Weshalb die Schließung Karstadts dem Untergang der Titanic ähnelt

Foto: Andaras Hahn

Bei der aktuellen Schließung von Karstadt in der Müllerstraße 25 im Wedding kommt man nicht umhin als an den Untergang der Titanic zu denken. Die Gemeinsamkeiten zwischen dem Schiff und dem mittlerweile schon 40 Jahre alten Kaufhaus sind kaum zu übersehen: Beide sind groß, luxuriös und vielfältig, bieten Essen an und erstrecken sich über mehrere Stockwerke.

Hier könnt ihr im Wedding gut einkaufen

Der Wedding ist Durchgangsstation für viele, auch wenn so mancher Neuankömmling letztendlich in unserem schönen Stadtteil länger hängenbleibt. Und schnell wird jedem klar: Wer sich ein bisschen auskennt, kann hier großartig einkaufen und ein breit gefächertes Angebot an Märkten und Geschäften nutzen. Man muss nur wissen, wo es die unterschiedlichen Angebote zu entdecken gibt. Daher wird es Zeit für eine kleine Hilfestellung an alle Neu-Weddinger…

Fehlt uns im Wedding etwas?

Nein, ein idyllisches Heilbad wird der Gesundbrunnen in nächster Zeit wohl nicht mehr werden. Und, seien wir ehrlich, weder wird es die Müllerstraße je mit den Champs-Elysées aufnehmen können noch dürften irgendwann einmal die Goldenen Bären im Kino Alhambra verliehen werden. Wir verlangen ja schon nicht vom Wedding, dass wir hier alles auf dem Silbertablett bekommen. Trotzdem: ein kleines bisschen leichter könnte es uns dieser Wedding manchmal dann doch machen. Wir haben unsere Leser gefragt, was sie vermissen. 

Ähnlich und doch ganz anders: Gesundbrunnen

Das Luisenhaus erinnert an das Heilbad
Das Luisenhaus erinnert an das Heilbad
Die Bibliothek am Luisenbad in der Travemünder Straße. Foto: Andrei Schnell
Die Bibliothek am Luisenbad in der Travemünder Straße. Foto: Andrei Schnell

Gefühlt noch zum Wedding gehörig – was ja historisch nicht verkehrt ist, denn der Ortsteil war ja von 1920 – 2001 Teil des Bezirks Wedding – ist der Ortsteil Gesundbrunnen. Im Spannungsfeld zwischen Pankow, Prenzlauer Berg und Alt-Mitte liegt dieses bis vor kurzem noch mitleidig belächelte Viertel. Hier zeigt sich das ganze Auf und Ab eines Arbeiterviertels in vielleicht noch drastischerer Form als im heutigen Ortsteil Wedding, also das Gebiet westlich der Reinickendorfer Straße. Schaut man auf die Geschichte und den Ortsnamen Gesundbrunnen, kommt man um die Panke, ihre Mühle und das ehemalige Heilbad am Luisenbad nicht herum. Die Badstraße und die Brunnenstraße, die ganze Kieze prägen, verdanken dieser Mineralquelle ihren Namen. Leider ist der Born um 1890 herum endgültig versiegt und überbaut worden, so dass es heute wie ein Treppenwitz der Geschichte erscheint, dass sich reiche Adelige im 18. Jahrhundert zur Erholung in dieses Gebiet verirrt haben.

Anders als im Ortsteil Wedding hat sich nach der Wiedervereinigung viel im Gesundbrunnen getan, der auf drei Seiten von der Mauer umgeben war und 30 Jahre lang ein Schattendasein führte. Zunächst mit der Eröffnung des Gesundbrunnen-Einkaufscenters, ab 2006 dann mit der Eröffnung des Fern- und Regionalbahnhofs Gesundbrunnen ist dieses Viertel plötzlich wieder ins Bewusstsein der Berliner gerückt. Doch selbst die Bahn scheint den Namen Gesundbrunnen nicht zu mögen und versucht immer wieder, daraus ein „Nordkreuz“ zu machen. Doch die besonders Mutigen unter den Bewohnern des Prenzlauer Bergs, sozial und ästethisch eine andere Welt, wagen sich (freiwillig oder unfreiwillig) immer öfter zum Einkaufen, zum Bahnfahren oder einfach aus Neugier in die Kieze am Gesundbrunnen.

Die Uferstudios für zeitgenössischen Tanz
Die Uferstudios für zeitgenössischen Tanz

Schließlich sind die Mieten hier immer noch dramatisch niedriger als im Hochpreisviertel Prenzlauer Berg. Auch findet man im östlichen Wedding die aufregendere Mischung, oft Menschen aus aller Herren Länder – für immer mehr Berliner ist das eine echte Alternative. Auf dem Standort des Druckoffsetmaschinenherstellers Rotaprint siedeln sich vermehrt Künstler an, und auf dem Gelände eines Busbetriebshofs ist mit den Uferhallen und den Uferstudios Ähnliches zu beobachten.

Prinzenallee Gotenburger
Im Soldiner Kiez

Der Soldiner Kiez  war um 2000 herum auf dem absoluten Tiefpunkt in der öffentlichen Wahrnehmung – das hat sich geändert, seit viel öffentliches Geld in Image-, Gewerbe- und Kunstförderung gesteckt wurde. Heute wissen nicht nur die Kiezbewohner zu schätzen, dass die historische Bausubstanz und der hohe Grünanteil rund um die Panke eine besonders hohe Wohnqualität bieten.

AEG Beamtentor in GesundbrunnenGanz anders der Süden des Ortsteils. Rund um die Brunnenstraße im südlichen Teil, historisch Teil der Rosenthaler Vorstadt, liegt das Brunnenviertel. Dieser relativ neue Name wurde vom dominierenden Wohnungsbauunternehmen degewo, dem hier die meisten Häuser gehören, geprägt, um für eine Aufwertungskampagne des Gebietes mit schlechtem Ruf und wenig attraktiven Wohnbedingungen eine eingängige Bezeichnung zu finden. Gerade im Vergleich zu seinen östlichen und südlichen Nachbarkiezen fällt auf, dass hier fast alle Altbauten abgerissen wurden und der soziale Wohnungsbau der 70er und 80er Jahre vorherrscht – mit allen ästethischen Vor- und Nachteilen von Neubauten.

Bf Gesundbrunnen Dame Gesundbrunnen ist der etwas schwierige Halbbruder des Wedding, oft mit den gleichen Problemen, hingegen mit dem ungleich höheren Potenzial, in den Sog seiner östlichen Nachbarbezirke zu geraten. Wer aber glaubt, Gesundbrunnen sei heute nicht mehr Wedding, wohnt entweder auf einem anderen Planeten oder läuft blind durch den Stadtteil. Eine 2001 willkürlich festgelegte Verwaltungsgrenze ändert nichts daran: Gesundbrunnen wird immer Wedding bleiben.

Amtsgericht Wedding und Pankegrünzug

Fachgeschäfte an der Müllerstraße schließen für immer

Man ist versucht zu sagen, dass früher alles besser war. Nicht nur C&A schließt seine Filiale an der Müllerstraße zum Jahresende, sondern auch noch zwei alteingesessene Fachgeschäfte am U-Bahnhof Rehberge: Moden-Scheffler (Müllerstr. 113) und „Hosen spezial“ (Müllerstr. 119). Bis vor ein paar Jahren war die obere Müllerstraße zwischen Afrikanischem und Englischen Viertel mit ihrer Ladenvielfalt ein El Dorado für Käufer. „Wir haben voneinander profitiert“, sagt Ronald Pockrandt im Interview mit dem Berliner Abendblatt (Ausgabe vom 11.12.2011). „Der Mann kam zu mir, suchte sich ein paar Hosen aus, seine Frau ging in ,ihr’ Modegeschäft, und beide schauten dann noch im Schuhgeschäft vorbei“, erzählt Pockrandt. Anschließend ging’s auf einen Imbiss in die Müllerhalle – dort gab es bis vor 15 oder 20 Jahren noch jede Menge Stände mit frischen Waren. Heute beherrschen Spielcasinos und Shisha-Bars das Bild in der Müllerstraße.

Strukturwandel in den alteingessenen Einkaufsstraßen unaufhaltsam

Das kann man bedauern. Man muss aber auch sehen, dass an anderer Stelle den veränderten Einkaufs-Gewohnheiten Rechnung getragen wird. Im Hosen-Spezial sind die 1970er-Jahre bis in den letzten Winkel zu spüren. „Ich habe mich auf die älteren Herrschaften und auf die dicken Bäuche spezialisiert“, sagt Pockrandt im Abendblatt-Interview. Doch auch diese Kunden werden sich über kurz oder lang an die vielen Shopping-Center gewöhnt haben, die es vor 20 Jahren noch kaum gab. Sogar im alten Bezirk Wedding gibt es mit dem Gesundbrunnen-Center einen großen Einkaufstempel, und auch die Reinickendorfer Borsig-Hallen ziehen die zahlungskräftigen Kunden ab. Überhaupt – die Kaufkraft: die ist im nordwestlichen Teil des Wedding gar nicht so niedrig wie man denken könnte. Viele BVG-Pensionäre, ehemalige Schering-Beschäftigte und das kleine Bürgertum kennzeichnen nämlich die Bewohnerschaft rund um den U-Bahnhof Rehberge. Damit unterscheidet sich dieser Teil des Wedding von den anderen Kiezen, in denen es viel mehr sozial Schwache und Studenten gibt.

Wer soll solche Fachgeschäfte übernehmen?

Man kann dem Ladenschwund sicher nachtrauern. Aber, Hand auf’s Herz: welcher junge Existenzgründer würde einen solchen Laden übernehmen wollen, in dem gewachsene Kundenbeziehungen eine so große Rolle spielen? In dem absehbar ist, dass die Kundschaft in den nächsten Jahren allein schon aus Altersgründen wegbricht? Die persönliche Bindung an ein Modegeschäft ist in den letzten Jahren ohnehin verloren gegangen. Angesichts der veränderten Gewohnheiten und Geschmäcker wird es eben Gewinner und Verlierer geben. Die obere Müllerstraße wird dabei wohl oder übel auf der Verliererseite stehen, wenn es um die überregionale Versorgung mit Waren des gehobenen Bedarfs geht. Die Zeiten ändern sich.