Sind unsere Spätis in Gefahr?

Nach dem Training geht das Team von Dynamo Dosenbier in den Späti. Foto: A. Keilen
Foto: A. Keilen

14.07.2019 Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft oft eine große Lücke, vor allem wenn es um die Aufgaben des Ordnungsamts geht. Man schaue nur einmal auf die in zweiter Spur parkenden Autos auf der Müllerstraße oder die Hundehaufen auf unseren Gehwegen. Die Toleranz der Berliner wird oft bis an die Grenze strapaziert. Nur bei einer Sache hört der Spaß dann wirklich auf: Wenn durch Kontrollen an Sonntagen die Ladenschließung bei Spätis durchgesetzt wird. Diese meist inhabergeführten Familienbetriebe sind die wahren sozialen Mittelpunkte der Kieze, auch im Wedding. Sie dürfen normalerweise sonntags nicht öffnen, was aber bis jetzt niemanden gestört hat.

Ein Abend im Späti: Zwischen Feinwaschmittel und Seelsorge



Späti, so nennen gerade die Berliner liebevoll die Anlaufstelle Nummer Eins, wenn die Sonne untergegangen ist.
 Egal ob morgens oder nachts, der Spätkauf ist nirgendwo mehr wegzudenken.
 Schon lange ist es nicht mehr einfach nur ein kleiner Laden, um auf die Schnelle Bier, Zigaretten oder Knabberkram zu kaufen. Vielmehr ist es über die Jahre eine Mischung aus Mini-Supermarkt, Internetcafe, Copyshop, Treffpunkt und Infobörse geworden.


Frisch rausgeputzt? Hat der Nettelbeckplatz nicht nötig!

Nettelbeckplatz. Foto: Annika Keilen
Nettelbeckplatz. Foto: Annika Keilen

Das Herz des Wedding, das schlägt am Leopoldplatz. Geografisch ist vielleicht der Nauener Platz unser Zentrum. Und dann gibt es noch ihn, diesen anderen Platz. Dreieckig, außerhalb des Wedding eher unbekannt, etwas trostlos und doch lebendig. Wer sich Zeit zum Kennenlernen nimmt, der lernt ihn vielleicht auch lieben.

Goodbye Stattbad, und danke für den Fisch

Stattbad Wedding, alles ruhig auf der Gerichtstraße?
Stattbad Wedding, alles ruhig auf der Gerichtstraße?

Jetzt sollte es auch wirklich der allerletzte Insasse unserer kleinen Kiez-Anstalt mitbekommen haben: Der Wedding verändert sich. Und das Dragoner-Areal in Kreuzberg? Das wird bebaut. Vorher wird jedoch erst einmal heimlich, still und leise abgerissen, und zwar genau jenes Gebäude, welches von der Straße aus derzeit noch fast völlig intakt aussieht. Die Rede ist vom Stadtbad Wedding. Als ehemaliger Anwohner war ich aus ganz unterschiedlichen Gründen nie wirklich ein großer Freund dieser Einrichtung. Doch hat es solch ein schändliches Ende wirklich verdient? Einfach mit dem Kran von hinten erdolcht und abgerissen zu werden? Ich sage, Goodbye Stattbad, und danke für den Fisch.

Mein Wedding: „…ist gar nicht so übel“

„Und wo wohnst du so?“ wird man ja des öfteren mal gefragt. Ich sage dann: „Ick wohne im Wedding.“ Die Palette der Reaktionen reicht von mitleidigem Blick à la Mensch-wirf-doch-dein-Leben-nicht-so-weg über „Haste da keine Angst?“ bis hin zu einem simplen, aber doch nicht ganz wertfreien „Aha.“

Lichter der Müllerstraße (Foto: K. Hagendorf)
Lichter der Müllerstraße (Foto: K. Hagendorf)

Für mich sind diese Reaktionen nicht ganz nachzuvollziehen. Der Wedding ist nämlich gar nicht so übel wie alle immer denken. Sicher, wir sprechen hier von einem der sogenannten Problembezirke, und ich würde mich vermutlich nachts auch nicht länger als nötig an der Osloer Straße aufhalten. Aber es ist gibt hier auch schöne Ecken. Hier bei mir im Brüsseler Kiez fühle ich mich zum Beispiel nicht unsicherer als überall sonst in Berlin. Klar, beim Einzug wurden die mit Kindheitserinnerungen getränkten Legosteine meiner Mitbewohnerin geklaut, als sie 10 Minuten unbeobachtet waren. Auf der anderen Seite haben sich vor der alten Wohnung in Prenzlauer Berg Leute mit Messern attackiert. Spinner gibt es eben überall.

Nachts freue ich mich sogar regelrecht auf den Nachhauseweg von der U-Bahn. Ich lege einen kurzen Zwischenstopp am Späti in der Müllerstraße für eine Cola oder ein Bier ein. Damit spüle ich die Aussagen meiner Oma nach dem Motto „Ich hab‘ in den Nachrichten gehört, im Wedding ist dies und das passiert“ weg und schlendere dann gemütlich auf der nie leeren Straße nach Hause. Ich weiß nicht, an wie vielen Casinos und Wettbüros ich dabei vorbeiziehe. Ich glaube, allein von meinem Balkon aus könnte ich fünf davon sehen. Aber das hat alles so einen Hauch von bizarrem Las Vegas-Flair. Nur eben in kleinem Stil und mit mehr Hundehaufen auf dem Gehweg. Kurz vor meinem Hauseingang grüße ich dann höflich den Dönerverkäufer von nebenan. Man kennt sich schließlich schon. Ich denke dann immer bei mir, dass der Wedding so ist, wie ich mir Berlin immer vorgestellt habe, als ich noch in Brandenburg gelebt habe. Multikulti, lebendig, bunt und irgendwie ehrlich. Den Eindruck hatte auch meine Mutter, als sie mich hier das erste Mal besucht hat. Scheint also was dran zu sein. Muttis haben ja meistens recht.

Haus Ecke Seestraße / Afrikanische Str.
Haus Ecke Seestraße / Afrikanische Str.

Es ist außerdem nicht zu bestreiten, dass sich der Wedding entwickelt. „Der Wedding kommt“, pflege ich immer zu sagen. Und das ist schön zu beobachten. Kunstmärkte, Cafés, mehrere neue Studenten-WGs in meinem Haus und nicht zuletzt ein Bio-Markt im Sprengelkiez sind untrügerische Zeichen dafür, dass die sogenannte Gentrifizierung in vollem Gange ist. Ob das nur Vorteile hat, ist natürlich fragwürdig. Wer will schon ein zweites „hipsterbepacktes“ Prenzl’Berg?

Ich für meinen Teil kann nur hoffen, dass der Wedding sich noch lange seinen Charme erhält. Und immer wenn ich auf dem Weg in die wunderschönen Rehberge die Aufschrift „Ick steh uff Wedding, dit is meen Ding“ auf dem bunten Haus an der Seestraße/Ecke Afrikanische Straße sehe, kann ich nur zustimmen und denken: „Ick bin zu Hause“.