und dafür ist nicht ein­mal eine Aus­bil­dung als Baum­klet­te­rer erfor­der­lich: So kann auf der Crowd­fun­ding-Web­site startnext.de noch bis zum 11. Novem­ber für das Pro­jekt gespen­det wer­den. Auch Sach­spen­den in Form von nach­hal­ti­gen Bau­ma­te­ria­li­en sind will­kom­men, so möch­te zum Bei­spiel eine Ber­li­ner Fir­ma öko­lo­gi­sche Far­ben für die Gestal­tung des Rau­mes bereit­stel­len. Aktu­ell gesucht wer­den noch Elek­tri­ker, Web-Pro­gram­mie­rer und hel­fen­de Hän­de, die beim Bau mit anpa­cken möch­ten. Infos dar­über, wie man hel­fen kann, fin­det man auch auf der Web­site des Baum­hau­ses. Kurz bevor ich auf­bre­che, zeigt Bol­den auf eine Kis­te vol­ler Fly­er, und sagt, sie bräuch­ten natür­lich auch Leu­te »to spread the word«. Am bes­ten also ihr nehmt den bei­den eini­ge Fly­er ab, oder tragt die gute Nach­richt ein­fach so wei­ter: Im Wed­ding wird ein Baum­haus gebaut!

Autor: Ingo Scharmann

Web­links:
Pro­jekt-Web­site
Das Baum­haus auf Facebook
Buil­ding das Baum­haus auf startnext.de

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